Die Bibliothek im Informationszeitalter

17.12.2009

6000 Jahre Schrift

Information wächst explosionsartig, und die Informationstechnologie ändert sich so rasch, dass wir vor einem grundsätzlichen Problem stehen: Wie ist in dieser neuen Landschaft Orientierung möglich? Was wird etwa aus wissenschaftlichen Bibliotheken angesichts technischer Wunderwerke wie Google? Wie verhält man sich sinnvoll? Ich habe auf diese Frage keine Antwort, aber ich schlage als Zugang zu dieser Frage einen Blick in die Geschichte der Informationsübermittlung vor. Stark vereinfacht könnte man sagen, dass es vier grundlegende informationstechnologische Veränderungen gegeben hat, seit die Menschen zu sprechen lernten.

Irgendwann um 4000 v. Chr. haben die Menschen zu schreiben gelernt. Die ägyptischen Hieroglyphen gehen auf ca. 3200 v. Chr. zurück, die alphabetische Schrift auf ca. 1000 v. Chr. Wissenschaftlern wie Jack Goody zufolge war die Erfindung des Schreibens der wichtigste technische Durchbruch in der Geschichte der Menschheit. Sie transformierte die Beziehung der Menschen zur Vergangenheit und ebnete den Weg für das Aufkommen des Buchs als historische Macht.

Die Geschichte des Buchs erfuhr einen weiteren technischen Umbruch, als kurz nach Beginn der christlichen Zeitrechnung der Kodex die Schriftrolle ersetzte. Im dritten Jahrhundert n. Chr. spielte der Kodex – also das Buch mit Seiten, die umgeblättert werden, im Gegensatz zur Schriftrolle, die ausgerollt wird – eine Schlüsselrolle in der Verbreitung des Christentums. Es veränderte die Erfahrung des Lesens von Grund auf: die Seite wurde zu einer Wahrnehmungseinheit, und die Leser konnten einen klar artikulierten Text durchblättern, der schließlich auch differenzierte (also durch Leerräume getrennte) Wörter, Absätze, Kapitel, Inhaltsverzeichnisse, Indizes und andere Leseerleichterungen enthielt.

Der Kodex seinerseits erfuhr durch die Erfindung des Druckens mit beweglichen Lettern in der Mitte des 15. Jahrhunderts einen grundlegenden Wandel. Freilich hatten die Chinesen schon um 1045 bewegliche Lettern entwickelt, und die Koreaner verwendeten schon 1230 Metall-Lettern an Stelle von Holzstücken. Doch anders als diese asiatischen Erfindungen verbreitete sich jene Gutenbergs wie ein Lauffeuer, sodass das Buch für eine immer größere Gruppe von Lesern zugänglich wurde. Die Drucktechnik änderte sich fast vier Jahrhunderte lang nicht, die lesende Öffentlichkeit wurde jedoch immer größer, da die Zahl der Lesekundigen zunahm, sich aber auch die Bildung und der Zugang zum gedruckten Wort verbesserten. Pamphlete und Zeitungen, die mit dampfgetriebenen Druckerpressen gedruckt wurden und für die Papier aus Holzpulpe anstatt aus Hadern hergestellt wurde, trieben den Demokratisierungsprozess voran, sodass sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein lesendes Massenpublikum herausbildete.

Die vierte große Veränderung, die elektronische Kommunikation, fand gestern statt – oder vorgestern, je nachdem, welchen Maßstab man anlegt. Das Internet geht, zumindest als Begriff, auf das Jahr 1974 zurück. Es entwickelte sich aus dem ARPANET, das 1969 geschaffen wurde, sowie aus früheren Experimenten in der Computervernetzung. Das Web entstand 1991 als Kommunikationsmedium für Physiker. Ab diesem Zeitpunkt sind die Markennamen, die mit der elektronischen Kommunikation als Alltagserfahrung verknüpft sind, allen geläufig: Web-Browser wie Netscape, Internet Explorer und Safari, und Suchmaschinen wie Yahoo und Google, wobei letztere 1998 gegründet wurde.

Wenn man die Geschichte in dieser Weise betrachtet, dann erscheint das Tempo der Veränderungen in der Tat atemberaubend: 4300 Jahre von der Schrift zum Kodex, 1150 Jahre vom Kodex zu den beweglichen Lettern, 524 Jahre von den beweglichen Lettern zum Internet, vom Internet zu den Suchmaschinen 19 Jahre, sieben von den Suchmaschinen zu Googles algorithmischem Ranking nach Relevanz – und wer weiß, was hinter der nächsten Ecke auf uns wartet.

Robert Darnton ist Historiker an der Harvard University, wo er auch die Universitätsbibliothek leitet. Er hat sich vor allem mit der Kulturgeschichte und der Aufklärung im 18. Jahrhundert beschäftigt. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören "Der Mesmerismus und das Ende der Aufklärung in Frankreich", Glänzende Geschäfte. Die Verbreitung von Diderots Enzyklopädie oder: Wie verkauft man Wissen mit Gewinn?", "Das große Katzenmassaker. Streifzüge durch die französische Kultur vor der Revolution" oder "Poesie und Polizei. Öffentliche Meinung und Kommunikationsnetzwerke im Paris des 18. Jahrhunderts". In der Carl Friedrich von Siemens Stiftung ist von ihm erschienen: "Die Wissenschaft des Raubdrucks. Ein zentrales Element im Verlagswesen des 18. Jahrhunderts". Zuletzt hat er sich viel mit Google und der Digitalisierung von Büchern beschäftigt, zuletzt in: Google and the New Digital Future.

Der Text von Robert Darnton wurde dem kürzlich erschienenem Buch Deep Search. Politik des Suchens Jenseits von Google (220 Seiten, 24,90 Euro) entnommen (Inhalt). Die Publikation des World-Information Institute wurde von Konrad Becker und Felix Stalder herausgegeben und ist im Studienverlag erschienen.

"Deep Search" befasst sich in 13 Beiträgen mit den sozialen und politischen Dimensionen unserer Navigation durch die Tiefen des Informationsraums. Was gewinnen wir und was verlieren wir, wenn wir die analogen Navigationshilfen aufgeben und uns neuen digitalen zuwenden? Wie wird computer-lesbarer Sinn produziert? Wo liegt das emanzipatorische Potenzial des Zugangs zu derartig enormen Informationsmengen? Und wo liegen die Gefahren des unvermeidlichen Gebrauchs von Suchmaschinen? Wie könnten Ansätze in diesem Bereich aussehen, die nicht dem Beispiel Google folgen? Diese Fragen müssen angegangen werden, denn es geht hier vor allem darum, wie wir etwas über die Welt in Erfahrung bringen. Denn es existiert nicht, was nicht gefunden werden kann. Das Buch versammelt die Beiträge der ersten Deep Search-Tagung (2008). Im Mai 2010 ist eine zweite Tagung geplant.

Jede technologische Veränderung hat die Informationslandschaft transformiert, und durch die zunehmende Beschleunigung erscheinen diese Veränderungen ebenso unaufhaltsam wie verwirrend. Auf lange Sicht – die französischen Historiker sprechen von la longue durée – ist das allgemeine Bild recht deutlich, vielleicht sogar Schwindel erregend deutlich. Indem ich die Fakten in dieser Weise angeordnet habe, bin ich zu einer äußerst dramatischen Schlussfolgerung gekommen. Historiker, amerikanische ebenso wie französische, greifen gerne zu solchen Tricks. Wenn man die Daten anders anordnet, zeigt sich ein unterschiedliches Bild, in welchem die Kontinuität dominiert, nicht die Veränderung. Die Kontinuität, die ich dabei meine, hat mit dem Wesen der Information selbst zu tun, oder, anders gesagt, mit der inhärenten Instabilität von Texten. Anstatt einer langfristigen Sicht auf technische Veränderungen das Wort zu reden, die sich hinter der verbreiteten Auffassung verbirgt, wir hätten gerade eine neue Ära begonnen, nämlich das Informationszeitalter, schlage ich eine andere Sichtweise vor: jedes Zeitalter war auf seine Art ein Informationszeitalter, und Information war immer instabil.

Beginnend mit dem Internet möchte ich mich zurück in die Vergangenheit bewegen. In den vergangenen Jahren sind mehr als eine Million Blogs entstanden. Sie haben zu einem reichhaltigen Bestand an Anekdoten über die Verbreitung von Desinformation geführt, deren einige sich anhören wie urbane Mythen. Ich glaube jedoch, dass die folgende Geschichte wahr ist, auch wenn ich für ihre Genauigkeit nicht garantieren kann, da ich sie selbst im Internet gefunden habe.

Die satirische Zeitschrift The Onion verbreitete die falsche Geschichte, dass ein Architekt in Washington D.C. eine neue Art von Gebäude errichtet hatte, nämlich ein Gebäude mit einer Kuppel, die sich einfahren lässt wie das Dach eines Cabriolets. An sonnigen Tagen drückt man demnach einen Knopf, die Kuppel wird eingezogen, und das Gebäude sieht aus wie ein Football-Stadion. An Regentagen sieht es aus wie das Capitol. Die Geschichte wurde von einer Website zur nächsten weiter gereicht und landete schließlich in China, wo sie in der Bejing Evening News abgedruckt wurde. Dann wurde sie von der Los Angeles Times übernommen, vom San Francisco Chronicle, von Reuters, CNN, Wired.com, und von zahllosen Blogs – als eine Geschichte über die chinesische Sicht der USA: dort glaube man, die Amerikaner lebten in Cabrio-Gebäuden, so wie sie auch Cabrios als Autos fahren.

Nachrichten waren immer ein Artefakt

Andere Geschichten über Blogs führen zum gleichen Schluss: Blogs erzeugen Nachrichten, und Nachrichten können die Form einer textlichen Wirklichkeit annehmen, welche über die Wirklichkeit vor unserer Nase triumphiert. Heute bringen viele Reporter mehr Zeit damit zu, Blogs zu verfolgen, als herkömmliche Quellen wie etwa Gespräche mit Behördenvertretern zu führen. Die Nachrichten des Informationszeitalters haben sich aus ihrer herkömmlichen Verankerung gelöst, sodass neue Möglichkeiten der Desinformation auf globaler Ebene entstehen.

Wir leben in einer Zeit, in der wir Zugang zu soviel Information haben wie noch nie zuvor, und in der die Information gleichzeitig immer unzuverlässiger wird. Oder etwa nicht?

Ich vertrete die Auffassung, dass Nachrichten schon immer ein Artefakt gewesen sind und niemals genau dem entsprochen haben, was sich ereignete. Wir verstehen zwar die Titelseiten von heute als Spiegel der Ereignisse von gestern, doch sie wurden tatsächlich erst gestern von Layoutern entworfen, welche die Titelseite nach willkürlichen Konventionen gestalten: Titelgeschichte in der äußersten rechten Spalte, Hintergrundgeschichte links, "weiche" Nachrichten im Inneren oder unterhalb der Falzung, Features, die sich durch spezielle Schlagzeilen abheben. Durch typografisches Design wird der Leser orientiert und die Bedeutung der Nachrichten definiert. Die Nachrichten selbst haben die Form von Erzählungen, die von Profis nach Konventionen verfasst werden, welche sie im Laufe ihrer Ausbildung vermittelt bekamen – das Prinzip der "umgekehrten Pyramide", die Farbcodierung für "hohe" und "die höchsten" Quellen, usw. Nachrichten sind nicht das, was geschah, sondern eine Geschichte darüber, was geschah.

Nun geben viele Reporter ihr Bestes, um genau zu sein, doch sie müssen sich an die Konventionen ihres Berufs halten, und es gibt immer einen Spielraum zwischen ihrer Wortwahl und dem Ereignis selbst, so wie es von anderen erlebt oder wahrgenommen wurde. Fragen Sie einmal jemanden, der bei einem Ereignis, worüber berichtet wurde, dabei war. Sie werden hören, dass die betreffende Person sich selbst oder das Ereignis in der Zeitungsgeschichte nicht wieder erkennt. Fortgeschrittene Leser der sowjetischen Pravda hatten gelernt, allem, was in dieser Zeitung veröffentlicht wurde, zu misstrauen, und sogar das Ausbleiben von Berichten als Zeichen dafür zu werten, dass etwas im Gange war. Am 31. August 1980, als Lech Walesa das Abkommen mit der polnischen Regierung unterzeichnete, mit dem die Solidarno?? als unabhängige Gewerkschaft gegründet wurde, weigerten sich die Polen zuerst, das zu glauben – nicht, weil sie die Nachricht nicht erreicht hätte, sondern weil sie über das staatlich kontrollierte Fernsehen verbreitet wurde.

Ich war selbst einmal Reporter. Meine Grundausbildung erwarb ich mir 1959 als Student mit Berichten aus dem Polizeihauptquartier in Newark. Ich hatte zwar schon in Schulzeitungen mitgearbeitet, wusste aber nicht, was Nachrichten waren – das heißt, welche Ereignisse eine Geschichte hergaben, und welche Wortkombinationen dafür sorgen würden, dass der Redakteur des Nachtdienstes sie auch druckte. Wenn Ereignisse die Redaktion erreichten, dann für gewöhnlich in Form von squeal sheets, Zettel mit getippten Zusammenfassungen von eingehenden Anrufen in der Telefonzentrale. Solche Zettel konnten alles betreffen, entlaufene Hunde ebenso wie Mordfälle, und es kamen bis zu einem Dutzend pro halbe Stunde herein.

Meine Arbeit bestand darin, sie von einem Leutnant abzuholen, nach möglichen Nachrichten zu durchforsten, und die potenziellen Nachrichten an die altgedienten Reporter verschiedener Zeitungen weiterzugeben, die im Pressezimmer im Erdgeschoß saßen und Poker spielten. Das Pokerspiel war ein Nachrichtenfilter. Für gewöhnlich gab ein Reporter dann einen Kommentar ab, ob etwas, das ich ausgesucht hatte, überprüft werden sollte. Ich stellte diese Überprüfungen an, normalerweise durch Telefonanrufe an wichtige Abteilungen wie das Morddezernat. Wenn die Information gut genug war, teilte ich dies der Poker-Runde mit, deren Mitglieder sie dann telefonisch an ihre Redaktionen weitergaben. Sie musste aber wirklich gut sein – also das, was die meisten Menschen für schlecht halten – um eine Unterbrechung des nie endenden Pokerspiels zu rechtfertigen. Denn Poker war das Hauptinteresse von allen – außer mir: ich konnte es mir nicht leisten, Karten zu spielen (man musste einen Dollar Einsatz vorab zahlen, was damals eine Menge Geld war). Ich musste also ein Gespür für Nachrichten entwickeln.

Ich lernte bald, die DOA-Fälle (dead on arrival, also gewöhnliche Todesfälle) und die Überfälle auf Tankstellen zu ignorieren, ich brauchte aber länger, die wirklich "guten" Geschichten auszumachen, etwa Überfälle auf bekannte Geschäfte oder Rohrbrüche im Stadtzentrum. Eines Tages erreichte mich ein squeal sheet, das so gut war – es betraf Vergewaltigung und Mord gleichzeitig –, dass ich direkt zum Morddezernat lief, anstatt zuerst der Pokerrunde zu berichten. Als ich es dem Dienst habenden Leutnant zeigte, blickte er mich herablassend an: "Siehst du das nicht, Junge?", sagte er und zeigte auf ein großes B in Klammern, das den Namen des Opfers und des Verdächtigen nachgestellt war. Erst dann bemerkte ich, dass jedem Namen entweder ein B oder ein W folgte. Ich wusste nicht, dass Verbrechen, die schwarze Menschen betrafen, nicht als Nachrichten zählten.

Die Zeitungen und der Brief von Washington

Als jemand, der gelernt hat, Nachrichten zu schreiben, misstraue ich Zeitungen als Informationsquellen, und es überrascht mich immer wieder, wenn Historiker sie als Primärquellen verwenden, die Auskunft über die tatsächlichen Ereignisse geben sollen. Ich denke, Zeitungen sollten als Information darüber gelesen werden, wie die Menschen einer bestimmten Zeit Ereignisse darstellten, nicht als verlässliche Quelle über die Ereignisse selbst.

Eine Studie über die Nachrichten während der amerikanischen Revolution, die von einem meiner Doktorats-Studenten, Will Slauter, geschrieben wurde, macht dies deutlich. Will untersuchte Berichte über Washingtons Niederlage in der Schlacht von Brandywine in der amerikanischen und europäischen Presse. Im 18. Jahrhundert hatten Nachrichten für gewöhnlich die Form von einzelnen Absätzen und waren keine "Geschichten", so wie wir sie jetzt kennen. Die Zeitungen schrieben die meisten dieser Absätze voneinander ab, und reicherten sie mit Kaffeehausklatsch sowie Gerüchten von heimkehrenden Schiffskapitänen an. Eine loyalistische New Yorker Zeitung druckte die erste Nachricht von Brandywine mit einem Brief von Washington ab, in dem dieser den Kongress darüber informierte, dass er zum Rückzug vor den britischen Streitkräften unter General William Howe gezwungen gewesen war. Ein Exemplar der Zeitung gelangte per Schiff über New York, Halifax und Glasgow nach Edinburgh, wo der Absatz und der Brief in einer lokalen Zeitung abgedruckt wurden.

Die Nachdrucke von Edinburgh wurden ihrerseits in mehreren Londoner Zeitungen nachgedruckt, wobei jedes Mal leichte Änderungen vorgenommen wurden. Diese Veränderungen waren wichtig, denn Spekulanten setzten große Summen auf den Verlauf des amerikanischen Kriegs und bekämpften einander an der Börse, während die pro-amerikanische Opposition die Regierung von Lord North zu stürzen drohte. Trotz einer Entfernung von mehreren tausend Kilometern und vier bis sechs Wochen Schiffsreise waren die Ereignisse in Amerika entscheidend für die Lösung dieser Finanz- und Politikkrise.

Was war nun tatsächlich geschehen? Die Londoner hatten gelernt, ihren Zeitungen zu misstrauen, denn die Nachrichten wurden im Zuge des gegenseitigen Abschreibens häufig verfälscht. Dass der ursprüngliche Absatz von einer loyalistischen amerikanischen Zeitung stammte, machte ihn für die lesende Öffentlichkeit verdächtig. Die Umwege, über die er gekommen war, machten ihn noch verdächtiger, denn weshalb würde Washington seine Niederlage bekannt geben, während Howe in einer Aussendung von Philadelphia, nahe am Ort des Geschehens, noch keinen Sieg beanspruchte? Manche Berichten zufolge war Lafayette in der Schlacht verwundet worden, was den britischen Lesern unmöglich erschien, denn sie glaubten (aufgrund früherer falscher Berichte), dass Lafayette weit von Brandywine entfernt war und an der kanadischen Grenze gegen General John Burgoyne kämpfte.

Bei aufmerksamer Lektüre von Washingtons Brief zeigten sich schließlich auch stilistische Feinheiten, die nicht der Feder des Generals entstammen konnten. Ein Beispiel dafür war der Gebrauch des Wortes array anstatt arrange für die Aufstellung von Truppen, was sich jedoch später als Druckfehler erwies. Viele Londoner kamen zu dem Schluss, dass der Bericht falsch war und den Zweck hatte, den Interessen einer bestimmten Spekulantengruppe sowie konservativer Politiker zu dienen. Dies umso mehr, als die Berichterstattung durch Plagiate zunehmend aufgebläht wurde. Manche Londoner Blätter behaupteten, dass diese kleine Niederlage nichts weniger als eine Katastrophe für die Amerikaner war, denn sie hätte die Aufständischen-Armee aufgerieben, und Washington selbst sei dabei ums Leben gekommen. (Washington wurde im Zuge der Kriegsberichterstattung vier Mal für tot erklärt, die Londoner Presse erklärte Benedict Arnold gar 26 Mal für tot).

Le Courrier de l‘Europe, eine in London gedruckte französische Zeitung, veröffentlichte eine Zusammenfassung der englischen Berichte mit dem Hinweis, dass diese vermutlich falsch seien. Diese Version der Ereignisse erschien in einem Dutzend französischer Zeitungen, die in den Niederlanden, im Rheinland, der Schweiz und Frankreich selbst herausgegeben wurden. Als die Nachricht schließlich in Versailles eintraf, galt Washingtons Niederlage bereits als völlig unglaubwürdig. Der französische Außenminister, Graf von Vergennes, befürwortete daher auch weiterhin eine militärische Intervention auf der Seite der Amerikaner. In London, wo Howes Bericht über seinen Sieg mit großer Verspätung eintraf (er hatte einfach zwei Wochen lang nichts geschrieben), wurde diese von der viel mehr Aufsehen erregenden Nachricht von Burgoynes Niederlage bei Saratoga überschattet. Die Niederlage bei Brandywine wurde zu einem Beispielfall für falsch geschriebene und falsch gelesene Nachrichten – ein Nicht- Ereignis, dessen Bedeutung durch den Übermittlungsprozess bestimmt wurde, ähnlich wie die Blogs über die einfahrbare Kuppel und das Filtern der Verbrechensmeldungen im Polizeihauptquartier von Newark.

Von der Instabilität der Information

Information war niemals stabil. Das mag sich wie eine Binsenweisheit anhören, verdient aber eine nähere Betrachtung, denn diese Einsicht mag als Korrektiv für die Auffassung dienen, der zufolge die Beschleunigung des technischen Wandels uns in ein neues Zeitalter katapultiert habe, in dem die Information völlig außer Kontrolle geraten sei. Ich vertrete die Auffassung, dass die neue Informationstechnologie uns dazu bringen sollte, unsere Vorstellung von Information selbst zu überdenken. Information sollte nicht als harte Fakten oder als Brocken von Wirklichkeit begriffen werden, die aus einer Zeitung, Archiven und Bibliotheken herausgelöst werden können wie aus einem Steinbruch – sondern als Botschaften, die im Zuge ihrer Übermittlung ständig verändert werden. An Stelle von fest gefügten Dokumenten haben wir es mit multiplen, veränderbaren Texten zu tun.

Wenn wir lernen, uns vor dem Computer skeptisch mit ihnen auseinander zu setzen, dann können wir auch lernen, unsere Tageszeitungen besser zu lesen – und sogar alten Büchern neue Wertschätzung entgegen zu bringen. Bibliographen kamen lange vor dem Internet zu diesem Schluss. Sir Walter Greg entwickelte sie am Ende des 19. Jahrhunderts, und Donald McKenzie perfektionierte sie am Ende des 20. Jahrhunderts. Ihre Arbeit bietet eine Antwort auf die Fragen, die Blogger, Googler und andere Web-Begeisterte stellen: Warum soll man mehr als ein Exemplar eines Buches archivieren? Warum soll man viel Geld für Erstausgaben ausgeben? Sind Sammlungen seltener Bücher nicht dem Tod geweiht, wo doch jetzt alles im Internet verfügbar ist?

Nicht-Gläubige betrachteten Henry Clay Folgers Entschlossenheit, Exemplare von Shakespeares Folio zu sammeln, als Spinnerei eines Verrückten. Die Folio-Ausgabe war 1623, sieben Jahre nach Shakespeares Tod, veröffentlicht worden und stellt die erste Sammlung seiner Stücke dar. Die meisten Sammler waren der Auffassung, eine Ausgabe würde für jede Forschungsbibliothek ausreichen. Als Folgers Sammlung auf über drei Dutzend Ausgaben anwuchs, verspotteten ihn seine Freunde als "Forty Folio Folger".

Seit damals haben jedoch Bibliographen diese Sammlung auf wichtige Informationen ausgewertet, nicht nur in Bezug auf die Niederschrift der Stücke, sondern auch auf ihre Aufführung. Sie haben nachgewiesen, dass 18 der 36 Stücke in der Folio-Ausgabe nie zuvor gedruckt worden waren. Vier waren früher nur von fehlerhaften Kopien, den so genannten "schlechten" (wenig zuverlässigen) Quarto-Ausgaben, bekannt gewesen – also von Broschüren einzelner Dramen, die zu Shakespeares Lebzeiten gedruckt wurden, häufig von skrupellosen Verlegern, die fehlerhafte Versionen des Texts benutzten. Zwölf waren in modifizierter Form von relativ guten Quarto-Ausgaben nachgedruckt worden; nur zwei waren ohne Veränderungen von früheren Quarto-Ausgaben nachgedruckt worden.

Da keines der Manuskripte Shakespeares erhalten geblieben ist, können die Unterschiede zwischen diesen Texten von wesentlicher Bedeutung dabei sein, herauszufinden, was Shakespeare tatsächlich geschrieben hat. Doch die erste Folioausgabe kann nicht einfach mit den Quartausgaben verglichen werden, denn jede einzelne Folioausgabe ist unterschiedlich. Während der Drucklegung in der Werkstatt Isaac Jaggards 1622 und 1623 wurde das Buch dreimal neu aufgelegt. In einigen Ausgaben fehlte Troilus und Cressida, andere enthielten den Troilus vollständig, während andere den Haupttext von Troilus wiedergaben, aber nicht den Prolog, dafür aber ein durchgestrichenes Ende für Romeo und Julia auf der Rückseite des Blattes, das den ersten Satz von Troilus enthielt.

Zu diesen Unterschieden kamen noch mindestens hundert Änderungen in letzter Minute und die eigentümlichen Praktiken von mindestens neun Setzern, die an der Ausgabe arbeiteten, während sie auch mit anderen Aufträgen beschäftigt waren – und die Arbeit an Shakespeare bisweilen an unerfahrene jugendliche Lehrlinge abtraten. Bibliographen wie Charlton Hinman und Peter Blayney haben den Produktionsprozess rekonstruiert und sind zu überzeugenden Schlussfolgerungen zu diesen wichtigsten Werken der englischen Sprache gelangt. Diese präzise wissenschaftliche Arbeit hätte ohne Folgers Folios nicht durchgeführt werden können.

Gewiss, Shakespeare ist ein Sonderfall. Aber textliche Stabilität hat es in der Zeit vor dem Internet nie gegeben. Die am weitesten verbreitete Ausgabe von Diderot‘s Encyclopédie im 18. Jahrhundert enthielt hunderte Seiten, die in der Originalausgabe nicht enthalten waren. Der Herausgeber war ein Geistlicher, der den Text mit Auszügen aus Predigten seines Bischofs anreicherte, um den Bischof gnädig zu stimmen. Voltaire betrachtete die Encyclopédie als so unvollkommen, dass er sein letztes großes Werk Questions sur l’Encyclopédie als neunbändige Antwort darauf konzipierte. Um seinen Text angriffiger gestalten und schneller verbreiten zu können, arbeitete er hinter dem Rücken seines eigenen Verlegers mit Piraten zusammen und fügte den Piratenausgaben Textstellen hinzu.

Voltaires Spielereien mit seinem Text gingen so weit, dass sich die Buchhändler zu beschweren begannen. Sobald sie eine Ausgabe eines Werkes verkauft hatten, kam schon wieder ein neues, mit Hinzufügungen und Korrekturen durch den Autor. Die Kunden protestierten. Manche sagten sogar, sie würden keine Gesamtausgabe von Voltaires Werken – von denen es viele unterschiedliche gab – vor dessen Tod kaufen, ein Ereignis, das von vielen Händlern in der Buchbranche herbeigesehnt wurde.

Piratendrucke waren im frühneuzeitlichen Europa so verbreitet, dass Bestseller nie zu Blockbustern wurden, so wie es heute der Fall ist. Anstatt von einem Verlag in hoher Auflage produziert zu werden, wurden die Bücher gleichzeitig in kleinen Auflagen von vielen Verlagen veröffentlicht, die versuchten, das beste aus dem Markt herauszuholen, ohne dabei auf Copyrights Rücksicht zu nehmen. Wenige Piraten machten sich die Mühe, genaue Fälschungen der Originalausgaben herzustellen. Sie kürzten, verlängerten und veränderten Texte, wie es ihnen gefiel, ohne sich Sorgen um die Intentionen des Autors zu machen. Sie verfuhren dekonstruktiv avant la lettre.

Die Bibliothek als Zitadelle und das Internet als offener Raum

Die Frage der Textstabilität führt zur allgemeinen Frage nach der Rolle von wissenschaftlichen Bibliotheken im Internet-Zeitalter. Ich will nicht vorgeben, einfache Antworten zu kennen, möchte jedoch eine Perspektive auf die Frage entwickeln, indem ich zwei Sichtweisen auf die Bibliothek diskutiere, die ich als große Illusionen bezeichnen würde – große und zum Teil wahre Illusionen. In den 1950er Jahren waren Bibliotheken für Studierende wie Zitadellen des Lernens. Das Wissen war zwischen harte Buchdeckel verpackt, und eine große Bibliothek schien alles Wissen zu enthalten.

Die New York Public Library zu betreten, die Treppe hochzusteigen und an den steinernen Löwen, die den Eingang bewachen, vorbei in den monumentalen Lesesaal im dritten Stock zu gehen, war, wie eine Welt zu betreten, die alles enthielt, was bekannt war. Das Wissen war in Standard-Kategorien geordnet, denen man über einen Zettelkatalog bis in die Seiten der Bücher folgen konnte. Überall war die Bibliothek das Zentrum des Universitäts-Campus. Sie war das wichtigste Gebäude, ein Tempel mit klassizistischen Säulen, wo man in Stille las: kein Lärm, kein Essen, keine Störungen, außer vielleicht ein verstohlener Blick auf einen potenziellen, in Buchlektüre vertieften Flirt.

Auch heute respektieren Studenten noch ihre Bibliotheken, doch die Lesesäle sind in manchen Universitäten fast leer. Um die Studierenden anzulocken, bieten manche Bibliothekare Lounge-Bereiche mit bequemen Sitzmöbeln, wo geplaudert werden kann und sogar Getränke und Snacks erlaubt sind, Brösel hin oder her. Moderne oder postmoderne Studierende machen einen Großteil ihrer Forschungsarbeit am Computer in ihren Zimmern. Für sie ist Wissen etwas, was online und nicht in Bibliotheken zu finden ist. Sie wissen, dass Bibliotheken niemals alles in sich aufnehmen können, denn die Information ist endlos, sie verbreitet sich überall im Internet, und um sie zu finden, braucht es eine Suchmaschine, keinen Katalog. Doch auch dies mag eine große Illusion sein; oder, um es positiv auszudrücken, beide Sichtweisen, die Bibliothek als Zitadelle und das Internet als offener Raum haben etwas für sich.

Wir sind damit bei dem Problem, das durch Google Book Search aufgeworfen wird. 2006 schloss Google Vereinbarungen mit fünf großen wissenschaftlichen Bibliotheken ab – der New York Public, Harvard, Michigan, Stanford, und Bodleian in Oxford –, um deren Bücher zu digitalisieren. Bücher mit Copyrights stellten ein Problem dar, das bald durch rechtliche Schritte seitens der Verlage und Autoren akut wurde. Sieht man von diesen Problemen ab, dann schien der Vorschlag Googles jedenfalls eine Möglichkeit zu bieten, das gesamte Buchwissen allen Menschen zugänglich zu machen, oder zumindest jenen, die das Privileg des Zugangs zum World Wide Web haben. Das Vorhaben versprach, der letzte Schritt in der Demokratisierung des Wissens zu sein, die mit der Schrift, dem Kodex, den beweglichen Lettern und dem Internet in Gang gesetzt wurde.

Ich schreibe als Google-Begeisterter. Ich glaube, dass die Google-Buchsuche Buchwissen tatsächlich auf eine neue Art weltweit zugänglich machen wird, trotz der digitalen Spaltung, welche die Armen von den Computer-Besitzern trennt. Die Arbeit mit riesigen Datenmengen, die ohne Digitalisierung nicht möglich wäre, wird auch der Forschung neue Möglichkeiten eröffnen. Als Beispiel für eine mögliche Zukunft würde ich Electronic Enlightenment nennen, ein Projekt, das von der Voltaire-Stiftung in Oxford gesponsert wird. Durch die Digitalisierung der Korrespondenz von Voltaire, Rousseau, Franklin und Jefferson – in etwa zweihundert hervorragenden wissenschaftlichen Bänden – wird das Projekt die transatlantische Literatenrepublik des 18. Jahrhunderts neu herstellen.

Die Briefe vieler anderer Philosophen, von Locke und Bayle zu Bentham und Bernardin de Saint-Pierre, werden in diese Datenbank integriert werden, sodass die Wissenschaft in der Lage sein wird, Bezugnahmen auf Personen, Bücher und Ideen innerhalb des gesamten Netzwerks der Korrespondenz zu suchen, welches die Aufklärung untermauerte. Viele andere derartige Projekte – etwa auch das Projekt American Memory von der Library of Congress1 und Valley of the Shadow an der University of Virginia2 – haben gezeigt, dass Datenbanken in diesem Umfang machbar und nützlich sind. Ihr Erfolg beweist indessen nicht, dass Google Book Search, die größte derartige Unternehmung, wissenschaftliche Bibliotheken überflüssig machen wird. Im Gegenteil, ich glaube, dass Google sie wichtiger machen wird, als je zuvor. Um diese Ansicht zu untermauern, möchte ich mich auf acht Punkte konzentrieren.

Die Bedeutung und die Folgen des Digitalisierungsprojekts von Büchern durch Google

1. Nach den utopischsten Behauptungen von Google-Anhängern kann Google so gut wie alle gedruckten Bücher online stellen. Dieser Anspruch ist irreführend und birgt die Gefahr einer falschen Wahrnehmung, denn sie könnte uns dazu verführen, unsere Bibliotheken zu vernachlässigen. Wie hoch wird der Prozentsatz der Bücher in den USA sein – vom Rest der Welt ganz abgesehen –, den Google digitalisieren wird? 75 Prozent? 50 Prozent? 25 Prozent? Selbst wenn die Zahl 90 Prozent ist, könnten die verbleibenden, nicht digitalisierten Bücher bedeutend sein.

Ich habe kürzlich einen außergewöhnlichen libertinistischen Roman entdeckt, Les Bohémiens, von einem unbekannten Autor, dem Marquis de Pelleport, der zur gleichen Zeit in der Bastille schrieb, als der Marquis de Sade seine Romane in einer nahe gelegenen Gefängniszelle verfasste. Ich glaube, dass das 1790 veröffentlichte Buch Pelleports weitaus besser ist, als irgendetwas, was Sade je hervorgebracht hat. Unabhängig von seinen möglichen ästhetischen Qualitäten sagte es viel über die Situation der Schriftsteller im vorrevolutionären Frankreich aus. Es existieren jedoch nur sechs Ausgaben, und so weit ich weiß, ist keine von ihnen im Internet verfügbar.3 (Die Library of Congress, die ein Exemplar besitzt, hat seine Bestände nicht für Google geöffnet.)

Wenn Google dieses und ähnliche Bücher verpassen sollte, dann könnte ein Forscher oder eine Forscherin, der bzw. die sich auf Google verlässt, nie an bestimmte wichtige Werke gelangen. Das Kriterium der Wichtigkeit ändert sich von einer Generation zur nächsten, wir können also nicht wissen, was für unsere Nachfahren von Bedeutung sein wird. Vielleicht lernen sie eine Menge aus unseren Harlekin-Romanen, Computer-Bedienungsanleitungen oder Telefonbüchern. Literaturwissenschaftler und Historiker arbeiten heute viel mit Kalendern, Volksbüchern und anderen Arten der "populären" Literatur, obwohl nur wenige dieser Werke aus dem 17. und 18. Jahrhundert erhalten geblieben sind. Sie wurden auf billigem Papier gedruckt, in dünnen Umschlägen verkauft, zerfledderten beim Lesen und wurden von Sammlern und Bibliothekaren ignoriert, die sie nicht als "Literatur" betrachteten. Ein Wissenschaftler am Trinity College in Dublin entdeckte vor kurzem eine Lade voller vergessener Balladen-Bücher, jedes einzelne einmalig, jedes von unschätzbarem Wert für die moderne Wissenschaft, obwohl sie vor zwei Jahrhunderten wertlos erschienen.

2. Obwohl Google mit den Verträgen mit fünf großen Bibliotheken eine intelligente Strategie verfolgte, kommt deren Gesamtbestand niemals an die Gesamtmenge der Titel in den USA heran. Anders als man vermuten möchte, gibt es zwischen diesen fünf Bibliotheken keine großen Überschneidungen: 60 Prozent der Bücher, die von Google digitalisiert werden, gibt es nur in einer von ihnen. Die wissenschaftlichen Bibliotheken der USA haben insgesamt ca. 543 Millionen Bände. Google hat sich angeblich die Digitalisierung von 15 Millionen Büchern als Anfangsziel gesetzt. In dem Maße, wie Google weitere Verträge mit Bibliotheken abschließt – nach einer jüngsten Zählung nehmen 28 an Google Book Search teil –, wird seine digitale Datenbank repräsentativer. Aber Google hat sich noch nicht in die Spezialsammlungen vorgewagt, wo die wirklich seltenen Werke aufbewahrt werden. Und natürlich liegt die gesamte Weltliteratur – alle Bücher in allen Sprachen der Welt – weit jenseits von Googles Digitalisierungskapazität.

3. Obwohl zu hoffen bleibt, dass Verlage, Autoren und Google sich einigen werden können, ist es schwierig abzusehen, wie das Copyright-Problem gelöst werden soll. Nach dem Copyright-Gesetz von 1976 und dem Copyright- Verlängerungsgesetz von 1998 sind die meisten nach 1923 publizierten Bücher durch Copyright geschützt, und mittlerweile erstreckt sich dieser Schutz auf die Lebenszeit des Autors plus siebzig Jahre. Für urheberrechtsfreie Bücher wird Google vermutlich den Lesern den ganzen Text zugänglich machen und es ermöglichen, jede Seite zu drucken. Von Copyright-geschützten Büchern wird Google vermutlich nur wenige Zeilen gleichzeitig anzeigen, was nach seiner Auffassung mit den Fair-Use-Bestimmungen vereinbar ist. Google mag Verlage und Autoren dazu bringen, ihre Ansprüche auf Bücher, die zwischen 1923 und der jüngsten Vergangenheit publiziert wurden, aufzugeben, doch werden sie auch auf gegenwärtige und zukünftige Copyrights verzichten?

2006 wurden in den USA 219.920 neue Titel veröffentlicht, und die Zahl der neuen, im Handel verfügbaren Bücher ist in den letzten zehn Jahren stetig angewachsen, trotz der zunehmenden Verbreitung elektronischer Publikationen. Wie soll Google mit der laufenden Produktion Schritt halten und gleichzeitig den Bestand von Jahrhunderten digitalisieren? Es ist besser, die Einkaufsbudgets unserer Wissenschaftsbibliotheken zu erhöhen, statt darauf zu vertrauen, dass Google zukünftige Bücher zum Nutzen zukünftiger Generationen archivieren wird. Google definiert seine Aufgabe als Informationsübermittlung – in diesem Moment, heute; es sieht sich nicht der langfristigen Konservierung von Texten verpflichtet.

4. Unternehmen können in der sich rasch verändernden Umgebung der elektronischen Technologie rasch verschwinden. Google könnte untergehen oder von einer noch größeren Technologie in den Schatten gestellt werden, durch die seine Datenbank so überholt und unzugänglich wird wie viele unserer alten Floppy-Disketten und CD-ROMs. Elektronikunternehmen kommen und gehen. Wissenschaftliche Bibliotheken überdauern Jahrhunderte. Es ist besser, sie zu stärken, als sie für überflüssig zu erklären, denn die Veralterung ist ein Bauteil der elektronischen Medien.

5. Google wird Fehler machen. Obwohl das Unternehmen Wert auf Qualität und Qualitätskontrolle legt, wird es Bücher auslassen, Seiten übersehen, und in vielfacher Weise die Texte nicht perfekt reproduzieren. Früher haben wir geglaubt, Mikrofilme würde das Problem der Textkonservierung lösen. Inzwischen wissen wir es besser.

6. Wie auch im Fall des Mikrofilms gibt es keine Garantie dafür, dass die Kopien Googles die Zeit überdauern werden. Dokumente können wegen der Überalterung des Mediums, in dem sie kodiert sind, im Cyberspace verloren gehen. Hardware und Software können in beunruhigendem Tempo "aussterben". Solange die leidigen Probleme der Haltbarkeit von digitalen Werken nicht gelöst sind, sind alle "digital generierten" Texte eine gefährdete Spezies. Die Obsession, ständig neue Medien zu entwickeln, hat die Bemühungen zur Erhaltung der alten behindert.

Wir haben 80 Prozent aller Stummfilme und 50 Prozent aller vor dem Zweiten Weltkrieg produzierten Filme verloren. Nichts speichert Text besser als Druckerschwärze auf Papier, besonders Papier, das vor dem 19. Jahrhundert hergestellt wurde, außer auf Pergament geschriebener oder in Stein gemeißelter Text. Das beste Speichersystem, das je erfunden wurde, war das altehrwürdige, vormoderne Buch.

7. Google plant, viele Versionen ein und desselben Buchs zu digitalisieren, und dabei nach dem Fließband-Prinzip die Bücher zu nehmen, die gerade erscheinen – aber wird es sie alle zugänglich machen? Wenn ja, welches wird an die Spitze der Ergebnisliste gereiht werden? Leser ohne besondere Kenntnisse könnten leicht in die Irre geraten, wenn sie in Tausenden verschiedener Ausgaben der Shakespeare-Dramen suchen, sie werden sich also auf jene Ausgaben verlassen, die Google am leichtesten zugänglich macht. Wird Google die Relevanz-Reihung von Büchern auf gleiche Weise durchführen wie Referenzen auf alles andere, von der Zahnpasta zu Kino-Stars?

Google verwendet derzeit einen geheimen Algorithmus, um Webseiten nach ihrer Nutzungshäufigkeit unter den auf sie verweisenden Seiten zu reihen, und es wird vermutlich mit einem ähnlichen Algorithmus die Nachfrage nach Büchern reihen. Nichts weist darauf hin, dass dieser Algorithmus die von Bibliographen vorgegebenen Standards berücksichtigen wird, etwa die erste gedruckte Ausgabe, oder die Ausgabe, die den expliziten Intentionen des Autors am nächsten kommt.

Google beschäftigt Hunderte, vielleicht sogar Tausende von Ingenieuren, soweit wir wissen aber keinen einzigen Bibliographen. Googles unbedarfte Haltung gegenüber der Bibliographie ist besonders bedauerlich, da die meisten Texte, wie gesagt, während eines Großteils der Druckgeschichte instabil waren. Keine einzelne Kopie eines Bestsellers aus dem 18. Jahrhundert kann der endlosen Vielfalt von Ausgaben je gerecht werden. Seriöse Wissenschaftler werden viele Ausgaben untersuchen und miteinander vergleichen müssen, und zwar die Originalversionen, nicht die digitalisierten Reproduktionen, die Google nach Kriterien auswählen wird, die vermutlich nichts mit der bibliographischen Wissenschaft zu tun haben werden.

8. Sogar wenn das digitalisierte Bild auf dem Monitor exakt wiedergegeben sein sollte, werden wichtige Aspekte eines Buches nicht enthalten sein. Dies betrifft zum Beispiel die Größe. Die Erfahrung des Lesens ist bei einem Buch im kleinen Duodez-Format, das dafür gemacht ist, mühelos mit einer Hand gehalten zu werden, eine ganz andere, als das Lesen eines schwergewichtigen Folios von einem Buchständer. Es ist wichtig, das Buch fühlen zu können – die Beschaffenheit des Papiers, die Qualität des Drucks, die Art der Bindung. Die physischen Aspekte eines Buches enthalten Hinweise auf seine Existenz als Teil eines sozio-ökonomischen Systems. Wenn ein Buch Randnotizen enthält, so kann diese viel über seinen Ort im geistigen Leben seiner Leser aussagen.

Bücher haben auch einen besonderen Geruch. Nach einer kürzlich durchgeführten Umfrage unter französischen Studenten betrachten 43 Prozent den Geruch als eine der wichtigsten Eigenschaften eines gedruckten Buchs – so wichtig, dass sie es ablehnen, geruchslose elektronische Bücher zu kaufen. CaféScribe, ein französischer Online-Verlag, versucht dieser Reaktion entgegen zu wirken, indem er seinen Kunden einen Aufkleber schenkt, der den typischen Geruch älterer Bücher verströmt, wenn er am Computer angebracht wird.

Wenn ich ein altes Buch lese, dann halte ich die Seiten gegen das Licht und finde in den Fasern des Papiers kleine Kreise, die von Tropfen stammen, die während der Herstellung von der Hand des Papiermachers gefallen sind, oder Stoffreste von Hemden oder Röcken, die sich während der Herstellung der Pulpe nicht vollständig auflösten. Einmal habe ich den Fingerabdruck eines Druckers im Einband einer Encyclopédie-Ausgabe aus dem 18. Jahrhundert gefunden – ein Zeugnis eines im Druckerhandwerk üblichen Kniffs, denn die Drucker brachten manchmal zuviel Druckerschwärze auf die Lettern, um die Handhabung der Presse leichter zu machen.

Plädoyer für die wissenschaftliche Bibliothek als Mittelpunkt der Universität

Mir ist freilich klar, dass Überlegungen zu Haptik und Geruch meinem Argument widersprechen zu scheinen. Den meisten Lesern geht es um den Text, nicht um das physische Medium, in dem er eingebettet ist. Wenn ich mich meiner Faszination für Druck und Papier hingebe, dann kann man mir leicht vorwerfen, ich sei zu romantisch oder verhielte mich wie ein altmodischer, extrem Buch-verliebter Gelehrter, der in seinem Zimmer mit seltenen Büchern allein gelassen werden will. Ich bekenne mich schuldig. Ich liebe Lesesäle für seltene Bücher, auch jene, wo man Handschuhe überstreift, bevor man ihre Schätze berührt. Lesesäle für seltene Bücher sind ein wichtiger Bestandteil von wissenschaftlichen Bibliotheken, und zwar jener Bestandteil, zu dem Google am wenigsten Zugang hat. Aber Bibliotheken haben auch Plätze für gewöhnliche Leser, wo diese sich in Bücher vertiefen können – ruhige, angenehme Orte, wo der Kodex in seiner ganzen Individualität erkundet werden kann.

Das stärkste Argument für das altmodische Buch ist seine Wirkungskraft für gewöhnliche Leser. Dank Google können Wissenschaftler Millionen von Webseiten und elektronischen Texten durchsuchen, navigieren, auswerten, durchsuchen, verlinken, usw. (die Wörter sind je nach Technologie unterschiedlich). Gleichzeitig kann jeder, der etwas Gutes zum Lesen sucht, zu einer gedruckten Ausgabe greifen, sie entspannt durchblättern, und dabei den Zauber des auf Papier gedruckten Wortes erleben. Ein Computer-Monitor erzeugt nie das gleiche Gefühl der Zufriedenheit wie eine gedruckte Seite. Doch das Internet liefert Daten, die in einen klassischen Kodex umgeformt werden können. Durch das Internet ist Print on demand schon zu einer boomenden Branche geworden, und in Zukunft wird es wohl Bücher geben, die man aus Geldautomat-ähnlichen Maschinen ziehen kann: man loggt ein, bestellt elektronisch, und ein gedrucktes und gebundenes Buch kommt heraus. Vielleicht wird der Text auf dem Monitor eines Handheld das Auge so ansprechen, wie die Seite eines vor 2000 Jahren hergestellten Kodex.

Bis dahin sage ich: schützen wir die Bibliotheken. Füllen wir sie mit Druckwerken. Verbessern wir die Lesesäle. Aber stellen wir uns Bibliotheken nicht wie Lagerhallen oder Museen vor. Die meisten wissenschaftlichen Bibliotheken arbeiten zwar mit Büchern, doch sie sind auch Nervenzentren für elektronische Signale. Sie erwerben Datensätze, pflegen digitale Bestände, ermöglichen den Zugang zu elektronischen Zeitschriften und organisieren Informationssysteme, die tief in Forschungslabors und Studierzimmer hineinreichen. Viele dieser Bibliotheken teilen ihren geistigen Reichtum mit dem Rest der Welt, indem sie es Google ermöglichen, ihre gedruckten Bestände zu digitalisieren.

Ich sage also auch: lang lebe Google, aber erwarten wir uns nicht, dass es lange genug leben wird, um das altehrwürdige Gebäude mit den korinthischen Säulen zu ersetzen. Als Zitadelle des Lernens und als Plattform für Internet-Abenteuer verdient es die wissenschaftliche Bibliothek immer noch, der Mittelpunkt der Universität zu sein, der die Vergangenheit erhält und Energie für die Zukunft sammelt.

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