Mensch-Maschinen

30.12.2009

Computer im Film Teil 5: Roboter im Film

Computer spielen im Film zumeist eine Nebenrolle. Dort, wo ihnen die Hauptrolle zugewiesen wird, erfahren wir viel über unsere Visionen und Ängste im Zeitalter der Mikroelektronik. In einer mehrteiligen Textreihe werden Filme der 1970er bis 1990er Jahre darauf hin betrachtet, wie Computer in ihnen dargestellt werden. Dieser Text beschreibt Filme, in denen Computer einen Körper bekommen und als Roboter in die Gesellschaft gelangen.

Die Geschichte des Roboters im Film reicht bis in die 1920er Jahre zurück. Seinen ersten Auftritt hatte er als Mechanical Man 1921 in André Deeds gleichnamigem Film, von dem heute nur noch Fragmente erhalten sind. Als Werkzeug eines finsteren Verbrechers führt er darin Raubzüge aus und beeindruckt durch seine Übergröße und seine Kraft. Der erste Höhepunkt des Roboterfilms findet sechs Jahre später in Fritz Langs Metropolis statt: Hier ist es eine mechanische Frau, die von einem Magier konstruiert wird, um die Massen in ihren sexuellen Bann zu ziehen und eine Revolte auszulösen.

In beiden Filmen sind es nicht eigentlich Roboter, die handeln, denn Computer, die das "Gehirn" dieser Maschinen bilden, gab es noch nicht. Vielmehr stehen die Metallkörper als Bindeglied zwischen den "Golem"-Fantasien der fantastischen Literatur und einer Science Fiction der Technoangst, die befürchtet, dass menschenähnliche Maschinen Unheil über ihre Erfinder und alle anderen bringen könnten. Und doch zeigen sich schon in diesen beiden Filmen Motive, die sich in zahlreichen darauf folgenden Roboterfilmen wiederfinden.

I. Was ist ein Roboter (nicht)?

Roboter, Cyborgs, Androiden

In Form des Roboters besitzt der Computer seine stärkste Filmpräsenz; alle Roboterfilme hier aufzugreifen – selbst nur die, welche im aspektierten Zeitraum zwischen 1970 und 1990 zu finden sind, wäre ein unmögliches Verlangen, denn der Roboter gehört zum Science-Fiction-Film wie der Weltraum oder "die Zukunft" – er ist beinahe überall zu finden und spielt immer, wenn er auftaucht, eine beachtenswerte Rolle. Ich konzentriere mich im Folgenden also auf eine Auswahl, die sich noch dadurch leichter eingrenzen lässt, dass nicht alle menschenähnlichen Konstrukte Roboter sind. Der Begriff "Roboter" lehnt sich an das tschechische Wort "robot" an und bedeutet "Arbeiter"; in seiner Bedeutung als künstlicher Mensch taucht er zuerst 1921 im Bühnenstück R.U.R. der Autoren Josef und Karel Čapek auf. Und auch hier wandelt sich die dienstbare Arbeitsmaschin und rebelliert gegen die Menschen. Echte Roboter lassen sich zunächst in ihrer Bauart in solche unterscheiden, die von einem Computer außerhalb ihres Körpers gesteuert werden, und solche, die einen Computer "an Bord" haben. Diese könnte man dem Technikhistoriker Bruce Mazlish "Comboter" nennen und sie sind – das wäre die zweite Unterscheidungsmöglichkeit – zumeist unter den Servicerobotern zu finden, während erstere die Mehrzahl der Industrieroboter stellen.

Vom Roboter zu unterscheiden ist der Cyborg, ein Akronym, das "kybernetischer Organismus" bedeutet und (organische) menschliche Körper bezeichnet, die durch technische Apparaturen ergänzt werden: Diese reichen von Prothesen für fehlende Organe oder Gliedmaßen bis hin zu zusätzlichen Körperteilen. Cyborgs sind also im Grunde Menschen mit maschinellen Applikationen. Die alte philosophische Frage, welches bzw. wie viele Organe man durch künstliche Pendants ersetzen muss, damit man es nicht mehr mit einem Menschen zu tun hat, zeigt sich am Cyborg virulent. Noch bedeutsamer für ethischen Spekulationen ist jedoch der Android, bei dem es sich um einen menschenähnlichen Roboter handelt, der bewusst so konstruiert ist, dass er (möglichst) nicht mehr als Roboter erkannt werden kann.

Künstliche Menschen und Quasi-Automaten

Auf der letzten Stufe zwischen Roboter und Mensch steht der "künstliche Mensch", der allerdings zumeist kein Produkt der Robotik, sondern der Genetik ist. Dieses Science-Fiction-Konzept wird dadurch für eine Betrachtung von "Robotern im Film" interessant, dass die Unterscheidung, ob man es mit einem echten oder einem künstlichen Menschen zu tun hat, für die menschlichen Protagonisten und manchmal sogar für den Betrachter des Films nicht immer leicht ist. In Ridley Scotts Film "Blade Runner" (1982) soll ein spezieller Emotionstest (der Void-Kampff-Test) diese Frage lösen. Ein Konzept, bei dem sich der Regisseur und der Autor der Romanvorlage (Philip K. Dick) am so genannten Turing-Test orientiert haben.

Blade Runner

Dass solche Tests nötig sind, liegt daran, dass diese künstlichen Menschen absichtlich so konstruiert und programmiert wurden, dass man sie ihren biologischen Vorlagen verwechselt. Dieses Phänomen ist aber durchaus nicht nur im Film anzutreffen. So genannte "Quasi-Automaten" (T. Christaller et al.) befinden sich bereits in Umlauf – als künstliche Hunde, Robben oder andere Lebewesen-Imitate, die vornehmlich als Spielzeuge und für die soziale Interaktion mit vereinsamten Menschen (wie etwa die Robbe "Paro" in Altersheimen) eingesetzt werden. Das Erstaunliche hierbei ist, dass die "Verwechslung" nicht mehr aufgrund der äußerlichen oder Verhaltensähnlichkeit geschieht, sondern weil die Interaktion mit ihnen so starke (echte) Emotionen auslöst, dass eine Bindung/Beziehung vom Mensch zur Maschine hergestellt wird. Der Anwender will also über das Sosein der Maschine getäuscht werden und ignoriert dafür seine eigene Distinktionsfähigkeit. Ein Verhalten, das, wie die Science-Fiction-Filme im Folgenden zeigen werden, ethisch nicht unproblematisch ist.

Empathie und Dyspathie: Uncanny Valley

An dieser Stelle ist ein weiterer Berührungspunkt zwischen Science Fiction und (wissenschaftlich-akademischer) Wirklichkeit hergestellt: Wie bringt sich der Mensch in die Lage zu "verkennen", dass er es mit einer Maschine zu tun hat? Dass die Quasi-Automaten bislang nur in Tierform erfolgreich sind – und das zudem nur bei Tieren, deren Verhaltensweisen die Nutzer nicht so genau kennen, wie die eines Hundes oder einer Katze –, ist schon ein erster Hinweis darauf: Bei der Annäherung der äußeren und Verhaltensähnlichkeit an bekannte biologische Vorbilder werden Maschinen nur so lange positiv aufgenommen, wie sie noch als Maschine erkennbar sind. Ab einem bestimmten Punkt, wenn diese Identifikation nicht mehr spontan möglich ist, fällt dem Betrachter vor allem die Differenz im Aussehen und Verhalten zum biologischen Vorbild auf: Ein menschenähnlicher Roboter würde dann unheimlich wirken, weil er sich zwar fast wie sein Vorbild benimmt, aber eben nicht exakt genauso. In Robotik, Ästhetik und Philosophie wird diese Unheimlichkeit mit der Metapher des japanischen Robotikers Masahiro Mori als uncanny valley bezeichnet. Dieses Bild beschreibt ein Umschlag der Verhältniskurve Empathie-Anthropomorphie vom Positiven ins Negative.

Die Tübinger Philosophin Catrin Misselhorn erforscht diesen "Umschlag" aus analytisch-philosophischer Perspektive und stellt dabei die Empathie (als Einfühlungsvermögen) der "Dyspathie" entgegen. Dyspathie ist mehr als bloß "Apathie" (also Gefühllosigkeit); "es ist ein merklich negatives, aversives Gefühl gegenüber Androiden. In der jüngeren Filmindustrie ist Dyspathie zu einem Problem bei der Einführung neuer Technologien im Animationsfilm geworden. […] Paradoxerweise taucht Dyspathie genau mit solchen Filmfiguren auf, die hochgradig menschliches Ähnlichkeit besitzen." (Misselhorn) Um die Nuancierungen zwischen Empathie und Dyspathie zu verstehen, schlägt Misselhorn eine Untersuchung der sprachlichen Dimensionen und ihrer Beziehungen zur Wahrnehmung und psychischen Verarbeitung derartiger Mensch-Android-Begegnungen vor. Zumindest für fiktionale Androiden-Darstellungen kommt sie zu dem Schluss, dass Roboter nicht zu menschenähnlich dargestellt werden sollten und erweitert Asimovs Gesetze (siehe einen Absatz weiter unten) um einen vierten Paragraphen: "A robot must not be too similar to a human being if it is supposed to elicit empathy." Aus der Nichtbefolgung dieses Gesetzes erwachsen allerdings die interessantesten Plots der Roboter-Film-Geschichte.

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