Antisoziales Verhalten oder: Wie man Angst schürt und Kontrolle forciert

23.12.2009

Seitdem die Labour-Regierung "antisoziales Verhalten" (ASB) sanktioniert, vermehren sich die Vergehen und wächst die Angst

Wenn neue Normen und damit Normverletzungen von einer Gesellschaft eingeführt werden, wächst auch die Wahrnehmung dafür. Wenn es sich um vermeintlich abweichendes Verhalten handelt, wächst die Angst, die zuvor möglicherweise gar nicht vorhanden war. Ganz ähnlich ist das mit neuen Störungen und Krankheitsbildern. Plötzlich gibt es eine Welle an Autismus, Internetsucht oder Aufmerksamkeitsstörungen. Und keiner weiß wirklich, ob es neue Krankheitsformen sind oder sich eben nur die Norm verschoben hat.

So ähnlich ist das in Großbritannien geschehen. Dort hat die neu an die Macht gelangte Labour-Partei versucht, einmal Ordnung im öffentlichen Leben durchzusetzen. Was einmal nur ärgerlich war und vor allem von Jugendlichen ausging, wurde seit 1998 als antisoziales Verhalten gebrandmarkt und bestraft (Respekt durch Überwachen und Strafen). Es wurden die Anti-Social Behaviour Orders (ASBOs) eingeführt, um anständiges Verhalten durchzusetzen, die Definition nach dem Innenministerium: "Anti-social behaviour is any aggressive, intimidating or destructive activity that damages or destroys another person's quality of life."

Schon laut zu sein, kann nun antisozial sein, oder sich auch nur draußen aufzuhalten: "teenagers hanging around on the streets". Gruppen von Jugendlichen, die sich provokant verhalten, werden antisozial, einfach auch schon, weil es mehrere sind. Vandalismus, Graffitis anbringen, betteln, etwas wegwerfen, Alkohol im öffentlichen Raum trinken, störende Nachbarn ("loud music or televisions, and refusing to silence dogs that bark nonstop") und vieles andere kann nun in einem Rahmen erscheinen, der bedrohlich ist und zu weiteren Straftaten führt. Es wird Angst geweckt, zudem werden immer neue Möglichkeiten erwogen, wie man präventiv auch schon antisoziales Verhalten verhindern und unterbinden kann (Ärger verhindern – schon vor der Geburt). Das Ziel ist dann: Vorsicht, wenn der Wecker klingelt! oder auch so: "Wir schlagen zurück". Klar scheint zu sein, dass die Labour-Initiative die Angst der Briten vor ihren eigenen Jugendlichen verstärkt hat: Wildes Ungeziefer: Die Angst der Briten vor den Kindern.

Vermehrt wurden natürlich auch die Vergehen. Jede Sekunde werde nun ein Brite Opfer von antisozialem Verhalten. Bald ist die Gesellschaft selbst schon Ursache der Vergehen und müsste jeder zu einem Robinson auf einer einsamen Insel werden. Offenbar werden die Stacheln ausgefahren und schwindet die Toleranz, auch wenn die Kriminalität sinkt, steigt die Angst. Das Innenministerium schätzt, dass 33 Millionen Vergehen im Sinne des antisozialen Verhaltens im letzten Jahr geschehen sind, aber dass nur 3,7 Millionen angezeigt wurden. 33 Millionen, so der Telegraph, die Angst schürend, das wären pro Tag 90.000 und eben jede Sekunde ein Vergehen.

Meistens würde es sich um rüpelhaftes Verhalten handeln. Dann kommen Nachbarn, die irgendwie stören, mehr aber noch Belästigungen durch Autos. Man ärgert sich auch über Tiere, Müll und vieles andere. Wenn immer geringere Vergehen polizeirelevant werden und die Regelungsdichte des alltäglichen Verhaltens steigt, nimmt auch die wechselseitige Überwachung zu und fühlt man sich schneller – natürlich zu Recht – gestört.

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