Russischer Bericht lässt Klimaskeptiker von einem zweiten Climategate sprechen

24.12.2009

Ein russischer Think Tank unterstellt, das britische Met Office und CRU hätten nur selektiv Daten von Messstationen ausgewertet, in Russland habe es keine Erwärmung gegeben

Das britische Met Office hat eine Analyse des European Centre for Medium-Range Weather Forecasts (ECMWF) veröffentlicht, nach der die Berechnungen des Met Office Hadley Centre (HadCRUT) zur Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur an der Erdoberfläche während der letzten 150 Jahre bestätigt werden.

Erst vor ein paar Tagen schien eine Meldung aus Russland den Klimaskeptikern, die seit dem Bekanntwerden von Emails und Dokumenten, die von Servern der Climate Research Unit (CRU) an der University of East Anglia stammen (Von Climategate, Klimalüge und dem Wissenschaftsbetrieb), vom großen Klimabetrug und einem Climategate sprechen, neue Munition zu liefern (z.B. Climategate goes SERIAL). Das Met Office Hadley Centre arbeitet eng mit CRU zusammen und sammelt die Klima-Rohdaten, die neben den Daten der NOAA und der Nasa in die Berichte des Weltklimarats IPCC einfließen.

Trend der Klimaerwärmung anhand der globalen Oberflächentemperatur mit dem Datenset des HadCRUT. Bild: Met Office

Für die Anhänger der Verschwörungstheorie, dass eine von Menschen verursachte Klimaerwärmung nur ein Komplott von bestimmten Wissenschaftlern, Organisationen und Staaten sei, war der Bericht des Institute for Economic Analysis (IEA) (englische Übersetzung) ein gefundenes Fressen. Darin wurde dem Met Office Hadley Centre und CRU nämlich vorgeworfen, nur Daten aus russischen Wetterstationen zur Berechnung der globalen Durchschnittstemperatur verwendet zu haben, die für eine Erwärmung sprechen. Anfang Dezember hatte das Met Office Hadley Centre die Temperaturdaten von mehr als 1500 Wetterstationen weltweit veröffentlicht, mit denen die Erdoberflächentemperatur gemessen wird. Die Daten sind nur ein Teil derjenigen, aus denen für das IPCC die globale Durchschnittstemperatur errechnet wird. Insgesamt sind liegen Daten von 5000 Wetterstationen vor, das Met Office hat aber noch nicht die Genehmigung erhalten, den Rest zu veröffentlichen.

Karte der Messstationen, deren Daten von HadCRUT verwendet wurden. Bild: Met Office

Nach den veröffentlichten Daten, so das IEA, hätten die britischen Wissenschaftler die Daten von drei Viertel der russischen Wetterstationen nicht berücksichtigt, wodurch 40 Prozent des Territoriums für den Weltklimabericht außen vor geblieben seien. Das sei nicht wegen fehlender Daten, sondern "aus anderen Gründen" geschehen. Es seien Daten von Messstationen in Städten gegenüber solchen in entlegenen Gebieten bevorzugt worden. Das IEA schätzt, dass die von den britischen Wissenschaftlern festgestellte Klimaerwärmung zwischen 1870 bis 2000 dadurch in Russland um 0,64 Grad niedriger angesetzt werden müsste, statt +2 Grad also +1,4 Grad. Würde man die fehlenden Daten einbeziehen, so ließe sich für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und für das erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts keine Klimaerwärmung feststellen lassen. Und sie suggerieren, dass die Wissenschaftler möglicherweise auch anderswo ähnlich selektiv verfahren seien.

Das russische Institut ist allerdings ein auf Wirtschaft ausgerichteter, 1994 gegründeter Think Tank, der Beziehungen mit US-amerikanischen klimaskeptischen Organisationen wie dem Cato Institute, dem Fraser Institute oder dem The International Council for Capital Formation unterhält. Und dem Bericht darf man vorwerfen, dass er weit mehr unterstellt als belegt. Das stört die Leugner der Klimaerwärmung allerdings kaum. Auch bei den Climategate-Daten haben Russen eine Rolle gespielt, zumindest wurden die gecrackten oder weiter gegebenen Dateien auf einem russischen Server gelagert.

Zunahme der durchschnittlichen Oberflächentemperatur über dem Land von 1998-99 bis 2008-09. Oben die Analyse von HadCRUT mit Daten von weniger Messstationen (Russland ist kaum abgedeckt), unten diejenige von ECMWF mit viel mehr Messdaten. Bild: Met Office

In Großbritannien ist man offenbar aufgrund der Climategate-Unterstellungen nervös und bemüht sich nun um mehr Transparenz und schnelle Reaktion. Die Daten wurden bereits vom HadCRUT aus diesem Grund veröffentlicht. Die Auswahl der Messstationen wurde nicht von ihm selbst vorgenommen, sondern von der WMO, wie es schon bei Veröffentlichung hieß. Man könne auch nur die Daten veröffentlichen, für die man die Genehmigung erhalten hat. Verwiesen wird auch darauf, dass die aus der Teilmenge der Wetterstationen berechnete Erwärmung derjenigen gleiche, die aus den Daten aller Messungen hervorgeht – und die nicht nur von HadCRUT/CRU, sondern auch unabhängig von der Nasa und NOAA festgestellt wurde.

Gleichwohl verweist man nun auch auf die unabhängig von den beiden britischen Instituten erstellte Analyse der ECMWF, für die neben den Oberflächentemperaturen der Messstationen auch die verfügbaren Daten von Satelliten, Schiffen, Wetterballons oder Bojen eingeflossen sind. Die Analyse zeige, dass die Berechnungen von HadCRUT/CRU nicht nur konsistent mit denen von ECMWF seien, sondern dass die Erwärmung sogar noch geringfügig höher sei. Das komme daher, dass HadCRUT Daten aus Regionen habe, die durchschnittlich einen geringeren Klimawandel erlebt hätten, als dies weltweit der Fall ist. Man habe wenige Daten aus Russland, Kanada und Afrika, dort aber sei die Erwärmung über dem Land nach den Daten von ECMWF stärker als nach dem Datenset von HadCRUT gewesen. Beide Analysen zeigen, dass auch in Russland seit 1950 eine Erwärmung stattgefunden hat, die man menschlichen Aktivitäten zuschreiben müsse.

Das Met Office hat vor kurzem angekündigt, dass das kommende Jahrzehnt noch wärmer werden wird, als das ablaufende, das bereits ein Rekordjahrzehnt als das wärmste seit Beginn der Messungen gewesen ist. Und möglicherweise könnte das Jahr 2010 schon mit einem Rekord starten und das bislang wärmste Jahr werden, vermuten die Wissenschaftler vom Met Office.

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