Geistloser Prozess ohne Richtung und Zweck

29.12.2009

Der Philosoph Daniel C. Dennett entzaubert auf pragmatische Art den alteuropäischen Schöpfungsmythos des menschlichen Bewusstseins

Trotz aller Kontroversen um Details ist keine andere wissenschaftliche Theorie empirisch so gut abgesichert wie die Evolutionstheorie, die Synthese aus moderner Genetik und "Darwins gefährlichem Erbe". Ihre Bedeutung reicht, auch wenn das Roger Penrose oder Stephen J. Gould dementieren, nicht nur weit über die Biologie hinaus. Sie stellt auch den "Sinn des Lebens" auf ein neues und wesentlich festeres Fundament. Das hindert freilich Kritiker und Gegner nicht, an ihren humanwissenschaftlichen "Lockerungsübungen" regen Anstoß zu nehmen.

Charles Darwin, Daniel Clement Dennett. Bild: Rudolf Maresch

Dies wurde erneut deutlich, als der bekannte US-Philosoph, Evolutionsdenker und bekennende Atheist Daniel C. Dennett seine evolutionären Einsichten in München bei der "Siemens-Stiftung" vortrug. Die Theorie sei reduktionistisch, hieß es da wieder, sie erkläre geistige Prozesse und Zeugnisse, etwa die Werke Beethovens oder die Ereignisse an der Börse, zu natürlichen Vorgängen. Evolution sei nur ein anderer Name oder Begriff für Geschehnisse, die wir aus der Metaphysik abgeleitet oder von dort importiert haben, hieß es weiter. Und: Viele Entwicklungen im Tier- und Pflanzenreich seien gar keine echten Anpassungsleistungen, sondern aufgrund des "inneren Bauplans der Wesen" sogar notwendig.

Das Bewusstsein sieht nur dann wie ein unlösbares Rätsel aus, wenn man eine zu abgehobene Vorstellung davon hat.

Daniel C. Dennett

Florett statt Degen

Die Münchner Fakultät hatte, so schien es mir zumindest, einen Teil seiner Mitarbeiterschaft aufgeboten, um den Neodarwinisten mit den gängigsten Argumenten der geisteswissenschaftlichen Zunft zu konfrontieren und ihn so aus der Reserve zu locken. Doch dieser blieb weitgehend gelassen. Wo andere den Degen gebrauchten, focht er lieber mit dem Florett. Folglich parlierte er nicht nur freundlich und in stoischer Ruhe, indem er seinen "geisteswissenschaftlichen" Vorrednern zwar Recht gab, aber nur um ihre Argumente danach umso schärfer gegen sie zu wenden. Er nahm sich dabei auch selbst auf die Schippe, als er sein Aussehen mit dem des Naturforschers Darwin verglich.

Michelangelo: Die Erschaffung Adams

Gewiss verfahre er reduktionistisch. Das müsse doch jede Wissenschaft tun, wenn sie was erkennen will. Selbstverständlich habe er ein geschlossenes Weltbild. Allerdings betrachte er die Evolution nicht durch die hermeneutische Brille menschlicher Selbstbeschreibung. Auch sei er ein Determinist. Doch das hindere ihn nicht daran, von menschlicher Freiheit und Verantwortung zu sprechen.

Und natürlich wisse er, dass die Evolution vom Übernatürlichen umlagert und damit zeckiert sei. Anders als Religionen oder der Schöpfungsbericht könne sie das Gesetz des Lebens, den Weg vom Einfachen zum Komplexen, aber auch pragmatisch erklären, ohne hinter all den Vorgängen, Prozessen und Entwicklungen einen Drahtzieher, Planer oder Regisseur zu vermuten. Zum Beispiel auch, dass der "Kern des Menschlichen", Bewusstsein und Sprache, Freiheit, Moral und Kultur also, Resultate eines unbewussten, algorithmischen Prozesses ist und nicht Teil eines geheimen, für Menschen nicht einsehbaren Planes.

Competence without comprehension

Zwei heuristische Kunstkniffe sind es, die es Dennett erlauben, Szientismus und Hermeneutik, Zukunft und Vergangenheit, natürliche und kulturelle Evolution so weit zu verzahnen, dass sich daraus ein einheitliches, evolutionäres Wirklichkeitsbild ergibt, das Natur- und Geisteswissenschaften gleichermaßen umfasst.

Da ist zum einen der Begriff der "Intentionalität". Alle Arten des Lebendigen, mithin auch die einfachsten, einzelligen Lebewesen, sind intentionale, Informationen verarbeitende und zuallererst Erhaltungsprobleme lösende Systeme, denen es um nichts Geringeres geht als um Replikationsraten. Perfekt müssen diese gar nicht sein. Es genügt, wenn dabei Varianten entstehen, die aufgrund begrenzter Ressourcen um weitere Kopiermöglichkeiten wetteifern.

Um sich in dem auf verschiedensten Ebenen geführten Dauerdurchsetzungswettstreit zu behaupten, braucht es Kompetenz, aber kein Verstehen. Evolution hat Ziele, aber gewiss keine Gründe, betonte Dennett denn auch. Die Hermeneutik kommt erst hinterher, sozusagen mit dem Menschen. Wir stellen sie der Zweckmäßigkeit des Organischen an die Seite, weil wir angesichts der evident inneren Dienlichkeit des Lebendigen sonst, wie Kant in der "Kritik der Urteilskraft" sagt, in einen Erklärungsnotstand gerieten.

Verstehen sei folglich Effekt, nicht Ursache. Es leitet sich, wie Darwin und Turing unisono sagen, aus der Kompetenz ab, nicht umgekehrt. Und dies gelte sowohl für die genetisch gesteuerte Evolution als auch für die den Genen entlaufene kulturelle Evolution. Daher verwunderte es auch nicht, dass Dennett neben Darwin auch Alan Turing zu seinem zweiten wissenschaftlichen Heroen erklärte, insofern Kybernetik und Computerwissenschaft einen ähnlich geist- und richtungslos verlaufenden Prozess zugrunde legen wie die Evolutionstheorie.

Termitenhügel. Bild: Brewbooks, Lizenz: CC-BY-SA-2.0, Sagrada Familia. Bild: Friedrich Böhringer, Lizenz: CC-BY-SA-2.5

Dennett kann mit beeindruckenden Beispielen aufwarten, die das zeigen. Ein Termitenhügel etwa oder der Dammbau eines Bibers sind zwar in ihren Ausmaßen längst nicht so gigantisch wie die berühmte Kathedrale des Baumeisters Antoni Gaudi in Barcelona oder der Hooverdamm, der den Colorado River aufstaut und den Bundesstaat Kalifornien mit Wasser versorgt. Auf den Beobachter wirken sie aber sicherlich genauso ästhetisch ausgereift und kunstvoll arrangiert wie die von einem menschlichen Baumeister nach ausgearbeiteten Plänen errichteten Bauwerke.

Körperdenken

Und da ist zum anderen, als zweiter heuristischer Kunstkniff, ein Perspektivenwechsel des Beobachters. Erst wenn wir "Handlungsfähigkeit" durch das Mikroskop der Molekularbiologie betrachten, klärt sich das menschliche Bewusstsein über sich selbst auf. Dann fällt nicht nur der Gottesbeweis aus dem menschlichen Bewusstsein in sich selbst zusammen, dann erweist sich der menschliche Geist auch als nur eine Spielart unter vielen anderen, einer, der aus einer Art Trancezustand erwacht, zu sich kommt und von sich und über sich selbst etwas weiß.

Dennetts Evolutionsgeschichte hat ein anticartesianisches Programm. Weder ist es möglich, das Bewusstsein vom Gehirn zu trennen, noch kann das Gehirn vom Körper getrennt werden. Auch im Entwicklungsprozess gilt, was in der Medienwissenschaft längst Alltagsgeschäft ist: Das Medium ist die Botschaft. Das Gehirn ist körpergebunden und verrichtet seine Dienste zugunsten des Körpers. Es entwickelt sich, wie die Evolution zeigt, in einem biologischen System und ist in dessen Erhaltungswerk wunderbar eingepasst. Was handelt, ist der Akteur, oder besser und genauer: der ganze Körper.

Gar mancher wird es als "anthropologische Kränkung" oder gar "Scham" empfinden, dass das menschliche Hirnvehikel trotz seiner erstaunlich hohen Leistungskraft nicht viel umfangreicher oder gar größer geraten ist als das seiner nächsten Tierverwandten. Den Evolutionsdenker kann das kaum verwundern, macht er doch die Beobachtung, dass er die Probleme, die ihm die Evolution abverlangt, dadurch löst, indem er, statt sich der Umwelt anzupassen, sich die Umwelt anpasst mit Hilfe von "Werkzeugen" und "Begriffen", auch, um sie im Inneren zu repräsentieren und nach Außen zu gestalten.

Aus Gehirn wird Geist

Das war bekanntlich nicht immer so. Evolvierende Systeme neigen im Allgemeinen zur Bottom-up-Organisation. Lokale Regeln bestimmen dabei die globale Ordnung der Funktionsgemeinschaft. Darum lässt sich beispielsweise in Bienenstöcken, Fischschwärmen oder Termitenkolonien eine Vielzahl von Gründen finden, die deren kunstvolle Bauten, Abläufe und Aktivitäten erklären, aber keinen individuellen Führer, der darüber Auskunft geben oder sie gar repräsentieren kann. Nicht anders geht es im Gehirn zu. Auch hier gibt es kein Chefneuron oder einen Hauptamtsbezirk, das oder der die Handlungen überwacht, regelt oder koordiniert, sondern allenfalls eine Unmenge von Neuronen, die ihre funktionale Rolle ausüben, ohne zu wissen, warum sie das tun.

Nur das menschliche Gehirn bringt es laut Dennett irgendwie fertig, die von unten nach oben aufbauende Ordnung der Neuronen umzukehren und in ein von oben gelenktes Kontrollsystem zu verwandeln. Es unterwirft lokale Aktivitäten einer globalen Steuerung und setzt von Ideen ausgehend Kausalketten in Bewegung, die ihm erlauben, Entwürfe oder Pläne in einer Weise hervorzubringen oder zu entwickeln, wie sie die Evolutionsgeschichte bislang weder gekannt noch gesehen hat. Erst seit das menschliche Gehirn gelernt hat, top-down zu denken und zu verfahren, setzt sich laut Dennett auch die Vorstellung durch, dass irgendjemand diesen Vorgang auch in Gang gesetzt haben muss, der Töpfer den Topf, der Schmied das Hufeisen, Gott den Menschen.

Das Tier, das spricht

Die "evolutionäre Drift" dafür bietet die Sprache. Sie ist der "Kran", der neben der sexuellen Fortpflanzung die geduldige Arbeit und schrittweise Veränderung der Natur beschleunigt. Gewiss gehört Dennett zu jenen Biologisten, die den Menschen auch nur für ein "intentionales System" unter anderem halten. Die Komplexität des menschlichen Kognitionsapparates, die Ausgefeiltheit seiner Symbol- und Werkzeugsysteme ist trotz der fast hundertprozentigen Ähnlichkeit des genetischen Materials mit anderen Primaten aber so groß, heftig und stark, dass der Abstand zu ihnen ins Unermessliche wächst und das Konzept des menschlichen Bewusstseins auch nicht auf sie übertragen werden kann.

Dennetts Evolutionstheorie ist aber dermaßen breit aufgestellt, dass sie weder Mühe mit all jenen Kulturalisten und Bewusstseinsphilosophen hat, die den Menschen eine "einzigartige kulturelle Sonderstellung" in der Welt zuschanzen, noch Probleme mit all jenen Forschern hat, die diese Ausnahmeerscheinung an der Sprache und am Denken festzurren wollen.

Anders als der Menschenaffe besitze der Mensch die Fähigkeit zum kulturellen Lernen; und anders als der Affe möchte der Mensch mit seinen Gesten und Rufen dem anderen auch etwas mitteilen oder gar erzählen. Betrachteten Schimpansen denjenigen, an den sich ihre Gesten richten, lediglich als Mittel, um ein individuelles Ziel zu erreichen, sähen Menschenkinder dagegen im Gegenüber jemanden, mit dem man gemeinsame Ziele haben kann. Das humane Sondervermögen bestünde für die Kulturalisten folglich darin, dass echter wechselseitiger Austausch nur durch Kooperation entsteht und nur durch Kooperation entstanden sein kann.

Durch Zeigegesten sozial

So geht etwa der soeben als neuer Hegel-Preisträger geehrte Michael Tomasello in seinem jüngsten Buch "Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation" davon aus, dass bevor so etwas wie Sprache entstehen konnte, es eine "geteilte Intentionalität" gegeben haben muss. Zwar sei der Affe durchaus in der Lage, seine Artgenossen als intentionale und mit geistigen Zuständen ausgestattete Lebewesen zu erfassen.

Damit revidiert er seine noch Anfang des Jahrtausends gemachte Behauptung, wonach ein solches "Mindreading" Affen verschlossen sei. Doch was den Menschen vor allen anderen Primaten auszeichne, sei die soziale Dimension, also die Fähigkeit, auf eine gemeinsam geteilte Lebenswelt Bezug zu nehmen und ihre Intentionen untereinander abzustimmen. Sprache sei daher nur durch Formen der Zusammenarbeit zu erklären, die allein dem Menschen eigen sind und ihm offenbar in der Evolution zum Vorteil gereichten.

Als Instrument solcher Abstimmungen macht Tomasello nicht Laute, sondern Zeigegeste verantwortlich. Der Mensch sei folglich das Tier, das durch Zeigen gemeinsame Bezugnahmen fixieren kann. Am Anfang stünde folglich nicht das Wort, sondern die Geste oder besser: der Zeigefinger, wie das der geneigte Beobachter an der Decke der Sixtinischen Kapelle aufgemalt finden kann. Dort blickt Gott dank Michelangelo Adam an. Kraftvoll streckt er seinem Geschöpf den Finger entgegen, dessen Hand noch kraft- und daher leblos herabhängt. Erst als er den Finger Gottes entdeckt und seinen Blick spürt, erwacht er, hebt er die Augen und wendet sein Gesicht seinem Schöpfer zu.

Himmelshaken unnötig

Für Dennett wäre das vermutlich ein exemplarischer Fall, wie von der Zweckmäßigkeit des Lebendigen zu einem Endzweck des Daseins übergegangen, ein Schöpfer durch die Hintertür eingeschmuggelt und die Evolution zu einem Top-Down Prozess umgedeutet wird. Die Erklärung dafür ist relativ einfach. Ein wesentlicher Instinkt des Menschen ist es, allem, was irgendwie als kompliziert erscheint oder sich bewegt, eine Autorschaft zuzuschreiben. Das ändert aber nichts daran, dass sowohl Anfang als auch Ende stets kontingent bleiben. Die Menschenwürde gründet auf Funktionen, Leistungen, Verdiensten und Eigenschaften, nicht aber auf dem Angesicht eines "lebendigen Gottes".

Die Tatsache, dass wir uns gegenseitig etwas mitteilen können, wir mittels Sprache kooperativ handeln und uns auch in die Lage, Rolle oder Absichten des anderen hineinversetzen und diese womöglich auch tauschen können, zeigt für Dennett nur, dass aus dem Gehirn evolutionär das hervorgeht, was wir gemeinhin oder im landläufigen Sinn als "Geist" bezeichnen.

Um das gedanklich nachzuvollziehen, bedarf es keiner "Himmelshaken". Wir bedürfen keiner Gottheiten, die, nachdem sich der menschliche Körper brav nach den Gesetzen der Evolutionstheorie entwickelt hat, urplötzlich den dazugehörigen Geist vom Himmel schicken. Zur rationalen Klärung reichen "Kräne", die auf festen Fundamenten stehen wie etwa die Sprache, durchaus aus.

Vernetzte Strukturen

In Frage steht damit freilich auch, ob der Bezug auf eine gemeinsam geteilte Lebenswelt die "Ausnahmestellung" des Menschen rechtfertigt, die die Kulturalisten gern ins Feld führen. Richtig ist, dass ein harter Kern des Neo-Darwinismus, zu dem Dennett sicherlich zu zählen ist, davon ausgeht, dass tierisches wie menschliches Verhalten Ergebnis von stets um ihren Eigennutz besorgter egoistischer Gene ist. Demzufolge wären Altruismus und Kooperation nichts anderes als geschickt getarnte Spielarten eines Kosten-Nutzen-Kalküls.

Doch schon Lynn Margulis in "Die andere Evolution" und Howard Bloom in Global Brain haben gezeigt, dass die Evolution nicht allein durch blinde Mutation, Selektion und darwinistischen Egoismus vorangetrieben wird, sondern in hohem Maß auch durch die Kooperation von Organismen und die Bildung neuer Gemeinschaften.

Vernetzung ist danach nicht bloß ein Milliarden altes Erbe der Natur. Sie ist auch eine andauernde Phase der Evolution. Kleinstorganismen und Zellen ist dieses "Bedürfnis nach Gemeinschaftsbildung" schon von Urzeit an einprogrammiert. Die erste planetare Intelligenz bilden, wie man mittlerweile weiß, die aus Millionen Einzellern bestehenden Bakterienkolonien. Ihnen gelang es als erste, ein breitbandiges Netzwerk zwischen isoliert lebenden Monaden zu knüpfen.

Diese biochemische Sozietät wird abgelöst durch das vielzellige Leben. Lynn Margulis hat diese "eukaryontische Revolution", die Invasion von Parasiten und ihre Nutzbarmachung für die Schaffung neuer, symbiotischer Lebensformen anschaulich beschrieben. Multizelluläre Lebewesen haben eine Arbeitsteilung zwischen unterschiedlich spezialisierten Zellen erreicht und dadurch das Problem der Gruppensolidarität gelöst.

Täter und Opfer

Erst die "memetische Revolution" stellt danach einen erneuten und dritten evolutionären Einschnitt dar. Hier geht es nicht mehr wie bei der Fortpflanzung um die Weitergabe von Genen, sondern um die kulturellen Eigenschaften, die kopiert, variiert und selektiert werden. Das können Melodien, Ideen oder Techniken sein, aber auch Gesten, Sprachmuster oder Rituale. Für deren Erfolg wichtig ist dabei nicht der Inhalt, sondern allein die Tatsache, dass sie wiederholt, verstärkt und dann tradiert werden.

Insofern ist das Mem (R. Dawkins) nur ein weiterer wichtiger "Kran" innerhalb der Evolutionslehre, das im kulturellen Bereich jene Rolle ausfüllt, die Gene im physischen Bereich spielen. So wie diese um die Futtertröge der Natur konkurrieren, wetteifern jene mit anderen um ihre Vervielfältigung im kulturellen Überlieferungsgeschehen, um das kulturell weiterzugeben, was "vererbt", besser: tradiert werden soll.

Um ihre Wirkung zu entfalten, benötigen Meme aber einen Wirt, der sie nicht nur beherbergt, sondern sie auch transportiert. Geeignet war dafür ganz offenbar jedoch nur eine ganz bestimmte Art von Vielzellern, die bereits Strukturen und Fähigkeiten entwickelt hatten, Imitationslernen oder Gedächtnis etwa, damit sich kulturelle Verhaltensmuster, beispielsweise wie eine Axt hergestellt, Material bearbeitet oder Nahrung gefunden werden kann, in ihren Gehirnen festsetzen konnten und sich von Gehirn zu Gehirn via Sprache, dem bislang immer noch wichtigsten Medium kultureller Überlieferung, verbreitet, kopiert und vervielfacht haben. Nur was öfter kopiert wird, setzt sich nicht nur durch, es erweist sich langfristig sogar als überlebenstüchtiger.

Auf diese Weise läuft ähnlich wie in der digitalen Welt ein "algorithmischer Prozess" ab, der sich schlichtweg indifferent gegenüber allen Errungenschaften der menschlichen Kultur verhält, auf die wir sonst so stolz sind - auf Moral und Kunst, auf Sprache oder Wissenschaft. Auch sie sind, wie Ideologien oder Religionen, letztlich nichts anderes als Meme mit hoher Replikationskraft und starker Kopiertreue, die sich zu ganzen "Memplexen", also zu gegenseitig sich zuarbeitenden Memen verdichten und eine Unzahl von Gehirnen befallen haben.

Was schließlich von Neuem die altbekannte evolutionäre Frage aufwirft, wer oder was aus der Durchsetzungskraft bestimmter Meme Nutzen zog und für deren erfolgreiche Verbreitung sorgte. Individuen und Gruppen oder gar die Meme selbst. Literatur zum Thema

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