Nacktscannen mit weniger menschlichen Schwächen

Peter Mühlbauer 31.12.2009

Eine stärkere Automatisierung des Verfahrens soll es gleichzeitig akzeptabler und sicherer machen

Nach dem misslungenen Terroranschlag eines nigerianischen Islamisten wurden die 2008 eigentlich eingemotteten Pläne zum Einsatz so genannter "Nacktscanner" an Flughäfen wieder aus der Schublade geholt. Innenminister Thomas de Maizière meinte gegenüber der Süddeutschen Zeitung, dass man die Zulassung solcher Geräte erneut prüfen werde. Ebenso erwartbar folgte die Empörung auf Seiten von Kirchenvertretern und Unionspolitikern, die zu deutlich stärkeren Eingriffen in die Privatsphäre, wie etwa der Vorratsdatenspeicherung, schweigen oder diese sogar befürworten.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Viele Vorbehalte gegen Körperscanner rühren, so scheint es, eher aus einer religiös-kulturell begründeten Verkrampfung im Umgang mit Nacktheit als einer Gegnerschaft zu Überwachung. Dabei sind die medizinisch-künstlichen Scans auch bei attraktiveren Personen kaum dazu geeignet, als Pornografie verwendet zu werden. Trotzdem konzentriert sich die Entwicklung der Körperscantechnologie derzeit besonders auf diese Kritikpunkte. Neue Modelle sollen de Maizière zufolge den Genitalbereich "unklarer" abbilden. Auch Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger machte die Schaffung einer Rechtsgrundlage für den Einsatz von Nacktscannern von der Handhabung der "Intimsphäre" und der "technischen Weiterentwicklung" der Vorrichtungen abhängig.

Nacktscanneraufnahme. Foto: Department of Homeland Security

Josef Scheuring, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) beurteilte die Debatte in der Neuen Osnabrücker Zeitung als Ablenkungsmanöver von der eigentlichen Schwachstelle im Kampf gegen Flugreiseterror: "Wenn", so der GdP-Funktionär, "Hartz-IV-Empfänger, Leiharbeiter und Billiglöhner im Auftrag privater Sicherheitsfirmen für die Sicherheit an Flughäfen sorgen sollen, kann das nur schiefgehen". Tatsächlich können Nacktscanner zwar potenziell auch abgepackte Flüssigkeiten, Pulver, knetmasseartige Stoffe und Keramikmesser sichtbar machen - wenn die Bilder allerdings von jener Sorte Sicherheitskräfte kontrolliert werden, die aktuell viele der Überprüfungen von Flugreisenden durchführen, dann ist nicht nur das Bestechungsrisiko ausgesprochen hoch, sondern auch die Möglichkeit, dass sich Komplizen der Terroristen einfach von einem privaten Dienstleister anstellen lassen und Selbstmordbomber trotz Nacktscanneraufnahme durchwinken.

Früher löste man solch ein Dilemma, indem man für entsprechend sensible Aufgaben Beamte einsetzte, die unkündbar waren und so bezahlt wurden, dass sie sich keine Sorgen um den Lebensunterhalt ihrer Familie machen mussten. In den 1980er und den 1990er Jahren kam dieses Modell unter Politikern aus der Mode: Man leitete die Privatisierung von Dienstleistern wie der Post ein - und erntete bald darauf die Ergebnisse in Form von 70.00 verschwundenen Briefen und Paketen. Täglich. Die privatisierte Post, deren absichtlich überlastete Zusteller Löhne beziehen, die sie zu weitaus höheren Diebstahlrisiken machen, als ihre Kollegen aus anderen Dekaden es waren, taugt heute zwar noch zur Zustellung von Werbebriefen, aber nicht mehr zum Versand von Dokumenten und Informationen, die wirklich ankommen sollen.

Bei der neuen Generation von Nacktscannern soll dieses Einfallstor für ökonomisch-menschliches Versagen deutlich kleiner sein: Dort erkennt Software automatisch Muster, die ihr als potenziell gefährlich vorgegeben sind. Wenn dadurch Alarm geschlagen wird, sollen die angezeigten Stellen mittels einer intensiven Leibesvisitation überprüft werden. Verläuft der Scan dagegen ohne Probleme, dann bekommt das Bild niemand zu sehen. Allerdings verbirgt sich in dieser Automatisierung auch eine neue Schwachstelle: Angeblich steckte ein Informant aus dem holländischen Militärgeheimdienst dem Amsterdamer Telegraaf, dass sich al-Qaida über Umwege bereits einen Nacktscanner gekauft habe, mit dem nun Methoden der Überlistung solcher Geräte gesucht und gefunden werden können.

Andere Risiken werden im Vergleich zum Intimfaktor bisher eher im Hintergrund verhandelt: Dazu gehören auch mögliche Strahlungsrisiken für Vielflieger, die bei den mit Röntgenstrahlung arbeitenden Gerätetypen nach Ansicht der Strahlenschutzkommission der Bundesregierung nicht ganz zu vernachlässigen sind. Unbedenklicher scheinen Apparaturen, die mit Terahertzstrahlung arbeiten - allerdings gibt es zu ihnen bisher noch keine Langzeituntersuchungen. Interessant wären diese auch deshalb, weil die Hersteller den Einsatz ihrer Körperscanner nicht nur auf Flughäfen planen, sondern beispielsweise auch zur Diebstahlssicherung.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31799/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS