Deutschland wird nicht nur am Hindukusch verteidigt

01.01.2010

Nach der offiziellen Doktrin müssten Deutschland und die USA nicht nur in Afghanistan und Pakistan, sondern etwa auch im Jemen oder in Somalia verteidigt werden

Eigentlich ist der geplante Anschlag des 23jährigen Nigerianers Umar Farouk Abdulmutallab aus reichem Hause – der Vater ist Banker! -, einen Airbus von Delta Airlines zu Weihnachten in die Luft zu sprengen, eine Schlappe gewesen. Der Terrorist hat es nicht geschafft, den Sprengstoff zu zünden, während die US-Sicherheitsbehörden daran gescheitert sind, trotz aller Überwachung und Antiterrormaßnahmen den Versuch zu verhindern. Man könnte fast beruhigt sind. Die Terroristen stellen sich zu dumm an, die Totalüberwachung ist auch nur eine Chimäre.

Die Bundeskanzlerin hat gerade noch einmal in ihrer Neujahrsansprache versichert, dass der Krieg oder der kriegsähnliche Einsatz in Afghanistan deswegen notwendig sei, damit von dort aus "nie wieder Gefahr für unsere Sicherheit und unser Wohlergehen ausgeht". Für Deutschland ist vor dem Afghanistan-Krieg allerdings keine Gefahr von dort ausgegangen, die Anschläge vom 11.9. 2001 wurden mitunter von Deutschland aus geplant.

Dazu gab es keinen einzigen Afghanen unter den 9/11-Attentätern. Die meisten stammten aus Saudi-Arabien, einer totalitären, islamistischen, aber ölreichen Monarchie, die aber als guter Freund des Westens geschützt wird. Mit Jemen ist nicht nur Bin Laden verbunden, dort wurde auch der al-Qaida-Angriff im Jahr 2000 auf den US-Zerstörer Cole geführt. Das Land ist nun aber erneut durch den missglückten Anschlag wieder in die Aufmerksamkeit gerückt. Zwar wird die US-Regierung weiterhin 30.000 weitere Soldaten nach Afghanistan schicken und auch die Nato-Partner drängen, die Truppen aufzustocken, was bislang Afghanistan und auch Pakistan an den Rand des Chaos gebracht hat. Aber nun wird wieder deutlich, dass Deutschland und der übrige Westen keineswegs alleine am Hindukusch verteidigt wird. Vielmehr wird klar, dass der militärische Einsatz am Hindukusch zunächst zur globalen Verbreitung des Terrornetzwerks al-Qaida geführt hat und nun der Westen in vielen Ländern verteidigt werden müsste – von Jemen oder den Philippinen aus über den Irak und Saudi-Arabien bis hin zu Algerien oder Marokko – und natürlich vor allem Somalia, vor dessen Küste die Kriegsschiffe aus aller Welt im Einsatz sind.

In den USA wird angedroht, nunmehr auch in Jemen verstärkt militärisch gegen al-Qaida vorzugehen – eine Zusammenarbeit Jemens mit US-Spezialeinheiten und Geheimdiensten gibt es schon lange. Jetzt schon kämpft die jemenitische Regierung zusammen mit dem saudischen Militär gegen Aufständische. Luftschläge gegen vermeintliche Terrorcamps, die dann auch Zivilisten treffen, stärken jedoch die Extremisten. Ein direktes Eingreifen von US-Soldaten dürfte die Lage in dem instabilen Staat noch weiter radikalisieren lassen. Wie das funktioniert, lässt sich nicht nur an der Geschichte Afghanistans sehen, sondern auch in Somalia. Seitdem dort das Pentagon auch gegen zunächst noch einigermaßen gemäßigte Islamisten vorgegangen ist – und einer von diesen nun auch zu spät mit Unterstützung der USA zum Präsidenten wurde -, haben sich die Milizen radikalisiert und die al-Qaida-Ideologie übernommen.

Absehbar ist, was in Jemen passieren wird, wenn dort das US-Militär direkt eingreift. Shawqi Al-Qadhi, ein jemenitischer Abgeordneter, warnt, dass dies zu einem Desaster führen wird, da viele Jemeniter dann offen oder klammheimlich al-Qaida unterstützen würden. Und er dürfte Recht behalten. Die unter Bush gepflegte Mentalität des Halbstarken, unerwünschte Regimes durch Gewaltandrohung gefügig zu machen, zumindest wenn sie schwach genug erscheinen und keine Atomwaffen besitzen, ist nirgendwo aufgegangen, da man gleichzeitig autoritäre Regimes wie Ägypten oder Saudi-Arabien sowie die Atomwaffenmächte Pakistan und Indien (und Israel) tolerierte und im Nahostkonflikt einseitig Israel unterstützte, während Irak und Afghanistan, aber nicht Nordkorea angegriffen wurden. Iran ist das deutlichste Beispiel für diese verfehlte Politik, die letztlich dem Regime hilft und die Opposition untergräbt. Und Afghanistan selbst sollte deutlich machen, dass die militärische Unterstützung des Feindes des Feindes noch lange keine guten Freunde schafft.

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