Enhancement: Wer will immer mehr leisten?

23.01.2010

Vom Versuch, die Gesellschaft nach akademischen Leistungsansprüchen zu organisieren

In der Diskussion um Cognitive Enhancement wird oft behauptet, geistige Leistungsfähigkeit sei etwas Gutes. Daher sei auch Enhancement beispielsweise mit psychopharmakologischen Mitteln zur geistigen Leistungssteigerung etwas Gutes, sofern bestimmte Sicherheitsvorkehrungen eingehalten würden. Lassen sich dann keine gewichtigen Gegeneinwände finden, scheint der Fall klar. Doch so einfach ist es nicht. Denn wer will eigentlich immer mehr leisten?

Auf den ersten Blick scheint in der Tat einiges dafür zu sprechen, dass geistige Leistungsfähigkeit ein Gut ist. Schränken wohlhabende Staaten nicht die Freiheit von Eltern und ihren Kindern ein, wenn es etwa um die Schulpflicht geht? Werden alljährlich nicht Milliarden in Bildung und öffentliche Aufklärung investiert, um eine Leistungssteigerung zu erzielen? Ist allgemein verbindliche Bildung nicht eine kulturelle Errungenschaft, auf die wir stolz sein dürfen?

Auch wenn man in Deutschland noch weit davon entfernt ist, ein sozial gerechtes Bildungssystem zu haben, sprechen für diesen Zwang und für diese Investitionen gewichtige Gründe. Eine Teilhabe an vielen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereichen setzt das Beherrschen bestimmter Fähigkeiten voraus; umgekehrt hängt unser gesamtgesellschaftlicher Wohlstand davon ab, dass von der Reinigungskraft bis zum Manager die Menschen ihre Aufgaben verstehen und entsprechend umsetzen können.

Neue Möglichkeiten am Horizont

Sollten wir daher neue Möglichkeiten zur geistigen Leistungssteigerung, wie sie uns nun in Form von Pillen oder anderen technischen Innovationen in Aussicht gestellt werden, nicht durchweg begrüßen? Tatsächlich werden die neuen Verfahren im akademischen Fachdiskurs gerne mit bestehenden Lernmethoden verglichen. Da auch Sport, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und Unterricht das Gehirn verändern und zum Zwecke der Verbesserung durchgeführt würden, seien Medikamente zur Leistungssteigerung wahrscheinlich moralisch äquivalent, folgerten beispielsweise vor gut einem Jahr der Stanford-Professor Henry Greely und Kollegen in einem einflussreichen Positionspapier in der Fachzeitschrift Nature (Ritalin für alle!). Ihr Fazit lautete, dass sichere und effektive Enhancement-Präparate sowohl dem Individuum als auch der Gesellschaft nützen.

Kürzlich hat sich ein siebenköpfiges deutsches Expertenteam unter der Überschrift des "optimierten Gehirns" zur Ethik und rechtlichen Einschätzung des Enhancements geäußert (Was ist pharmakologisches Enhancement?, Chance verspielt?). Die Autoren setzen sich für einen offenen Umgang mit dem Enhancement ein und fordern neue wissenschaftliche Untersuchungen zu Nutzen und Risiken der potenziellen Enhancement-Präparate.

Warum viele Gegeneinwände nicht stichhaltig seien, dazu haben sie viel zu sagen; Argumente für das Enhancement findet man jedoch kaum. Stattdessen wird auch hier auf die gesellschaftliche Akzeptanz bestehender Lerntechniken verwiesen: "Bemühungen, die eigene geistige Leistungsfähigkeit oder das seelische Befinden zu verbessern, werden mit guten Gründen positiv beurteilt." Welche guten Gründe das sind, erfahren wir darin jedoch nicht.

Verbesserung nicht gleich Verbesserung

Was auf den ersten Blick überzeugend klingt, könnte bei einer näheren Analyse ganz anders aussehen. Unter Bioethikern ist beispielsweise die Trennung zwischen Maßnahmen zur Therapie von Krankheiten und solchen zur Verbesserung eines gesunden Zustands weit verbreitet. Auch wenn sich Therapie und Verbesserung ebenso wie Krankheit und Gesundheit nicht immer scharf voneinander trennen lassen, ist man sich doch weitgehend über eine unterschiedliche ethische Bewertung einig. So seien sowohl Risiken und Nutzen als auch die Kostendeckung durch gesellschaftliche Institutionen im Fall der Therapie stärker im Sinn der Maßnahme zu bewerten. Das heißt, dass der Nutzen bei der Krankheitsbehandlung stärker wiegt und Risiken sowie eine solidarische Verpflichtung zur Hilfe eher akzeptiert werden. Anhand dieser Unterscheidung lässt sich nun verdeutlichen, dass Verbesserung nicht gleich Verbesserung ist: Ob eine Maßnahme beispielsweise darauf abzielt, einen Sehbehinderten oder einen Normalsichtigen besser sehen zu lassen, ist durchaus moralisch, gesellschaftlich und rechtlich relevant.

Mit dieser Unterscheidung im Hinterkopf lässt sich nun auch der Idee auf den Zahn fühlen, dass eine geistige Leistungssteigerung prinzipiell etwas Gutes ist. Dabei kann zumindest in demokratischen Gesellschaften schnell ein Konsens darüber hergestellt werden, dass sie zur Ermöglichung einer gesellschaftlichen Teilhabe ein Gut ist. Ein gewisses Maß an Bildung und Aufklärung ist eine Voraussetzung dafür, sich entsprechend zu informieren und an der Diskussion um gesellschaftliche Fragen teilnehmen zu können. Wer seine Interessen hingegen nicht begreifen und entsprechend ausdrücken kann, der ist auch in ihrer Durchsetzung benachteiligt. Daraus, dass ein gewisses Maß an geistiger Leistungsfähigkeit uns wichtige gesellschaftliche Teilhabe überhaupt erst ermöglicht und darum gut ist, lässt sich aber eben nicht ohne Weiteres folgern, dass eine beliebige Leistungssteigerung ebenso wünschenswert ist. Die wichtige Frage ist also, wie viel davon gut ist.

Geistige Leistungsfähigkeit kein Gut in sich

Dass geistige Leistungsfähigkeit kein Gut in sich ist, lässt sich anhand eines einfachen Beispiels verdeutlichen. Mit der Meinung der Experten können wir sicher soweit mitgehen, dass jemand, der im Rahmen der bestehenden Strukturen eine gute Leistung erbringen möchte, dafür in der Regel Anerkennung erhält. Wie bewerten wir es aber, wenn jemand, der bereits gut ist, noch besser sein will? Wenn jemand, der schon exzellent ist, immer noch besser sein will? Dieses Fragespiel können wir prinzipiell unendlich fortsetzen. Wenn die geistige Leistungsfähigkeit ein Gut in sich wäre, dann müssten wir auf jeder denkbaren Leistungsstufe den Wunsch nach noch mehr Leistung begrüßen. Ab einem bestimmten Punkt würde die Einschätzung vieler aber allmählich umkippen. Der Wunsch, der anfangs noch begrüßt wurde, würde allmählich als ungesunder Zwang, vielleicht sogar als krankhaft verstanden werden. Wir würden womöglich an Arbeitssucht denken und daran, dass ein Unvermögen, sich mit seiner Leistungsfähigkeit zufriedenzugeben, viele Menschen früher oder später ausbrennen lässt.

In seinen Untersuchungen über das gute Leben hat sich der Philosoph Peter Singer, der seit 1999 an der Princeton University lehrt, mit den Risiken eines grenzenlosen Leistungsstrebens befasst. Beispiele fand er dafür in den 1980er Jahren an der Wall Street, die vor unserer Finanzkrise als "Dekade der Gier" bezeichnet wurden. Den 1985 erfolgreichsten Bankier Dennis Levine zitiert er wie folgt1:

Als ich 20.000 Dollar im Jahr verdiente, dachte ich, ich kann 100.000 Dollar verdienen. Als ich 100.000 im Jahr verdiente, dachte ich, ich kann 200.000 verdienen. Als ich eine Million verdiente, dachte ich, ich kann drei Millionen verdienen. Es war immer einer auf der Leiter über mir, und ich musste mich einfach ständig fragen: Ist der wirklich doppelt so gut, wie ich bin?

Als der ebenfalls sehr erfolgreiche Bankier Ivan Boesky 1982 zum ersten Mal auf der Forbes-Liste der 400 reichsten Amerikaner auftauchte, sah er darin keinen Erfolg, sondern im Gegenteil eine Schande für sich und seine Frau. Er konnte es nicht ertragen, im Vergleich mit den anderen nur am unteren Ende der Liste zu sein. Beide Beispiele nahmen einen traurigen Ausgang: Sowohl Levine als auch Boesky ließen sich schließlich auf verbotene Insidergeschäfte ein, um ihr ohnehin schon außerordentlich hohes Vermögen weiter zu steigern. Schließlich flogen sie auf und wurden zu empfindlichen Haft- und Geldstrafen verurteilt. Ihr öffentliches Ansehen war ebenfalls dahin. Solche Beispiele, dass bereits Superreiche alles aufs Spiel setzen, um noch reicher zu werden, wiederholen sich bis heute.

Nun mag der Fokus auf den Finanzmarkt sehr selektiv sein. Ein Beispiel über Leistungsdenken im Sport liefert der Segler Stuart Walker, der ein Buch über Wettkampf geschrieben hat2:

Der Sieg stellt uns nicht zufrieden – wir müssen es wieder und wieder tun. Der Geschmack des Erfolgs scheint lediglich den Appetit auf mehr anzuregen. Wenn wir verlieren, ist der Zwang überwältigend, den zukünftigen Erfolg zu suchen. Das Bedürfnis ist unwiderstehlich, am folgenden Wochenende am Rennen teilzunehmen. Wir können nicht aufhören, wenn wir vorne sind, nachdem wir gewonnen haben; und wir können sicherlich nicht aufhören, wenn wir hinten sind, nachdem wir verloren haben. Wir sind süchtig.

Leistung mit Maß statt Enhancement

Diese Beispiele sowie die vorherigen Überlegungen zur grenzenlosen Steigerung zeigen, dass zwar ein gewisses Maß geistiger Leistungsfähigkeit ein Gut ist, sofern es etwa wichtige menschliche Eigenschaften unterstützt oder überhaupt erst ermöglicht. Es kann jedoch nicht pauschal behauptet werden, dass jede Steigerung gut ist. Daher können auch die Befürworter nicht einfach behaupten, das Enhancement sei im Grunde gut, da eine geistige Leistungssteigerung prinzipiell gut sei. Ebenso deuten kulturelle Errungenschaften wie beispielsweise Gesetze zur Beschränkung von Arbeitszeiten daraufhin, dass die Gesellschaft durchaus allgemeine Begrenzungen der Leistung für nötig hält, diese im akademischen Diskurs angeführte Rechtfertigung also nicht in ihrer Allgemeinheit mit trägt.

Isabella Heuser, Professorin für Psychiatrie und Direktorin an der Charité in Berlin, die Mitglied in der siebenköpfigen Expertengruppe zum "optimierten Gehirn" war, äußerte sich in einem Radiogespräch zum Enhancement vor Kurzem wie folgt über das Leistungsideal3:

Wir beklagen immer unsere Leistungsgesellschaft, in der wir leben. Ich würde gerne mal eine Gesellschaft wissen, im Verlauf unserer Geschichte, der Menschheitsgeschichte, die nicht eine Leistungsgesellschaft war. Die Menschheit hat immer etwas leisten müssen und alle Menschen haben immer danach gestrebt, sich zu verbessern.

Auch wenn die Verteilung der Lasten innerhalb einer Gesellschaft durchaus unterschiedlich sein kann und von jedem immer eine bestimmte Form von Leistung erbracht werden musste, so darf doch bezweifelt werden, dass alle Menschen immer nach einer Verbesserung gestrebt haben und streben. Vielen dürfte es stattdessen eher darum gehen, mit ihrer vorhandenen Leistungsfähigkeit anerkannt, akzeptiert und geschätzt zu werden, als die Personen, die sie eben sind. Vielleicht ist es ein Symptom der akademischen Diskussion um das Enhancement, dass sie den Leistungsanspruch der Top-Universitäten und -Institute auf die gesamte Gesellschaft ausdehnt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich Akademiker aus Stanford, Cambridge, Harvard oder der Exzellenz-Klinik in Berlin mit diesem affirmativen Standpunkt in der Diskussion hervortun.

Das verkennt jedoch, dass immer nur die besten fünf Prozent die besten fünf Prozent sein können und die menschliche Leistungsfähigkeit unterschiedlich verteilt ist, ob mit oder ohne Enhancement. Die Frage, wie mit den individuellen Leistungsunterschieden umgegangen werden kann und muss, wird also stets bleiben. Die Standards der obersten fünf Prozent auf die gesamte Gesellschaft übertragen zu wollen, sei es im Sport, an den Universitäten oder im Berufsleben, wird den Fähigkeiten der großen Mehrzahl einfach nicht gerecht. Die Prophezeiung von Henry Greely und Kollegen, dass Enhancement zum Wohl der Einzelnen und der Gesellschaft beitragen wird, setzt vielleicht ein trauriges Szenario voraus: Dass nämlich eine Mehrzahl der Menschen zunächst mit ihrer vorhandenen Leistungsfähigkeit angesichts hoher gesellschaftlicher Ansprüche unzufrieden und unglücklich wird.

Alle sind aufgerufen

Anstatt einer Diskussion über Wirkungen und Nebenwirkungen neuer Enhancement-Präparate brauchen wir nun eine Diskussion darüber, wie viel Leistung man uns noch abverlangen darf und wann essenzielle Bestandteile eines erfüllten Lebens auf der Strecke bleiben, wenn man den Fokus zu sehr auf die geistige Leistungsfähigkeit legt. Zudem ist es fraglich, ob die Forderung nach öffentlichen Geldern zur Unterstützung der unnötigen Enhancement-Forschung angemessen ist, solange ein großer Bedarf an der nötigen Entwicklung von Therapien für ernsthafte Erkrankungen besteht.

Es ist an der Zeit, dass sich nicht nur Menschen, die selbst als Gewinner in den Top-Positionen unserer Leistungsinstitutionen sitzen, sondern auch der Rest der Gesellschaft an der Diskussion um das Enhancement beteiligt.

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