Der vermeintlich Starke ist der Schwache

10.01.2010

Für Martin van Creveld, den israelischen Militärhistoriker, stecken die mächtigsten Kriegsmaschinen der Erde in der militärischen Sackgasse

Den Wendepunkt in der modernen Kriegführung markiert laut Martin van Creveld, bekannter Militärhistoriker an der Hebräischen Universität in Jerusalem, ein singuläres Datum. Es ist der 6. August 1945. An diesem Tag flog die "Enola Gay" um sieben Uhr morgens über der japanischen Stadt Hiroshima. Gut eine Stunde später öffnete sich der Schacht des Bombers. Danach drehte das Flugzeug im Sturzflug ab. Auf der Straße oder im Sterben lagen mehr als 100.000 Menschen.

Seitdem diese Pilzwolke am Himmel erschien, stecken ausgerechnet die am besten gerüsteten und am besten ausgebildeten Streitkräfte in der Krise. Wo immer sie auch in Kampfhandlungen verstrickt sind oder wie viele sie ihrer Gegner auch eliminiert haben mögen, befinden sich die mächtigsten Kriegsmaschinen in der Defensive. Im Vorteil scheinen alle jene Verbände, die im Verborgenen operieren, den Schutz der Zivilbevölkerung genießen und sich nicht als Kombattanten zu erkennen geben.

Massenabschlachtungen

Das war vor diesem Ereignis noch anders. Wirklich in Gefahr gebracht werden konnte eine Großmacht nur von einer anderen. Noch um 1900 galt Krieg als völlig legitimes Mittel der Politik. Den Sieg trug damals in der Regel derjenige davon, der über die größten demografischen und wirtschaftlichen Ressourcen und leistungsfähigsten Waffensysteme verfügte. Umgekehrt verlor am Ende jener, der weniger oder kaum welche besaß.

Atomexplosion über Hiroshima. Bild: US Army

Hochgerüstet und mit stürmischer Begeisterung stürzten sich die Akteure in den Kampf. Vielen galt der Krieg als Abenteuer und Möglichkeit, sich zu beweisen und der eigenen Scholle kurzzeitig zu entkommen. Berühmt sind die Stellungnahmen prominenter Schreiberlinge, die ein reinigendes "Blutbad" forderten, damit die Welt von den Übeln, die sie umgeben, endlich gesäubert werde. Der Tod Hunderttausender bedeutete wenig, solange zweistellige Millionenzahlen auf den Gefechtsfeldern unterwegs waren und das Heimatland pausenlos neue Menschenmassen und Waffen lieferte.

Diese Haltung änderte sich zwar mit Beginn von WK II, doch wirklich schrecken konnten weder die zig Millionen Opfer noch die Ächtung des Krieges, die 1928 in Paris beschlossen wurde. Kaum schwiegen die Waffen, suchte man rasch wieder nach Mitteln und Wegen, es dem anderen heimzuzahlen. Zudem bot die Motorisierung zu Wasser, in der Luft und auf dem Feld, mobilere Möglichkeiten, den Stellungskrieg zu überwinden und der Offensive neuen Schwung zu geben. Der Schritt zum totalen Krieg, der sämtliche Ressourcen und Gesellschaftsglieder umfasst, sich jeder politischen Konztrolle entzieht und wahllos Opfer fordert, war nur konsequent.

An die Peripherie verlegt

Doch nicht die etwa 60 Millionen Opfer waren es, die die Großmächte zum Einhalten zwangen, sondern die Bombe. Ohne das Menetekel, das sie gebar, wäre das muntere Abschlachten nach einer kurzen Atempause wohl weitergegangen. Dessen ist sich van Creveld sicher. Das heißt aber nicht, dass im Schatten der Bombe der Krieg obsolet geworden wäre. Gewiss haben sich die Hauptakteure der Vergangenheit nicht mehr gegenseitig bekämpft. Sie haben den Krieg entweder an die Peripherie verlegt, vorwiegend in jene "geografische Sichel", die Halford J. Mackinder vor gut hundert Jahren als "Rimländer" bezeichnet hat und die vom Balkan über den Größeren Mittleren Osten bis nach Vietnam und Korea in Südostasien reicht, oder ihn nur noch gegen dritt- oder viertklassige Gegner geführt. Van Creveld errechnet die stattliche Zahl von 18 Kriegen, die die Mächtigen seitdem vor den Küsten Eurasiens geführt haben oder die es unter nachrangigen Mächten gegeben hat.

Andererseits sind die Streitkräfte der Großmächte auch stetig verkleinert worden. Trugen zum Beispiel 1945 noch ca. 12 Millionen US-Bürger eine Uniform, waren es 1991 nur mehr 1,4 Millionen, ein Rückgang von fast 90 Prozent. Gleichzeitig fiel die Zahl der Divisionen der Supermacht von 100 auf 15. Während die Jahresproduktion von Kampfflugzeugen von 100.000 auf 200 zurückging, verminderte sich die Zahl der größeren Kriegsschiffe von 2.000 auf 300.

Flankierend dazu schaffte man in allen westlichen Staaten auch die Wehrpflicht ab. Angesichts der laufenden Kosten konnte oder wollte man große Streitkräfte weder gebrauchen noch finanzieren. Auf der anderen Seite stieg dagegen der Frauenanteil, für van Creveld ein sicherer Indikator für den Bedeutungsverlust des Militärs, ebenso drastisch wie jenes Personal, das in der Verwaltung tätig war und von "netzwerkzentrierter Kriegführung" schwadronierte statt selbst an der Front zu stehen und auf den Feind zu schießen.

Kühlen der Gemüter

Deutlich wird, dass van Creveld ein Anhänger der alten Kriegskunst ist, einer der die Kampfkraft der deutschen Wehrmacht bewundert und die der Bundeswehr geringschätzt. Von der sogenannten "Revolution in Military Affairs", die unterschiedliche Technologien und Gefechtsgattungen zusammenführen will, aber auch von jenen Denkschulen, die am Bildschirm Kriegspläne entwerfen, hält er wenig. Der beste Lehrmeister im Kriegshandwerk sei der Krieg selbst, meint er.

Van Creveld ist überzeugt, dass die Drohung mit der Bombe nach wie vor demilitarisierend auf die Gesellschaft wirkt. Und das obwohl die Atomwaffen über die Jahrzehnte immer leistungsfähiger wurden und mancher Stratege anfangs noch meinte, ein Atomkrieg ließe sich "begrenzt" oder im "Erstschlag" führen. Mittlerweile habe sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass es eine zuverlässige Verteidigung gegen Nuklearwaffen nicht geben könne. Selbst George W. Bush habe es trotz manch markiger Worte über die "Achse des Bösen" nicht gewagt, gegen Nordkorea so loszuschlagen wie gegen den Irak.

Für Ohren, die von einer "atomwaffenfreien Welt" träumen, mag das starker Tobak sein. Die Behauptung, dass die Atombombe die hitzigsten Gemüter mäßigt und den Frieden sichert, ist für sie unerhört. Wie überhaupt das Buch für Pazifisten einige Zumutungen enthält. Anders als in Deutschland üblich, enthält sich der Autor nämlich jeder moralischen Stellungnahme. An keiner Stelle wird der Holocaust erwähnt oder das Leiden der Zivilbevölkerung thematisiert. Jede Moralisierung des Krieges ist ihm fremd. Auch das Aufschließen politischer Kontexte findet nicht statt. Im Mittelpunkt stehen indes strategische Pläne und die Logistik der einzelnen Armeen. Kühl, nüchtern und distanziert wird die Ästhetik des Schreckens erzählt, die von der Marneschlacht bis zum Krieg der Amerikaner im Irak reicht.

Wer gewinnt, verliert

Am Schluss steht aber denn doch noch eine Fragstellung im Vordergrund. Warum gelingt es den waffentechnologisch überlegenen Armeen nicht, hoffnungslos unterlegene Gegner zu besiegen? Warum endeten nahezu alle Kämpfe nach dem großen Krieg, gleich ob in Nordafrika oder Zentralasien, in Fernost oder im Nahen Osten, mit Niederlagen für den zahlenmäßig Stärkeren und Überlegenen? – Weil sie nicht effektiv und konsequent genug vorgingen, ist van Crevelds lapidare Antwort darauf.

Zwei Beispiele einer erfolgreichen Aufstandsbekämpfung zeigen das: der Kampf der Briten gegen die IRA in Nordirland sowie die Niederschlagung der syrischen Muslimbruderschaft Anfang der 1980er durch das Assad-Regime. Im einen Fall hätten sich die Briten trotz massiver eigener Verluste durch strikte militärische Zurückhaltung die Zustimmung der Bevölkerung gesichert; im anderen Fall hätten die Syrer durch die urplötzliche Ausübung totaler Härte die Oberhand behalten. Als wir seinerzeit darüber berichtet haben (War on Terror), brach im Forum unter den "Friedensfreunden" ein Sturm der Entrüstung und Empörung aus.

Die Tragik der Amerikaner im Irak und der Nato in Afghanistan ist oder war es, meint der Militärforscher, dass sie sich weder für das eine noch für das andere entscheiden können oder konnten. Ständig schwanken oder schwankten sie zwischen diesen beiden Modellen hin und her.

Zivile Waffen

Was van Creveld in seiner überaus beeindruckenden, am Philosophen Friedrich Nietzsche geschulten Studie über die Transformation des modernen Krieges übersieht, ist, dass Kriege seit ihrer weltweiten Ächtung mittlerweile mit "anderen Mitteln" weitergeführt werden. In seiner allernächsten Umgebung, in Ost-Jerusalem und im West-Jordanland, hätte er allerbestes Anschauungsmaterial finden können, beispielsweise dafür, wie der Krieg längst im Alltag angekommen ist, er das Leben der Menschen bestimmt und vom Frieden mittlerweile ununterscheidbar geworden ist.

Spätestens seit dem israelischen Sieg im Sechstagekrieg von 1967 kann man dort einen zwischen Israelis und Palästinensern erbittert geführten "Kampf um Lebensraum" (Geografie der Macht) beobachten, bei dem Architektur, Siedlungsbau und Verkehrssysteme zu Instrumenten und Waffen des Politischen umfunktioniert werden. Eyal Weizman, israelischer Architekt, der in London arbeitet, hat diesen "Krieg in Permanenz", schon vor Jahren kartografiert und beschrieben, ihn in Ausstellungen bebildert und damit die Dimension und Planung dieser "zivilen Okkupation" offen gelegt (Ein Laboratorium von globaler Bedeutung).

Nach und nach wurden auf palästinensischem Gebiet israelische Siedlungen auf Hügeln und Bergwipfeln wie Festungsanlagen errichtet, und zwar innerhalb palästinensischer Städte ebenso wie auch in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Geschickt nutzten die Besatzer dabei die Vorgegebenheit der Landschaft und Natur. So entstand ein Netz ziviler Trutzburgen, deren Struktur und Befestigungen eine strategisch-taktische Überwachung und Kontrolle der Landschaft von oben erlauben und nicht zufällig an Jeremy Benthams panoptische Ausrichtung intelligenter "Kontrollsysteme", die Michel Foucault in "Überwachen und Strafen" beschrieben hat.

Militärische Logik

Vater dieser hegemonialen Politik in den besetzten Gebieten ist Ariel Scharon. Der frühere israelische General und spätere Regierungschef war ein Meister in Tiefenlogik und im Operieren mit Räumen. Schon früh entwickelte er ein Bewusstsein, wie man militärisch-historisches Erfahrungswissen für zivile Projekte und Planungen nutzen konnte. Statt lineare Verteidigungslinien zu errichten, sollte fortan ein weites Netzwerk sich gegenseitig deckender Posten die Tiefe des Raums überwachen und kontrollieren.

Die israelische Siedler und Besetzer haben sich diese "Kontrollmatrix" zunutze gemacht. Seitdem vollzieht sich die schleichende Annektion des Westjordanlandes in luftigen Höhen. Was auf den ersten Blick aussieht wie zivile Planung, entspringt bei genauerer Optik einer cleveren militärischer Logik. Die Siedlungen sind nicht Zufalls- oder Nebenprodukte, sondern Mittel der Besatzung und damit des Krieges, um territoriale Kontrolle über die palästinensische Mehrheit auszuüben.

Martin van Creveld: Die Gesichter des Krieges. Der Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, Siedler: München 2009. 352 S., 22,95 Euro.

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