Der Erfolg kommt mit dem Versohlen

Thomas Pany 05.01.2010

Und aus den USA eine wissenschaftliche Untersuchung, die behauptet, dass Kinder, die gelegentlich von ihren Eltern geschlagen werden, glücklicher sind als ihre unglücklichen Altersgenossen, die derartige Erziehungsmethoden nie kennenlernen durften

D'Anni hat es schon 1979 gewusst: "...dass die Leit (Leute) dene Kinder keine mehr schmieren, ist doch ein Unfug. Manchmal könntst dene Kinder rechts und links eine reinhauen."

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Gerhard Polt, Schöpfer der Kunstfigur Anni, ist im bayerischen, erzkatholischen Wallfahrtsort Altötting aufgewachsen. Er kennt, was er karikiert. "Fast wia (wie) im richtigen Leben" hießen die legendären Fernsehausstrahlungen, die vor dreißig Jahren aus dem damals verbreiteten gesunden Menschenverstand schöpften und Alltagssätze in einem satirischen Kontext neu servierten. Eine derzeit laufende wissenschaftliche Studie scheint nun die Anni zu bestärken: "Kinder, die gelegentlich von ihren Eltern geschlagen werden, wachsen möglicherweise 'glücklicher' auf und sind 'erfolgreicher' als solche, die niemals geschlagen wurden." (Ergänzender Hinweis: In den britischen Berichten wird mehrfach das Verb "to smack" verwendet, im amerikanischen Blog und in den Orginalzitaten der Wissenschaftlerin das Verb "to spank". Eine genaue Auflistung der angewandten "Züchtigungsmethoden" ist den Berichten nicht zu entnehmen, ebensowenig die Häufigkeit, mit der sie angewandt wurden. Dass es um "gelegentliche" körperliche Bestrafungen geht, ist den Äußerungen Marjorie Gunnoes zu entnehmen).

"Positive Effekte"

Nachzulesen ist das aktuell in britischen Zeitungen, wörtlich in der Sonntagsausgabe der Times und in einem Bericht des Telegraph. Eine spontane Umfrage der australischen Zeitung AidelaideNow, die diese padägogische Erkenntnis ebenfalls vermittelte, ergab, dass 87 Prozent der Leser, die sich daran beteiligten, der Auffassung sind, dass Schläge "positive Effekte" haben können. Ein Leser der Timeskommentiert:

Eigentümlich ist, dass man es wieder sagen darf, jetzt im Jahre 2010, nach einer Pause von 25 Jahren, wo jene, die solche Ideen äußerten, häufig dafür bestraft wurden.

Die wissenschaftliche Studie, auf die sich der Kommentator und die Medienberichte stützen, stammt von Marjorie Gunnoe, einer Psychologieprofessorin am Calvin College in Grand Rapids, Michigan, spezialisiert auf "Child Development and Youth Faith Formation". Die Studie von Gunnoe ist derzeit noch nicht im Netz zu finden.

"I didn’t find that in my data."

Manches spricht dafür, dass ein Gespräch, welches die Verfasser des Newsweek-Blogs "NurtureShock" mit der Wissenschaftlerin Ende Dezember führten, den Anstoß für weitere Befragungen seitens der britischen Zeitungen gab. Dem "NurtureShock-Blog" ist zu entnehmen, dass Marjorie Gunnoe im Rahmen einer groß angelegten Bevölkerungsstudie namens "Portraits of American Life" erste Daten ausgewertet hat. Das Projekt sieht vor, dass 2.600 Personen und ihre erwachsenen Kinder in den nächsten 20 Jahren alle drei Jahre befragt werden. Gunnoe beschäftigt sich demnach mit dem ersten Datenmaterial, das Teenager erfasst. Das Besondere daran: fast ein Viertel dieser Heranwachsenden wurde nach eigenen Angaben niemals geschlagen - in früheren Zeiten stand den Forschern solche Vergleichsdaten in dieser Größe nicht zur Verfügung, die körperliche Gewaltfreiheit in der Erziehung ist ein relativ junges Phänomen.

Die Frage des "NurtureShock-Blog" an die Forscherin ist entsprechend naheliegend: Ob man aus dem jetzt vorliegenden Datenmaterial folgern könne, dass Kinder, die niemals "versohlt" wurden, langfristig besser dran sind? Die Forscherin verneint: "I didn’t find that in my data."

Ihre bisherigen Erkenntnisse, soweit sie von den genannten Medienberichten überliefert werden: Kinder, die im Alter bis sechs Jahren gelegentlich "körperlich gezüchtigt"[1] wurden, schnitten mit größerer Wahrscheinlichkeit als Teenager in der Schule besser ab, wollten eher zur Universität und engagierten sich eher in freiwilligen, "ehrenamtlichen" Tätigkeiten (volunteer work) als ihre Altersgenossen, die ohne solche Klapse, Schläge, Ohrfeigen usw. [2] erzogen wurden. Der "Erfolg" der Kinder wurde laut Newsweek-Blog in folgenden Kategorien gemessen: "academic rank, volunteer work, college aspirations, hope for the future, and confidence in their ability to earn a living when they grow up".

Ein gefährliches Erziehungsmittel

Allerdings würden die Daten und auch die Tiefeninterviews, die Gunnoe mit 179 Teenagern führte, zeigen, dass Kinder, die bis in ihre Adoleszenz-Phase hinein körperlich bestraft wurden, deutliche Verhaltensprobleme aufweisen. Kinder, die bis zum Alter zwischen sieben und elf Jahren gezüchtigt wurden, hatten "etwas schlechtere" Verhaltenswerte (so waren sie öfter in Kämpfe - "fights" - verwickelt) als die Vergleichsgruppe, die ohne solche Pädagogik aufgewachsen ist. Sie waren laut Datenmaterial aber auch mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit "akademisch erfolgreicher". Eine Auswertung, die auf Unterschiede in den Kategorien "Jungen und Mädchen" und verschiedene "ethnische Gruppen" abhob, erbrachte den Angaben nach nur "kleine Unterschiede".

Im Gespräch mit der britischen Timesbetont Gunnoe, ihre Studie zeige, dass es nur unzureichende Beweise dafür gebe, Eltern die Freiheit abzusprechen, selbst darüber zu entscheiden, wie sie ihre Kinder erziehen. Behauptungen, die gegen das Versohlen sprechen, könnten so nicht aufrechterhalten werden, sie seien nicht konsistent mit dem Datenmaterial. Gleichzeitig warnt sie aber:

Ich bin der Auffassung, dass das Hinternversohlen ein gefährliches Erziehungsmittel ist, aber es gibt Momente und Situationen, wo die Aufgabe groß genug ist für ein gefährliches Mittel. Man darf es bloß nicht für alle Aufgaben anwenden.

Sie wolle weiterforschen, inwieweit Erziehungsstile dies Muster erklären, gibt Gunnoe den Newsweek-Bloggern zu verstehen, vor allem interessiere sie, weshalb die Kinder, die niemals versohlt wurden, viel schlechter abschnitten als erwartet. Die Blogger von NurtureShock haben eine Antwort, die sie für plausibel halten. Sie geht in die Richtung, die man in jüngster Ziet öfter einschlägt: Vor allem moderne Väter hätten ihre Schwierigkeiten mit der Erziehung zu mehr Disziplin – sie wüssten nicht, wie sie konsistent und konsequent bestrafen können. Emotional unsicher, wie und wann man bestrafen soll, müssten sie "jedesmal das Rad neu erfinden, wenn sie ihr Kind maßregeln sollen".

"Zwingend" - Die Wissenschaft der guten Hirten

Marjorie Gunnoe hat übrigens bereits 1997 eine vielbeachtete Studie zur körperlichen Züchtigung von Eltern veröffentlicht: Toward a Developmental-Contextual Model of the Effects of Parental Spanking on Children's Aggression.

Damals kam sie zum Ergebnis, dass die weit verbreitete Annahme, wonach das Versohlen von Kindern diesen Aggression beibringe, "für viele Kinder anscheinend nicht begründet ist". Dies hänge vor allem vom Erziehungs-Kontext ab. Auch damals untersuchte sie verschiedenene Altersgruppen und Ethnien:

(...) spanking predicted fewer fights for children aged 4 to 7 years and for children who are black and more fights for children aged 8 to 11 years and for children who are white. Regression analyses within subgroups yielded no evidence that spanking fostered aggression in children younger than 6 years and supported claims of increased aggression for only 1 subgroup: 8- to 11-year-old white boys in single-mother families.

Die amerikanische Webseite der "Christlichen Eltern" machte sich - angelegentlich eines demgegenüber durchaus differenziert argumentierenden Artikels[3] über Gunnoes Arbeit - einen einfachen, gröberen Reim darauf:

(...) ein zwingendes Argument dafür, dass der Anstieg gewalttätigen Verhaltens Jugendlicher sich direkt proportional zum Verschwinden der körperlichen Züchtigung als elterliches Erziehungsmittel zu mehr Disziplin verhält.

Anni läßt grüßen.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31817/1.html
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