Warum Peak-Oil offiziell ignoriert wird

08.01.2010

Trotz der seit mehr als zehn Jahren intensiv geführten Fachdiskussion über den Zeitpunkt der sinkenden Erdölförderung wird das Thema politisch verdrängt oder verschwiegen

Das befürchtete Maximum der Rohölförderung sollte die Politik eigentlich längst zu Aktivitäten veranlasst haben, die einem Zusammenbruch der Erdöl-Ökonomie entgegenwirken, meinen Peak-Oil-Gläubige. Da dies nicht geschieht, rätseln sie, ob dies nun mit kognitiver Dissonanz, Ahnungslosigkeit oder einer globalen Verschwörung zu erklären sei, oder vielleicht doch damit, dass vorerst eher mit weiteren Produktionssteigerungen zu rechnen ist.

Da Wirtschaftswachstum weiterhin steigenden Ölverbrauch zur Voraussetzung hat, ist die Vorstellung eines globalen Fördermaximums, das mit "Peak-Oil" bezeichnet wird, durchaus brisant. Zwar würde selbst am Produktionsmaximum erst rund die Hälfte des weltweit vorhandenen Rohöls verbraucht sein, etwaige Verbrauchszuwächse müssten dann allerdings auf Kosten anderer Nachfrager gehen, so dass nicht nur hohe Preise, sondern wohl auch erbitterte Verteilungskämpfe zwischen konkurrierenden Verbrauchern die Folge sein würden.

Laut revidierten Zahlen der Internationalen Energie Agentur (IEA) hat die Welt 2009 jedenfalls im Schnitt täglich rund 84,4 Millionen Barrel (mb/d) Erdöl konsumiert, 2010 sollen es 85,7 mb/d werden (nach 86,6 mb/d im Jahr 2008 und 85,3 mb/d in 2007), was derzeit offenbar noch recht problemlos gefördert werden kann.

Laufen die langjährigen Verbrauchstrends aber weiter wie bisher, wäre für 2020 vor allem aufgrund des steigenden Verbrauchs in Ländern wie China und Indien ein täglicher Rohölbedarf von rund 120 mb/d zu erwarten, was die Vertreter der Peak-Oil-These schon seit Längerem in Aufregung versetzt, weil weit und breit nicht zu erkennen sei, wo diese Mengen künftig gefördert werden könnten.

Quelle: Aspo

Die IEA hat noch 2005 die Voraussage gewagt, dass 2030 ungefähr 120 mb/d gefördert werden könnten. Seither wurde die Prognose zwar in mehreren Schritten auf 105 mb/d reduziert, und IEA-Chefökonom Fatih Birol hatte vergangenen Dezember mit 2020 erstmals sogar eine offizielle IEA-Schätzung für ein Fördermaximum abgegeben. Allerdings berichtete zuvor schon der britische Guardian, dass viele IEA-Mitarbeiter das globale Fördermaximum eher bei 90 bis 95 mb/d erwarten, was jedoch aufgrund großen Drucks seitens der USA nicht offen ausgesprochen werden dürfe.

Indes hatte Christophe de Margerie, CEO des französischen Ölmultis Total SA, schon 2007 angemerkt, dass 100 mb/d nur "sehr schwierig" zu fördern wären und im Vorjahr dann sogar die Befürchtung geäußert, das globale Fördermaximum würde nicht einmal 90 mb/d erreichen – also weit entfernt von den Verbrauchsprognosen auf Zehnjahressicht. Aber obwohl wichtige Mainstream-Medien wie Time, CNN oder die Financial Times der Guardian-Geschichte einigen Platz einräumten und Öl-Insider wie ConocoPhillips CEO Jim Mulva oder John Hess von der Hess Corp die Befürchtungen des Total-Chefs bestätigten, verschwand die Geschichte schnell wieder aus den Medien.

Noch weniger gibt es offiziell Pläne irgendeiner G8-Regierung, allen voran der USA, wie diesem Problem begegnet werden könne. Das hat Shane Mulligan von der University of Waterloo zu einer Analyse veranlasst, warum dieses Thema so weitgehend ignoriert wird. Angesichts der seit mehr als zehn Jahren intensiv geführten Fachdiskussion, könne die offizielle Ignoranz kaum mit purer Ahnungslosigkeit begründet werden. Das jedenfalls nicht in den höheren politischen Rängen, denn dafür sei die Peak-Oil-Debatte schon zu weit in den Mainstream vorgedrungen, meint Mulligan, der gerade an einem Buch über die Sicherheitsaspekte von Peak-Oil schreibt. Er vermutet daher, dass viele Regierungsexperten an übermäßigem Training in neoklassischer Ökonomie leiden und schlicht davon ausgehen, dass die Marktmechanismen schon für den Ausgleich sorgen, d.h. höhere Preise zu mehr Exploration und Förderung, sowie zur Entwicklung von Substituten führen werden.

Vielleicht grassiere aber auch einfach eine Art von "kognitiver Dissonanz", welche die Administrationen weltweit davon abhalte, diesen potentiell so problematischen Bereich anzugehen, so wie viele Menschen auch nicht gerne über den eigenen Tod nachdenken. Viel lieber werde dann dem Glauben an technische Lösungen gehuldigt, die bei Bedarf schon gefunden würden. Zudem hätten Regierungen generell die Tendenz, schlechte Nachrichten zu unterdrücken.

Wem das ein wenig zu unrealistisch erscheint, dem bietet Mulligan die These, dass etwa die US-Regierung ohnehin Bescheid wisse, das aber einfach nicht bekanntgeben wolle. Und er zitiert David Fridley, einen früheren Kollegen von US-Energieminister Steven Chu, damit, dass "der Minister alles über Peak-Oil weiß. Er kann nur nicht darüber sprechen, weil sonst die Wall Street crashen würde." Sadad al-Husseini, ein früherer Vizepräsident des saudischen Ölgiganten Aramco, bestätigte jüngst, dass "diejenigen, die offiziell nicht darüber sprechen, die Öffentlichkeit eben nicht mit der Wahrheit konfrontieren und beunruhigen wollen. Nur, dass die Öffentlichkeit dann auch nicht bereit sein wird, die notwendigen Maßnahmen zu unterstützen."

Sollte das der Fall sein, würden laut Mulligan tatsächlich die US-Energieagentur EIA und die internationale IEA mit ihrem vor allem von neoklassischen Ökonomen verfassten World Energy Outlook (WEO) den Hauptanteil an der angeblichen Vertuschung zu verantworten haben. Denn seit jeher verbreitet der WEO, an dem sich die meisten Regierungen, Kolumnisten und Wall Street-Analysten orientieren, die durchaus rosige Prognose, dass sich die Energiezukunft kaum von der Vergangenheit unterscheiden werde.

Dass aber Georg W. Busch und Dick Cheney sich nicht ausgiebig mit dem Peak-Oil-Problem auseinander gesetzt hätten, wird ohnehin niemand ernsthaft vermuten. Und diese hätten auch jeden Grund, ihre geostrategischen Pläne zu verheimlichen. Denn angesichts dessen, dass in Afghanistan jetzt unter US-Führung die Pipeline gebaut wird, für die einst Präsident Karsei im unterlegenen US-Verhandlungsteam saß, und amerikanische Ölkonzerne nun das irakische Öl ausbeuten, ist evident, dass es bei ihren Kriegen um Öl gegangen ist und nicht um die von ihnen nachweislich selbst erfundenen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins oder einen Krieg gegen den Terror.

Gründe für die unsicheren Schätzungen der Ressourcen

Warum die Daten zu den Reserven generell derart unsicher erscheinen, dafür nennt Colin J. Campbell, Gründer und Ehrenpräsident der Association for the Study of Peak Oil & Gas (Aspo), vor allem zwei Gründe. So werden die Förderquoten der OPEC-Mitgliedsstaaten anhand der jeweils nachgewiesenen Reserven zugeteilt, was die Förderländer in Zeiten des Überflusses stark dazu motiviert, ihre Reserven zu übertreiben. Auf der anderen Seite werden die börsenotierten Ölgesellschaften von der US-Börsenaufsicht dazu verpflichtet, ja nicht zu hohe Reserven auszuweisen, so dass sie sich erst nach und nach zu realistischen Angaben durchringen würden. Zudem werden die "Reserven" von den Ökonomen grundsätzlich danach bemessen, wie viel zum aktuellen Preisniveau wirtschaftlich sinnvoll gefördert werden kann. Mit jedem Preisanstieg steigen also auch die Reserven, was dann immer wieder zur Beruhigung beiträgt. Allerdings ist bei allen Unsicherheiten bezüglich künftiger Funde oder alternativer Quellen wie Ölsande schon heute klar, dass die physisch förderbaren Mengen absehbaren Limits unterliegen, die weder von den Ökonomen noch von der Wall Street hinausgeschoben werden können.

Campbell, der bereits 1998 gemeinsam mit Jean Laherrère in Scientific American den maßgeblichen Artikel "The End of Cheap Oil" veröffentlicht hat, glaubt jedenfalls nicht an eine "Great Conspiracy", beobachtet aber, dass sich Unternehmen und Politik hinter den Kulissen bereits auf das Unvermeidliche vorbereiten: "Die Ölkonzerne verkaufen ihre zweitklassigen Raffinerien, weil sie annehmen, dass künftig nicht mehr genug Bedarf an Raffineriekapazitäten vorhanden sein wird. Und auch die Luftfahrtindustrie, die von billigem Öl abhängig ist, ändert sich gerade radikal. Nur will niemand offen darüber reden." Campbell sieht heute seine 1998 gemachte Prognose bestätigt, dass die konventionelle Produktion bereits 2005 ihr Maximum erreicht habe und seither unkonventionelle und wesentlich teurere Quellen den Abgang ausgleichen müssen. Er erwartet allerdings dennoch, dass der absolute Peak-Oil in diesem Jahr erreicht werde und tippt auf rund 87 mb/d.

Ob es weitere Steigerungen geben wird, hängt jedenfalls davon ab, ob schneller neue Felder operativ werden, als alte zur Neige gehen. Klar ist, dass von den traditionellen westlichen Förderländern weder die USA, deren Peak 1970 erreicht wurde, noch Norwegen (Peak: 2001) oder Großbritannien (Peak: 1999) Produktionssteigerungen erwarten lassen. Diese könnten mittelfristig vor allem in Ländern erfolgen, wo in den vergangenen Jahren wenig investiert wurde, wie in Venezuela, Russland, Nigeria oder im Iran, nur müssten dort zuerst die Investitionen ansteigen. Mit großer Sicherheit wird die Förderung kurzfristig jedenfalls in Angola und in Kasachstan weiter zunehmen, die ihre Fördermengen schon in den letzten Jahren drastisch steigern konnten. Viel wird auch davon abhängen, wie schnell die im Vorjahr versteigerten irakischen Bohrlizenzen operativ werden und wie leistungsfähig die in brasilianischen Gewässern entdeckten anscheinend sehr großen Felder und die neuen Funde in der US-amerikanischen Tiefsee tatsächlich sind.

Bleibt die Frage, ob diese zusätzlichen Fördermengen groß genug sind um die Rückgänge bei den derzeit größten aktiven Feldern auszugleichen. Denn während Mexikos größtes Ölfeld inzwischen weniger als die Hälfte von 2005 produziert und bereits vermutet wird, dass das Land schon nächstes Jahr nicht mehr zu den Ölexporteuren zählt, gibt es auch große Zweifel an der weiteren Leistungsfähigkeit von großen Feldern in Saudi Arabien und in Kuwait, die beide offiziell behaupten, die Fördermengen jederzeit erheblich ausweiten zu können.

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