Die Folgen der Schweinegrippe

09.01.2010

Die von der WHO ausgerufene Pandemie verlief bislang relativ harmlos, die Länder bleiben auf den bestellten Impfstoffen sitzen

Erfreuliche Nachrichten hat zu Jahresbeginn das Schweizer Bundesamt für Gesundheit zu vermelden. Die Schweinegrippe ist dort am Abklingen. Die Pandemiewelle dürfte in zwei bis vier Wochen vorbei sein. Die bisherigen Erkrankungen sind in der überwiegenden Mehrheit in einer sehr milden Version aufgetreten. Dieser Befund lässt sich auf Deutschland und die meisten anderen europäischen Länder übertragen.

Das Deutsche Ärzteblatt hat die internationalen Folgen der Schweinegrippe in Zahlen gefasst. Danach stand Deutschland mit 132 Toten unter den Ländern mit einer vergleichbaren Größe eher an der unteren Stelle. Ein Großteil der Betroffenen starb an einer Kombination von verschiedenen Krankheiten, so dass die Schweinegruppe nicht die alleinige Todesursache war. Wenn man dagegen vergleicht, wie viele Menschen an Krebs oder Herz-Kreislaufleiden sterben, muss man sich schon über die besondere Aufmerksamkeit wundern, die der Schweinegrippe in den Medien gewidmet wurde.

Zur Erinnerung: Vor knapp 6 Monaten waren Bilder aus Mexiko über die Bildschirme geflimmert, als wegen der Schweinegrippe für mehrere Tage das gesamte öffentliche Leben gelähmt war. Ein Großteil der Medienberichte musste die Frage provozieren, ob solche Bilder auch bald in Europa zu sehen sein könnten. Erinnerungen an die große Grippeepidemie des Jahres 1918 mit einer Vielzahl von Toten wurden geweckt, die allerdings schon seit Jahren beschworen wurden, als vor der nächsten schweren Grippepandemie gewarnt wurde, die längst überfällig sei.

Nun, wo vom Ende der Schweinegrippe die Rede ist, überwiegt in den Medien nicht etwa die Zufriedenheit über den medizinischen Fortschritt und die gestiegenen Lebensverhältnisse. Das waren wohl die wesentliche Faktoren, die dafür sorgten, dass die Grippewelle bisher glimpflicher als befürchtet verlief, wie der Göttinger Mediziner Michael Kochen noch einmal betont. Er hielt es, wie andere Experten auch (Wie tödlich wäre eine Grippe-Pandemie wie die von 1918?), schon vor Monaten für hanebüchen, die Schweinegrippe mit der Spanischen Grippe von 1918 zu vergleichen. Denn damals sei der Erreger überwiegend auf Menschen in ärmlichen und hygienisch unzureichenden Lebensverhältnissen gestoßen. Es habe keine Antibiotika zur Behandlung bakterieller Komplikationen gegeben. Stattdessen sei den Kranken damals eine Therapie empfohlen worden, die bei vielen Patienten zu einem Lungenödem führte. Die Patienten seien "regelrecht erstickt".

Nun ist es durchaus nicht so, dass die Verhältnisse von 1918 überall auf der Welt der Vergangenheit angehören. Krankheiten wie die Schweinegrippe fordern in Afrika, Asien und Lateinamerika noch immer mehr Opfer, vor allem bei der armen Bevölkerung, die sich keine gute Ernährung und keine adäquate Medizin leisten kann. Auch in Deutschland sind die Opfer der Schweinegrippe eher unter der ärmeren Bevölkerung zu finden. Der Verlauf der Schweinegrippe beweist einmal mehr, dass es gesellschaftliche Verhältnisse wie Armut und damit verbundene schlechte Ernährung sind, die diese eigentlich beherrschbaren Krankheiten zur tödlichen Pandemie werden lassen können. Doch wenn man dieser Tage die Medien verfolgt, spielen diese Aspekte kaum eine Rolle. Fast hat man den Eindruck, es werde bedauert, dass die als möglich gehaltene Pandemiewelle mit Tausenden von Toten nicht eingetreten ist.

Wer soll das bezahlen?

Im Januar 2010 wird in der medialen Öffentlichkeit ausgiebig über die Frage gestritten, wer für die ca. 400 Millionen Euro aufkommen soll, die für das Impfserum ausgegeben wurden. Der Pharmakonzern GlaxoSmithKline hat Entgegenkommen signalisiert. Er will den Bundesländern möglicherweise eine geringere Abnahmemenge des Schweinegrippe-Impfstoffs Pandemrix gestatten.

Die Gründe für den geringeren Bedarf liegen unter Anderem daran, dass anders als zunächst vermutet, eine einmalige Impfung zur Immunisierung ausreicht. Außerdem blieb ein Großteil der Bevölkerung den zahlreichen Aufforderungen zur Impfung gegenüber resistent, da man die Warnungen auch im Hinblick auf die Erfahrung mit der Hysterie gegenüber der Vogelgrippe als übertrieben empfand. Zahlreiche Experten unterstützten diese Zurückhaltung.

Angesichts der Tatsache, dass vor einigen Monaten noch vor einen Engpass bei dem Impfstoff gewarnt wurde, könnte man eigentlich von einer positiven Entwicklung sprechen. Es ist gelungen, in kurzer Zeit die nötigen medizinischen Mittel zur Verfügung zu stellen. Jeder, der sich impfen lassen wollte und will, kann versorgt werden. Das dürfte eigentlich wenig Grund zu Kritik bieten. Auch das Lamento über die hohen Kosten ist schwer verständlich. Warum soll sich ein Staat wie Deutschland einen optimalen Impfschutz der Bevölkerung nicht 400 Millionen Euro kosten lassen? Werden nicht viel höhere Beträge in wesentlich weniger menschenfreundliche Rüstungsgüter investiert? In diesem Fall ist eine solche breite öffentliche Diskussion über die Kosten nicht zu vernehmen.

Dr. Flu im Interessenkonflikt?

Manche Zeitgenossen, die sich für besonders kritisch halten, finden es infam, dass auch das Serum im Kapitalismus eine Ware ist und geschäftliche Interessen auch in dieser Frage nicht ausgeblendet werden können. So ist der holländische Virologe Albert Osterhaus von der Rotterdamer Erasmus-Universität in die Kritik geraten. Dem Chefberater der Weltgesundheitsorganisation mit dem Spitznamen Dr. Flu wird vorgeworfen, mit seinen Warnungen vor einer Pandemie Lobbyarbeit in eigener Sache gemacht zu haben. Osterhaus soll verschiedene Pharmakonzerne beraten. Mit einer möglichen Interessenkollision beschäftigt sich die zweite Kammer des holländischen Parlaments.

Transparenz wäre hier, genau so wie bei allen anderen Verflechtungen von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, sehr wünschenswert. Allerdings wäre es falsch, nun den Mediendiskurs über die Schweinegrippe verschwörungstheoretisch als Inszenierung der Pharmaindustrie zu qualifizieren. Es wäre geradezu absurd, mit dem Argument, auch an der Produktion des Impfstoffes wird Profit gemacht, für einen Verzicht auf das Serum zu plädieren. Mit den gleichen Argumenten könnte man auch die Produktion lebenswichtiger Medikamente einstellen.

Gesundheit für Alle

Dabei könnten Diskurs und bisheriger Verlauf der Schweinegrippe ganz andere Schlussfolgerungen nahelegen. Es sind von Menschen und Interessengruppen gemachte Verhältnisse, die dafür sorgen, dass noch immer viele Menschen, vor allem außerhalb Europas, an Krankheiten sterben, gegen die es längt Medikamente oder Impfstoff gibt. Zudem stellt sich die Frage, warum man in Deutschland der Bekämpfung von Herz- Kreislauferkrankungen, an denen so viele Menschen sterben, nicht genauso viel Aufmerksamkeit wie in den letzten Monaten der Schweinegrippe widmet. Auch diese Krankheiten sind beherrschbar.

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