Sollbruchstellen eines neuen Staates

11.01.2010

Im Südsudan verschärft sich der Konflikt zwischen Nuer und Dinka

Die Hoffnung, dass sich der Süden des Sudan nach der faktischen Trennung vom islamischen Norden friedlich entwickelt, scheint sich nicht zu erfüllen: Denn auch dort leben verschiedene Volksgruppen, die sich nun neue Auseinandersetzungen um Ressourcen liefern. Bei einem Angriff von Nuer-Kriegern auf Angehörige der Dinka-Volksgruppe im Bundesstaat Warab gab es einem BBC-Korrespondenten zufolge über 140 Tote und 90 Verletzte. Weil die Nuer den Dinka angeblich auch 30.000 Rinder stahlen, droht den Überfallenen außerdem Hunger.

Der Überfall war allerdings nicht der erste und nicht der einzige: Zehn Hilfsorganisationen, die den UN-Sicherheitsrat in der letzten Woche mit dem gemeinsamen Papier Rescuing the Peace in Southern Sudan davor warnten, dass der Konflikt zwischen Nuer und Dinka in einen neuen Krieg ausarten könnte, sprechen von etwa 350.000 Vertriebenen und über 2.500 Toten im letzten Jahr - mehr als in der westlichen Krisenprovinz Darfur. Die Einrichtungen sehen in den für April angesetzten Wahlen und in dem für 2011 geplanten Referendum über die völlige Unabhängigkeit des Gebiets Termine, an denen die Gewalt zwischen den Volksgruppen eskalieren könnte. 2005 hatten sich die sudanesische Regierung und die SPLA-Rebellen nach zwei insgesamt fast 40 Jahre lang währenden Sezessionskriegen auf dieses Unabhängigkeitsreferendum geeinigt.

Dass sich in ihm eine Mehrheit für die vollständige Souveränität entscheidet, gilt als wahrscheinlich. Unabhängig von der (vor allem in der Erdölregion Abyei) auch nach dem Haager Schiedsspruch strittigen Grenzziehung hätte freilich auch der neue Staat Südsudan mehrere Sollbruchstellen: Darunter die Araber im Osten und Westen, die sich wahrscheinlich nur so lange damit abfinden werden, nicht mehr das Herrenvolk im Lande zu sein, wie sie von der neuen Regierung in Ruhe gelassen werden. Und die Erbfeindschaft zwischen Dinka und Nuer, die sich sogar in den Mythen der beiden Völker findet.

Dabei sprechen beide eine nilotische Sprache und sind Rinderzüchter. Aus dieser ökonomischen Gemeinsamkeit ergibt sich allerdings gerade der Konflikt um Ressourcen. In beiden Völkern dreht sich nicht nur das wirtschaftliche Leben um den Rinderbesitz, sondern die gesamte Kultur - inklusive der Religion. Dazu, inwieweit diese durch das Christentum abgelöst wurde, gibt es extrem unterschiedliche Angaben, die zum Teil daraus resultieren, dass praktisch keine gesicherten Kenntnisse über die Bevölkerungszahlen vorliegen. Festzustehen scheint lediglich, dass es mehr Dinka als Nuer gibt.

1983, zu Anfang des zweiten Sezessionskrieges, kämpften beide Volksgruppen gemeinsam gegen die Araber. Das Bündnis hielt jedoch nur bis zum 28. August 1991, als sich der Nuer Riek Machar vom Dinka John Garang lossagte. Kurz darauf sollen Machars Truppen die Bor-Region, aus der Garang stammte, überfallen, Dörfer niedergebrannt, Rinder geraubt und zahlreiche Dinka getötet haben. Einer daraus resultierenden Hungersnot sollen tausende Menschen zum Opfer gefallen sein. In der ebenfalls in der Provinz Dschunqali gelegenen und von Dinka besiedelten Region Kongor kam es angeblich zu ähnlichen Vorfällen, die Machar mit von der Zentralregierung gelieferten Waffen durchführte.

Blutiger war der Konflikt im Vergleich zu seinen historischen Vorgängern aber auch deshalb, weil Zahlungen der als Bürgerkriegsflüchtlinge in westliche Länder übergesiedelten Dinka und Nuer zum Kauf von Waffen und Munition verwendet wurden. Sharon Hutchinson, die in den 1990ern eine Aktualisierung der ethnologischen Kenntnisse über die Nuer durchführte, stellte fest, dass dort Waffen vielfach symbolische und rituelle Rollen zukamen, die früher von Rindern eingenommen wurden. Ein anderer Grund für die Grausamkeiten soll sein, dass Dinka nur beim Töten mit dem Speer den Geist des Opfers fürchten, nicht jedoch mit Feuerwaffen.

Im Juni 1998 kam es schließlich zu Volksgruppenvertreterverhandlungen im kenianischen Lokichoggio und anschließend zu einer Friedenskonferenz in Bahr al-Ghazal, die mit dem sogenannten Wunlit Agreement endete, das die Kampfhandlungen unterbrach, ohne die Feindschaft zwischen beiden Völkern zu beseitigen. Als der SPLA-Führer John Garang sieben Jahre später starb, waren Nuer bei den Trauerfeierlichkeiten explizit ausgeschlossen.1 Bereits im Jahr darauf, als die Nuer-Einheiten im Zuge des Friedensabkommens zwischen der SPLA und der Zentralregierung aufgelöst werden sollten, kam es angeblich zu Rinderschlachtungen durch die Entwaffnungskommandos, worauf hin sich die Weiße Armee der Lou Nuer gründete, eine Mischung aus Miliz und Jugendbande. Sie griff im Januar 2006 Dinka-dominierte SPLA-Einheiten an, was einen viermonatigen neuen Krieg zur Folge hatte, in dem bis zur Vernichtung der Weißen Armee mehrere hundert Soldaten, 1.200 Nuer-Milizionäre und 200 Zivilisten starben.

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