Der stille Amerikaner

11.01.2010

Die US-Amerikaner sind Idealisten, wollen allen, von denen sie kaum etwas wissen, die Erlösung bringen und verursachen dadurch schreckliche Katastrophen wie im Irak, in Afghanistan und nun vielleicht auch im Jemen

Der stille Amerikaner war der Held in Graham Greenes Novelle über den ersten Vietnamkrieg, der von den Franzosen ausgefochten wurde. Er war ein junger und naiver Amerikaner, Sohn eines Professors, der eine gute Ausbildung an der Harvard-Universität bekommen hatte und ein Idealist mit den besten Absichten war. Als er nach Vietnam gesandt wurde, wollte er den Einheimischen helfen, die beiden Übel zu überwinden, die er sah: den französischen Kolonialismus und den Kommunismus. Während er absolut nichts über das Land wusste, in dem er agierte, verursachte er eine Katastrophe. Das Buch endet mit einem Massaker, das Ergebnis seiner törichten Bemühungen. Er veranschaulicht das alte Sprichwort: "Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert."

Seitdem dieses Buch geschrieben wurde, sind 54 Jahre vergangen, aber es scheint, dass der stille Amerikaner sich kein bisschen verändert hat. Er ist noch immer ein Idealist (wenigstens seiner eigenen Ansicht nach), noch immer möchte er Fremden und weit entfernten Völkern, über die er nichts weiß, die Erlösung bringen; noch immer verursacht er schreckliche Katastrophen: im Irak, in Afghanistan und jetzt anscheinend im Jemen.

Das irakische Beispiel ist das einfachste. Der amerikanische Soldat wurde dorthin geschickt, um das tyrannische Regime Saddam Husseins zu stürzen. Da gab es natürlich auch noch einige weniger altruistische Ziele, wie z.B. die Kontrolle über die irakischen Ölreserven und die Etablierung einer amerikanischen Garnison mitten in die nahöstlichen Ölreichtümer. Aber für die amerikanische Öffentlichkeit wurde das Abenteuer als ein idealistisches Unternehmen dargestellt: den Sturz eines blutigen Diktators, der die Welt mit Atombomben bedroht.

Das war vor sechs Jahren, und der Krieg geht noch weiter. Barack Obama, der von Anfang an gegen den Krieg war, versprach, die Amerikaner von dort abzuziehen. Mittlerweile ist trotz all dem Reden kein Ende des Krieges in Sicht.

Warum? Weil die wirklichen Entscheidungsträger in Washington keine Ahnung von dem Land haben, das sie befreien und ihm helfen wollen, danach glücklich zu leben.

Der Irak war von Anfang an ein künstlicher Staat. Die britischen Herren setzten mehrere ottomanische Provinzen nach ihren eigenen kolonialen Interessen zusammen. Sie krönten einen sunnitischen arabischen König über die Kurden, die keine Araber sind, und über die Schiiten, die keine Sunniten sind. Nur eine Folge von Diktatoren, jeder von ihnen brutaler als sein Vorgänger, verhinderte, dass der Staat auseinander fiel.

Die Planer in Washington waren nicht an der Geschichte, der Demographie oder Geographie des Landes interessiert, das sie mit brutaler Macht überfielen. Für sie war es ganz einfach: man muss zunächst den Tyrannen stürzen, demokratische Institutionen nach dem amerikanischen Modell errichten, freie Wahlen durchführen, und alles andere wird von alleine kommen.

Im Gegensatz zu ihren Erwartungen wurden sie nicht mit Blumen empfangen. Noch entdeckten sie Saddams schreckliche Atombombe. Wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, zerschlugen sie alles, zerstörten das Land und versanken in einem Morast.

Nach Jahren blutiger militärischer Operationen, die zu nichts führten, fanden sie eine vorübergehende Medizin. Zur Hölle mit dem Idealismus, zur Hölle mit idealistischen Zielen, zur Hölle mit allen militärischen Doktrinen – sie kaufen jetzt einfach die Stammeshäuptlinge, die die Realität des Irak darstellen.

Der stille Amerikaner hat keine Ahnung, wie man da herauskommt. Er weiß nur, wenn er es tut, wird das Land nach gegenseitigen Massakern auseinanderbrechen.

Im afghanischen Sumpf

Zwei Jahre bevor die Amerikaner in den irakischen Morast gerieten, landeten sie im afghanischen Sumpf. Warum? Weil eine Organisation, die sich Al-Qaida (die Basis) nennt, Verantwortung für die Zerstörung der Zwillingstürme in New York übernommen hat. Al-Qaidas Führer waren in Afghanistan, ihre Trainingslager waren dort. Für die Amerikaner war alles klar – da war kein zweiter Gedanke nötig.

Wenn sie nur einige Kenntnisse über das Land gehabt hätten, in das sie einfallen wollten, hätten sie vielleicht gezögert. Afghanistan war für Invasoren immer ein Friedhof. Mächtige Reiche sind von dort schon mit eingezogenem Schwanz wieder abgezogen. Anders als der flache Irak ist Afghanistan ein gebirgiges Land, ein Paradies auch für Guerillas. Es ist die Heimat mehrerer verschiedener Völker und unzähliger Stämme, von denen jeder seine Unabhängigkeit sehr eifersüchtig verteidigt.

Die Planer in Washington waren nicht wirklich daran interessiert. Für sie scheinen alle Länder gleich und auch alle Gesellschaften. Auch in Afghanistan sollte eine Demokratie im Stile der USA aufgebaut werden, freie und faire Wahlen müssen gehalten werden - und hoppla – alles andere wird dann von selbst kommen.

Der Elefant betrat, ohne anzuklopfen, den Laden und erreichte einen überwältigenden Sieg. Die Luftwaffe bombardierte, die Armee eroberte das Land ohne Probleme, al-Qaida verschwand wie ein Geist, die Taliban (religiöse Studenten) liefen weg. Die Frauen konnten in den Straßen wieder ohne Kopftuch erscheinen, die Mädchen konnten zur Schule gehen, die Opiumfelder blühten und gediehen wieder – und Washingtons Marionetten in Kabul auch.

Doch der Krieg ging weiter, Jahr um Jahr, die Zahl der toten Amerikaner wuchs. Wozu? Keiner weiß es. Der Krieg ist anscheinend zu einer unabhängigen Sache geworden, ohne Ziel, ohne Grund. Ein Amerikaner könnte sehr wohl fragen: Was zum Teufel tun wir dort?

Kampf gegen den internationalen Terrorismus

Das unmittelbare Ziel, die Vertreibung der al-Qaida aus Afghanistan ist offensichtlich gelungen. Al-Qaida ist nicht mehr dort – wenn sie überhaupt jemals dort war?

Ich schrieb einmal, al-Qaida sei eine amerikanische Erfindung, und Osama Bin-Laden sei von Hollywood für diese Rolle geschickt worden. Er ist einfach zu gut für diese Rolle, um wahr zu sein.

Das war natürlich eine Übertreibung. Aber nicht ganz. Die USA benötigen immer einen weltweiten Feind. In der Vergangenheit war es der internationale Kommunismus, dessen Agenten hinter jedem Baum und unter jeder Steinplatte lauerte. Aber leider sind die Sowjetunion und ihre Trabanten zusammengebrochen; nun war ein neuer Feind nötig, um die Lücke zu schließen. Er wurde in Gestalt des weltweiten Dschihad der al-Qaida gefunden. Das Vernichten des "Weltterrorismus" wurde zum wichtigsten amerikanischen Ziel.

Dieses Ziel ist Unsinn. Terrorismus ist nichts anderes als ein Instrument des Krieges. Er wird von Organisationen verwendet, die sich sehr von einander unterscheiden, die in sehr verschiedenen Ländern und für sehr verschiedene Ziele kämpfen. Ein Krieg gegen "Internationalen Terror" ist wie ein Krieg gegen "Internationale Artillerie" oder gegen eine "Internationale Flotte".

Eine über die ganze Welt verbreitete Bewegung von Osama Bin Laden angeführt, gibt es gar nicht. Dank der Amerikaner ist al-Qaida ein Prestigewarenzeichen auf dem Guerillamarkt geworden, etwa wie McDonald's und Armani in der Welt des Fast Food und der Mode. Jede militante islamische Organisation kann sich den Namen aneignen, sogar ohne Lizenz von Bin Laden.

Amerikanische Klientelregime, die alle ihre lokalen Feinde als Kommunisten brandmarkten, um sich die Hilfe ihrer Patrone zu beschaffen, brandmarken sie jetzt als "Al-Qaida-Terroristen"

Keiner weiß, wo Bin Laden ist – falls er überhaupt noch lebt -, und es gibt keinen Beweis für seine Existenz. Einige glauben, er sei im benachbarten Pakistan. Und selbst wenn er sich in Afghanistan versteckt – gibt es eine Rechtfertigung, einen Krieg zu führen und Tausende von Menschen zu töten, um eine Person zu jagen?

Einige sagen: OK, wenn es keinen Bin Laden gibt, dann müssen wir verhindern, dass die Taliban zurückkommen.

Warum, um Gottes Willen? Was für eine Sache ist es, für die USA zu bestimmen, wer in Afghanistan herrscht? Man kann religiöse Fanatiker im allgemeinen verabscheuen und die Taliban im besonderen. Aber ist das ein Grund für einen unendlichen Krieg?

Wenn die Afghanen selbst die Taliban vor den Drogendealern, die in Kabul an der Macht sind, bevorzugen, dann ist das ihre Sache. Es scheint, dass dies so ist, da die Taliban den größten Teil des Landes wieder unter Kontrolle haben. Das ist kein guter Grund für einen Krieg im Vietnamstil.

Aber wie kommt man da raus? Obama weiß es nicht. Während der Wahlkampagne versprach er es mit der Leichtherzigkeit eines Kandidaten, den Krieg dort zu erweitern als eine Kompensation für das Verlassen des Irak. Jetzt steckt er an beiden Orten fest – und in naher Zukunft kann er auch in einem dritten Krieg feststecken.

Jemen – ein zweites Afghanistan, ein drittes Vietnam?

Während der letzten paar Tage tauchte der Name Jemen immer öfter auf. Der Elefant steht in den Startlöchern, um einen andern Laden zu betreten. Und auch dieses Mal wird er sich nicht um das Porzellan kümmern.

Ich weiß sehr wenig über den Jemen, aber genug, um zu verstehen, dass nur ein Wahnsinniger es wünschen würde, dort aufgesaugt zu werden. Auch der Jemen ist ein künstlicher Staat, aus zwei verschiedenen Teilen zusammengesetzt: das Land von Sanaa im Norden und der (früher britische) Süden. Der größte Teil des Landes ist gebirgig, der von kriegerischen Stämmen beherrscht wird, die ihre Unabhängigkeit schützen. Wie Afghanistan ist es eine ideale Region für Guerilla-Kriegsführung.

Auch dort gibt es eine Organisation, die den grandiosen Namen "Al-Qaida der arabischen Halbinsel" angenommen hat (nachdem sich die jemenitischen Militanten mit ihren Saudi-Brüdern vereinigt haben). Aber ihre Führer sind viel weniger an der Weltrevolution interessiert als an den Intrigen und Schlachten der Stämme unter einander und gegen die "Zentral"-Regierung, eine Realität mit einer Geschichte von Tausenden von Jahren. Nur ein vollkommen Verrückter wird seinen Kopf dort hineinstecken.

Der Name Jemen bedeutet "Land auf der Rechten"-Seite (wenn man von Mekka, vom Westen aus schaut, liegt der Jemen auf der rechten Seite und Syrien auf der linken Seite. Die rechte Seite suggeriert auch Glück. Und der Name Jemen (Jaman auf Arabisch) ist verbunden mit dem Wort al-Yamana, ein arabisches Wort für Glücklichsein. Die Römer nannten es Arabia felix ("Glückliches Arabien"), weil es durch Handel mit Gewürzen reich geworden war. (Obama könnte daran interessiert sein, von einem anderen Führer einer Großmacht zu hören: Caesar Augustus versuchte einmal, den Jemen zu überfallen und wurde dabei vernichtend geschlagen.)

Wenn der stille Amerikaner in seiner üblichen Mischung von Idealismus und Ignoranz entscheidet, Demokratie und all die anderen guten Dinge dorthin zu bringen, würde das das Ende dieses Glückes dort bedeuten. Die Amerikaner werden in noch einem Morast versinken, Zehntausende werden getötet werden, und alles wird in einer Katastrophe enden.

Es könnte wohl sein, dass das Problem unter anderem in der Architektur Washingtons liegt.

Diese Stadt ist voll riesiger Gebäude, voller Ministerien und anderer Büros der einzigen Supermacht der Welt. Die Leute, die dort arbeiten, fühlen die ungeheure Macht des Weltreiches. Sie schauen auf die Stammesführer Afghanistans und des Jemen wie ein Nashorn auf die Ameisen, die zwischen seinen Füßen herumkrabbeln. Das Nashorn läuft über sie hinweg, ohne sie zu bemerken. Doch die Ameisen überleben.

Der stille Amerikaner ähnelt Mephisto in Goethes Faust, der sich selbst als die Kraft definiert, die "immer das Böse will und stets das Gute schafft" – aber umgekehrt.

Uri Avnery ist Gründer der Friedensbewegung Gush Shalom. Der langjährige Knesset-Abgeordnete Avnery, 1923 in Beckum geboren und 1933 nach Palästina ausgewandert, gehört seit Jahrzehnten zu den profiliertesten Personen der israelischen Politik. Er ist durch seine kämpferisch-kritische Begleitung der offiziellen israelischen Regierungspolitik weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt geworden. Für sein Engagement für den Frieden im Nahen Osten sind ihm zahlreiche Auszeichnungen zuerkannt worden.

Aus dem Englischen übersetzt von Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.

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