Fliegende Kameras für Europas Polizeien

13.01.2010

Neues Dokument gibt tiefere Einblicke in das EU-Sicherheitsforschungsprojekt INDECT

Seit 2007 forschen europäische Unternehmen, Polizeien und Wissenschaftler gemeinsam an neuen technischen Möglichkeiten zur Rundum-Überwachung der Bevölkerung (Allround-System für europäische Homeland Security). INDECT, eines der 45 Programme des europäischen Sicherheitsforschungsprogramms ESRIF, kann getrost als das am weitesten gehende Projekt bezeichnet werden. In 10 "Work Packages" wird versucht, ein umfangreiches Set an Software, Hardware und Überwachungstechnik zu entwickeln und aufeinander abzustimmen. Ziel der Machbarkeitsstudie ist die Entwicklung einer arbeitsfähigen Plattform bis 2013, gefolgt von Investitionsplänen und Studien zur Implementierung in die alltägliche Polizeiarbeit. Ein neues Dokument umreißt nun konkretere Vorhaben innerhalb von INDECT.

"Work Package 3" etwa widmet sich "kriminellen Aktivitäten" im Internet und will eine ganze Reihe von Werkzeugen entwickeln, die öffentlich zugängliche Webseiten, Diskussionsforen und Social Networks auf "Verbindungen unter Verdächtigen" durchsuchen sollen. "Work Package 4" wiederum forscht an Anwendungen zur Suche nach "kriminellen Spuren" im Internet und Speicherung inkriminierter Daten zur weiteren Analyse. Hierzu soll Software mit "künstlicher Intelligenz" aushelfen, um Datensätze in verdächtig oder unverdächtig zu klassifizieren. Auffällige Informationen werden "zur Analyse geschickt" und anschließend dem "Endnutzer" in "leicht lesbarer Form zur weiteren Bearbeitung oder polizeilichen Ermittlungen" überstellt. "Endnutzer" der Ergebnisse von INDECT sind unter anderem die beteiligten Polizeien, darunter womöglich auch das deutsche Bundeskriminalamt, und in einem späteren Stadium sämtliche Polizeien der EU.

Grafik: Indect

Schwarm-Intelligenz für "Polizeibeamte der Zukunft"

Ein neues Dokument der INDECT-Macher umreißt auch die Ziele des "Work Package 2", das ein mobiles städtisches Überwachungssystem ("Mobile Urban Observation System") bereitstellen soll, für das auch fliegende Kameras zum Einsatz kommen. Diese mit Lithium-Polymer-Batterien betriebenen "unbemannten Luftfahrzeuge" ("Unmanned Air Vehicles", kurz: UAV oder "Drohnen") sollen im Rahmen des Forschungsprojekts in die Lage versetzt werden, bewegliche Objekte sowohl zu identifizieren als auch im städtischen Raum "durch die Straßen" zu verfolgen:

Such a surveillance system is expected to assist police officers in their daily patrol of streets, especially in highly populated urban areas, where identifying and tracking known criminals is a challenging task.

INDECT Specification of Requirements
Überwachungsgerät Fancopter der Bundeswehr (AirRobot AR-100B). Bild: Padeluun

Gemeint sind sogenannte Quadrocopter, die (im Gegensatz zu ihren militärischen Pendants unbewaffnet) mit Kameras und einer direkten Übertragung per Funk zu einer in der Nähe befindlichen Empfangsstation (gewöhnlich ein Laptop) ausgerüstet werden können. Quadrocopter können darüber hinaus mit GPS-Modulen ergänzt werden, um programmierte Flugrouten einzuhalten und autonom zu einem festgelegten Punkt zurückzukehren. Neu am INDECT-Forschungsprogramm ist der Versuch, die vom mobilen Sensor gelieferten Bilder umgehend automatisiert auf potenzielle "Bedrohungen" oder "auffälliges Verhalten" zu untersuchen und die Objekte zu verfolgen. "Work Package 2" entwirft ein Netzwerk für "Polizeibeamte der Zukunft":

Police officers of the future are expected to be equipped with wireless connections that provide them full connectivity among them and both to a central operations office and to such UAVs.

INDECT Specification of Requirements

Sowohl der Polizist als auch die Flugroboter gelten als "Mobiles Netzwerk von Sensoren", was gegen Ausfälle geschützt werden muss, um die "volle Konnektivität" untereinander zu gewährleisten. Als dritte Komponente gilt ein "UAV Kommandozentrum", in das "Live Feeds" der Kamera übertragen werden sollen. Quadrocopter werden in der bisherigen Anwendung von Polizisten gesteuert, die sich in der unmittelbaren Nähe der Geräte in Sichtweite befinden. Unklar ist, ob dieses zukünftige "UAV Kommandozentrum" mobil sein soll oder in polizeilichen Leitstellen angesiedelt ist. Im letzteren Fall müssten dann weitere Relaisstationen zur Signalübertragung integriert werden.

"Work Package 2" geht einen Schritt weiter und will die Drohnen untereinander "intelligent und autonom" vernetzen, um miteinander zu kooperieren. Damit dockt INDECT an die Forschung zu künstlicher Intelligenz an, innerhalb derer gegenwärtig Schwärme für eine der intelligentesten Form von Organisierung gehalten werden. Weltweit gibt es hierzu seit Jahren zahlreiche zivile und militärische Forschungsprojekte, die daneben immer kleinere Flugroboter in der Größe von Libellen entwickeln wollen (Die Insektenroboter kommen …). Im INDECT-Projekt sollen die UAV auch mit den humanen Sensoren (Polizisten) kooperieren, die sich immer in der Nähe des Gerätes befinden sollen um potentielle Verdächtige festnehmen zu können:

In order to be truly effective, UAVs must cooperate, directly or through the command center, with nearby Police officers to identify and arrest criminals being tracked.

INDECT Specification of Requirements
Grafik: Indect

Um nicht den gleichen peinlichen Abhör-Problemen wie bei den militärischen Drohnen im Irak und Afghanistan zu unterliegen, soll die Datenübertragung zwischen UAV und Kommandozentrale verschlüsselt und signiert sein und zudem in guter Qualität aufgezeichnet werden, um in späteren Gerichtsverfahren verwertet zu werden. Auch die Software im UAV soll verschlüsselt werden, wohl um nicht ausgewertet werden zu können falls das Gerät im Falle eines Absturzes in die Hände der Verfolgten gerät. Um datenschutzrechtlichen Belangen zu genügen, wird "Vertraulichkeit" gefordert. Alle Flugkommandos und Operationen werden in einem Logfile protokolliert. Nur "autorisiertes Personal" soll die Geräte steuern dürfen und das produzierte Material (resp. die als "verdächtig" klassifizierten Personen oder Objekte) auswerten – was einen Polizisten als "autorisiert" kennzeichnet, konkretisieren die Forscher von INDECT allerdings nicht.

Auch die beiden deutschen Unternehmen PSI Transcom und Innotec basteln innerhalb des "Work Package 2" an Anwendungen für INDECT, darunter Algorithmen zur Verarbeitung von Ton- und Bildmaterial. Probleme, die dabei gelöst werden müssen, sind etwa die Kompensation von Kamerabewegung, Wind, Vibrationen, Wechsel der Lichtverhältnisse oder verrauschte Bilder (vor allem nachts). Hinzu kommen Lösungen zur Auswahl der Daten für spätere Analyse, Übertragung zu leistungsfähigeren Anaylse-Prozessoren, Archivierung in Datenbanken und nicht zuletzt die Auswertung von Material, das beim Einsatz mehrerer Kameras mit Focus auf das gleiche Objekt entsteht.

Erklärtes Ziel von allen im Rahmen der zehn "Work Packages" von INDECT entwickelten Projekte ist der Einsatz für die "alltägliche Polizeiarbeit". In einem ebenfalls letzte Woche veröffentlichten Arbeitspapier erklären britische, spanische und polnische Polizisten und Wissenschaftler, dass "Krisenfall" und "alltägliche Polizeiarbeit" nicht weit auseinander lägen. Wären die Überwachungssysteme im Polizeialltag integriert, könnten sich die Beamten an ihre Handhabung gewöhnen:

Utilizing the same system not only in crisis situations but also for everyday activities is economically correct. The system is not in a suspended state, nor is it running in the idle mode, 'waiting' for a crisis situation (in which it will be fully useful), but instead it supports both the citizens and the police officers in their casual work.

INDECT Intelligent Portal for Crisis Management

Die Nutzer der neuen Technik könnten sich auf die "wichtigsten Aufgaben" beschränken und würden "nicht genervt" vom ungeübten Umgang mit neuer Software, letztlich würden so auch Nutzertrainings eingespart.

Um die Bevölkerung vom Nutzen derartiger Projekte zu überzeugen, entwickelt "Work Package 6" parallel dazu eine öffentlich zugängliche Webseite, die von "Bürgern regelmäßig besucht werden" soll und "jeden Tag spannende Inhalte" anbietet.

Markt für Quadrocopter boomt trotz Finanzkrise

Quadrocopter wie auch militärische Drohnen (etwa die Predator-Drohnen) werden seit einigen Jahren von europäischen Polizeien zur Erstellung von Lagebildern bei Großereignissen, Überwachung von "Problemstadtteilen" oder zur Abwehr von Migranten genutzt. INDECT ist nicht das einzige europäische Projekt zur Implementierung von UAV in die europäische innere Sicherheit.

Um die Stärke und Unabhängigkeit der europäischen Robotikindustrie weiter auszubauen, hatte die Europäische Kommission die Förderung der europäischen Robotikforschung zwischen 2007 und 2010 auf fast 400 Millionen Euro verdoppelt. Die europäische "Grenzschutzagentur" Frontex betreibt ein Forschungsprogramm zum Einsatz an sogenannten "grünen Grenzen"; Kanada setzt hierfür Predator-Drohnen ein, die auch zur Luftaufklärung bei den Olympischen Spielen 2010 genutzt werden sollen. In der Schweiz haben Drohnen des Militärs bereits zur Verhaftung von Migranten geführt. Bei den G8-Gipfeln 2003 in Evian/Frankreich und 2009 in L'Aquila/Italien kamen militärische Drohnen zum Einsatz, ebenso bei der EURO08 in der Schweiz und dem NATO-Gipfel 2009 in Strasbourg.

In Strasbourg patrouilliert jedes Jahr in der Sylvesternacht ein UAV, um das Anzünden von Autos polizeilich zu verfolgen. Französische Polizeikräfte hatten letztes Jahr ein Training zur Aufstandsbekämpfung durchgeführt, dessen zentraler Bestandteil die Aufklärung aus der Luft mittels eines Quadrocopters des deutschen Herstellers Microdrones gewesen war. In Frankreich werden mit Drohnen, ähnlich wie in Mailand, "soziale Brennpunkte" in den Banlieus überwacht (ELSA sieht alles). In Großbritannien hatte die technikbegeisterte Merseyside Police den Zuschlag zur Beschaffung erhalten, um "Verbrechen und antisoziales Verhalten" zu bekämpfen sowie die "öffentliche Ordnung", Menschenmengen bei großen Ereignissen und Verkehrsstaus zu überwachen. Auch die russische Regierung hat angekündigt, mit Drohnen zu operieren, um die "öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten" und mit UAV nicht autorisierte Migranten zu fangen.

In den USA dürfte Miami die erste Stadt sein, die Quadrocopter in die Polizeiarbeit integriert, auch CIA und FBI betreiben Forschungsprojekte. Der "Camcopter" der österreichischen Firma Schiebel soll vor dem Horn von Afrika gegen Piraten zur Anwendung kommen, 2008 wurde das Schiebel-Produkt von der deutschen Marine getestet. Militärische UAV wie auch Quadrocopter werden zunehmend zum Aufspüren von Drogenanpflanzungen ausgerüstet. In den Niederlanden wurde ein Quadrocopter letztes Jahr erstmals bei der Räumung eines besetzten Hauses gesehen. Eine französische Firma experimentiert mit Taser-Elektroschockwaffen, die an Quadrocopter montiert werden können.

Als erste deutsche Bundesländer besorgten sich Sachsen und später Niedersachsen einen 65.000 Euro teuren Quadrocopter der Firma Microdrones zu Testzwecken. Während Sachsen damit Fußballspiele oder Geiselnahmen überwachen will, spekuliert die niedersächsische Polizei auf eine bessere Kontrolle der jährlichen Castor-Proteste. In einer Fachtagung des Bundesinnenministeriums wurden weitere Anwendungsgebiete ausgelotet.

Das Geschäft mit großen und kleinen UAV boomt trotz Finanzkrise. EADS freut sich auf Milliardenaufträge, auch Microdrones berichtet von gutem Absatz.

Selbst Hobbyflieger langweilen sich nicht mehr mit Modellflugzeugen, sondern schwenken zunehmend auf die mikroprozessorgesteuerten programmierbaren Quadrocopter um. Im deutschsprachigen Raum gibt es eine unüberschaubare Fangemeinde, die seit einigen Jahren von einem Versandhandel mit Komplettbausätzen und Ersatzteilen versorgt wird. Die eher unpolitischen Freizeitbastler treffen sich auf Flugplätzen und sind regelmäßig auf den Konferenzen des Chaos Computer Clubs präsent.

Auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas präsentierte der französische Hersteller Parrot diese Woche mit der AR.Drone einen Quadrocopter, der mit dem iPhone bzw. iPod touch gesteuert werden kann. Das Gerät ist mit einer Kamera ausgestattet, die Videos per WLAN direkt ans iPhone überträgt und damit ohne Sichtkontakt fliegen kann. Das Spielzeug soll sich intuitiv mit den Bewegungen des Handys steuern lassen. Parrot entwickelt hierzu eigens Spiele, um ferngesteuerte Kriegseinsätze zu simulieren und sogar gegnerische Quadrocopter im "Luftkampf" abschießen zu können. Durchaus ein zukünftiges Risiko für die in INDECT beforschten fliegenden Kameras im alltäglichen Polizeieinsatz.

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