Tiefe Pflöcke für den Leistungsträgerkern

14.01.2010

Oder: Was hat Prof. Dr. Peter Sloterdijk mit hochwertigen Fortpflanzungspartnern zu tun?

Es ist an der Zeit zu überlegen, ob sich nicht eine neue gesetzmäßige Beziehung formulieren lässt, nämlich zwischen dem Grad an wohlgebetteter Rundumversorgung so manch deutscher Professoren und ihren Empfehlungen an die Unterschicht, endlich den Gürtel enger zu schnallen. Denn es scheint, dass ein unkündbarer Arbeitsplatz, gepaart mit der Aussicht auf eine solide Altersversorgung und diversen Nebeneinkünften, besonders dazu befähigt, jenen, die von derartigen Bedingungen nur träumen können, das Leben noch ein wenig prekärer zu machen.

Peter Sloterdijk. Bild: Rainer Lück, Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Mit Prof. Dr. Peter Sloterdijk, Professor für Philosophie und Ästhetik an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, hat Prof. Dr. Norbert Bolz unter anderem das Auftreten in der TV-Sendung "Das Philosophische Quartett" des Zweiten Deutschen Fernsehens und die Entdeckung des Stolzes gemeinsam. Mit letzterem unterhalten die beiden Herren gerne das konservative Publikum in Zeitschriften wie "Cicero". So bedarf es für Norbert Bolz des Stolzes, um das "eigene Leben selbständig zu leben", was der Wohlfahrtsstaat natürlich als Sünde brandmarkt, weil, wie er mit unvergleichlicher Analysekraft folgert: "Vater Staat will nämlich nicht, dass seine Kinder erwachsen werden." Auch Peter Sloterdijk sieht eine "wiedererwachende Stolzkultur" zutage treten, der "Geist der Zeit" sende hier neue Signale.

Was hat es nun mit der Entdeckung des Stolzes als sozialpolitische Kategorie auf sich? Jener Gefühlsregung, die neben der Völlerei und der Gier zu den sieben Todsünden der katholischen Kirchenlehre gehört? Die aber andererseits, sagt uns jedenfalls Wikipedia, einen höheren sozialen Rang signalisiert und "Zugang zu knappen Ressourcen und qualitativ hochwertigen Fortpflanzungspartnern" erlaubt?

Nun, der Hinweis auf den Zugang zu "qualitativ hochwertigen Fortpflanzungspartnern" ist durchaus hilfreich, verweist er doch auf das Heiratsverhalten der oberen sozialen Klassen, das gerne nach dem Prinzip: "Gleich zu gleich gesellt sich gern", vonstatten geht, eine gängige Art der Kapitalakkumulation. Diese Art der Fortpflanzung beziehungsweise Geldvermehrung geschieht in jenen gesellschaftlichen Höhenregionen, in denen Prof. Dr. Peter Sloterdijk etwas ganz Spezielles entdeckt hat: Den "Leistungsträgerkern der deutschen Population". Leistungsträgerkern! Wie beschenkt Peter Sloterdijk doch die deutsche Sprache mit solch einem Wort!

Gemeint ist damit, etwas unkompliziert ausgedrückt, die herrschende Klasse. Beziehungsweise das "obere Zwanzigstel der Leistungsträger", die "gut 40 Prozent des Gesamtaufkommens an Einkommenssteuern" erbringen, oder das "obere Fünftel", das rund 70 Prozent aufbringt. Zu diesem Kreis gehört/e mit einem Jahresgehalt von 600.000 Euro sicherlich auch Siegfried Naser, ehemaliger Verwaltungsrat der Bayern LB. Die Leistung des Leistungsträgers bestand darin, dem Steuerzahler einem Verlust von 3,5 Milliarden Euro zu bescheren.

Doch wie auch immer, Prof. Dr. Peter Sloterdijk hat es sich zur heiligen Aufgabe gestellt, sich in ungezählten Zeitungsartikeln als schimmernde Wehr vor den Leistungsträgerkern zu stellen und ihn vor der grassierenden "Leistungsträgerverleumdung" zu schützen. Gilt es doch "den Pflock endlich tief genug in den Boden einzuschlagen, damit nie wieder hinter die entscheidende Erkenntnis zurückgegangen wird: dass in der modernen Gesellschaftswirklichkeit die Leistungsträger im genannten Sinne summa summarum zu einer gebenden Größe geworden sind". Prof. Dr. Peter Sloterdijk vergisst an dieser Stelle allerdings immer zu erwähnen, dass dieses gebende Segment der deutschen Population auch ganz schön genommen hat: Grapschten sich die oberen zehn Prozent der Einkommensbezieher doch immerhin 24,9 Prozent des gesamten Kuchens und vernaschten die oberen 30 Prozent gar mehr als die Hälfte, während das untere Drittel sich mit 13,7 Prozent zufrieden geben musste.

Doch vielleicht ist es falsch, den Philosophen Peter Sloterdijk mit derartigen Details der Realität zu belästigen. Er widmet sich eben der Pflege einer Stolzkultur, die endlich den Leistungsträgern "als Gebern Genugtuung" verschafft, und dies auch politisch, sozial und kulturell gewürdigt werde. Aber es geht um mehr. Peter Sloterdijk ist sich bei seiner Mission nicht zu schade, die Parolen von Ronald Reagan zu Beginn der 1980er Jahre mit seiner Unterscheidung zwischen dem hart arbeitenden und gebenden Steuerzahler und dem nehmenden Sozialhilfeempfänger erneut zum Leben zu erwecken und so eine neue Art gesellschaftlicher Kämpfe zu entdecken: "Zum ersten Male in der Geschichte der neueren deutschen Demokratie treten sich…zwei Gruppen gegenüber, die man so noch nicht miteinander konfrontiert sah."

Gemeint sind die "Steueraktiven" und – "vorsichtig gesprochen" – die "Steuerneutralen". Oder die "Transfermassengeber", die die Kassen füllen, gegen die "Transfermassennehmer", die die Kassen leeren. Als ein Gleichnis vom faulen Bauch, der verprasst, was fleißige Hände erwarben, hat das der konservative Schriftsteller Martin Mosebach auf den demagogischen Punkt gebracht. Doch wie soll man sich dieses Match konkret vorstellen? Dass die gerade wieder im Lohn gedrückte Schlecker-Bedienung Seit' an Seit' mit Josef Ackermann von der Deutschen Bank gegen das faule Pack der Hartz IV-Bezieher demonstriert? Auch hier sollte man Prof. Dr. Peter Sloterdijk nicht allzu sehr mit der sozialen Wirklichkeit erschrecken.

Erwähnt sei nur noch sein bahnbrechender Vorschlag, den Stolz der Leistungsträger quasi für eine nichtzwanghafte Steuer zu instrumentalisieren, beziehungsweise die Steuern abzuschaffen und den Staat aus milden Gaben der Reichen zu alimentieren. Dies ist konsequent, denn eine verarmte öffentliche Hand ficht den wohlhabenden Leistungsträger nicht an, Schwimmbäder und dergleichen hat man ja selbst im Hause. Und dass große Tageszeitungen wie die "Süddeutsche" ganze Wirtschaftsseiten diesen realistischen und fundierten Vorschlägen widmen und sich der Kampagne Wider die Verteufelung der Leistungsträger anschließen, zeigt, das wir auf dem besten Wege sind, die richtigen Konsequenzen aus der weltweiten Finanzkrise zu ziehen.

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