Bruce Willis Leben mit Leihkörper

22.01.2010

Das Gefühl, es nicht mit wirklichen Personen zu tun zu haben, ist allgegenwärtig: "Surrogates"

Die Einschläge kommen näher - die Wirklichkeit, wie wir sie (er)leben wird immer mehr durch virtuelle Konstrukte beeinflusst. Das könnte man zumindest denken, wenn man den Simulationsszenarien, die uns das Hollywood-Kino in den letzten Wochen präsentiert, Glauben schenkt. Dass der Segen einer um die Virtualität erweiterten Realität (wie in "Avatar") mit Gefahren und Verlust (wie in "Gamer") einhergeht, zeigt jetzt Jonathan Mostows Film "Surrogates" auf beeindruckende Weise.

Die Zeiten, in denen technische Ersatz-Körper bloße Science Fiction gewesen sind, wie noch in Tony Scotts "Blade Runner" oder die Flucht in eine maschinengeprägte Realität, wie in "Total Recall" oder "Matrix" sich als Sackgasse oder ontologisches Verwirrspiel entpuppt, sind vorüber. Mit Programmen wie "Second Live" und neuerdings multifunktionalen Sex-Robotern und Versuchen perfekter äußerlicher Roboter-Imitate (der japanische Robotiker Hiroshi Ishiguro hat im Prolog von "Surrogates" sogar einen kleinen Auftritt) ist Surrogat-Technologie zu einem sozialen Phänomen geworden, dessen Möglichkeiten und Schädlichkeiten die Meinungen teilt. Wie sensibel "Surrogates" auf diese Spaltung reagiert und kontemporäre Phänomene in die nahe Zukunft prolongiert, ist gleichermaßen unheimlich wie genial.

"Plug in and Live!"

Vor dem Hintergrund einer Kriminalfiktion lässt sich eine Geschichte, wie die von "Surrogates" am besten entwickeln, weil sie das utopische Konzept mit einer genretypischen Erzählstruktur und erwartbaren Figurenentwicklungen kombiniert: Tom Greer ist FBI-Beamter und wird zusammen mit seiner Kollegin Peters an den Ort eines Verbrechens gerufen: Ein Surrogate, der robotische Ersatzkörper eines sicher in seiner Wohnung verborgenen Menschen, wurde auf offener Straße mit einer neuartigen Waffe ermordet. Neuartig ist diese Waffe vor allem deshalb, weil sie nicht nur den Roboter zerstört, sondern auch dessen Operator tötet, wie das FBI bald herausfindet. Während Tom und Peters die Spur des Killers und seiner Waffe bis zu einer Kolonie der "Dreads", in der Maschinen verboten sind und wo das "richtige Leben" gelebt wird, verfolgen, entblättert sich eine weitreichende Verschwörung.

Alle Bilder: Disney

Der Konzern VSI und dessen einstmaliger Leiter Canter scheinen mit den Vorfällen zu tun zu haben. Der Sohn von Canter war es, der bei dem ersten Surrogate-Attentat ums Leben kam und sein Vater, längst aus der Firma gemobbt, setzt alles daran, dass Tom den Fall aufklärt. Der wird jedoch bald unter einem Vorwand Grund vom Dienst suspendiert und verliert den Zugriff auf seinen ohnehin stark beschädigten Surrogate-Körper. Also begibt sich Tom mit seinem echten Körper in die Welt. Er verlässt die Wohnung und gewinnt mehr und mehr Gefallen an den Vorzügen der körperlichen Existenz. Von seiner Frau, mit der er seit dem Tod des Sohnes nur noch in Form ihres Surrogates Kontakt hat, entzweit ihn dies - und lässt ihn mehr und mehr an der Scheinexistenz, in der alle Welt lebt, zweifeln.

Die Ausdauer einer Maschine mit der Anmut des Menschlichen Körpers kombiniert

Die Welt, die Surrogates vorstellt, ist in der Tat dystopisch. Eigentlich lebt niemand mehr mit seinem richtigen Körper außerhalb der sicheren Wohnung. Die Kriminalität hat dies zwar zum Verschwinden gebracht (die Surrogates sind nur schwer zu beschädigen und jederzeit ersetzbar), das Gefühl, es nicht mit wirklichen Personen zu tun zu haben, ist jedoch allgegenwärtig. Auf der einen Seite ausschweifendes Surrogate-Leben allerorten, auf der anderen Seite soziale Isolation. Der überperfekten Schönheit und Makellosigkeit der Ersatzkörper stellt der Film - oft in Nah- und Detailaufnahmen - die Verletzlichkeit, die Falten und die von Kummer geprägten Körper und Gesichter der Operatoren gegenüber. Als Surrogate bleibt man jung, wenn man es will, und niemand erfährt, wie es einem wirklich geht, wenn man es nicht will.

Man weiß aber auch nicht, mit wem man es eigentlich zu tun hat, sagt Tom in einem Verhör mit einer attraktiven Firmenanwältin von VSI: "Honey, I don't know what you are. I mean, for all I know, you could be some big fat dude sittin' in his stem chair with his dick hanging out." Neben der Möglichkeit (und Tatsache) dauernder Manipulation seiner virtuellen Erscheinung (sie wird mehrfach für Verbrechen missbraucht), gibt es auch die Manipulationen der IT-Welt. Da ist die Waffe, die die scheinbar sicheren Surrogates zu tödlichen Fallen werden lässt und die Möglichkeit von VSI und der Polizei sich in jeden Surrogate einzuklinken, zu sehen, was er sieht, seine Erinnerungen als Film abzurufen und ihn sogar zwangsweise von seinem Operator zu trennen. Das geschehe aber nur auf richterliche Anordnung, so einer der IT-Fachleute beim FBI, der sich aber dennoch als einer der wenigen Kollegen nicht als Surrogate darstellen will.

"Als würde man im Kopf Gottes surfen"

"Surrogates" kombiniert also die Möglichkeiten und Gefahren einer solchen Austausch-Existenz und greift damit tief in die Kiste derzeitiger Technik-Ängste: Es geht um Überwachung, Manipulation und vor allem Identitätsverlust. Der FBI-IT-Mann formuliert seinen Job mit den Worten, es sei als würde man im Kopf Gottes surfen und drückt damit schon die Gefahren aus - "Keine Angst, wir sind die Guten!" beruhigt er Tom, der erschreckt über derartige Machtkonzentration ist. Dass sich angesichts dieser Gefahren eine essenzialistische Gegenbewegung gegründet hat, scheint schon fast selbstverständlich.

Die "Dreads" - wohl benannt nach ihrem Anführer "The Prophet", einem Dreadlock-bewährten Schwarzen, der sich als Messias des echten Menschseins ausgibt - sehen in den Surrogates Feinde des Lebens. In ihren Kolonien leben sie ganz ohne Maschinen und erinnern dabei an die Amish-People. Der Prophet predigt seinen Anhängern, sich "wahrhaft verbunden zu fühlen" und plant einen finalen Krieg gegen die Surrogates. Taucht einer von diesen im Reservat auf, veranstalten die Dreads regelrechte Fanale: In einem ihrer Reservate steht ein Kreuz mit einem verwüsteten Surrogate-Körper daran. Daran prangt die Aufschrift "Die, Robo Pig!" - ein Szenario, das an die Roboter-Abschlachtungen aus Spielbergs "A. I. - Artificial Intelligence" erinnert.

"Sollen wir uns zurück entwickeln?"

In dem Maße, wie Tom die Realität wieder mit seinem echten Körper - in der Surrogate-Gesellschaft als "Fleischsack" diffamiert - erfahren lernt, kommen ihm mehr und mehr Zweifel an der uneigentlichen Lebensweise seiner Mitmenschen. Dass er nach der Beschlagnahme seines Surrogates zunächst wieder lernen muss in der städtischen Wirklichkeit zu überleben und ganz im Sinne Georg Simmels die "Blasiertheit" des Stadtmenschen neu erwerben und seine Angst und Schreckhaftigkeit verlieren muss, lässt ihn gleichzeitig zu einer Identifikationsfigur und einer Projektionsfläche für die dystopische Angst werden. Seine Unsicherheit ist auch die Angst vor einer Welt ohne die Annehmlichkeiten der Surrogates: "Sollen wir uns zurück entwickeln?" fragt er gegen Ende - die soziale, wirtschaftliche und emotionale Wirklichkeit ist längst abhängig von den Surrogates und einen Ausstieg aus der Technologie zeichnet der Film im Archaismus der Dreads.

Im Gegensatz zu "Gamer" geht "Surrogates" das Thema der Virtualisierung auf wesentlich emphatischere Weise an - man könnte beinahe meinen, es sei der selbe Film noch einmal für Erwachsene inszeniert. Anstelle eines gewagt konstruierten Techno-Plots, der auf MacGuffins wie Nano-Roboter, die das menschliche Gehirn neu verdrahten, zurückgreift, und eine Soziosphäre schildert, in der einzig kapitalistische Werte Geltung haben, setzt Mostows Film auf nur ein wirkliches Science-Fiction-Gadget: dass sich neben Bildern und Tönen auch elektrosensorische Gefühle übertragen und nachfühlen lassen. Und so utopisch ist diese Idee auch nicht. Dass seine Avatare nicht umprogrammierte Menschen, sondern Imitate sind, sieht man ihnen förmlich an: Ihre Makellosigkeit und zeitweise Steifheit reißt einen als Zuschauer für kurze Augenblicke gewolltermaßen in das "uncanny valley". Im Prinzip nutzt der film darüber sogar ein dem Medium ureigenes Prinzip, um seine Dystopie zu versinnbildlichen.

Leihkörper im Kino und aus dem Computer

Die Frage, warum wir uns als Zuschauer in einen Film "einfühlen" können, beschäftigt die ontologische Filmtheorie seit langem. Konzepte der "Immersion" wurden hier aufgestellt, die zumeist auf kunsthistorischen opto-akustischen Prämissen basieren: Perspektivismus, Raumton etc. Die US-amerikanische Filmwissenschaftlerin Sobchack hat das Konzept des "Leihkörpers" eingeführt, der - verkürzt gesagt - eine virtuelle Identifikationsfigur für den Zuschauer darstellt. Es ist der Blick dieses Leihkörpers, der die Szenen des Films "sieht" und den wir übernehmen, wenn wir den Film sehen. (Die deutsche Filmwissenschaftlerin Christiane Voss hat diese Theorie sozusagen nach Deutschland geholt und mit der Immersionstheorie gekoppelt).

Das Prinzip der "Surrogates" ließe sich auf ähnliche Weise beschreiben, nur dass diese Leihkörper manifest sind - und in ihrer Verwundbarkeit die Frage nach der Gefahr der Identifikation mit ihnen aufwerfen.. Diese Frage nach der Persönlichkeitskonstruktion in virtuellen Realitäten wird gerade von verschiedenen Seiten gestellt und beantwortet. Sie kennzeichnet aber vor allem auch einen Konflikt zwischen der Generation, die mit den virtuellen Realitäten aufwächst und umzugehen gewohnt ist, und derjenigen, die einem Verlust von "Realität" mit Sorge, Angst und Vorurteilen gegenübersteht.

Die Wahl von Bruce Willis, dem Archetypus des scheiternden Helden, für die Darstellung Toms war auch in dieser Hinsicht ein kluger Zug der Produktion, denn seine Figur ist genau zwischen diese Generationen gestellt. Er konstruiert sich in Form seines Surrogates als jung, mit Kopfhaaren und ohne Makel - in seinem Operator-Sessel sitzt hingegen ein glatzköpfiger, behäbig wirkender und von Narben gezeichneter Mann "Im besten Alter". Der Generationskonflikt offenbart sich also sogar in seiner Spaltung und wir sind eingeladen, uns mit beiden abwechselnd zu identifizieren. Angenehm ist das nicht - aber es wirft Fragen auf, die der Film klug genug ist, nicht auszuformulieren.

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