Totaler Zusammenbruch in Haiti

14.01.2010

Das schwerste Erdbeben seit Jahrzehnten erschüttert den Karibikstaat. Strukturen von Regierung und UN-Truppen sind nicht mehr funktionsfähig

Medien neigen bei Naturkatastrophen zur Dramatisierung. Doch die Bilder, die nach einem massiven Erdbeben am späten Dienstagabend (Ortszeit) aus Haiti kamen, sind in der Tat apokalyptisch. Menschen stehen schreiend auf den Straßen, beten, andere versuchen, Verschüttete mit bloßen Händen aus den Trümmern zu befreien. Lokale Medien berichten von flächendeckenden Zerstörungen. Betroffen sind auch Regierungsgebäude. Die Rettungskräfte sind überlastet, die Truppen der Organisation der Vereinten Nationen sind nicht aktionsfähig. Das zivile und militärische Hauptquartier des Staatenbundes ist in weiten Teilen zerstört wurden. Nach bislang unbestätigten Berichten kam die gesamte die Führungsspitze der UN-"Stabilisierungsmission" MINUSTAH ums Leben. Die Naturkatastrophe wirft auch ein Schlaglicht auf die soziale und politische Situation in diesem ärmsten Land Lateinamerikas und der Karibik.

Das Ausmaß der Katastrophe ist bislang noch nicht überschaubar. Die UNO- und die nationalen Regierungsstrukturen sind zusammengebrochen. Nach Angaben US-amerikanischer Stellen hatte das Beben die Stärke von 7,0 auf der Richterskala. Die kubanische Nachrichtenagentur Prensa Latina zitiert den Direktor des Seismologischen Instituts der Autonomen Universität von Santo Domingo (Dominikanische Republik), dem zufolge die Erschütterungen stärker als beim letzten großen Beben im Jahr 1946 waren. Damals erreichten die Schockwellen eine Stärke von 8,1 auf der Richterskala.

Die Dominikanische Republik befindet sich, ebenso wie Haiti, auf der zweitgrößten der Westindischen Inseln, Hispaniola. Schon jetzt ist klar, dass das Beben alle vergleichbaren Naturkatastrophen der Region in den vergangenen Jahrzehnten in den Schatten stellt. Für Haiti ist dies besonders dramatisch: 78 Prozent der Menschen leben hier unter der Armutsgrenze.

Hilfe für die Opfer des Erdbebens in Haiti

  • Aktion Deutschland hilft (Bündnis von action medeor, ADRA, Arbeiter-Samariter-Bund, CARE International Deutschland, Arbeiterwohlfahrt, Johanniter-Unfall-Hilfe, Malteser Hilfsdienst, Handicap International, HELP - Hilfe zur Selbsthilfe, Paritätischer Wohlfahrtsverband, World Vision Deutschland)
    Online-Spende
    Konto 10 20 30
    Bank für Sozialwirtschaft
    Bankleitzahl 370 205 00
    Kennwort: Katastrophen Erdbeben Haiti "Die haitianische Administration ist komplett überfordert. Internationale Solidarität ist jetzt dringend erforderlich", sagt Peter Mucke, Geschäftsführer des Bündnis Entwicklung Hilft. Neben der Soforthilfe sei dabei die drängendste Aufgabe, das Ausmaß der Schäden zu identifizieren, um gezielt und effizient helfen zu können. Die Stimmung in Port-au-Prince sei vom Schock über die unerwartete Katastrophe geprägt, berichtet Astrid Nissen von Brot für die Welt/Diakonie Katastrophenhilfe: "Tausende Menschen sind auf den Straßen, sitzen auf dem Boden, singen, beten. Es gibt kein Licht, keinen Strom und keine Telefonverbindung." Mit ihren lokalen Partnerorganisationen werden die Welthungerhilfe, Brot für die Welt und Misereor lebenswichtige Hilfsgüter wie Trinkwasser, Nahrungsmittel, Decken, Zelte und Planen verteilen. "Der Bedarf an Hilfsmitteln ist riesig. Schon vor der Katastrophe war die humanitäre Situation im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre besorgniserregend. Naturkatastrophen wie Hurrikans und Überschwemmungen verschärfen die Lage in regelmäßigen Abständen. Das Erdbeben trifft die Bevölkerung nun aufs Schärfste", erklärt Bündnis-Geschäftsführer Mucke.
  • Bündnis Entwicklung Hilft (Zusammenschluss von Brot für die Welt, medico international, Misereor, terre des hommes und Welthungerhilfe)
    Online-Spenden
    Spendenkonto 51 51
    Bank für Sozialwirtschaft
    Bankleitzahl 370 205 00
    Kennwort:
  • Ärzte ohne Grenzen Deutsche Sektion (MSF) Konto 97 0 97
    Bank für Sozialwirtschaft
    BLZ 370 205 00
    Stichwort: Erdbeben Haiti u.a.

Tote und Verletzte in Führungsspitzen

Die Meldungen aus der Region sind rar. Zum einen ist die Infrastruktur schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, zum anderen verfügen internationale Medien kaum mehr über Korrespondenten vor Ort. Der haitianische Fernsehsender Haitipal berichtet jedoch, dass neben mehreren Ministerien auch der Präsidentenpalast in der Hauptstadt Port-au-Prince, ein massives Kolonialgebäude, zerstört wurde.

Der Premierminister Jean-Max Bellerive sprach von Hunderttausenden von Toten. Anderen gehen von 100.000 Toten aus. Port-au-Prince scheint weitgehend zerstört zu sein. Präsident René Préval sprach von unvorstellbaren Katastrophe: "Das Parlament ist zusammen gestürzt. Das Finanzministerium ist zusammen gestürzt. Schulen und Krankenhäuser sind zusammen gestürzt. In vielen Schulen gibt es viele tote Menschen. Nach dem Internationalen Roten Kreuz benötigen 3 der 9 Millionen Menschen im Land dringend Hilfe.

Am Mittwochnachmittag schloss Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner in einem Interview mit dem Sender RTL den Tod des MINUSTAH-Chefs Hedi Annabi nicht mehr aus. "Es scheint, dass alle, die in dem Gebäude (dem UN-Hauptquartier, d. Red.) waren, tot sind, unter ihnen auch mein Freund Annabi, der Sondergesandte des UN-Generalsekretärs, und alle, die bei ihm waren", wird Kouchner von der Deutschen Presse-Agentur zitiert. Brasiliens Staatschef Luiz Inácio "Lula" da Silva äußerte sich nach Angaben der Tageszeitung Folha de São Paulo "äußerst besorgt" über Zustand und Sicherheit des UN-Personals. "Viele Mitarbeiter werden vermisst", bestätigte auch Brasiliens Verteidigungsminister Nelson Jobim. Die UN berichtet, dass einige UJN-Mitarbeiter tot geborgen wurden und weitere 10 noch vermisst werden. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat die Weltgemeinschaft zu schnellen Hilfe für Haiti aufgerufen.

Bestätigung für Kritiker der UN-Truppen

Die schwere Naturkatastrophe dürfte nun auch die Debatte über die politische Perspektive des Landes anheizen. Seit Jahren fordern soziale Organisationen in Haiti und Lateinamerika eine Demilitarisierung des Karibikstaates und den verstärkten Aufbau ziviler Sozialstrukturen. Die Effektivität der UNO-Mission MINUSTAH wird seit der Einrichtung im Jahr 2004 – nach dem gewaltsamen Sturz (Bärendienst für Demokratie, von Präsident Jean-Bertrand Aristide (Bärendienst für Demokratie) – kritisch gesehen. "Wir solidarisieren uns mit dem Kampf des haitianischen Volkes um Selbstbestimmung, wir fordern den unmittelbaren Abzug der MINUSTAH und ihre Ersetzung durch solidarische Entwicklungsmissionen sowie den Erlass der Auslandsschulden für Haiti", hieß es in einer Erklärung des Amerikanischen Sozialforums.

Die Argumente gleichen im Grunde denen der internationalen Friedensbewegung in Bezug auf Afghanistan. Die militärische Besetzung eines Landes, so heißt es von dieser Seite, kann die strukturellen und sozialen Probleme nicht lösen. In Haiti kommt erschwerend hinzu, dass die staatliche Ordnung durch den Sturz von Aristide massiv geschwächt wurde – und dieser Putsch nachweislich von den USA und (der ehemaligen Kolonialmacht) Frankreich unterstützt wurde (Blutzoll einer "demokratischen Revolution").

Vor zwei Jahren bereits, kurz vor der damals anstehenden Verlängerung der MINUSTAH-Mission, verwies der haitianische Journalist Woody Edson Louidor auf die zunehmende Kritik an der "Stabilisierungsmission" im Land. Die MINUSTAH habe es nicht geschafft, die herrschenden Probleme effektiv zu lösen, schrieb Louidor. Bei militärischen Aktionen seien hingegen immer wieder Zivilisten getötet worden. Nach dem völligen Zusammenbrechen der UNO-Strukturen wird diese Diskussion in Haiti und der gesamten Region neu angeheizt werden. Denn auch in Haiti gilt: Es helfen nicht Soldaten, sondern humanitäre Helfer.

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