Haiti am Tropf ausländischer Regierungen

Harald Neuber 17.01.2010

Bill Fletcher Jr. über die historische Probleme und die Abhängigkeiten des Landes, die durch die Erdbebenkatastrophe wieder deutlich wurden

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UN-Soldaten verteilen Essen und Wasser an die Bewohner des Stadtviertels Cite Soleil Haiti. Bild: UN Photo/Marco Dormino

Es gibt derzeit unzählige internationale humanitäre Missionen in Haiti. Dutzende Staaten und vermutlich tausende nichtstaatliche Organisationen bringen Güter in das Katastrophengebiet. Weshalb verbessert sich die Lage aber nicht?

Bill Fletcher: Ich denke, dass wir demnächst eine Verbesserung sehen werden. Die Situation vor Ort ist derart verheerend, weil eine Menge Probleme zusammenkommen: das Ausmaß der Zerstörungen, der Zusammenbruch der staatlichen Strukturen im Land und die grundsätzlich schwache Infrastruktur. All diese Probleme zusammen schaffen eine geradezu apokalyptische Situation. Es ist nicht nur eine schlimme Naturkatastrophe. Es ist der totale Zusammenbruch. Ich verfolge die Medienberichte aus Haiti ständig. Dort heißt es, dass die Polizei nicht mehr anwesend ist, von dem Präsidenten war auch lange nichts zu hören. Die ohnehin labile Infrastruktur hat die Schwere des Erdbebens und die folgenden Verwüstungen nicht überstanden, die wenigen zur Verfügung stehenden Ressourcen reichen nicht aus. Das Stromnetz, das Telefonnetz – all dies ist weitestgehend zerstört. Dies wiederum verursacht Folgeprobleme: Weil durch des Ausfall von Strom die Pumpen nicht mehr arbeiten, bekommen die Menschen kein Gas für ihre Haushalte mehr.

Internationale Medien berichten über einen stark wachsenden Unmut in der Bevölkerung und erste Proteste gegen die Regierung des US-nahen Präsidenten René Préval. Sehen Sie die Gefahr eines Aufruhrs?

Bill Fletcher: Es wird sicher Demonstrationen und Protest geben. Ich glaube aber nicht, dass die politisch oppositionellen Kräfte in Haiti derzeit stabil genug sind, um gemeinsam einen Aufstand durchzuführen. Zudem ist ja völlig unklar, was das Ziel einer solchen möglichen Rebellion gegen die Regierung wäre. Ginge es um die Rückkehr von Präsident Jean-Bertrand Aristide? Es wird angesichts der schwierigen Lage sicher Ausschreitungen geben. Die kriminellen Banden, die in Haiti seit Jahren ein großes Problem darstellen, werden in der aktuellen Lage an Macht gewinnen. Gerade auch deswegen ist ein rascher Wiederaufbau der staatlichen Strukturen so wichtig.

Bill Fletcher Jr.. Bild: B. Fletcher

Bill Fletcher Jr. ist leitender Redakteur des unabhängigen US-Internetmagazins blackcommentator.com. Fletcher war lange Zeit Präsident des TransAfrica Forums.

Die US-Regierung hat knapp 10.000 Soldaten nach Haiti mobilisiert. "Wir werden heute, morgen und in Zukunft hier sein", sagte Außenministerin Hillary Clinton. Wie bewerten Sie dieses massive Engagement der Regierung von Barack Obama?

Bill Fletcher: Zunächst denke ich, dass die US-Regierung auf diese Katastrophe sehr schnell reagiert hat. Dieses Engagement steht in einem starken Kontrast zu dem Vorgehen der Vorgängerregierung unter George W. Bush nach dem Hurrikan Katrina im Jahr 2005. Obama hat nun schnell und ernsthaft reagiert. Von Kommentatoren aus dem republikanischen Lager kamen daraufhin krasse Kommentare: Das rasche Handeln Obamas ziele nur darauf ab, sich die Unterstützung der afroamerikanischen Gemeinschaft zu sichern. In meinen Augen ist das nicht nur zynisch, sondern auch rassistisch.

Zu jedem Zeitpunkt der Geschichte haben sich die USA in die inneren Angelegenheiten Haitis eingemischt

Sie bewerten die Reaktion Washingtons sehr positiv.

Bill Fletcher: Nicht nur. Es wurde unterlassen, die Menschen in den USA über unsere Pflicht zur Hilfe aufzuklären. Diese Pflicht leitet sich aus den historischen Beziehungen der Vereinigten Staaten von Amerika mit Haiti ab.

Man muss dazu sagen, dass Haiti der erste Staat der Region war, der sich - bereits 1804 - von der Kolonialmacht befreit hat. Es ist aber auch eines der Länder, dessen Unabhängigkeit am stärksten bekämpft wurde. Zunächst von den Franzosen, dann von den USA.

Bill Fletcher: Diese Vorgeschichte geht noch weiter. Unmittelbar nachdem sich Haiti von der französischen Kolonialmacht befreit hat, haben die USA Strafmaßnahmen gegen das Land verhängt. Von Hilfe für die Befreiungsbewegung konnte keine Rede sein. Erst 1862 hat Abraham Lincoln die unabhängige Regierung Haitis anerkannt. Das bedeutet, dass die USA über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg mit den Franzosen in deren Kampf gegen die junge Republik kollaboriert haben. In dieser Zeit hat Frankreich Haiti immense Reparationszahlungen abgepresst. Zu jedem Zeitpunkt der Geschichte haben sich die USA in die inneren Angelegenheiten Haitis eingemischt. Diese aggressive Außenpolitik erreichte mit der militärischen Besatzung des Landes von 1915 bis 1925 seinen Höhepunkt. Kurzum: Die USA tragen eine große Mitschuld an der Not und dem Elend.

Aber welche Interessen verfolgt Washington in Haiti?

Bill Fletcher: Zwischen beiden Ländern hat, historisch betrachtet, stets eine strategische und wirtschaftspolitische Verbindung bestanden. Die strategischen Bindungen sind vor allem während des Ersten und Zweiten Weltkriegs gewachsen und dann nach Beginn des Kalten Krieges. Daneben gibt es wirtschaftliche Beziehungen, die klar zum Nachteil von Haiti entwickelt wurden.

In dem Land ist gerade in den vergangenen drei Jahrzehnten ein Niedriglohnsektor in der Zulieferungsindustrie gewachsen. Haiti wurde zu einer verlängerten Werkbank der USA. Auf politischer Ebene hat sich die US-amerikanische Haiti-Politik in all diesen Jahrzehnten von einer großen Sorge leiten lassen: Der Karibikstaat sollte auf keinen Fall einen revolutionären Weg beschreiten, der zu einem Bruch mit den USA führt.

Folgen der neoliberalen Politik Bill Clintons gegenüber Haiti

Sie haben die wirtschaftlichen Beziehungen der vergangenen Jahre angesprochen. Wie hat die von den USA betriebene Liberalisierung der Märkte die soziale Situation in Haiti beeinflusst?

Bill Fletcher: Diese Politik hatte enorme Auswirkungen. Als der ehemalige US-Präsident Bill Clinton im Jahr 1994 mit einer erneuten Militärintervention die Rückkehr des zuvor gestürzten Präsidenten Aristide erzwang, knüpfte er diese Unterstützung an wirtschaftliche Bedingungen. Fortan musste Aristide einer neoliberalen Wirtschaftsagenda folgen, auch wenn diese seinem Wahlprogramm von 1990 diametral entgegenstand. Dieser Widerspruch führte zur politischen Spaltung der Lavalas-Bewegung des Präsidenten. Gerade der linke Flügel der Lavalas-Bewegung sah die Zugeständnisse an die USA als Betrug an. Das war der Beginn einer politischen Destabilisierung, die von den USA im Jahr 2004 dann erneut ausgenutzt wurde, um Aristide mit einem Militärputsch zu beseitigen. Die politischen und wirtschaftlichen Aspekte sind also eng verwoben.

Welche Auswirkungen hatte der von den USA durchgesetzte Wirtschaftskurs nach 1994?

Bill Fletcher: Die USA haben Haiti mit billigen agrarindustriellen Produkten überschwemmt. Das hatte natürlich enorm negative Auswirkungen auf die Binnenproduktion von Nahrungsmitteln in Haiti, dessen Bauern und landwirtschaftlichen Betriebe unter der Konkurrenz zusammenbrachen. Tausende, vielleicht zehntausende bäuerliche Familien verließen die ländlichen Gebiete und siedelten sich in den Randgebieten der Städte an…

Haiti hat bislang nie die Möglichkeit bekommen, sich wirklich zu verändern

… in den Armenvierteln, die nun vom Erdbeben mit am schlimmsten verwüstet wurden. Denken Sie, dass diese katastrophal gescheiterte Politik der USA gegenüber Haiti unter der Obama-Regierung verändert wird?

Bill Fletcher: Ich sehe diese Option, ja, denn Obama sieht sich als Reformer des neoliberalen Ansatzes. Nur um das klarzustellen: Ich sehe zum jetzigen Zeitpunkt keine Anzeichen dafür, dass er die Grundsätze dieser Politik verändert. Dieser Weg hin zu einer wirklichen Veränderung der Wirtschaftspolitik kann auch unter Obama nur beschritten werden, wenn der Druck im Land und auf internationaler Ebene groß genug ist. Eben das ist der große Unterschied zur Bush-Regierung: An ihr wäre jede Forderung abgeprallt.

Nach der ersten Phase der Katastrophenhilfe für Haiti soll eine internationale Geberkonferenz organisiert werden. Was erwarten Sie von einem solchen Treffen?

Bill Fletcher: Man muss zumindest erwarten, dass Haiti genügend internationale Gelder zur Verfügung gestellt werden, um die unmittelbaren Folgen dieser Katastrophe zu bewältigen. Die Frage ist, ob Haitis Gesellschaft, sein Staat und die Infrastruktur nachhaltig aufgebaut werden, auf eine Weise also, die dem Land langfristig hilft. Solche Situationen wie jetzt haben wir schon in der Vergangenheit erlebt: Es gibt eine Katastrophe, dann kommt internationale Hilfe und dann kehrt alles wieder zum Alten zurück. Aber Haiti hat nie die Möglichkeit bekommen, sich wirklich zu verändern. Haiti hing immer weiter am Tropf ausländischer Regierungen. Ob sich das nun ändert, das ist die große Frage.

Hilfe für die Opfer des Erdbebens in Haiti

Aktion Deutschland hilft (Bündnis von action medeor, ADRA, Arbeiter-Samariter-Bund, CARE International Deutschland, Arbeiterwohlfahrt, Johanniter-Unfall-Hilfe, Malteser Hilfsdienst, Handicap International, HELP - Hilfe zur Selbsthilfe, Paritätischer Wohlfahrtsverband, World Vision Deutschland)
Online-Spende
Konto 10 20 30
Bank für Sozialwirtschaft
Bankleitzahl 370 205 00
Kennwort: Katastrophen Erdbeben Haiti

Bündnis Entwicklung Hilft (Zusammenschluss von Brot für die Welt, medico international, Misereor, terre des hommes und Welthungerhilfe)
Online-Spenden
Spendenkonto 51 51
Bank für Sozialwirtschaft
Bankleitzahl 370 205 00
Kennwort:

Ärzte ohne Grenzen Deutsche Sektion (MSF)Konto 97 0 97
Bank für Sozialwirtschaft
BLZ 370 205 00
Stichwort: Erdbeben Haiti u.a.

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