"I don't think about nobody but me and mines, you hear?"

Florian Rötzer 19.01.2010

Der Glaube, früh zu sterben und keine Zukunft zu haben, führt nach einer interessanten Studie zu Gewalt und Kriminalität

Die Amokläufe als die westliche Variante der Selbstmordanschläge weisen eindringlich darauf hin, dass die Explosion an Gewalt mit einer Todessehnsucht einhergeht. Lieber ein schnelles, abenteuerliches, spektakuläres Ende als ein langes und langweiliges Siechtum könnte die Devise für die nihilistische Revolte sein, auch wenn sie bei den Islamisten mit Religion unterlegt zu sein scheint.

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Eine Studie von Kriminologen der Georgia State University ("Might Not Be a Tomorrow") scheint diesen Zusammenhang zwischen Gewalt und Tod zu bestätigen. Junge Gewalttäter scheinen geradezu von der Erwartung angetrieben zu sein, früh zu sterben. Sie wissen, dass Gewalt für gefährlich ist, dass sie selbst sterben oder zumindest eingesperrt werden können, aber die Aussicht auf eine kurze Lebenserwartung treibt sie zum "Tanz auf dem Vulkan" und zur Konzentration auf das "Hier und Jetzt" an. Die Kriminologen machen daraus die Hypothese, dass die Erwartung, früh zu sterben, junge Menschen in Kriminalität und Gewalt, aber auch zu hedonistischem Verhalten (Sex, Drugs and Rock'n' Roll) treibt. Sie haben nach ihrem Verständnis dann eh nicht viel zu verlieren und setzen daher auf unmittelbare und kurzfristige Belohung.

It's a waste to think about the future. What if someone pops me while I'm slingin' [dealing drugs]. Then what? I got shit to do man. I can’t think about that stuff.

Ookie, 19

Für ihre Studie, die bereits als NBER Working Paper 2008 veröffentlicht wurde, haben die Kriminologen ausführliche Gespräche mit 30 jungen, anonym bleibenden Straftätern aus den gefährlichsten Stadtteilen von Atlanta geführt und landesweit ökonometrische Daten von Jugendlichen analysiert.

There's only a short time in the world for everybody. I'm gonna make yours shorter than mine. Believe that. I don't think about nobody but me and mines, you hear? No sympathy, no way.

Pac, 19

Die befragten Jugendlichen aus Atlanta, wo die Mordrate viermal so hoch wie im US-Durchschnitt liegt, waren selbst meist auch Opfer von Gewalt. Man hat auf sie geschossen, sie hatten Stichwunden und Narben von Wunden. In aller Regel hatten sie ein Hobbessches Gesellschaftsbild, in dem der Mensch dem Menschen ein Wolf ist und es selbstverständlich ist, dass man Gewalt anwenden muss, um andere einzuschüchtern und zu verhindern, selbst zum Opfer zu werden.

Everyday there's a chance I will get robbed, stabbed, or killed. You know what I’m saying? You put your life on the line every day, every motherf***in’ day. I just take it a day at a time.

Baby Boy, 21

Die jungen, in diesem Fall meist schwarzen Menschen – "hardcore offenders" - leben in Stadtteilen, die "Kriegsgebieten" gleichen (und daher auch Vergleiche mit der Lebenseinstellung von Kindern und Jugendlichen bieten, die in wirklichen Kriegsgebieten wie im Irak, in Afghanistan, Pakistan, Somalia, dem Kongo oder Jemen leben). Ihre fatalistische "No-Future"-Einstellung wurde durch frühere Erfahrungen und die Beobachtung von Gewalt und Tod geprägt: "Über 70 Prozent sind selbst Opfer von Gewalt gewesen. Der Anteil ist höher als im Durchschnitt. Die Mehrheit von ihnen will nicht früh sterben, aber die Vorstellung besteht, dass dies so geschehen wird. Das wird auch durch die Kultur verstärkt", sagt Volkan Topalli, einer der Autoren. Androhung von Strafen schrecken diese Gewalttäter nicht ab, die Akzeptanz, verletzt, getötet oder eingesperrt zu werden, gehört zur Karriere.

I don't give a damn. I don't care what happens really… whether they kill us or we kill them.

Einer der Gewalttäter

Ausgewertet wurden Daten der National Longitudinal Study of Adolescent Health (Add Health), die wahrscheinlich größte Studie über 20.000 Jugendliche (7.-12. Klasse) und ihre Risiken. Auch hier wurde gefragt, ob die Jugendlichen davon ausgehen, länger als 35 Jahre zu leben oder bis zum Alter mit 21 Jahren ermordet worden zu sein, und ob sie eine Straftat in der letzten Zeit begangen haben. Auch hier zeigte sich, dass diejenigen Jugendlichen, die ihre Lebenserwartung düster einschätzten, auch eher zur Gewalt und Kriminalität neigten.

Wer mit einem frühen Tod rechnet oder mit diesem kokettiert, neigt nach den Ergebnissen der Studie starker zu einem nihilistischen Verhalten und zur Neutralisierung von Angst, die immer auf die Zukunft ausgerichtet ist. Wer nicht davon ausgeht, lange zu überleben, ist auch nicht gefangen im Kontext der Selbsterhaltung. Das macht diesen Menschen mit dem "sense of futurelessness" für die Gesellschaft gefährlich, er wird zum Dynamit. Strafverfolgung, Überwachung, Gefängnisse, harte Strafen erreichen diese Menschen nicht, die die Zukunft nicht wirklich interessiert, weil sie kein Vertrauen in diese entwickeln konnten. Das schürt nicht gerade die Hoffnung, wenn man das Leben in den Slums der Megacities oder in den vielen Kriegs- und Konfliktgebieten wahrnimmt und vermuten muss, dass es in nächster Zeit nicht besser werden dürfte.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31925/1.html
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