Gnadenbrot für Dinosaurier?

Wolfgang Pomrehn 20.01.2010

Die Energie- und Klimawochenschau: AKW-Betreiber wollen Extra-Profit und raspeln Süßholz aber Windmüller sind von Annäherungsversuchen eher peinlich berührt

Es ist schon bemerkenswert, wie unverfroren die AKW-Betreiber agieren. Während am Beispiel des absaufenden Atommüllendlagers Asse II (Kosten unbekannt, Bauernopfer wegen Atomschlamperei) auch dem letzten klar sein müsste, dass die Frage der Entsorgung der hoch gefährlichen abgebrannten Brennstäbe auch nach 40 Jahren noch immer vollkommen offen ist, fordern sie lauthals die Verlängerung der Laufzeiten.

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So zum Beispiel E.on-Chef Wulf Bernotat auf der Jahreskonferenz der Energiewirtschaft in Berlin, wie die Finansial Times Deutschland (FTD) berichtet. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle scheint alles andere als abgeneigt und will bis zum Oktober ein "nationales Energiekonzept" vorlegen. Die Konzerne sollten allerdings die Hälfte ihrer zusätzlichen Gewinne abführen. Ob das jedoch mehr als populistische Augenwischerei ist, bleibt abzuwarten. Im Prinzip geht es um zwei bis dreistellige Milliardenbeträge (Bis zu 200 Milliarden Euro Gewinn), aber größere zusätzliche Summen würden sicherlich erst in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts anfallen. Und dann sind die plakativen Forderungen Brüderles natürlich längst vergessen.

Kritik an den Forderungen der Atomwirtschaft kam auf der Konferenz unter anderem vom Verband 8KU, in dem acht mittlere Energiekonzerne zusammengeschlossen sind, die sich meist noch überwiegend in kommunaler Hand befinden, aber stark expandieren. Sie befürchten nach dem Bericht in der FTD Wettbewerbsverzerrungen durch den längeren Betrieb der Atommeiler. Ihre Stilllegung wäre ein erheblicher Beitrag zur Entflechtung des Marktes, der nicht hinausgezögert werden sollte. Mit den AKWs wurde zuletzt knapp ein Viertel des deutschen Strombedarfs gedeckt.

Heftiger Widerspruch kommt auch vom Bundesverband Windenergie (BWE). BWE-Präsident Hermann Albers hält gar nichts von den Avancen der AKW-Betreiber, die von einer Allianz zwischen erneuerbaren Energieträgern und der Atomkraft sprechen. Das sei eine Mogelpackung. "Längere Laufzeiten von Kernkraftwerken blockieren die Windenergie", so Albers. "Eine Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken steuert direkt in die energiepolitische Sackgasse. Sie verhindert Innovationen in der regenerativen Energiewirtschaft und zementiert bestehende Oligopole einer grundlastorientierten Energieerzeugung."

Es gebe einen Systemkonflikt, denn längere AKW-Laufzeiten würden Stromnetze und Strommärkte "verstopfen". Bis 2020 könnten Windenergieanlagen mit einer Leistung von 45.000 Megawatt (MW) an Land und weiteren 10.000 MW auf See (offshore) errichtet sein. Damit könnten 25 Prozent des Strombedarfs abgedeckt werden. Hinzu kämen noch andere Erneuerbare, die zusammen intelligent verknüpft werden müssten. Albers: "Regenerative Kombikraftwerke, neue Speichertechnologien und Demand-side-management sind die Lösung für eine klimaschützende Energieversorgung. Kernkraft- und Kohlekraftwerke werden in Zukunft nicht mehr gebraucht. Sie sind Dinosaurier einer überholten, zentralen Energieerzeugung."

Derzeit sind an Land in Deutschland etwas mehr als 25.000 MW an Leistung in Windkraftanlagen installiert. Der BWE stützt seine Prognosen vor allem auf die Hoffnung in den nächsten Jahren, durch das sogenannte Repowering, den Ersatz von Altanlagen durch wesentlich stärkere Neuanlagen, die Windparks aufrüsten zu können. Die Agentur für Erneuerbare Energien führt in ihrem jüngst veröffentlichten Potenzialatlas das Beispiel des Windparks Simonsberg an der schleswig-holsteinischen Westküste an. Dort wurden 13 Windenergieanlagen, die eine Nabenhöhe von 40 Metern und eine Gesamtleistung von 5,5 MW hatten, durch fünf neue 3-MW-Anlagen mit einer Höhe von 120 Metern ersetzt.

Windpark Hemme, Mecklenburg-Vorpommern. Hier wurden 13 WEA der älteren Generation durch vier moderne 4,5 Megawatt Maschinen ersetzt. Bild: Bundesverband Windenergie

Die Kombination aus größerer Nennleistung und Nabenhöhe machte aus einem durchschnittlichen jährlichen Ertrag von 14,4 Millionen Kilowattstunden (KWh) 48 Millionen KWh. Die neuen Anlagen haben nicht nur den Vorteil, dass sie weniger sind und daher den Betrachter auch nicht so sehr stören, sie laufen zudem deutlich weniger hektisch, als die älteren, kleineren Windräder.

Bild: Bundesverband Windenergie

Was den Offshore-Ausbau angeht, ist man beim BWE deutlich weniger optimistisch. Das mag zum einen der Erfahrung geschuldet sein, dass es in den letzten neun Jahren schon diverse Ankündigungen - meist von der Bundesregierung nicht hingegen vom BWE - gegeben hat, die einen raschen Ausbau von Windparks auf See vorhersagten. Geschehen ist nicht allzuviel. Bisher gibt es erst einen einzigen, vergleichsweise kleinen deutschen Offshore-Windpark. Ob dem nun endlich weitere folgen, bleibt abzuwarten.

Zum anderen liegt die Zurückhaltung des BWE in Sachen Offshore auch daran, dass die Großprojekte wegen ihres erheblichen Kapitalaufwandes eher eine Sache der großen Anlegerfonds, der Energiekonzerne und ähnlicher Investoren sind. Die Windparks an Land, zumal jene in Westdeutschland, sind hingegen oft in der Hand von Anwohnern, engagierten Bürgern und anderen kleinen Anlegern, die ihr Geld gerne im Auge haben und in eine sinnvolle Sache stecken. Diese Klientel ist traditionell im BWE organisiert und hat mit den Großen wenig am Hut. Mancher hegt in diesen Kreisen auch den Verdacht, dass die Verzögerung des deutschen Offshore-Ausbaus damit zu tun haben könnte, dass sich die Energiekonzerne in viele Projekte eingekauft haben.

Wie dem auch sei, eine jüngst von der Europäischen Windenergievereinigung (EWEA) veröffentlichte Studie zeigt, dass vor Europas Küsten der Bau von Windkraftanlagen langsam in Schwung kommt, in absoluten Zahlen allerdings noch nicht mit dem Zubau an Land zu vergleichen ist. Die 54 Prozent Zuwachs in 2009 nehmen sich beachtlich aus, basieren allerdings auf einem niedrigen Ausgangswert: 199 Anlagen mit einer kombinierten Leistung von 577 MW gingen ans Netz, berichtet die Webseite von New Energy Focus. Die EWEA schätzt, dass im Offshore-Markt 2009 1,5 Milliarden umgesetzt wurden.

In den nächsten Jahren, so die Erwartung der EWEA, wird es aber auf See so richtig losgehen. Für 2010 rechnet sie mit einem weiteren Zuwachs der Neuinstallationen um 75 Prozent, was 1000 MW entspräche. Das ist zwar noch immer deutlich weniger als die gut 1500 MW, die allein in Deutschland derzeit jährlich an Land hinzukommen, aber noch ein paar Jahre solche Wachstumsraten, dann könnten die Offshore-Windparks im nächsten Jahrzehnt einen gewichtigen Anteil an der Energieversorgung leisten.

Nach EWEA-Angaben sind derzeit 17 Windparks mit 3500 MW im Bau. 52 Windfarmen mit einer Leistung von 16.000 MW sind bereits in den EU-Gewässern genehmigt und insgesamt befinden sich Projekte mit einer Leistung von 100 Gigawatt (100.000 MW) in unterschiedlichsten Stadien der Zulassungsverfahren. Damit ließen sich dann schon rund zehn Prozent des Bedarfs an elektrischer Energie in der EU decken. Bei der EWEA setzt man in diesem Zusammenhang große Hoffnungen auf ein nordwesteuropäisches Gleichspannungsstromnetz, mit denen die Offshore-Windparks untereinander und mit den Wasserkraftressourcen Norwegens verbunden werden sollen, um die Einspeisung zu verstetigen (Evolution des Stromnetzes).

Offshore-Kapazitäten. Dunkelblau der jährliche Zubau, hellblau der jeweilige Bestand. Bild: Agentur für Erneuerbare Energien

Spitzenreiter unter den Ländern mit Offshore-Windparks ist Großbritannien mit 882,8 MW, das dagegen onshore große Probleme mit der Entwicklung hat. Eine Mischung aus Konservativismus und Gartenzaunpolitik verzögert oftmals über Jahre hinweg den Genehmigungsprozess für Windparks an Land. Dicht auf die Briten folgen die Dänen, die die ersten waren, die auf See Windräder errichteten. Aber auch in Dänemark sind es erst bescheidene 639,15 MW. Deutschland folgt mit 42 MW erst auf Platz fünf. Die Sache steckt also noch ganz in den Kinderschuhen, und eine wichtige Frage wird in den nächsten Jahren sein, ob schnell genug die nötigen Spezialschiffe beschafft werden können, die für die Arbeiten auf See nötig sind. Bisher gibt es davon weltweit nur elf, und der EWEA-Bericht spricht davon, dass bis 2011 bis zu fünf weitere fertig gestellt sein könnten.

Ein Vergleich der Wassertiefen und des Abstands von Land zeigt, dass hier ein Grund für die Verzögerungen in Deutschland liegen könnte. Hierzulande hat man sich entschieden, die Windparks jenseits des Horizonts zu bauen. Zum Teil sehr weit draußen. In der Nordsee werden alle deutschen Windparks außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone, also außerhalb der Territorialgewässer, errichtet, und zwar in der so genannten Ausschließlichen Wirtschaftszone. Deren ökonomische Nutzung steht nach internationalem Recht allein dem jeweiligen Küstenstaat zu, auch wenn sie bereits zu den internationalen Gewässern zählt. Dort sind die Wassertiefen allerdings meist größer, was den Bau der Anlagen erschwert. Außerdem sind natürlich die Wege weiter.

Rechts die im Bau befindlichen Windparks. Allerdings reichen dafür offensichtlich bereits Absichtserklärungen für 2010, denn es ist ziemlich fraglich, ob in Deutschland derzeit so viele Windparks im Bau sind. Links die genehmigten Projekte, die zu etwas über 50 Prozent in der deutschen AWZ liegen. Bild: Agentur für Erneuerbare Energien

In Sachen Konstruktion dominiert bisher noch die Monopile-Lösung, bei der ein einzelnes Stahlrohr in den Untergrund gerammt wird, auf dem dann die Anlage steht. Dieses Verfahren ist wegen des erheblichen Lärms während des Rammens umstritten, weil dieser Meeressäuger schädigen kann. Alternative Lösungen, wie Dreibeine (Tripods), die weniger intensives Rammen mit sich bringen oder gar mit Gewichten am Boden fixiert werden können, spielen bisher keine Rolle. Für schwimmende Windräder, wie sie in Norwegen (Schwimmende Windmühle) oder in den USA ("Macht nicht die gleichen Fehler") entwickelt werden, ist die Nordsee viel zu flach. Diese eignen sich in der EU höchstens für die Atlantik und Mittelmeerküsten.

Kumulative Marktanteile (alle bisher errichteten Anlagen) in MW (links) und in Zahl der Anlagen (rechts). Die deutsche Siemens und die dänische Vestas teilen sich bisher den Markt, für die anderen bleiben nur Brotkrumen. Bild: Agentur für Erneuerbare Energien

Noch wird der junge Offshore-Markt in Europa von zwei Großen, von Siemens und Vestas, beherrscht. Das muss allerdings nicht so bleiben, wenn sich die Dinge so stürmisch entwickeln, wie von der EWEA erwartet. Auf See werden in Zukunft nämlich besonders große Anlagen errichtet werden. Der deutsche Alpha-Ventus-Park vor Borkum wurde zum Beispiel mit 5-MW-Windrädern bestückt. Solche Anlagen werden aber inzwischen auch von anderen Anbietern angeboten. REpower hat zum Beispiel kürzlich an der dänischen Grenze in Nordfriesland eine erste 6-MW-Anlage im kommerziellen Betrieb errichtet, faktisch handelt es sich aber wohl noch um eine Art Probebetrieb. Ob das für den Take Off reicht, wird sich in den nächsten Jahren erweisen.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31934/1.html
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