Nacktscanner fürs Gehirn

21.01.2010

Seit Jahren sollen Bösewichte an ihren feindlichen Absichten aus der Ferne erkannt werden, israelische Firmen haben angeblich die Nase vorne

Wenn es nach den Sicherheitsbehörden und manchen Wissenschaftlern und Unternehmen geht, gehört die Zukunft den Gedankenlesern, also einer Technik, die mittels Sensoren aus der Ferne erkennen soll, was Menschen planen oder beabsichtigen. Zumindest hätte man gerne präventive Möglichkeiten, um automatisch vorhersagen zu können, was ein Mensch erst in der Zukunft machen wird (Konjunktur für Kontrolltechnik). Das aber heißt auch, dass man kognitiv irgendwie auf die Spur von Memen kommen will, die ähnlich wie Gene zumindest eine gewisse Wahrscheinlichkeit oder ein bestimmtes Risiko für bestimmte Entwicklungen angeben. Das Neue an der Forschung oder an dem Interesse an gedankenlesenden Techniken ist also, dass man aus bestimmten Messungen des Körpers oder des Gehirns einer Person ableiten will, was diese in der Zukunft nur zu machen beabsichtigt. Damit zieht die Prävention noch weiter in die Kontrolle ein, gefährlich könnte es dann schon sein, unerwünschte oder solche Gedanken oder Absichten, die unerwünschten zu ähneln scheinen, nur zu haben, ohne sie auch umzusetzen.

Seit dem 11.9. grassiert der Wunsch, in die Köpfe der Menschen eindringen zu können, um präventiv mögliche Anschläge oder Verbrechen zu verhindern. 2002 hatte der damalige Präsident Bush die National Strategy for Homeland Security eingeführt, durch die sich die USA vor einreisenden Terroristen und vor Anschlägen mittels Technik schützen sollten. Schon hier wurde die Entwicklung von "Systemen zur Entdeckung feindlicher Intentionen" gefordert (Systeme zum Erkennen der bösen Absichten von Terroristen), was in den Jahren darauf zu einigen wunderlichen Vorschlägen (Technischer Zauber zur Abwehr des Bösen) und zu einer emsigen Aktivität geführt hat, da das Geld für die Sicherheitsforschung auch in abwegige Vorhaben reichlich floss (Auch die US-Army will aus der Ferne Absichten erkennen, Prototyp eines Systems zur Erkennung "feindlicher Absichten" vorgestellt).

Nach dem gescheiterten Anschlag in Detroit werden nun auch solche technischen Projekte wieder diskutiert, mit denen man die Absichten der Menschen, nicht nur ihren emotionalen Zustand wie Angst oder Aufregung erkennen kann. Das israelische Unternehmen WeCU Technologies (We see you) entwickelt seit Jahren eine solche Technik und wird regelmäßig bei solchen Anlässen wieder angepriesen. Angewendet werden könne die Technik nicht nur für Kontrollen in Lufthäfen, sondern auch, wie WeCU propagiert, von Banken, Behörden oder Militär, um Zufallskontrollen der Angestellten zu machen und so Bedrohungen durch diese zuvorkommen zu können.

Mit der "nichtinvasiven" Technik kann man nicht wirklich Gedanken oder Absichten lesen, sondern es sollen mutmaßliche Terroristen – oder andere Bösewichte - mittels der Reaktionen auf bestimmte Bilder entlarvt werden, die den Reisenden an Kontrollpunkten von Flughäfen gezeigt werden. Die Bilder sollen etwas zeigen, was nur mutmaßlich Verdächtige erkennen, beispielsweise Personen, Symbole oder Orte. Die Theorie ist, dass die Menschen – ähnlich wie bei einem herkömmlichen Lügendetektor unwillkürlich reagieren, was sich durch Sensoren wie Kameras oder Wärmemelder (schnelleres Atmen, Zucken der Augen, erhöhter Puls, Anstieg der Körpertemperatur etc.) erfassen ließe. Wer verdächtige Reaktionen zeigt, soll herausgefischt und strenger überprüft werden.

Vorgestellt hatte WeCU einen Prototyp bereits vor zwei Jahren. Damals hieß es, das System, das Verhaltenswissenschaft mit biometrischer Technik verbinde, würde im Unterschied zu Lügendetektoren nicht darauf ausgerichtet sein, Personen zu entlarven, die lügen, etwas verbergen oder sich schuldig fühlen. Es gehe hingegen darum, Absichten durch Enthüllung einer "assoziativen Verbindung zwischen den Personen und bestimmten Bedrohungen" zu erkennen. Das klingt doch sehr abenteuerlich. Der Ausgangspunkt ist nachvollziehbar. Eine Person, die etwas zu tun beabsichtigt oder mit einer Aktivität vertraut ist, hat dazu Assoziationen aufgebaut. Aber davon auszugehen, dass das Ansprechen dieser Assoziationen durch die nicht vorhersehbare Präsentation eines seiner Partner, Gegenstände einer Tatszene oder Symbole einer Organisation die betreffende Person – und keine andere – auf erkennbare Weise emotional oder kognitiv unwillkürlich darauf reagieren lässt, ist verwegen, wenn man nicht eine immens hohe Fehlerquote in Kauf nehmen will.

Angeblich würde eine unbeteiligte Person keine solche Reaktion zeigen und angeblich würde auch eine Person, die das System kennt und sich darauf vorbereitet hat, seine Reaktion nicht verbergen können, wenn sie nicht weiß, wann und wo die stimulierende Information erfolgt. Schon allein die geeigneten Stimuli zu finden, die ausschließlich einer Person, einer Tat oder einem Plan zu eigen wären und von niemanden sonst gekannt werden – fragt sich, wie diese dann überhaupt ins System eingegeben werden können -, würde eine Vertrautheit mit dieser Person etc. voraussetzen, die das System eigentlich überflüssig machen müsste.

Vor zwei Jahren soll WeCU das System bereits Sicherheitsbehörden in Israel, in den USA und in Deutschland vorgestellt haben. Das US-Heimatschutzministerium soll Gelder in die Entwicklung gesteckt haben, die Massenanfertigung war für dieses Jahr anvisiert.

Das System zur Entdeckung feindlicher Absichten von SDS. Bild: SDS

Natürlich gibt es noch andere, ebenso fragwürdige Systeme, mit denen feindliche Absichten erkannt werden sollen. So sollen in den USA an Flughäfen und Grenzübergängen bereits Systeme des ebenfalls israelischen Unternehmens Suspect Detention Systems (An den Absichten, nicht an den biometrischen Daten sollt ihr sie erkennen) aufgebaut worden sein, die angeblich mit einer 95-prozentigen Sicherheit "die feindliche Agenda möglicher Terroristen" aufdecken. Auch in Indien und Mexiko soll damit schon gearbeitet werden. Das Unternehmen wirbt damit, dass seine Technik namens Cogito bewiesenermaßen "Terrorismus und kriminelle Aktivität in Passagierflugzeugen und anderen Zielen verhindern" könne. Das mit Geldern des US-Heimatschutzministeriums entwickelte System sei von der Transportation Security Administration (TSA) "erfolgreich" am Knoxville Tennessee Airport getestet worden.

Hier sollen die Absichten der Bösewichte bzw. das "schuldhafte Wissen" mittels einer kurzen, fünfminütigen automatischen Befragung herausgefunden werden. Bedient werden könne das System mit einer kurzen zweistündigen Einweisung von jedem mit grundlegenden Computerkenntnissen. Damit hätte man auch vor dem Einstieg ins Flugzeug mit großer Gewissheit "die feindliche Absicht des Weihnachtsterroristen Umar Farouk Abdulmutallab enthüllen" können, meint Shabtai Shoval, der Leiter von Suspect Detection Systems. Er sagt auch, um die Attraktivität seines Produkts zu steigern, die Anschläge vom 11.9. hätten gezeigt, dass "die gefährlichste Waffe, die ein Terrorist besitzt, seine Absicht ist, eine zerstörerische Tat auszuführen".

Das System zur Entdeckung feindlicher Absichten von SDS – die mobile Variante. Bild: SDS

Angeboten werden unterschiedliche Systeme, darunter auch das neue und mobile COGITO4M, das bereits in Israel eingesetzt werde. Damit können Militäreinheiten "effizient feindliche oder gleichgültige Zivilisten" befragen. Auch wenn die Soldaten die Sprache nicht verstehen, können sie feststellen, so heißt es, "wer unter den Zivilisten ein gesuchter Terrorist ist" oder wo es in der Nähe einen Überfall geben könne.

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