Milchmädchenrechnungen

Der radikale Tierschutz mal wieder auf Abwegen

"Fleisch ist Mord - Milch ist Raubmord", so lautete die Parole durchgedrehter Tierschützer vor Jahren, und weil alles wieder kommt, haben sich einige ihrer aktuellen Gesinnungsgenossen den Quatsch wieder zu Herzen genommen.

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Wer sich für die Wurzeln der gegenwärtigen esoterischen Heilshuberei interessiert, der hat Glück, wenn er auf ein Buch wie "Das Zeitalter des Irrationalen" von James Webb stößt, denn der fleißige Schotte hat Wasserproben von all den trüben Quellen analysiert, aus denen der scheinbar moderne Unsinn gespeist wird. Und egal, wo er hinschaute - eine Begleiterscheinung der Esoterik war und ist der Vegetarismus. Nun kann man dazu stehen, wie man will; nicht jeder Vegetarier ist auch gleich ein Irrationalist. Aber dafür, dass Vegetarismus immer noch gerne mit der organisierten Unvernunft im Gleichschritt marschiert, gibt es ein neues Beispiel.

Es geht um Milch. Diesmal hat sie eine Kampagne von Aktivisten des sogenannten NANDU-Netzwerks vergossen, die bei der Grünen Woche und dem internationalen Agrarministertreffen in Berlin er ein bisschen Rabatz machten. Angefeuert von den eigenen Phantasien über die gar erschröcklichen Folgen der Milchwirtschaft patschten sie ein wenig in der weißen Flüssigkeit und in der deutschen Sprache herum, und heraus kam dabei Quark wie dieser: "Kein anderes Lebewesen trinkt die Muttermilch einer anderen Spezies".

Offenbar haben wir es hier mit denselben Experten zu tun, die Honig als Bienenkotze bezeichnen und ihre Katzen "vegan" ernähren wollen. Dass angeblich kein anderes Lebewesen die Milch anderer Arten trinkt, ist ihnen kein Ansporn zum Nachdenken darüber, dass Menschen eben nicht wie alle anderen Lebewesen sind. Es ist ihnen nicht begreiflich zu machen, dass der Mensch Teil und Gegenteil der Natur ist. Wir unterscheiden uns von den anderen Tieren, ob wir wollen oder nicht, und dass wir im Unterschied zu ihnen standardmäßig die Milch anderer Arten konsumieren, ist deswegen kein moralisches Urteil, sondern bloß ein Fakt.

Genauso wie die Tatsache, dass wir manchmal einen Narren an Tierkindern fressen und sie mit Milch von Arten aufziehen, zu denen sie nicht gehören. Umstandslos wird von alles, was es an Grausamkeiten gegen Tiere in unserer Gesellschaft gibt, auf das Konto der Tiernutzung überhaupt gebucht, und in dem typischen Mangel an Trennschärfe, der in diesem Milieu üblicherweise vorherrscht, ist dann jeder Milchviehhalter schon so eine Art KZ-Kommandant. Natürlich versuchen die Milchskeptiker den Milchtrinkern auch noch weiszumachen, dass sie bereits mit einem Bein im Grab stehen.

Zahlreiche Krankheiten werden mit dem Milchkonsum in Zusammenhang gebracht. Dazu gehören unter anderem Asthma, Neurodermitis, Morbus Crohn (eine schwer zu behandelnde Darminfektion), Akne, Diabetes, Blasen- und Nierensteine, Migräne, Brust- und Prostatakrebs, Fettleibigkeit sowie Herz- und Lebererkrankungen.

Aber sicher doch. Schweine können fliegen und der Mond ist aus grünem Käse, nur weil das einige arme Kirchenlichter glauben. Nein, von diesen Leuten ist keine sinnvolle Kritik der aktuellen Milchwirtschaft und ihrer tatsächlich schlimmen sozialen und ökologischen Folgen zu erwarten. Da muss man sich schon anderswohin wenden.

Was nützt gegen die Dummheit solcher Leute? Aufklärung, Ohrfeigen, Gelächter? Sollte man sie der Milch der frommen Denkungsart irgendwie doch entwöhnen, ihnen vom Gefasel zum Denken verhelfen können? "Denken heißt unterscheiden können" - sollten die aufgeregten Katzenmuttis und autonomen Jagdsitzsäger das eines Tages wirklich begreifen? Zugegeben, die Chancen stehen schlecht. Aber man soll nie nie sagen.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31942/1.html
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