"Finanzdemokratie 2.0" bleibt ein sozialer Mythos

05.02.2010

Banken sind jedoch nach dem Bremer Organisationspsychologe Peter Kruse in der Vertriebskrise gefangen, die klassische Kundensegmentierung hat angesichts viraler Netzwerke ausgedient

Scheinbar für ewige Zeiten geschaffene Machtblöcke von Banken beginnen durch die steigende Macht einzelner verteilter Akteure und Interessengruppen über elektronische Mechanismen zu erodieren. Wie groß der Vertrauensverlust in unserem demokratischen Koordinatensystem mit Blick auf die Finanzindustrie ausfällt, das unterstreicht der renommierte Bremer Organisationspsychologe Peter Kruse in einer Studie für die Bertelsmann Stiftung.

Als Psychologe untersucht er die Auswirkungen der Netzkultur auf die Gesellschaft. Als Unternehmensberater entwickelt er Konzepte für Mitarbeiter und Führungskräfte, um neue Formen der Selbstorganisation zu stärken. Daneben unterrichtet Peter Kruse als Honorarprofessor an der Universität Bremen zum Thema kollektive Intelligenz. Das Personalmagazin wählte ihn 2009 zum dritten Mal in Folge in die Liste der "40 führenden Köpfe im deutschen Personalwesen".

Im persönlichen Gespräch zeigt sich Peter Kruse nunmehr selbst etwas überrascht, welches Ausmaß der Vertrauensverlust der Bürger in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft bereits angenommen hat. Denn in einer Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hat Organisationspsychologe Peter Kruse, der die Unternehmensberatung nextpractice leitet, anhand einer im Dezember 2009 erstellten qualitativen Wertestudie ein Vertrauensbarometer der Deutschen in ihre staatlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leitsysteme erstellt. Fazit: Eine große Mehrheit habe nach den Krisenjahren 2008 und 2009 ihr Vertrauen in zahlreiche Institutionen und Verantwortungsträger verloren.

Inzwischen seien ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung als weitgehend resigniert einzuschätzen. Beinahe jeder Zweite wünsche sich sogar einen "Systemwechsel" in Bezug auf eine nur repräsentative Demokratie oder Marktwirtschaft. Mit Blick auf die Banken und Akteure am Finanzmarkt ergibt sich anhand von 100 nach repräsentativen Kriterien ausgewählten Bundesbürgern ein interessantes Bild: Ein Viertel der Bevölkerung begreift das Staatswesen und die Politik als Solidargemeinschaft, um Notsituationen und finanzielle Risiken gemeinschaftlich zu "puffern". Das Vertrauen, dass dieser Prozess des Ausbalancierens gelingt, ist jedoch nur sehr gering. 31 Prozent der Bundesbürger verließen sich deshalb auf ihre individuelle Leistungsfähigkeit und ihr Selbstvertrauen, um den erreichten Lebensstandard zu halten und einen sozialen Abstieg zu verhindern. Diese Gruppe befürwortet sowohl das Konzept der direkten als auch der repräsentativen Demokratie.

Eine dritte Gruppe, die ein Viertel der 100 befragten Teilnehmer umfasst, macht die eigene Zukunft vor allem von der Planungssicherheit abhängig, um mit einer gewissen Bodenhaftung das optimale aus den existenten Verhältnissen zu machen. Aber auch diese Gruppe fordert Veränderungen und einen Musterwechsel innerhalb der bestehenden Systeme. Eine vierte Gruppe schließlich umfasst einen Anteil von 20 Prozent, wobei sie ihr Vertrauen in Staat und Wirtschaft an eine konkrete Bedingung verknüpfen, nämlich selbst aktiv in politische und wirtschaftliche Prozesse eingreifen zu können.

Die befragten Personen, die in diese prozentual überraschend große Gruppe fallen, wünschen sich, bei Entscheidungen einbezogen zu werden, und sie legen Wert auf ein Klima gegenseitiger Wertschätzung. Es sei ihnen besonders wichtig, dass Aufgaben kompetent und informiert angegangen werden. Wort und Tat will diese Gruppe aufrichtig in Einklang bringen, sie denken langfristig und handeln nachhaltig - und halten weltoffen Ausschau nach Innovationen.

Besonders sensibel reagiere die Gruppe der neuen "undogmatischen Basisdemokraten" in eigener Regie bei jenen staatlichen Maßnahmen, die gezielt Egoismus und Wettbewerb förderten, also wenn zentrale Probleme zu kursichtig angegangen seien. Dies gilt insbesondere für Verantwortungsträger, die aus Sicht der aktiven Mitgestalter des öffentlichen Gemeinwesens abgekoppelt in ihrer eigenen Wirklichkeit lebten oder nur Teilinteressen durchsetzten, auf der Basis von lobbyistisch gesteuerten Interessenkoalitionen.

Ein Fünftel der befragten Bürger fordert somit aktiv die direkte Demokratie und lehnt die repräsentative Demokratie als weitgehend unzureichend ab. Allen vier von der Bertelsmann-Stiftung erfassten Gruppen gemein ist das geringe Vertrauen in den internationalen Finanzmarkt. Laut Studie erwarten die Befragten zwar, dass sich der Finanzmarkt in den kommenden Jahren wieder "normalisiert", es also keine grundsätzlichen Änderungen gegenüber der Situation vor der Krise geben wird. Jedoch werden mit dem Erhalt des Status Quo keinerlei Erwartungen mehr verbunden, dass der Finanzmarkt zur eigenen Zukunftssicherung beitrage.

Fast jeder dritte von vier befragten Studienteilnehmern zeigt sich mit Blick auf die "qualitative" Entwicklung auf dem internationalen Finanzmarkt sogar resigniert. Dementsprechend gering sei das Vertrauen in Produkte und Institutionen der Finanzwelt wie Aktien, Investmentfonds, Kredite und Banken, die Menschen allesamt mit negativen Kriterien wie Profitgier, Entkopplung von den Interessen der Menschen und kurzfristiger Ausrichtung des Handelns assoziierten.

Vertrauensbarometer für Banken fällt uneinheitlich aus

Dass die Verbraucher den Akteuren auf dem Finanzmarkt kein Vertrauen mehr entgegen brächten, dieser von der Bertelsmann Stiftung ermittelte Befund widerspricht jedoch aktuellen Statistiken, wonach die Menschen den großen Publikumsfonds von Investmentgesellschaften auch weiterhin Glauben schenken. Oder anders ausgedrückt: Wer zur richtigen Zeit an den Kapitalmärkten ein- und aussteigt, kann auch weiterhin deutlich höhere Renditen erzielen, als dies etwa im Bereich von konservativen Anlagen wie Tages- und Festgeld der Fall ist.

Denn laut Bundesverband Investment und Asset Management e.V. (BVI) hielten die Bundesbürger Ende November 2009 ein Geldvolumen in Höhe von 1,358 Billionen Euro in Aktien-, Renten-, Misch-, Geldmarkt- und offenen Immobilienfonds. Das verwaltete Fondsvermögen der Gesellschaften nahm bei den Investmentfonds im Vergleich zum Vorjahr sogar um elf Prozent zu, was einem Mittelzufluss von 6,3 Milliarden Euro entsprach. Die stärkste Gruppe bilden Aktienfonds mit einem Anteil von 29 Prozent Nur rund 14 Prozent der Bundesbürger besitzen aber überhaupt Aktien.

Peter Kruse zieht aus diesen Fakten die Schlussfolgerung, dass es dem Bürger schlichtweg an Alternativen in der Geldanlage mangelt. Den Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken wird zwar laut Angaben der Bertelsmann-Stiftung stärker als privaten und den Großbanken vertraut, da sie als moralisch integrer wahrgenommen werden, obgleich auch sie sich weit entfernt von ihrem kollektiven Idealbild befänden.

Mit Blick auf alternative Entwürfe erschwerend hinzu käme, so räumt Peter Kruse ein, dass sozialistische Utopien, die Geld- und Kapitalströme innerhalb gemeinschaftlicher Organisationsformen "finanzdemokratisch" zu verwalten, sich in der Praxis als nicht tragfähig erwiesen hätten. Den Schlüssel für die Bewältigung von Zukunftsausgaben sehen die von den Meinungsforschern bei nextpractice befragten 100 Bürger vor allem in einer verstärkten Hinwendung zur Förderung von Bildung, Familie, Partizipation und Nachhaltigkeit durch regenerative Energien.

Internet stellt Machtfrage im Finanzwesen neu

Gerade mit Blick auf die Banken scheint sich die Tendenz zu verstetigen, wonach alte Machtreviere kaum angetastet bleiben, was auch die Hinwendung zum "Business as usual" in der Branche unterstreicht. Dennoch konstatiert Peter Kruse einen gravierenden Wandel jenseits von kollektiver Resignation. Die herkömmliche Masche der Banken, die einzelnen Kundengruppen nach ihrer "klassischen Vertriebsdenke" zu segmentieren, funktioniere in Folge des gravierenden Vertrauensverlustes nicht mehr.

"Das Transparenzbedürfnis stellt die Banken ebenso wie die Pharmaindustrie unter besonderen Druck und Beobachtung. Denn beide Bereiche – die Gesundheit und das Geld – betreffen den Menschen in seinen elementaren Grundlagen", betont Peter Kruse. Sofern Banken dem wachsenden Differenzierungsdruck nur mit leicht kopierbaren Produkten entgegen träten, gehörten sie zu jenem von der Vertrauenskrise massiv tangierten gesellschaftlichen Bereich, den der Kunde jetzt fortlaufend und kritisch unter die Lupe nähme.

Oder anders ausgedrückt: Die von den Banken bislang inszenierten exklusiven Schonräume einer teils außerhalb von realwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spielregeln agierenden Parallelökonomie, die sich ungestört dem äußeren Blick und der Einflussnahme entziehe, gehöre der Vergangenheit an, so Kruse weiter: "Die Klimaanlage in den exklusiven Chefetagen ist ausgefallen und Hitze dringt ein."

Der Experte glaubt allerdings nicht an eine große Revolution aus der Mitte der Gesellschaft, die die Bankenfestung kurzfristig erschüttern könnte. Auch Peer-to-Peer-basierte Modelle der Kreditvergabe und Geldanlage innerhalb von finanziellen Gemeinschaften seien aus der sozialen Mittelschicht heraus kaum von durchschlagendem Erfolg gekrönt, um die Spielregeln grundlegend zu verändern, da deren Steuerung zwischen Rendite und Sicherheit ein komplexes Unterfangen darstelle.

Dagegen forderten die Menschen aktiv Partizipation und Transparenz als zentrale Kriterien ein, bilanziert der Organisationspschologe. Dieser Trend erfasse auch die Bankenwelt, wobei dem Internet eine zentrale Rolle als unkalkulierbarer "Resonanzkörper" zukomme. Im Klartext: Jener Teil der mündigen Bürger werde sich aktiv einmischen und einbringen, und gerade über das Netz auch in finanziellen Fragen mehr direkte Demokratie erproben und einfordern, auf welche Weise auch immer.

Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören Umwelttechnik, Informationstechnologie und Managementthemen. Mit Kommunikationsabläufen und neuen Organisationsformen in der Bankenszene hat sich der Autor in zahlreichen Aufsätzen beschäftigt. Er betreibt außerdem das Weblog Social Banking 2.0.

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