Potemkinsche Dörfer in Afghanistan

Florian Rötzer 29.01.2010

Um schnell abziehen zu können, lassen sich die westliche Staaten einiges einfallen, was eher kommunistischen 5-Jahres-Plänen als einer realistischen Planung entspricht

In London kamen sie zusammen, die Länder, die sich möglichst geschickt aus Afghanistan zurückziehen möchten. Und sie haben neue Pläne ausgebrütet, die wenig neu erscheinen. Nämlich die "Afghanisierung", also dass afghanische Regierung, afghanische Polizei und afghanisches Militär für die Sicherheit im Lande und für Stabilität sorgen – schon 2010 sollen die ersten Provinzen ganz von der afghanischen Regierung kontrolliert werden. Kriterien dafür wurden allerdings symptomatischerweise nicht entwickelt.

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Das Problem ist allerdings nicht nur, dass es zu wenige Soldaten und Polizisten gibt, es gibt vor allem keine landesweit akzeptierte Zentralregierung. Und die, die es gibt, ist von oben bis unten korrupt (Millionen für die Korruption). Sie ist angewiesen darauf, dass mehr Geld ins System gepumpt wird, das verteilt werden kann, weil Drogen, Wegezoll und Bestechungen für den Systemerhalt nicht reichen. Und für was sollten afghanische Polizisten und Soldaten kämpfen und sterben, wenn es keine einigermaßen gerechte Rechtsordnung gibt und so viele Menschen kein Einkommen haben? Sollen sie dafür kämpfen, dass die ausländischen Soldaten endlich gehen dürfen, um den Kriminellen, Korrupten und Warlords Platz zu machen (Afghanen haben kein Interesse mehr, Polizist zu werden)?

Wenn die Polizisten, das Hauptangriffsziel der Taliban, nicht genügend einnehmen, verlassen sie einfach den Dienst, wechseln auch manchmal auf die andere Seite über. Selbst mit Hunderten von Ausbildern lässt sich nicht eine geordnete Polizeimacht herausstampfen, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen nicht vorhanden sind. Hunderttausende Polizisten und Soldaten, die für Ordnung, nicht für ihre korrupten Chefs, sorgen sollen, will man nun am Fließband herstellen – bis Oktober nächsten Jahres sollen 171.600 afghanische Soldaten und 134.000 Polizisten den abziehenden westlichen Soldaten den Rücken stärken. Das klingt nach kommunistischem Planziel, also wenig nach Realität (Die afghanische Geisterarmee). Jetzt gibt es etwa mehr als 90.000 Soldaten und 80.000 Polizisten, letztere leben nicht nur gefährlich, sondern sind auch schlecht bezahlt.

Die Alternative zum Karsai-Regime ist ohne den Puffer der westlichen Mächte wohl wieder die Taliban-Herrschaft – wie schon einmal. In chaotischen Verhältnissen von failed states, derzeit etwa auch in Somalia zu sehen, nehmen die Menschen auch religiös und ideologisch begründete Repression in Kauf, wenn nur Sicherheit herrscht und ein irgendwie ein Alltagsleben möglich wird.

Achja, und dann wollen alle, Westerwelle und Karsai eingeschlossen, nun endlich den "gemäßigten" Taliban die Hand ausstrecken und sie locken – mit Geld (350 Millionen Euro, von Deutschland kmommen 50 Millionen) und Beteiligung an der Macht. Ein Schritt nach vorwärts, unter Bush – und auch Merkel – war das nämlich noch höchst verpönt. Allerdings haben unter der Hand natürlich immer mal wieder Gespräche stattgefunden. Die Taliban sind aber nicht überzeugt, sie sehen, dass Karsai auf die westlichen Truppen angewiesen ist, die wiederum von ihren Regierungen möglichst schnell abgezogen werden sollen. Sie können also abwarten und müssen keine Kompromisse eingehen, sofern sie nicht zu hart bekämpft und vertrieben werden, was die Strategie der Obama-Regierung ist. Jetzt zumindest sagen die Taliban zur ausgestreckten Hand mit dem Geld: Nein danke!

Unklar bleibt vor allem, wie der zivile Wiederaufbau in Afghanistan vorankommen soll. Trotz neunjähriger Besatzung und milliardenschwerer Hilfe gehört Afghanistan weiterhin zu den ärmsten Ländern der Erde. Karsai hat wieder einmal die Bekämpfung der Korruption versprochen. Das wird ihm niemand wirklich glauben, auch in Afghanistan bringen ihm die Menschen kein Vertrauen entgegen. Möglicherweise müsste man aus dem ewigen Kompromiss nach den Problemen mit den letzten Wahlen einen Restart machen, was voraussetzen würde, dass die westlichen Mächte tatsächlich explizit als Besatzer auftreten. Aber das wollen sie nicht, weil es ja auch die Taliban stärken würde. Also hangelt man sich von teurem Kompromiss zu Kompromiss fort. Bis man dann doch aus dem Hindukusch verschwindet, ohne wirklich etwas erreicht zu haben.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31992/1.html
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