Mexiko will Narcocorrido verbieten
Die Preislieder auf führende Figuren des Organisierten Verbrechens sind in dem mittelamerikanischen Land eines der populärsten Musikgenres
In Folge 33 der Serie The Shield wird erklärt, was den mexikanischen Narcocorrido vom Gangsterrap und von Country-Stücken wie Knoxville Girl von den Louvin' Brothers unterscheiden soll: Die Stücke beschreiben angeblich tatsächliche und nicht fiktionale Geschehnisse. Das stimmt allerdings nur zum Teil: In The Shield stellt sich eine Narcocorrido-Geschichte als erfunden heraus, die Stelle, wo im Stück die Leichen entsorgt wurden, aber als tatsächlich mit Körpern überfüllt.
Auch Negro y Azul, ein Narcocorrido, den die Cuates De Sinaloa für die Serie Breaking Bad einspielten (in der ein krebskranker Lehrer bei den Bemühungen, das Geld für seine Behandlung heranzuschaffen, zu einem Drei-Sterne-Methamphetaminkoch wird, der sich als "Heisenberg" mit Chemiekenntnissen und wechselndem Erfolg in einer ihm völlig fremden Welt mexikanischer Gewaltverbrecher durchsetzen muss) basiert nicht auf realen Ereignissen, sondern auf fiktionalen. Trotzdem brachte der Abgeordnete Óscar Martín Arce im mexikanischen Parlament eine Vorlage ein, die zum Inhalt hat, Narcocorridos zu verbieten.
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In dem Entwurf wird nicht nur die Produktion mit bis zu drei Jahren Gefängnis bedroht, sondern auch die Verbreitung - worunter sogar das Abspielen solcher Stücke fallen soll. Auch die Organisierte Kriminalität verherrlichende Filmwerke sollen von den Verbot umfasst sein. Unmittelbarer Anlass für die Gesetzesinitiative war die Aussage eines unlängst verhafteten Auftragsmörders, der angeblich mindestens 30 Menschen tötete und bei seiner Vernehmung meinte, er habe sich nur deshalb dem Organisierten Verbrechen zugewandt, weil er wollte, dass es einmal einen solchen Preisgesang über ihn gibt.
Das mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Akkordeon und häufig auch mit Blasinstrumenten gespielte Genre entwickelte sich aus dem Norteño, der wiederum auf der Polka basiert. Narcocorridos gab es angeblich schon in den 1930ern. In den 1950er und 1960er Jahren nahmen die Alegres de Terán zahlreiche Stücke über "contrabandistas" (Schmuggler) auf; das bekannteste davon ist "El Contrabando del Paso". Doch erst in den 1970er Jahren lösten Jorge Hernández' Tigres del Norte mit ihrer Contrabando y Traición benannten Ballade über die Schmugglerin Camelia la Texana eine Angebots- und Nachfragewelle aus, die als eigentliche Geburtsstunde des Genres gilt.
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In den 1980er Jahren entwickelte sich der in Los Angeles lebende Rosalino "Chalino" Sanchez zum bedeutendsten Songwriter des Genres. Allerdings wurde er bereits 1992, im Alter von 31 Jahren, nach einem Konzert in der mexikanischen Provinz Sinaloa ermordet. Andere bedeutende Narcocorrido-Interpreten sind die Tucanes de Tijuana, die Pajaritos del Sur, die Huracanas del Norte, die Tigres del Norte, die Morros Del Norte, die Amos De Nuevo Leon, die Originales de San Juan, die Buitres de Culiacan, die Banda Nueva Clave De Oro, die Incomparables De Tijuana, die Nuevos Rebeldes, Colmillo Norteño, Tigrillo Palma, Beto Quintanilla, La Nueva Rebelion, El Gavilancillo, Jorge Gamboa, Larry Hernandez und Roberto Tapia. Die häufig genannte Grupo Exterminador parodiert dagegen das Genre eher.
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Mittlerweile ist nicht mehr die Kassette das Hauptverbreitungsmedium der Narcocorridos, sondern CDs und YouTube. Aber auch zahlreiche Radiosender in Mexiko und den USA haben eine Vorliebe für die Musik entwickelt, die auf eindrucksvolle Weise das Vorurteil widerlegt, das "böse Menschen keine Lieder" haben würden. Die Narcocorridos sind nämlich ebenso Bestandteil der OK-Subkultur wie die Schutzheiligen Jesús Malverde und Santa Muerte. Angeblich geben Gangersterbosse immer wieder selbst Stücke in Auftrag und bezahlen die Musiker dafür relativ fürstlich. Ein Mechanismus, der schon seit der Antike für einen beträchtlichen Teil der Musik- und Erzählkunst verantwortlich ist, der aber für die Narcocorrido-Interpreten auch dann Nachteile haben kann, wenn ein relativ unberechenbarer Auftraggeber mit dem entstandenen Werk vollumfänglich zufrieden ist: Kommt die Konkurrenz des Gangsterbosses nämlich schlecht weg, dann kann das für diese durchaus ein Anreiz zu einem Mord sein, mit dem der verletzten Ehre genüge getan wird. Angeblich kamen bei solchen Racheaktionen in der Vergangenheit nicht wenige mexikanische Musiker ums Leben.
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Die bekanntesten davon sind neben Chalino Sanchez Valentín Elizalde, Sergio Gomez (der Sänger der in Chicago ansässigen K-Paz de la Sierra), Javier Morales Gomez von den Implacables del Norte, Nicolas Villanueva von Brisas del Mar, Zayda Peña (die Sängerin von Zayda y Los Culpables), der Trompeter Jose Luis Aquino, der Produzent Marco Abdala, der Manager Roberto del Fierro Lugo, Jorge Antonio Sepulveda, Jesus Rey David Alfaro Pulido, sowie jeweils vier Mitglieder der Tecno Banda Fugaz, der Padrinos de la Sierra und der Herederos de Sinaloa. Seit dem Amtsantritt des Präsidenten Felipe Calderón 2006 sollen in Mexiko allerdings insgesamt mindestens 15.000 Menschen durch das Organisierte Verbrechen ums Leben gekommen sein.
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Der Grad der Affirmation bewegt sich in den Narcocorridos von expliziten Glückwünschen für einzelne Gangsterbosse bis hin zur relativ neutralen Schilderung von Geschehnissen, wie sie im frühen Calypso oder in Murder Ballads findet. Häufig besungen wurden unter anderem die Brüder Ramon und Francisco Rafael Arellano Felix aus Tijuana sowie ihr Rivale Amado Carrillo Fuentes aus Ciudad Juarez, der Stadt der Mädchenleichen. Und seit im Dezember Arturo Beltrán Leyva, der "Boss der Bosse", von der Polizei erschossen wurde, finden sich auch zu ihm und seiner letzten Schlacht massenhaft Musikstücke.
Arces Vorstoß zu einem Verbot der Narcocorridos ist bei weitem nicht der erste: Seit 1987 versuchen einzelne Bundesstaaten wie Sinaloa erfolglos durch Druck auf Radio- und Fernsehsender die zunehmende Popularität des Genres einzudämmen. 2002 wurde ein angedachtes landesweites Verbot von der damaligen Regierung als nicht mit der Verfassung vereinbar verworfen. Obwohl der Abgeordnete Arce der Regierungspartei PAN angehört, dürfte ein Verbot der Musik praktisch nur sehr schwer durchzusetzen sein. Mittlerweile sind Narcocorridos nämlich nicht mehr nur im Norden des Landes, sondern in ganz Mexiko extrem populär. Das Genre erwies sich sogar als Exportschlager und erfreut sich sowohl unter mexikanischen Einwanderern in den USA als auch in anderen mittelamerikanischen Ländern und in Kolumbien ausgesprochener Beliebtheit. Alleine die Tigres del Norte verkauften mittlerweile über 32 Millionen Tonträger und erhielten dafür Preise wie den Grammy.
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- Re: hoffentlich kappt es (1.2.2010 17:13)
- Wobei der Gedanke ist gar nicht so doof und führt zu (1.2.2010 16:38)
- hoffentlich kappt es (1.2.2010 14:17)
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