Weltwirtschaftsforum am Ende?

01.02.2010

Im vierzigsten Jahr ist das WEF in einer Sinnkrise geraten, seine Kritiker allerdings schon zuvor

Am Sonntag ging das Welt-Economic-Forum im schweizerischen Davos zu Ende. Es stand in diesem Jahr unter dem Motto "Rethink, Redesign, Rebuild". Wenn sich die WEF-Organisatoren in Pressemeldungen auch noch immer als wichtigen Player der Weltökonomie gerieren, ist doch Beobachtern längst klar, dass das leicht esoterisch angehauchte Treffen von Politikern, Wissenschaftlern und Ökonomen in seinem 40ten Jahr in die Krise geraten ist.

Nicht nur die linksliberale Taz prognostiziert das Ende von Davos, auch in wirtschaftsnahen Medien läuteten die Sterbeglocke für das WEF.

The World Economic Forum is about to begin again in Davos, Switzerland but Davos Man, that quintessential pan-national, pro-market, global leader of finance and business is all but dead.

Business-Week

Warnungen vor der sozialen Krise

Selbst von WEF-Gründer Klaus Schwab sind selbstkritische Töne zu hören. Angesichts einer Kombination von Wirtschaftskrise, leeren Kassen und hohen Arbeitslosenzahlen warnte er vor einer sozialen Krise. Für ähnliche Prognosen sind im letzten Jahr Gewerkschafter und SPD-Politiker noch heftig gescholten worden. Schwab regte die Ökonomen an, über eine neue Unternehmensethik nachzudenken und sich die Frage zu stellen, warum sie in der Krise versagt haben.

Nun war es gerade Schwabs Anspruch, solche Themen im mondänen Davos zu diskutieren. Tatsächlich wurde das Meeting von den Entscheidungsträgern auch gerne genutzt. Allerdings machte das WEF schon seit Jahren andere Schlagzeilen. Im letzten Jahr stritten sich der türkische und der israelische Premierminister lautstark über den Gazakrieg (Keine Einheit in der Krise). Erdogan ließ sich in der Türkei dann als Politiker feiern, der Israel gekontert hat. Sein Versprechen, nicht mehr nach Davos zu kommen, hielt er in diesem Jahr ein.

Das wäre für das WEF wohl zu verschmerzen gewesen. Dass auch US-Präsident Obama wegen dringenderer Termine nicht einmal auf eine Stippvisite in die Schweizer Berge kam, wog da schon schwerer. Doch der eigentliche Grund liegt schlicht in der Erkenntnis, dass angesichts der Wirtschaftskrise die Vorstellung, Weltprobleme könnten bei Kamingesprächen gelöst werden, wohl endgültig obsolet ist. Doch mehr hatte das WEF nie zu bieten. So kann man den Newsweek-Korrespondenten nur zustimmen, wenn er konstatiert:

Davos Man now stands naked in front of the world, devoid of the mantel of superior economic theory and absent the technical (certainly financial) skills required to guide the world economy.

Newsweek

Die realen Interessengegensätze unter den Globalplayern lassen sich jedenfalls nicht durch gutes Zureden übertünchen. Während beispielsweise die Europäische Zentralbank als Konsequenz aus der Krise für eine stärkere Regulierung der Wirtschaft eintritt, lehnen andere Bankmanager und Ökonomen jegliche Reglementierung der Wirtschaft strikt ab. So ist es reiner Zweckoptimismus, wenn es dann in Pressemeldungen heißt, dass auf dem WEF Einigkeit über eine stärkere Regulierung des Finanzsektors bestanden hätte.

Doch neben dem Streit der unterschiedlichen Wirtschaftskreise trägt zur Krise des WEF auch die Erkenntnis bei, dass die Probleme der Welt nicht auf Gipfeltreffen gelöst werden können. Ob G8, G20, oder WEF, alle diese Instanzen sind längst auf ihre reale Bedeutung reduziert worden. Auch das Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen dürfte gehörig zur Entmystifizierung solcher Großevents beigetragen haben.

Abschied von den Großevents

Unter den Klimaaktivisten wird verstärkt die Frage diskutiert, ob die Bewegung nicht mehr an der Basis arbeiten sollte, als in regelmäßigen Kraftakten Großevents kritisch zu begleiten, zu be- oder verhindern. Die globalisierungskritische Bewegung hat die Frage schon längst praktisch entschieden. Die verschiedenen Gipfel werden zunehmend ignoriert. Dazu hat neben der staatlichen Repression auch die Erkenntnis beigetragen, dass man nicht so einen Aufwand zur Mobilisierung zu Gipfelevents betreiben muss, die real gar keinen großen Einfluss haben.

An den Anti-WEF-Protesten löst sich gut Aufstieg und Stagnation einer Bewegung aufzeigen. Das Jahr 2001 war eindeutig der Höhepunkt der durch die Proteste von Seattle angefeuerten Mobilisierung ("Davos wird brennen"). Damals stand die Frage, ob sich WEF politisch halten lässt im Raum (Weltwirtschaftsforum vor dem Aus?). Im Folgejahr wich das WEF in die USA aus (Zwischenstand beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in New York: Furcht). Bis 2005 blieb die Mobilisierung auf einem hohen Niveau (WEF gehört die Stadt), doch dann begann der Abschwung (Bonzen im Schnee). Auch hier waren eine Gemengelage aus Repression, Spaltung des Gegenbündnisses und die Erkenntnis, dass die Bedeutung des WEF überschätzt wird, die wesentlichen Gründe.

In diesem Jahr gab es Demonstrationen gegen das WEF in Basel, Luzern und Genf. Das NGO-Bündnis Das andere Davos brachte ihre Alternativvorschläge ein.

Auf dem 9ten Weltsozialforum in Brasilien, das als Gegenforum zum WEF entstanden war, wurde die Bedeutungsverlust des Schweizer Pendants mit Zufriedenheit festgestellt. Doch zum Feiern hatten die WEF-Kritiker wenig Grund. Schließlich hatten sie kaum etwas zur Demontage des WEF beigetragen und sind zudem selbst in der Krise. Denn die Skepsis gegenüber Großevents hat auch die Sozialforen erreicht. Die Hoffnungen, die es noch vor 10 Jahren gab, dass sich dort gesellschaftliche Alternativen entwickeln und durchsetzen lassen, haben zumindest einen starken Dämpfer bekommen. Zudem gibt es unterschiedliche Perspektivvorstellungen. Während ein Teil der Aktivisten, die Sozialforen als Treffen ohne Beschlussfassung und die Einbeziehung von Politikern erhalten wollen, wünschen sich andere eine stärkere Kooperation mit den sozialreformerischen Regierungen in Latein- und Zentralamerika, beispielsweise in Venezuela, Bolivien und Ecuador.

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