Vom Schweigen im Walde

Tom Appleton 07.03.2010

Eine Erkundungsfahrt ins Dunkel der Geschichte

Meine erste Begegnung mit dem dunklen, dräuenden, deutschen Wald erlebte ich, zehnjährig, aus Persien kommend, als eine zugleich bedrückende und märchenhafte Erfahrung. Es war das denkbar ungemütlichste Ambiente für einen persischen Schakal, den es ins Land von Rotkäppchen und ihren Wölfen verschlagen hatte.

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Ich empfand den Taunus, mit seinem dicht bewaldeten Romberg, Altkönig, Feldberg, als einen gruseligen Märchenwald, bevölkert mit den allgegenwärtigen Pfadfindern und ihren nächtlichen Geländespielen, bei denen ich zur Teilnahme verpflichtet war - wo man, im tiefen Tann, bei Dunkelheit, auf die verweste Leiche eines luxemburgischer Selbstmörders stieß, die hier seinen Zyankalischnaps getrunken und der Welt Adieu gesagt hatte - und wo man sich, bei Tag, in paramilitärischen Gewaltmärschen erging, jeweils mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen - "Im Frühtau! Zu Berge! Wir ziehn! Fallera!"

Aber dieser Wald, dieser dunkle Forst, war kein naturbelassener Urwald, wie man ihn sich wohl in Polen oder Ungarn vorstellen mochte, sondern meist eine kontrollierte - wenn auch zuweilen arg vernachlässigte - Holz-Anbau-Farm, Teil einer bis in den letzten Quadratzentimeter von Menschenhand bearbeiteten "Kulturlandschaft". Trotzdem war das Grauen, das einen hier erfasste, nicht etwas, was nur mich allein bedrückte. Jedes zweite Märchen der Gebrüder Grimm führte schnurstracks in diese präfreudianische Alptraumlandschaft, in der hohle Äste den Schlag von Äxten imitierten, wo Einsiedler, umgeben von verzauberten Tieren, ihren Hirsebrei schlürften, und wo Zwerge ihren Bart im Holz verkeilten. Rapunzel ließ aus dem Turmfenster ihr langes Haar herab und zugleich laut rumpelnd und zierlich stelzend kam der Rumpelstilz aus der unvereinbarbare Welt des Wach-und Traumbewusstseins daher und riss sich selber mitten entzwei.

Auch der Bayerische Wald (wahlweise Böhmerwald) mit seinen eukalyptös blauschimmernden Wipfeln strahlte bereits am Spätnachmittag unheilvoll vampirträchtig, doch hätten dort auch schon die Hauer eines Keilers gereicht, um mir den letzten Nerv zu ziehen. Im Wald, egal ob Teutoburger oder Kottenforst, ergriff mich Unwohlsein. Einmal war es auch das Große Müssen. Ich schlug mich abseits der Straße in das dunkle Gezweig, konnte aber beim Zurückblicken die offene Straße stets hell wie eine Lichtung aufblinken sehen. Nach 50 Metern stand ich unvermutet, wie im Märchen, vor einem offenen Platz. Es war ein jüdischer Friedhof, so winzig, dass man ihn fast für einen Zwergenfriedhof hätte halten können. Er hatte, erstaunlicherweise, die Nazi-Zeit, samt Krieg, und 25 Jahre Bundesrepublik ohne Schaden überstanden, die Grabsteine standen aufrecht & unbeschmiert. Geschützt vom Wald. Zumindest schien es so; in Wirklichkeit wussten die Gemeindeoberen Bescheid und hielten den Wald im Zaum. Damit er sich nicht im Wildwuchs über den Friedhof hermachte und ihn überdeckte.

Auf Google Maps sehe ich diesen Friedhof heute noch; 40 Jahre später. Wenn man weiß, wo man hinschauen muss, findet man, was man sucht. Ein Loch im Wald. Google Maps ist hier das operative Wort. Trotz der keineswegs überragenden Auflösung erkennt man einen Fleck von der Grundfläche eines kleinen Hauses.

Szenenwechsel. Von Deutschland nach Österreich, ins Burgenland. Es handelt sich dabei um einen dünnen, an einer Stelle sogar nur 4 km breiten Streifen am Ostrand des Landes. Früher ein Teil Ungarns, der indessen seit 1920/21 zu Österreich gehört. Auf ungarischer Seite wird, wohl mit leise schwelendem Ressentiment, diese Region weiterhin als "West-Ungarn" bezeichnet.

Hier, im südlichen Burgenland, nicht weit von der ungarischen Grenze, befindet sich die Ortschaft Rechnitz, heute ein großes Dorf oder ein kleines Städtchen von 3.133 Seelen. Auch hier erkennt man auf Google Maps deutlich jede Straße, jedes Feld, und den pockennarbigen Wald ringsum. Und hier müsste es, nicht minder, ein verräterisches Loch geben, irgendwo, das einen Hinweis auf ein jüdisches Totenfeld liefern würde. Aber man findet es nicht. Seit 65 Jahren liegt es verborgen, irgendwo, vielleicht im Walde, totgeschwiegen von den Bäumen, und mehr noch von den Menschen.

Dieses Rechnitz ist gewissermaßen in ganz Österreich und zunehmend auch in Deutschland und auf der ganzen Welt bekannt einzig dafür, dass hier im März 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs und als Österreich noch Adjunkt des Nazi-Reichs war, eine Massenerschießung von ungarischen Juden stattgefunden hat. 180 oder 200 oder 220, die Zahlenangaben variieren. Über diesen Tatbestand türmt sich, und das bereits seit Jahrzehnten, wie eine unbewegte Kumuluswolke, das mythische Konstrukt eines kollektiven Schweigeakts. Die gesamte Bevölkerung der Ortschaft, heißt es, habe seit damals eisern geschwiegen. Deshalb sei das Massengrab, der Ort, wo die Leichen verscharrt wurden, nie gefunden worden.

Die Tat selber, der gespenstische Tatverlauf, wie es zu diesem ungeheuerlichen Tötungsdelikt kam - steht außer Zweifel; einzig das Massengrab selber konnte nie gefunden werden, und niemand hat jemals seine Stelle verraten.

Aber: ist so etwas überhaupt vorstellbar? Wie viele Tausend Hänsel und Gretels müssen nicht in diesen 65 Jahren durch den Wald geirrt sein, wie viel Rotkäppchen mit ihrem Picknickkorb nicht irgendwann einmal hier irgendwo an einer Stelle gesessen haben, wo ein Wildschwein oder ein Fuchs einen Knochen ans Tageslicht befördert hat? Wie oft findet man nicht in einem Bach oder unter einem Stein einen verräterischen Knopf oder ein zerbrochenes Brillengestell?

Und andererseits wieder, wie konnte dieses Loch im Wald, das man suchte, nie gefunden werden? Ich frage mich, wie es bei der weit höheren Auflösung archäologischer Forschungsfotos, oder militärischer Aufklärungsfotos, die eine landschaftliche Topographie mit Feld, Stadt, und Wald zu verschiedenen Jahreszeiten wiedergeben - wie es in all diesen Jahren nicht gelingen konnte, eine Stelle ausfindig zu machen, die irgendeine irgendwie geartete Anomalie, oder auch nur ein winziges Merkmal des Ungewöhnlichen aufwies? Selbst mit Google Maps, mit diesen nicht gerade detailreichsten Satellitenfotos, erkennt man die Spuren landschaftlicher Veränderungen, die man mit dem bloßen Auge, zu ebener Erde, kaum wahrnehmen würde. So beispielsweise sieht bei Google der "Kreuzstadl", die sinnigerweise in Kreuzform erbaute Scheune aus, in der die Zwangsarbeiter bis zu ihrer Erschießung eingepfercht waren:

Bild: Google Maps

Das Gebäude steht ein wenig - aber nur ein wenig - abseits der Landstraße, außen vor dem Eingang zur Ortschaft Rechnitz. Es ist eine Ruine. Dass dieser Stadl - eine Scheune, ein Heustall - und er ist groß genug, um einst als "Musikantenstadl" gedient zu haben, man hätte Tanzabende dort abhalten können - dass dieser Stall sich gerade hier befindet, draußen vor dem Dorf, ist angesichts des umliegenden Ackerlandes nicht weiter überraschend - wer fährt schon das feuergefährliche Heu oder Stroh mitten ins Dorf hinein? Und dass dieser Stadl als Gefängnis/Stall benutzt wurde, verwundert ebenfalls wenig - man hielt die Gefangenen außen vor, aus reiner Quällust mitten im Winter, und um sie unsichtbar zu machen. Ihr Anblick hätte vielleicht doch bei den Dorfbewohnern einen Anflug von christlichem Mitleid und Hilfsbereitschaft erwecken können. Andererseits meine ich, obwohl dem Umstand eine unterschwellige symbolische Aussagekraft innewohnt, dass ausgerechnet dieser KREUZ-Stadl als derjenige Ort ausgewählt wurde, in dem man JÜDISCHE Gefangene einpferchte, muss ich sagen, ist es mir nicht einmal sonderlich aufgefallen, dass das Gebäude eine Kreuzform besitzt, als ich dort vor einigen Jahren vorbeifuhr. Zwei der seitlichen Mauern sind eingefallen, man blickt jeweils durch das offene Gebäude in die offene Landschaft hinaus. Das Dach ist ebenfalls längst abgetragen, man ist also umgeben von offenem Mauerwerk. Als ich dort stand, mitten an einem heißen Julitag, war freilich das Innere des Gebäudes erfüllt von außerirdisch blau leuchtenden, mannshohen Distelpflanzen, die wie die Seelen der Verstorbenen aus der Erde ragten.

Aus einiger Entfernung und von ebener Erde aus photographiert sieht das Gebäude heute so aus. Es trägt eine Plakette. Es ist eine offizielle österreichische Holocaust-Gedenkstätte. Bild: Eva Schwarzmeyer

Ob man in diesen Bau die üblichen hölzernen Stockbetten hereingestellt hatte, wie man sie aus unzähligen KZ-Fotos kennt, um die 200 Zwangsarbeiter aufzunehmen? Oder ob man sie einfach auf dem winterlich kalten Boden im Heu oder Stroh schlafen ließ? Ich weiß es nicht. Ob dort irgendeine Heiz- oder Kochgelegenheit vorhanden war? Brennholz? Eine Möglichkeit zum Waschen, eine irgendwie geartete Toilette? Ob das Dach den Regen, den Schnee, die Kälte fernhielt? Das alles weiß ich nicht. Ich bezweifele jedoch, dass es vom Allerlebensnotwendigsten wirklich genug gab. Ich vermute eher, dass die Gefangenen dort schlimmer als die Tiere gehalten wurden.

Diese Menschen waren ungarische Juden, möglicherweise waren auch einige Zigeuner, Homosexuelle und Kommunisten dabei - für sie alle gab es in diesen letzten Tagen des Nazi-Regimes nur eines. Sie wurden rasch noch in irgendwelche Verteidigungsmaßnahmen eingeschaltet und dann erschossen und beseitigt. Die Leugnung des Holocausts ist keine Erfindung unserer Tage. Sie gehörte programmatisch zur gesamten Nazi-Epoche dazu und endete, gegen Schluss, mit einer eiligen Spurenverwischung. Auch hier sollten einige Hundert entkräftete Menschen noch einen so genannten Schutzwall ausheben. Danach schaufelten sie ihre eigenen Gräber. Der Schutzwall bestand aus einer Serie von zimmergroßen Löchern, drei Meter tief und sieben Meter breit, die aus dem vereisten Boden gehackt wurden. In ihnen sollten die aus dem Osten anrückenden russischen Panzer stecken bleiben.

So absurd und verzweifelt dieses Unterfangen auch klingen mag - so scheint es doch ziemlich logisch, dass, sobald einige der russischen Panzer solcherart lahmgelegt worden wären, der übrige Tross dann eben das Gebiet von Rechnitz weiträumig umfahren hätte. Damit dieses Projekt, von Nazi-Seite, überhaupt Erfolg haben konnte, musste es solche Panzerfallen entlang der gesamten Grenze des Burgenlandes geben. Und dementsprechend muss es mehrere "Rechnitze" gegeben haben. Merkwürdigerweise wird aber bis heute von österreichischer Seite eine solche Möglichkeit gar nicht in Betracht gezogen.

Statt den Holocaust an dieser Stelle zu leugnen - was in Österreich strafbar ist - wird er einfach totgeschwiegen. Man gewinnt den Eindruck, als sei das Schweigen von Rechnitz nur die kleinere Form des großen Schweigens der österreichischen Republik. Das Schweigen der Gemeinde Rechnitz ist sozusagen nur das kleine Schweigen des Opferlamms, das dem großen Schaf der Nation größere Ungemach erspart. Als ich in Rechnitz in einem Café ein Mineralwasser und einen Kaffee trank, fragte eine Touristin die Kellnerin: "Und hat eigentlich in all diesen Jahren niemals jemand hier den Ort dieses Massengrabs verraten?" -"Nein, gnädige Frau. Nie.", antwortete die Kellnerin geflissentlich. Ich dachte: Was für ein seelisch belastender Job - eine Kellnerin muss hier jeden Tag für das Schweigen der ganzen Ortschaft Rede und Antwort stehen. In Wirklichkeit gehört das zum Tourismus-Service von Rechnitz dazu, so wie in dem nun wirklich winzigen Ort Mayerling ein jeder der 200 Einwohner ein Experte zum Mord/Selbstmord des Kronprinzen Rudolf und seiner Mary Vetsera sein dürfte.

Vor einigen Jahren veröffentlichte der österreichische Staatsender ORF auf seiner Online-News-Seite folgende Nachricht. Hier ein längerer Auszug davon.

"Das Massaker von Rechnitz, bei dem im März 1945 mehr als 180 ungarische Juden getötet worden sind, beschäftigt nach wie vor viele Menschen. Im Mittelpunkt der Recherchen steht die Frage, wo sich das Massengrab befindet, in dem die Opfer damals verscharrt worden sind. Erschwert wird die Suche nach Antworten durch das zum Teil hartnäckige Schweigen und die widersprüchlichen Aussagen von Zeitzeugen. Nun soll es eine neue Spur geben. Der Salzburger Hobbyforscher Gerhard Entfellner will vor einigen Tagen in einem Archiv in den USA eindeutige Fotos entdeckt haben. Entfellner versucht seit 1993 das Massengrab zu finden. Eine Spur hat ihn im Jänner ins Militärarchiv nach Washington geführt, wo er auf Luftaufnahmen der US-Airforce gestoßen ist, auf denen er das Massengrab in Rechnitz gesehen haben will. Es sind Negative, die 40 mal 40 ausgearbeitet werden können. Da habe ich 31 Foto von einem Flug - vielleicht habe ich auch einen zweiten Flug auch gefunden', so Entfellner. Auf die Frage, was ihn so sicher mache, dass die Bilder das Massengrab zeigen, sagte Entfellner: Ich habe andere Unterlagen auch noch, Luftbildaufnahmen bezüglich gewisser Baumgruppen. Ich habe dort sehr schreckliche Bilder gesehen und auf Grund dessen kann man das an diesen Bildern dann sicher alles erkennen', so der Hobbyforscher. Gerhard Entfellner hat nach seinen Aussagen am Donnerstag einen Termin im Innenministerium. Er wolle versuchen, die zuständigen Stellen davon zu überzeugen, etwa 7.000 Euro für die Entwicklung [bereitzustellen]. Entfellner will Geld auftreiben und den Ankauf des amerikanischen Fotomaterials zu finanzieren. Aus dem Innenministerium hieß es dazu, man wolle mehr sehen als ein paar Archivnummern, ehe man bereit sei, das Geld zur Verfügung zu stellen. Die Luftaufnahmen, die der Hobbyforscher entdeckt haben will, sind nicht der erste Hinweis auf den möglichen Fundort des Massengrabes."

Soweit der Originalton ORF, vom 16. 02. 2006. Das Wort "Hobbyforscher" sollte wohl vorab signalisieren, dass man es hier mit einem etwas spinnerten Typen zu tun hätte, und selbstverständlich würde man einem solchen Herrn vom Innenministerium her keine 7.000 Euro aus Staatsgeldern hinstrecken, damit er in Amerika ein paar Luftaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg aus den Archiven ziehen lässt. Immerhin, ein merkwürdiger Satz. "Die Luftaufnahmen...sind nicht der erste Hinweis auf den möglichen Fundort des Massengrabes." Ist es möglich, dass man im österreichischen Innenministerium sehr viel mehr Informationen besaß, als man zugeben wollte, aber den Deckel drauf hielt? Schließlich wären 7.000 Euro ein Klacks für den Staat, vor allem wenn man bedenkt, dass das leidige Thema dann endlich vom Tisch hätte sein können. Für den Privatmann Entfellner dagegen waren 7.000 Euro eher ein größerer Happen. Andererseits konnte man nicht erwarten, dass die US-Behörden eine umfangreiche historische Archivsuche und Fotobearbeitung aus reinem Spaß an der Freud umsonst leisten würden. Und vielleicht wusste man in Österreich bereits, dass der Fall Rechnitz kein Einzelfall ist, und dass hier eine Skandalgeschichte größeren Ausmaßes unter der Oberfläche brodelte, die man jetzt seit 65 Jahren mühsam unter Verschluss gehalten hat.

Ich schrieb an Entfellner, um zu sehen, ob er wirklich so was wie der Querulant ist, als den ihn der ORF erscheinen lässt. Oder ob er ein ernstzunehmender Zeitgenosse ist, der tatsächlich Fakten vorzuweisen hat. Er schrieb mir zurück: "Ich bin im Besitze aller notwendigen Unterlagen - Tatortfotos, Luftbildaufnahmen, Protokollen, alten Lageplänen - um diese Massengräber zu exhumieren." Interessant, dass Entfellner von Massengräbern, im Plural, sprach, obwohl ich ihn einzig auf den Fall Rechnitz angesprochen hatte. "Leider," schrieb er weiter, "ist die Entnazifizierung in Österreich gescheitert, so kann bis heute vieles nicht aufgearbeitetet werden." Eine schlichte Tatsache, Hinweis auf des Mannes ausgeprägte Vernünftigkeit. Und weiter: "Nach meiner Rückkehr aus Indien, Ende März 2010, ich betreibe hier ein Hilfsprojekt, werde ich vielleicht einen Marsch von Mauthhausen nach Rechnitz organisieren und die Ermordungsplätze so der Bevölkerung zeigen." Das alles klang für mich eher nach einem engagierten Zeitgenossen, als nach Querulant. Darüber wird in Telepolis zu einem späteren Zeitpunkt noch zu berichten sein.

Unterdessen las ich einen Artikel,den Entfellner in der Salzburger Straßenzeitung "Apropos" veröffentlicht hat. Er schreibt dort, unter anderem:

Das Massengrab im burgenländischen Rechnitz, in dem vor über 60 Jahren 220 ermordete jüdische Zwangsarbeiter verscharrt wurden, ist seit vielen Jahren Gegenstand von Gerüchten, Vertuschungen und Widersprüchen. Ich habe nie aufgehört, um eine endgültige Aufklärung dieses Verbrechens zu kämpfen.

Eine mit fast 65 Jahren nicht mehr ganz taufrische, teuflische Tragödie schleppt ihre Schatten durch ganz Europa. Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek schrieb letzten Herbst ein Stück darüber. Wenn man wie ich 15 Jahre in Rechnitz, Burgenland, lebte, wo am 25./26. März 1945 Massenerschießungen von mindestens 220 jüdischen Zwangsarbeitern stattfanden, hat man viel gesehen, gehört und erlebt und viele Erkenntnisse gewonnen. Unglaubliche und unfassbare sind es vor allem. Das Innenministerium, die zuständige Volksanwaltschaft, der Landeshauptmann, die BH [Bezirkshauptmannschaft, d.h. die allgemeine Verwaltungsbehörde des Bezirks] Oberwart, das Gemeindeamt, ihre Amtmänner und Gemeinderäte sind nun endlich gezwungen, die soziale Frage "Was bedeute ich als Mensch?" auf einen anderen Boden zu stellen, wenn jetzt, nach so vielen Jahren, die ganze Wahrheit und damit auch ihr Anteil am Verschweigen der Massengräber ans Tageslicht kommt.

Die Schulbildung hat uns eine abstrakte Wissenschaft geliefert. Hier werden nur Thesen aufgestellt, es gibt darin keine Erklärungen, weder über den Fundort der exhumierten Massengräber (21 waren es insgesamt), den Kreuzstadl in Rechnitz, der heute eine Gedenkstätte ist, noch über die genaue Anzahl der Massengräber sowie deren Exhumierungen. Man muss nun an die Menschen appellieren, die Tatsachen sprechen zu lassen und nicht bloß irgendwelche leeren Worte. Denn zu viele leere Worte und Versprechungen sind seit der Entdeckung schon im Nichts verpufft. Was unterschiedliche Gründe hat. Warum etwa eine Rechnitzer Kommission, gegründet von der Zivilbevölkerung im April 1945, zu keinem Abschluss kam, liegt an der Ermordung mehrerer Zeugen. So wurde, genau am ersten Jahrestag der Massenerschießungen, ein gewisser Karl Muhr tot im Walde, mit einer Schusswunde im Kopf und halbverkohlt, aufgefunden. Auf ihm lagen zwei Bäume und sein toter Hund. Seine Wohnung wurde in Brand gesteckt. Muhr hatte die Waffen zur Erschießung ausgeben müssen.

Das alles wirft doch ein ganz anderes Licht auf jenes beharrliche Schweigen der Rechnitzer. Nicht um eine mafiöse "Omerta", um die nazistische Verbrüderung einer durch gemeinsame Schuld geeinigten Bevölkerung geht es hier, sondern um die manifeste und massive Einschüchterung einer Bevölkerung, die sich nach Aufklärung des Verbrechens sehnt, und daran gehindert wird. Durch wen? Entfellner jedenfalls hat Recht, wenn er darauf hinweist, dass alle so genannte "Nachforschung" von offizieller Seite stets im Sand verlaufen ist.

Hier eine frühere ORF-Meldung, vom 21. 10. 2005:

Massengrab beim Kreuzstadl nun entdeckt? Beim Kreuzstadl in Rechnitz wurden nun nach Erdbohrungen menschliche Überreste gefunden. 1945 wurden dort jüdische Zwangsarbeiter von den Nazis ermordet, während im Schloss Rechnitz lokale NS-Prominenz feierte. Schon länger wurde ein Massengrab bei der Gedenkstätte, dem Kreuzstadl in Rechnitz, vermutet. Bereits in den Jahren 1993 und 1996 waren dort bei Ausgrabungen menschliche Überreste gefunden worden. Nun könnte die Suche nach dem Massengrab mit den Opfern des Massakers beim Kreuzstadl zu einem Ergebnis geführt haben. Bei Erdbohrungen wurden jetzt wieder Hinweise auf menschliche Überreste entdeckt, die nun genauer untersucht werden. Die Untersuchung soll klären, ob es sich bei den Funden um das Massengrab oder um Überreste gefallener Soldaten handelt. "Es wurden Leichenspürhunde eingesetzt und man hat herausgefunden, dass es menschliche Überreste sein könnten, das muss aber noch verifiziert werden. Das wird noch weiter untersucht", sagte Ludwig Zwickl von der Abteilung für Gedenkstätten und Kriegsgräber des Innenministeriums. Mit den Ergebnissen sei erst in einigen Wochen zu rechnen. Die Bohrungen haben eine Woche lang gedauert. Der genaue Fundort wird nicht verraten. "Die Akten wurden noch einmal überprüft und man hat herausgefunden, dass man auch an Orten nachsehen könnte, wo man bisher nicht gegraben wurde. Man kann auf keinen Fall sagen, ob das die gesuchten Toten sind", so Zwickl. Rechnitz sei gegen Kriegsende Frontgebiet gewesen, es habe auch schwere Kämpfe gegeben. Die Hunde könnten etwa auch auf Überreste von Körperteilen, die von Soldaten stammen, gestoßen sein. Ob damit nun das Massengrab gefunden wurde, ändert freilich nichts an der Tatsache der Erschießung von rund 200 jüdischen Zwangsarbeitern im März 1945. Am 24. März 1945 wurden 600 ungarische Juden von Köszeg per Bahn ins Burgenland transportiert, um beim Bau des so genannten Südostwalls eingesetzte zu werden. 200 der Deportierten wurden auf Grund von Krankheit und Erschöpfung zum Bahnhof Rechnitz zurückgebracht. Das Massengrab wurde trotz oftmaliger Suche bisher nicht entdeckt, auch weil es mehrere unterschiedliche Angaben von Augenzeugen gibt.

Hier hört man nun, ganz nebenbei, von 600 jüdischen Zwangsarbeitern, und von der Arbeit am Südostwall, als einer schlichten geschichtlichen Wirklichkeit, womit Entfellners 21 Massengräber (für die übrigen 400 Zwangsarbeiter) eine sehr glaubwürdige Realität gewinnen. Die größte Überraschung ist dabei nicht einmal, dass nun die rund 200 Gefangenen aus dem Kreuzstadl angeblich direkt an Ort und Stelle erschossen und begraben wurden. Man möchte wissen: Wo? Gab es dort einen Keller? Irgendeine Stelle, die auf die Schnelle zubetoniert wurde? Nun verwundert es wenig, dass in der gesamten Umgegend nichts gefunden wurde. Aber wieso fand man hier am Kreuzstadl so beharrlich-lange nichts? Welchen Zaubertrick hat man hier inszeniert, um 200 Leichen für immer verschwinden zu lassen? Wir wissen, dass nicht einmal David Copperfield einen Elefanten durch die Chinesische Mauer hindurch zaubern kann. In Wirklichkeit, vermutete ich, bestand die Zauberei am Kreuzstadl aus - sehr viel weniger. Der Trick dabei war nichts weiter als - die Fortsetzung des Schweigens. Unglaublich? Nein, Fakt. Denn auch nach dieser Aussage aus dem Jahr 2005 liegt bis heute noch immer kein Fundbericht vor.

Entfellners Ungeduld mit der "abstrakten Wissenschaft" wird indessen verständlich, wenn man sich diesen Beitrag aus der Online Zeitung der Universität Wien vom 12. Oktober 2006 vor Augen hält:

In Rechnitz im Südburgenland ist die Suche nach einem Massengrab mit jüdischen Opfern der Nationalsozialisten nach wie vor aktuell. Univ.-Ass. Mag. Dr. Robert Peticzka vom Institut für Geographie und Regionalforschung führt unter der Leitung des Innenministeriums dementsprechende Bodenuntersuchungen durch. Durch ein neu entwickeltes, multimediales Informationssystem in Form einer Datenbank konnten die ForscherInnen das zu untersuchende Gebiet jetzt erheblich einschränken. Diese Woche haben erneut Grabungen begonnen.

Ich bin überrascht! Ein Jahr, nachdem offenbar das Massengrab beim Kreuzstadl lokalisiert worden war, beginnen erneute Grabungen? Und ich höre zum ersten Mal, der Kreuzstadl sei mitnichten eine schlichte Scheune, oder ein Heuschober gewesen, sondern ein Schlachthaus. Wurden hier die Schweine und sonstiges Getier, das man im Ort briet, kochte und selchte - geschlachtet und verarbeitet? Sind hier die Menschen wie die Schlachtabfälle des Dorfes mit Kalk überschüttet in irgendeiner nahegelegenen Zisterne entsorgt worden? Für mich hat es fast den Anschein, als wäre es so gewesen:

"Die Opfer mussten zuerst [...] ihre Überkleider ausziehen und sich an den Rand einer auf freiem Feld in der Nahe des Schlachthauses bereits ausgehobenen Grube setzen; [...]; dann wurden sie erschossen, ein Teil von ihnen vielleicht auch erschlagen [...]", so liest sich eine Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Wien aus dem Jahre 1947.

Trotz mehrmaliger intensiver Suche wurde der Ort des Massengrabes bis heute nicht gefunden. Ende der 1990er Jahre übernahm das Institut für Geographie und Regionalforschung die wissenschaftliche Arbeit für die Suche. Konkret wurde Univ.-Ass. Mag. Dr. Robert Peticzka mit bodenkundlichen, sedimentologischen Untersuchungen zur Auffindung der jüdischen Kriegstoten betraut. Mit übernommen hat das Projektteam eine enorme Fülle von Informationen und Daten, darunter Zeitzeugenaussagen inklusive händischer Skizzen und Luftbilder der Besetzungsmächte sowie Auswertungen unzähliger vorangegangener Grabungen. große Schwierigkeit bei der Auffindung des Grabes liegt darin, dass die in Frage kommende Fläche eine Größe von rund 15 Fußballfeldern hat. Da nicht alles aufgegraben werden kann, ist eine Einschränkung des Gebietes notwendig. Basierend auf den vorhandenen Daten und eigenen Untersuchungen, etwa Bodenradarbildern, schauten sich Robert Peticzka und sein Team den Boden bis in eine gewisse Tiefe an. Ist da was zu finden? Vorweg: Zur konkreten Position des Grabes gibt es noch keine Erkenntnisse, aber gefunden und gesammelt sind eine Menge Daten, die für die Verortung desselben notwendig sind. Deren bestmögliche Aufbereitung war eine Herausforderung, die eine Optimierung der erneuten Suche, die diese Woche begonnen hat, ermöglicht. "2002 haben wir die KollegInnen der Kartographie hinzugezogen und sie gebeten dabei zu helfen, ordnerweise Rechnitz-Daten handhabbar zu machen", erzählt Robert Peticzka.

Alle vorhandenen Daten wurden in einer Datenbank erfasst, räumlich verortet und in einer Web-Applikation visualisiert, "um damit eine optimale Zusammenschau der Daten zu gewährleisten, wodurch man letztendlich auch Erkenntnisse über den genauen Ort des Massengrabes ableiten kann", sagt Ass.-Prof. Mag. Dr. Karel Kriz von der Abteilung für Kartographie und Geoinformation. Das Ergebnis: Ein einfach zu bedienendes multimediales Informationssystem, das alle Daten thematisch und kartographisch aufbereitet zugänglich macht.

hwierig und wissenschaftlich wirklich innovativ war, dass unterschiedlichste Datenniveaus zusammengeführt wurden", hebt Peticzka hervor. Bohrungsdaten, elektromagnetische Prospektionen (Oberflächenuntersuchungen), Suchgrabungen, Luftbilder, Zeugenskizzen und Zeugenaussagen - all diese Datenbestände sind nun multimedial und räumlich verortet abfragbar. n ein Benutzer also auf eine Stelle auf der Karte klickt, scheinen die dazugehörigen Bohrdaten oder Audiofiles von Zeugenaussagen auf. Weiters können Karten, Skizzen und Bilder übereinander gelegt werden. "Vergleicht man in dem System beispielsweise ein Luftbild aus dem Jahre 1945 mit einer vor zehn Jahren durchgeführten Prospektion, ist erkennbar, dass wir in der Prospektion die am Luftbild erkennbaren Panzergräben exakt gefunden haben. Damit ist die Lage dieser Gräben exakt verifiziert", veranschaulicht Peticzka die Vorteile des Systems.urch die Kombination der räumlichen und thematischen Analysen gewinnen die ForscherInnen neue Informationen bezüglich der Lage des vermuteten Massengrabes. Da die Kosten für eine ausgedehnte Exploration sehr hoch sind, müssen Geologen immer klar entscheiden, wo genau es sich lohnt, Arbeiten durchzuführen. Indem Peticzka, Kriz und Team die vorliegenden Daten und Untersuchungen zusammenspielen, können sie jene Flächen ausschließen, die nicht in Frage kommen. Die Datenerhebung ist soweit abgeschlossen. Bei Flächen mit Verdachtsmomenten gibt es jetzt Nachsondierungen, diese haben am Montag mit einem erweiterten Team von ArchäologInnen in Rechnitz begonnen.elche Erkenntnisse liefern solche Nachsondierungen? "Natürlich gewachsene Böden haben eine genetische Horizontabfolge. Störungen, beispielsweise durch Grabungen verursacht, sind in Bohrkernen erkennbar", so Peticzka. Weitere Informationen können durch den Einsatz von laboranalytischen Untersuchungen erkannt werden. Eine andere Methode sind unter anderem Widerstands- und Suszeptibilitätsmessungen. So identifizieren die ForscherInnen mögliche Inhomogenitäten im Boden.

Am Ende dieser ebenso nichts sagenden wie hochtechnischen Vokabelmenge erkennt man: die Science Boys von der Wiener Uni hatten ein neues Spielzeug, und mehr würde nicht sein. Ob bei ihren Forschungsbemühungen nun noch irgendein Ergebnis zu verzeichnen war, wissen wir nicht, denn die Wiener Universitäts-Zeitung (Online) hat in den vergangenen fast dreieinhalb Jahren zu diesem Thema keine weiteren Beiträge geliefert. Fast sieht es so aus als hätte man vor lauter Bäumen den Wald schließlich aus den Augen verloren. Oder doch, nicht ganz. Elfriede Jelinek, die österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin, hat über das Massaker von Rechnitz ein Theaterstück geschrieben, und das war der Zeitung immerhin einen ausführlichen Hinweis wert.

Dies und mehr wird im zweiten Teil meines Artikels behandelt.

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32025/1.html
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