China sollte sich nicht zu sehr auf seine Reserven verlassen

Rainer Sommer 05.02.2010

Alle Länder, die bisher ähnlich hohe Devisenreserven angehäuft hatten wie China, erlitten später die schwersten Wirtschaftskrisen ihrer Geschichte

Die Beziehungen zwischen China und den USA sind derzeit so angespannt wie schon lange nicht. So hat Washington ein Rüstungsgeschäft mit Taiwan angekündigt und Präsident Obama fasst ein Treffen mit dem Dalai Lama ins Auge. Obama will zudem "sehr viel härter" darauf drängen, dass China die beidseitigen Handelsabkommen vollständig umsetzt und seine Währung nicht länger künstlich niedrig hält.

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Peking zeigt sich indes selbstbewusst wie schon lange nicht, setzte die militärische Zusammenarbeit mit Washington aus und kündigte Sanktionen gegen die an dem Geschäft mit Taiwan beteiligten US-Firmen an. Auch in Währungsangelegenheiten ist nichts von einem chinesischen Kurswechsel zu bemerken, dafür legte sich das UN-Sicherheitsratsmitglied China zuletzt auch noch gegen weitere Iran-Sanktionen quer.

Aber während die Unnachgiebigkeit Chinas vermutlich auch damit zu tun haben wird, dass ab 2012 ein umfangreicher Führungswechsel ansteht und sich die jüngere Generation bereits entsprechend zu positionieren scheint – was in erster Linie zu patriotisch-nationalistischen Anwandlungen führt. Das neue Selbstbewusstsein Chinas resultiert aber wohl doch in erster Linie aus der enormen Kriegskasse von deutlich mehr als zwei Billionen Dollar, die China in den letzten Jahren angehäuft hat. Und so schwillt selbst chinesischen Regimegegnern die Brust, wenn sie davon sprechen, wie sehr China die USA derzeit in der Hand habe und zweifellos bald überflügeln werde. Immerhin könnte China die Märkte für US-Staatsanleihen vermutlich tatsächlich massiv erschüttern und wohl auch problemlos den Dollar zum Absturz bringen, würde es seine Dollar-Reserven auf den Markt werfen oder dies auch nur ankündigen.

Eine ähnliche Meinung vertritt offenbar auch Thomas L. Friedman, der in einem Kommentar den vielen Skeptikern entgegentritt, die sich Sorgen um die verschiedenen Spekulationsblasen machen, die die chinesische Währungs- und Konjunkturpolitik mittlerweile hervorgebracht hat.

First, a simple rule of investing that has always served me well: Never short a country with $2 trillion in foreign currency reserves.

Thomas Friedman

Ein kleiner Blick in die Wirtschaftsgeschichte sollte freilich auch in China zu Besorgnis führen. Denn Tatsache ist, dass in allen Fällen, in denen ein Land durch jahrelange Exportüberschüsse derart übermäßige Devisenreserven angehäuft hatte, genau dieses Land später die schwerste Wirtschaftskrise seiner Geschichte erlitt. Diese hat dann jeweils mindestens zehn Jahre angedauert und fiel deutlich stärker aus, als überall sonst in der Welt.

Allerdings ist es in der Weltgeschichte bislang nur zwei Mal zu annähernd vergleichbaren Situationen gekommen, was nicht unbedingt ein statistisch signifikantes Sample darstellt – dafür liegt die Crash-Quote allerdings bei 100 Prozent: So hatte Japan in den 1980er Jahren fast eine Billion Dollar an Reserven angehäuft und galt bis zum Crash als wirtschaftlich unbezwingbar. Nach dem Platzen einer gewaltigen Spekulationsblase fiel es dennoch in einen wirtschaftlichen Abgrund, den es bis heute noch nicht ganz verlassen hat.

Noch schlimmer hatte es die USA erwischt, die in den 1920er Jahren dank einer blühenden Exportwirtschaft zu weltgrößten Gläubigernation aufgestiegen war und nach dem Börsencrash vom Oktober 1929 eine zehnjährige "Great Depression" durchleiden musste.

Warum aber gerade Länder, die für einen langen Zeitraum so ungewöhnlich hohe Exportüberschüsse erzielt hatten, später derart schwere Krisen erlitten, ist völlig ungeklärt. An dieser Stelle kann also nur vermutet werden, dass dies mit der enormen Kreditexpansion zusammenhängt, die in der Zeit der Exportüberschüsse sowohl in den USA wie auch in Japan zu beobachten war. Denn in beiden Fällen war es zu einem gewaltigen Anwachsen des Konsums sowie der privaten Verschuldung gekommen, wobei die darauffolgende Krise jeweils mit einem starken Abbau der privaten, bei gleichzeitigem Ansteigen der öffentlichen Verschuldung verbunden war. In beiden Fällen endete die Krise erst dann, als auch die Kontraktion der Privatkredite ihr Ende gefunden hatte

Das erscheint insofern beachtenswert, als in China wenigstens bis vor kurzem nicht nur die Spekulationsblasen, sondern auch die private und öffentliche Verschuldung massiv angeschwollen sind.

Das ist übrigens ein hoffentlich nicht unerheblicher Unterschied zu Deutschland, das sich sonst in einer ähnlichen makroökonomischen Position wie China befindet. So wie China vom fixen Wechselkurs mit den USA profitiert, verdankt Deutschland einen gewichtigen Teil seiner Exportüberschüsse gegenüber den südlichen EU-Mitgliedsstaaten der Währungsfixierung durch den gemeinsamen Euro. Im Unterschied zum Verhältnis China/USA muss Deutschland dabei allerdings keine Devisenreserven anhäufen, um den Wechselkurs zu halten. Dadurch entfällt für Deutschland zwar die in China bereits stark spürbare inflationierende Wirkung etwaiger Währungsinterventionen, die deutsche Bevölkerung dürfte den ungleichgewichtigen Exporterfolg aber bereits jetzt mit stagnierenden Realeinkommen und schwachem inländischem Konsum bezahlen.

Darüber hinaus wird Deutschland auch kaum umhin kommen, für die maroden Staatsfinanzen seiner südlichen Handelspartner gerade zu stehen. Damit findet sich Deutschland wieder in einer ähnlichen Situation wie China, das wohl am stärksten betroffen wäre, sollten die USA sich ihrer Auslandsschulden über einen Dollar-Crash entledigen wollen. Das wäre dann auch nicht ganz unfair, hat China bislang doch auch stark vom bestehenden Währungsarrangement profitiert. Dasselbe gilt freilich auch für Deutschland, dessen Exportüberschüsse makroökonomisch wohl einen größeren Beitrag zur ökonomischen Schieflage des europäischen Club-Med geleistet haben, als jeder ökonomische Schlendrian, wie ihn deutsche Wirtschafts- und Geldpolitiker diesen Ländern ja so gerne vorwerfen.

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32032/1.html
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