Ist Chinas Ein-Kind-Politik schuld an globalen Ungleichgewichten?

Rainer Sommer 08.02.2010

Eine neue Studie begründet die extrem hohe Sparquote Chinas mit dem chinesischen Frauenmangel, der Männer dazu zwingt, ihre Chancen am Heiratsmarkt durch hohe Ersparnisse zu verbessern

Laut ökonomischen Lehrbuchwissen führt eine hohe Sparquote zu niedrigem privaten Konsum. Das wiederum sorgt für niedrige Importe. Sollten die Ersparnisse höher ausfallen als die inländischen Investitionen, führt dies wiederum zu einer aktiven Handelsbilanz. Das ist in China sicherlich der Fall und dementsprechend erzielt das Land insbesondere gegenüber den USA massive Handelsüberschüsse. Folglich ist Chinas hohe Sparquote die Kehrseite des exzessiven Konsums und der hohen Verschuldung der USA.

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Da die hohe chinesische Sparquote also schon lange als Auslöser für die globalen ökonomischen Ungleichgewichte gilt, rätseln Wirtschaftswissenschafter bereits fast ebenso lange, wieso gerade China die weltweit höchste Sparquote aufweist. Bislang galten dahingehend das mangelnde Vertrauen in das öffentliche Gesundheits- und Pensionssystem als Hauptgrund und eine weitere Erklärung wird in den hohen Ersparnissen der Chinesischen Unternehmen gesehen.

Eine aktuelle Studie der Ökonomen Shang-Jin Wei und Xiaobo Zhang von der Columbia Universität bringt jetzt eine weitere Begründung aufs Tapet: Die chinesische Ein-Kind-Politik. Da chinesische Familien in der Regel männlichen Nachwuchs bevorzugen und ein weiteres Kind in der Regel von den Behörden nur dann erlaubt wird, wenn es sich beim ersten Kind um ein Mädchen handelt, hat dies zur Folge, dass in China heute 122 männliche auf 100 weibliche Neugeborene kommen, weil Mädchen viel häufiger abgetrieben werden. Das hat zur Konsequenz, dass sich statistisch rund ein Fünftel aller Männer auf eine lebenslange Ehelosigkeit einstellen müsste, was offenbar mit allen finanziellen Mitteln verhindert werden soll.

Um ihre Heiratschancen zu erhöhen, sind sie daher gezwungen zu sparen, wobei sich dem kaum jemand entziehen könne, da er andernfalls gegenüber der Konkurrenz ins Hintertreffen gerät. Da es üblich sei, innerhalb der Familie zusammenzuhalten und die Ersparnisse bei Bedarf zusammenzulegen, erstreckt sich das Phänomen zudem auf die gesamte Gesellschaft und nicht nur auf ledige Männer.

Sparrate und Geschlechterverhältnis. Grafik: Wei/Zhang

Den Ökonomen zufolge sprechen die Statistiken allerdings eine sehr klare Sprache. So dürften hohe Ersparnisse der Unternehmen kaum für die Ungleichgewichte verantwortlich sein, da Länder wie Japan oder Südkorea seit langem deutlich höhere Unternehmensersparnisse verzeichnen. Auch das geringe Vertrauen in das Sozialsystem könne kaum als Begründung herangezogen werden, denn einerseits gibt es viele Länder mit noch weitaus schlechteren Sozialsystemen und gleichzeitig viel niedrigeren Sparquoten.

Anderseits wurde das chinesische Sozialsystem in den letzten 20 Jahren durchaus gestärkt und ausgebaut, trotzdem ist der Sparanteil an den verfügbaren Einkommen von rund 16 Prozent im Jahr 1990 bis heute auf über 30 Prozent angestiegen, wobei die größte Zunahmen erst dann erfolgt ist, als die Geschlechterlücke so richtig sichtbar wurde. Darüber hinaus zeigen die Daten eine deutlich höhere Sparquote bei Haushalten mit einem Sohn als bei jenen mit einer Tochter, wobei dieser Effekt in den Regionen am stärksten ausfällt, bei denen auch das Geschlechter-Missverhältnis am größten ist.

Sollten Wei und Zhang also recht haben, müsste China folglich nicht den Yuan abwerten, um die globalen Ungleichgewichte zu reduzieren, sondern müsste nur dafür sorgen, dass mehr Mädchen zur Welt bzw. ins Land kommen.

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32037/1.html
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