Kirche und sexueller Missbrauch

08.02.2010

Höchste Zeit für eine fundamentale Revision der christlichen Sexualethik

Nicht nur im Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten war die Hölle los. Der Verdacht sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen könnte zu einem unabsehbaren Flächenbrand werden, nachdem sich immer weitere Missbrauchsopfer melden. Rund wird dieses Bild allerdings erst, wenn auch die Missbrauchsskandale im Ausland hinzugerechnet werden.

Die Tatsache,dass Christus, der ewige Hohepriester, selber seine Sendung biszum Kreuzesopfer im Stand der Jungfräulichkeit gelebt hat, bieteteinen sicheren Anhaltspunkt, um den Sinn der Tradition derlateinischen Kirche in dieser Sache zu erfassen. Deshalb reichtes nicht aus, den priesterlichen Zölibat unter rein funktionalenGesichtspunkten zu verstehen. In Wirklichkeit stellt er einebesondere Angleichung an den Lebensstil Christi selbst dar.

Wir begegnen einem alten Paradox: Das Gebot der Reinheit wider die menschliche Verfassung der Sexualität ist nur für den nachvollziehbar, der für Priester eine Ausnahmestellung gegenüber menschlichen Grundbedürfnissen reklamiert. Wie das sexualpsychologisch und -physiologisch funktioniert, wurde noch nie zureichend beantwortet. Dass sich hinter der "Reinheit" die "Unreinheit" verbirgt, ist psychologischer Betrachtung nach ein alter Standard, der insbesondere keinen geringen Teil der Psychoanalyse prägt. Den Reinen ist alles rein; den Unreinen aber und Ungläubigen ist nichts rein, sondern unrein ist beides, ihr Sinn und ihr Gewissen." (Paulus von Tarsus, Titus 1,15 Luther).

Nietzsches "Zarathustra" hat das provokativ umformuliert: "Dem Reinen ist alles rein – so spricht das Volk. Ich aber sage euch: den Schweinen wird alles Schwein!"

Es geht vielleicht jetzt nicht mehr nur um Aufklärung über Straftaten und Entschuldigungen und nachhinkende Maßnahmekataloge, sondern um Ausmistung. Nach den Vorfällen am katholischen Canisius-Kolleg plant das Erzbistum Berlin eine spezielle Missbrauchs-Kommission, die solchen Fällen nachgehen soll. Das ist eine durch die aufdringlichen Fakten erzwungene Schadensbegrenzungspolitik, aber keine ausreichende Prophylaxe. Die gegenwärtigen Missbrauchsskandale sollten den Vatikan zur fundamentalen Umkehr motivieren, die Grundsätze priesterlicher Selbstentwürfe im Schoß der Kirche radikal neu zu denken.

Der in Reife, Freude undHingabe gelebte priesterliche Zölibat ist ein sehr großer Segenfür die Kirche und für die Gesellschaft selbst.

Nachsynodales Apostolisches Schreiben Sacramentum Caritatis Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI.

Wenn Gott dem Menschen nach christlicher Lesart die Sexualität geschenkt hat, gibt es kein Recht der Priester aus vorgeblichen Gründen ihres Kultes darauf zu verzichten. Würde Sexualität in der Kirche überhaupt angemessen thematisiert und nicht angelegentlich von sexuellen Missbrauchsfällen zum erregten Streitgegenstand, bestünde nicht nur die Chance, dass die Verhältnisse in den Kirchen transparenter werden. Es wäre vielleicht auch wieder möglich, den tiefen Riss zwischen der offiziell gepredigten Schäfchen-Sexualität und real gelebter Sexualität in Familien und außerhalb wahrzunehmen.

Denn die Politik unter dem Muff des Ornats, das Verschweigen von Sexualnot, Pervertierung und unehelichen Priesterkindern ist fast ebenso anstößig wie die inkriminierten Akte selbst. Fatal ist nämlich das Konglomerat von Tätern und jenen, die aus unterschiedlichsten Gründen ignorieren, verschweigen und vertuschen – mithin den Sympathisanten einer menschenunwürdigen Praxis. In einer Zeit, in der die Gläubigen immer stärker abwandern und die Kirchengemeinden eingeschmolzen werden, gibt es für die Kirche jetzt einen Handlungsbedarf, der ihre Existenzfrage berühren könnte.

Pater Eberhard von Gemmingen, der Pater, der seinem Ruf zufolge weiland "den Papst erklärte", kam zunächst zu folgendem Vergleich: "Es ist fatal, nun den ganzen Orden schlecht zu machen. Ich muss einen Vergleich ziehen: Mit den Juden ist es so losgegangen, dass vielleicht der ein oder andere Jude Unrecht getan hat. Dann aber hat man schlimmerweise alle angeklagt und ausrotten wollen. Man darf nicht von einzelnen Missetaten ausgehen und eine ganze Gruppe verurteilen. Und die Gefahr, dass das passiert, ist groß." Der Provinzial der vereinigten deutschen Provinzen des Jesuitenordens Stefan Dartmann nennt diese Begriffskeule Pater von Gemmingens "vollkommen inakzeptabel".

Kommissionen, Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch, unabhängige Ombudsstellen ("Kirche von unten") und solche innerkirchlichen Selbstabgrenzungen sind gut. Ein neues Selbstverständnis priesterlicher Funktionen und eine revidierte Sexualethik der Kirche(n) wären indes noch besser. Doch schon jetzt zeigt sich, dass die drängende Frage, welchen Stellenwert Sexualität in der Kirche hat, wieder hinter den aktuellen Erörterungen marginalisiert wird. So erläutert der Professor für forensische Psychiatrie Hans-Ludwig Kröber, dass die bisher vorliegende Statistik über Missbrauchsfälle in der Kirche zeige, dass sexueller Missbrauch bei Kirchenleuten sehr viel seltener auftrete als bei anderen erwachsenen Männern. Kröber argumentiert sogar so, dass die priesterliche Geisteshaltung ein guter Schutz sei, nicht zum Täter zu werden.

Selbst wenn sich diese Auffassung nebst Statistik bestätigen sollte, verringert das nicht den Missstand. Denn Priester reklamieren gerade eine besonders hochstehende Moral, die alleine die Vorbildfunktion des "guten Hirten" rechtfertigt. Und viel weiter reichend behauptet die Kirche einen Ordnungsanspruch gegenüber menschlichen Lebensverhältnissen, der sich auch nach den gegenwärtigen Missbrauchsskandalen befragen lassen muss, wie sich religiöses Wissen um die Menschennatur und gesunde "Kreatürlichkeit" harmonisieren lassen. Wenn das nicht gelingt und viel spricht gegenwärtig nicht dafür, dass es gelingt, muss sich die wundergläubige Kirche jedenfalls über den Unmut und die Abkehr der Gläubigen nicht mehr wundern.

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