Munter voran und ganz im Plan?

Von A2LL und seinen Nachfolgern

Nachdem die frühere Software zur Bearbeitung von ALG-II-Leistungen zu viele Fehler zeigte, soll demnächst "Allegro" übernehmen. Vorher soll mit Version P03 allerdings weiterhin A2ll seinen Dienst tun. Hier bleibt aber vieles unklar. Die BA freilich sieht keine Probleme und stellt sich auf ihre Art auf Diskussionen ein.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

A2LL: Verschobene Termine und gelöschte Datensätze

Um eine bekannte Werbung zu zitieren: Die Geschichte der ALG-II-Software ist eine Geschichte von Mängeln. Obwohl bereits am 7. Oktober 2003 die Ausschreibung erfolgte (die ausdrücklich nach einer webbasierten Lösung suchte), wurde erst im Juli 2004 mit der Programmierung einer Softwarelösung begonnen. Da diese Software ab dem 1. Januar 2005 (Inkrafttreten des Sozialgesetzbuchs II) zwingend notwendig war, hieß es anfangs noch, ab dem 4. Oktober 2004 würde die bei T-Systems erstellte Software zur Verfügung stehen. Dieser Termin wurde zunächst auf den 18. Oktober, später auf den 25. Oktober 2009 verschoben. Als erstmals das Datum 25. Oktober 2009 genannt wurde, hieß es gleichzeitig beruhigend, dass die Software nunmehr lediglich 20 Fehler enthalte, die zu "minimalen Falschzahlungen" führen könnten. Diese Prognose erwies sich als allzu optimistisch.

Zunächst gab es Einschränkungen bei der Erfassung. Druckprobleme traten auf. Es folgte eine zeitweilige Störung bei der Dateneingabe.

Das war jedoch erst der Anfang einer Pannenserie. So löschte das System selbsttätig unvollständige Datensätze. Da jedoch bei der Eingabe der Daten oft Nachfragen notwendig waren, nahmen die eingebenden Mitarbeiter dies eher als Fehler wahr, denn als einen Service des Systems. Gab jemand seinen Antrag frühzeitig ab, dann wurde er häufig für seine Pünktlichkeit bestraft, indem seine Daten zwar anfangs eingegeben, aber kurz darauf wieder gelöscht wurden.

Zugriffsprobleme ...

Am 15. November 2004 folgten die nächsten Zugriffsprobleme und die nächsten technischen Probleme (z. B. wurden statt der Freibeträge nur Nullen ausgedruckt).

Die fehlerhaften Bescheide (es fehlten beispielsweise die Begründungen für Ablehnungen) führten zur nächsten Schwierigkeit: Die Widersprüche gegen die Bescheide konnten nämlich erst ab dem Datum bearbeitet werden, ab dem das Gesetz in Kraft trat. Wer also vor dem 1. Januar 2005 einen fehlerhaften Bescheid erhielt, gegen den er Widerspruch einlegte, der musste sich mit der Tatsache abfinden, dass der Widerspruch erst ab dem 1. Januar 2005 überhaupt irgendeine Beachtung finden würde.

Hinzu kamen fehlende Module wie etwa das für die umstrittenen Sanktionen, weshalb die Fallmanager mit Tricks arbeiten mussten, um sie zu verhängen. Auch der mangelnde Datenschutz der Software wurde gerügt. Und es sollte noch schlimmer kommen.

Falsche Nullen, fehlende Einmalzahlungen

Bereits im ersten Auszahlungsmonat, dem Januar 2005, blieben Hunderttausende ohne Geld, da die Software Kontonummern, die nicht 10stellig waren, rechtsbündig mit Nullen auffüllte, weshalb aus der Kontonummer 12345678 nicht etwa 0012345678, sondern 1234567800 wurde. Als Folge dieses hektisch beglichenen Fehlers kam es sowohl zu doppelten als auch zu ausgebliebenen Überweisungen. Auf den eilends verschickten Barschecks an Empfänger ohne Konto wurden Straßennamen so abgekürzt, dass die Zustellung scheiterte.

Die Einmalzahlungen, die fällig wurden, wenn ein Widerspruch gegen Kürzungen erfolgreich war, waren das nächste Problem - da das System nicht mitteilte, ob eine Einmalzahlung bereits erfolgt war, stellte man diese zeitweise ein.

Als Nächstes kam die Regierung auf die Idee, neue Regelungen für ALG-II-Empfänger unter 25 Jahren zu verabschieden, die von der Software aber erst ab dem 1. Januar 2007 hätten umgesetzt werden können. Schon hier zeigte sich, dass die Optionskommunen, die mit anderer Software arbeiteten, weitaus schneller auf neue Regelungen reagieren konnten. Dementsprechend wurde auch, als man Alternativen zu A2LL forderte, insbesondere auf die Vorteile einer dezentralen Lösung hingewiesen.

Der entscheidende Vorteil [...] für den Einsatz dezentraler Software liegt für die Arbeitsgemeinschaften darin, dass sie dann über ihre eigenen Daten verfügen und Kenntnis über ihre SGB-II-Situation (Hilfeempfänger, Bedarfsgemeinschaften, Ausgaben/Einnahmen) als auch über ihre Verwaltungsumsetzung, wie zum Beispiel Vermittlungserfolge, erlangen.

Zentral und termingerecht

Im März 2008 verlautbarte man zum ersten Mal, dass eine neue Software A2LL ablösen sollte: Allegro. Von 90 Millionen Euro Entwicklungsvolumen und einer Entwicklungszeit von 5 Jahren war die Rede. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) wolle diesmal ganz "Herr des Verfahrens" sein, um die "Wertschöpfungstiefe" in der BA zu erhalten.

Bis Allegro aber zur Verfügung steht, übernimmt Version P03 die Nachfolge von A2LL. Diese Version soll ab dem 15. November 2010 zur Verfügung stehen und bereits ab dem 1. Januar 2011 die bisherige Software ersetzen.

Ein Tempo, das einen Softwarehersteller verwunderte, der darauf hin an den Deutschen Städtetag schrieb und dessen Mitglieder auf die Risiken des Einsatzes von Version P03 hinwies. In einem "Argumentationspapier zur Nutzung von A2LL in der getrennten Aufgabenwahrnehmung" erläuterte die Firma die angesprochenen Probleme noch einmal detailliert. Dass sie dabei nicht uneigennützig agierte, ist eine Sache - dennoch sind ihre Argumente nicht von der Hand zu weisen.

In dem Telepolis vorliegenden Schreiben an den Städtetag wird unter anderem darauf hingewiesen, dass sich insbesondere die kurzfristige Inbetriebnahme ohne langen Testlauf sowie die fehlenden Einflussmöglichkeiten der Kommunen auf die Software als problematisch erweisen könnten. Wörtlich heißt es dazu:

So soll die dazu nötige Version von A2LL mit der Versionsnummer P03 erst am 15. November 2010 fertig gestellt werden. Sie können dies selbst durch Überprüfung des zugehörigen Veröffentlichungspapiers zu dieser Version überprüfen. [...] Damit verbleiben lediglich 40 Tage bis zum Stichtag Anfang 2011. Sollten also Fehler vorliegen, können diese kaum in diesem Zeitraum ausgebessert werden. Das Risiko, dass Leistungsempfänger im Januar 2011 also keine oder verzögerte Leistungen erhalten, inklusive der damit verbundenen Klagen gegen die zuständigen Träger (im Falle der Kosten der Unterkunft sind dies Ihre Mitglieder), ist enorm hoch. Hinzu kommt, dass das Eckpunktepapier des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales klar feststellt, dass seitens der Kommunen keinerlei Einfluss auf die Entwicklung, Ausbesserung oder Nachbesserung von Software der Bundesagentur genommen werden darf.

Die Antwort der Bundesagentur für Arbeit findet sich in deren internem Newsticker:

Der Vorstand der BA sowie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales haben sich aus fachlichen Gründen und unter Berücksichtigung der Haushaltsgrundsätze der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit dafür ausgesprochen, dass auch in Zukunft ein zentrales IT-Verfahren in den Grundsicherungsstellen zum Einsatz kommt. [...] Aktuell werden von Softwareanbietern [...] falsche Behauptungen aufgestellt, denen es mit guten Argumenten entgegen zu treten gilt.

Der Antwort war ein Argumentationspapier der BA beigelegt, das jedoch - genau gelesen - die Bedenken teilweise eher erhärtet als zerstreut: So bestätigt man etwa einen der zentralen Kritikpunkte, die späte Inbetriebnahme am 15. November 2010, sieht darin allerdings kein Problem:

Die Version P03 wird nach aktueller Planung am 15.11.2010 in Betrieb genommen. Der Druck der Bescheide wird somit auch termingerecht möglich sein. Umfangreiche Systemtests und Qualitätssicherungsmaßnahmen reduzieren das Risiko von Programmfehlern auf ein Minimum. Für ggf. notwendige Fehlerbehebungen steht bis Januar 2011 ein Zeitpuffer von 40 Tagen zur Verfügung. Erfahrungsgemäß ist dieser Zeitpuffer hierfür ausreichend.

Auch die Bedenken hinsichtlich der Kosten, die auf die Kommunen zukommen würden, weiß die BA nur bedingt zu entkräften. In den Hinweisbrief wurden diese Bedenken unter dem Punkt "Controlling" wie folgt formuliert:

Das kommunal an Wichtigkeit stark gestiegene Thema Controlling ist nur mit entsprechender Software kostenlos möglich. Bei Bezug von Kennzahlen über die BA sind diese kostenpflichtig, ungesichert und verzögert.

Die BA schreibt dazu in ihrem Argumentationspapier, dass "bei Nutzung der IT-Verfahren der BA Controlling-Auswertungen kostengünstig zur Verfügung gestellt werden". Verhandlungen mit dem BMAS hinsichtlich der Kostenübernahme würden bereits laufen. Die Kostenpflichtigkeit wird damit indirekt bestätigt und versucht diese Tatsache mit der bloßen Möglichkeit einer Kostenübernahme durch das BMAS zu relativieren.

Auch der Vorwurf des fehlenden Einflusses der Kommunen auf das IT-Verfahren wird mit einer Texthülse beantwortet, in der sich folgende Information versteckt hält:

[...] Die Kommunalen Träger besitzen kein Weisungsrecht gegenüber der BA bzgl. der IT-Nutzung [...]

In einer Stellungnahme einer direkt durch die BA angegriffenen Firma hat diese noch einmal genau aufgeschlüsselt, inwiefern die Aussagen der Agentur wenig vertrauenserweckend oder beruhigend sind.

Die BA hat jedoch bereits eine Möglichkeit gefunden, sich näher mit der Problematik zu befassen: In einem Telepolis vorliegenden Schreiben, von dem angeblich Kopien an den Deutschen Städtetag, dem Hersteller der Software A2LL sowie an das BMAS gingen (was man dort weder bestätigen noch dementieren will), weist die BA darauf hin, dass sie in dem Schreiben der Firma eine Werbung und einen Verstoß gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb sieht. Die Softwarefirma werde deshalb "dringend und im eigenen Interesse" gebeten "das derzeitige Geschäftsgebaren zu unterlassen".

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32056/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin

Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS