Globalisierung reduziert Komplexität

10.02.2010

US-Wissenschaftler haben bei einer statistischen Analyse von Sprachen herausgefunden, dass die Verbreitung mit Komplexität korreliert

Sprachen sind auch der natürlichen Selektion unterworfen. Die unterscheidet sich aber, so wollen Wissenschaftler herausgefunden haben, nach den jeweiligen Umweltbedingungen. Das würde nicht weiter erstaunen, wenn Sprachen tatsächlich einer evolutionären Entwicklung folgen. Interessant ist aber, dass die Anpassung der Sprachen einem Prinzip zu folgen scheint: Je weiter verbreitet eine Sprache ist, desto einfacher wird sie auch, was auch heißt: In der isolierten Nische erhält sich Komplexität her, während die Universalität oder Globalisierung mit sich bringt, dass Sprachen möglichst leicht zugänglich sind. Würde dies auch bedeuten, dass eine Globalkultur eine Art Minimalnenner ist und die individuellen Komplexitäten abschleift?

Psychologen der University of Pennsylvania und der University of Memphis haben in ihrer Studie, die im Open-Acces-Journal PLoS ONE erschienen ist, mit statistisch mehr als 2000 Sprachen analysiert, um zu sehen, ob bestimmte soziale Bedingungen mit bestimmten linguistischen Eigenschaften verbunden sind. Gefunden haben sie, dass demografische Eigenschaften einer Sprache, also wie viele Menschen sie sprechen, mit der grammatikalischen Komplexität zusammenhängen. Die Sprachen, die sich am weitesten verbreitet haben wie Englisch oder Mandarin, haben eine viel einfachere Grammatik und Morphologie als Sprachen, die nur von wenigen in bestimmten Gebieten gesprochen werden. Was schwierig ist, wird nicht übernommen und reproduziert. Die Masse vereinfacht, vor allem wohl die Masse derjenigen, die sie nicht als "native speaker" sprechen, sondern die sie zusätzlich zu ihrer Muttersprache erlernen.

So findet sich in Sprachen, die von mehr als 100.000 Menschen gesprochen werden, durchschnittlich eine sechsmal höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie einfache Konjugationen von Verben haben, als bei Sprachen, die weniger als 100.000 Menschen sprechen. Im Median sprechen die jetzt noch existierenden 6000 Sprachen meist nur 7000 Menschen, durchschnittlich sind es über 800.000, was sich nur einigen globalen Sprachen verdankt. Meist haben die Sprachen nur ein geografisch kleines Verbreitungsgebiet, während die großen Sprachen allein schon durch ihre geografisch größere Verbreitung von mehr Menschen gesprochen werden, die sie als nicht native speaker erst erlernen müssen und aber die Sprache möglichst vereinfachen. Weit verbreitete Sprachen haben einfachere Substantiv- und Zahlensysteme, unterscheiden weniger genau im Hinblick auf Geschlechter und haben einfachere Regeln für Vor- und Nachsilben.

Das Ergebnis der statistischen Analyse ist einleuchtend. Der Gebrauch verschleift die Komplexität, neue Sprecher wollen sich nur ausdrücken und ihre kommunikativen Ziele erreichen, tauchen aber nicht in die Tiefe einer Sprache ein. Diese "Hypothese der linguistischen Nische" erklärt aber nicht, warum Sprachen, die nur von wenigen in einer geografischen Nische gesprochen werden, eher komplexer sind. Mehr als Vermutungen können die Psychologen dafür nicht anbieten. Sie schlagen etwa vor, dass barocke Sprachen vor allem für junge Muttersprachler geeignet seien, weil diese schlicht einfacher morphosyntaktische Komplexität lernen können. Die Redundanz erleichtert das Lernen im frühen Alter, während das strategische Erlernen auf Komplexitätsreduzierung setzt, auch weil ein spezifischer sozialer Hintergrund fehlt.

Wir wissen, dass viele, wahrscheinlich die meisten Sprachen aussterben und nur wenige überleben werden. Auch früher gab es Weltsprachen, aber Griechisch, Lateinisch oder Französisch wurden vor allem von den Intellektuellen oder von der sozialen Elite gesprochen, um eine transnationale Verständigung zu ermöglichen. Englisch dürfte dank des Kolonialismus, aber dennoch als Sprache zufällig in eine andere Dimension eingetreten sein und zur Universalsprache zu werden (Die Lingua Franca des Netzes). Konkurrenten gibt es derzeit keinen. Weiterhin lassen sich lokale Eigenheiten im Gebrauch des Englischen beobachten, interessant wird aber sein, ob aus der Globalsprache wieder regionale Dialekte entstehen, die eine neue Ausdifferenzierung einleiten, oder ob die Globalisierung tatsächlich die mögliche Komplexität schleift – und welche Bedeutung dies für Kultur und Wissenschaft besitzen könnte.

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