Ein Versuch, das "Kompositionistische Manifest" zu schreiben

11.02.2010

Die Menschheit wurde aus der Utopie der Ökonomie vertrieben und scheint nun auf der Suche nach einer Utopie der Ökologie zu sein

Wenn ich einen Agenten hätte, würde er mir sicher raten, James Cameron wegen des Drehbuchs seines letzten Filmerfolges zu verklagen, denn Avatar sollte eigentlich Pandoras Hoffnung heißen! Ja, Pandora ist der Name des mythischen Roboters, dessen Büchse all die Übel der Menschheit enthält, aber es ist auch der Name des Planeten, den Menschen vom Planeten Erde (allesamt Mitglieder des typisch amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes) mörderisch ausbeuten, ohne sich um das Schicksal der Bewohner vor Ort (die Navis) und ihr Ökosystem zu kümmern, einen Superorganismus und eine Göttin namens Eywa. Ich habe den Eindruck, dass dieser Film die erste populäre Beschreibung dessen darstellt, was passiert, wenn modernistische Menschen Gaia treffen. Und glauben Sie mir, es ist nicht gerade schön.

Gaias Rache, um einen Titel von James Lovelock zu gebrauchen, hat eine schreckliche Wiederholung von Dünkirchen 1940 oder Saigon 1973 zur Folge: ein Rückzug und eine Niederlage. Diesmal verlieren die Cowboys gegen die Indianer: Sie müssen von ihrer Frontier fliehen und sich nach Hause zurückziehen, während sie all ihre Reichtümer zurücklassen. Indem sie versuchen, sich den mysteriösen Planeten Pandora auf der Suche nach einem Mineral – dem Unobtanium! – zu eröffnen, lassen die Erdlinge, wie im klassischen Mythos, alle Übel frei: Nicht nur verwüsten sie den Planeten, zerstören den Großen Baum des Lebens und töten die Quasi-Amazonas-Indianer, die in paradiesischer Harmonie mit ihm gelebt hatten, sondern sie werden auch von ihrer eigenen Macho-Ideologie infiziert.

Telepolis veröffentlicht an dieser Stelle den Vortrag, den Bruno Latour zur Annahme des Kulturpreises der Münchener Universitätsgesellschaft am 8. Februar 2010 in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität gehalten hat. Die Jury begründet ihre Entscheidung damit, dass "Bruno Latour zu den einflussreichsten, intelligentesten und gleichzeitig populärsten Vertretern der Wissenschaftsforschung (Science Studies) gehört".

Bruno Latour gilt als herausragender Vertreter der sogenannten Akteur-Netzwerk-Theorie, einem soziologischen Konzept, das sich mit der Bedeutung und den Folgeerscheinungen von wissenschaftlichen und technischen Innovationen auseinander setzt. Die Akteur-Netzwerk-Theorie unternimmt den Versuch, die gängige Unterscheidung zwischen Natur und Kultur aufzubrechen und durch den Netzwerkgedanken zu ersetzen. Ein Akteur im Sinne Latours kann dabei sowohl ein Mensch, als auch ein Ding, ein Tier oder eine Pflanze sein, denn deren Welten lassen sich nicht voneinander trennen. Gesellschaftliche Praxis ist somit stets eine Mischung zwischen Menschen und Objekten, die ineinander verschränkt sind und Kollektive bilden. Wissenschafts- und Technikentwicklung, so Latours These, ist demnach das Resultat der Verknüpfung unterschiedlicher Komponenten zu Netzwerken. Es handelt sich dabei um einen Prozess, bei dem es darauf ankommt, die beteiligten Komponenten dazu zu bringen, sich in einer aufeinander abgestimmten Weise zu verhalten. Für Latour entwickelt sich aus dieser Grundlage eine neue Vision, eine neue Utopie, eine neue Art, den Forschritt zu denken und zu begehen.

Bruno Latour wurde 1947 im französischen Beaune als Sohn einer Winzerfamilie geboren. Er studierte Philosophie und Anthropologie und wurde 1975 an der Universität Tours promoviert. Von 1982 bis 2006 war er Professor für Soziologie an der Ecole Nationale Supérieure des Mines in Paris. Er lehrte an der London School of Economics und ist derzeit Professor an der Science Po in Paris. Bruno Latour veröffentlichte zahlreiche Bücher darunter "Wir sind nie modern gewesen", "Das Parlament der Dinge" und "Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft". Am Zentrum für Kunst und Medientechnologie wirkte er als Kurator bei den Ausstellung Iconoclash. Jenseits der Bilderkriege in Wissenschaft, Religion und Kunst (2002) und Making Things Public.

Der mit 25.000 Euro dotierte Kulturpreis soll herausragende Persönlichkeiten aus den Bereichen Literatur, Kunst oder Geisteswissenschaften auszeichnen, die in einer die breite Öffentlichkeit ansprechenden Art und Weise als Künstler oder Wissenschaftler in Erscheinung getreten sind. Der Preis wurde 2008 erstmals an den Stadtforscher, Soziologen und Autor Mike Davis von der University of California, Irvine, vergeben (Wer wird die Arche bauen? Das Gebot zur Utopie im Zeitalter der Katastrophe

Äußere Zerstörung verursacht innere Zerstörung. Und wieder, genau wie im klassischen Mythos, bleibt die Hoffnung am Boden der Büchse der (ich meine den Planeten) Pandora, da sie sich tief im Wald und gut versteckt im komplexen Gewebe der Verbindungen befindet, welche die Navis mit ihrer eigenen Gaia pflegen. Ein biologisches und kulturelles Leben, das nur einige wenige Anthropologen im Ansatz erkennen können (Sigourney Weaver muss lustigerweise mit den Navis genau das wieder tun, was sie mit Gorillas im Nebel getan hat!...).

Es bleibt einem Ausgestoßenen überlassen, einem Marine ohne Beine und akademische Würde, es letztlich zu kapieren – aber um den Preis des Verrats seiner Mitmenschen, einer Liebesaffäre mit einer Eingeborenen und einer großartigen Transmigration seines ursprünglichen, verkrüppelten Körpers in seinen Avatar – wodurch die Beziehung zwischen Original und Kopie umgekehrt wird (und der Ausdruck "to go native" eine ganz neue Dimension erhält).

Dieser Film bietet wahrscheinlich das erste Szenario, das keine finale Katastrophe für selbstverständlich hält – wie so viele zuvor –, sondern ein viel interessanteres Ende: eine neue Suche nach Hoffnung unter der Bedingung einer totalen Neudefinition dessen was es heißt, einen Körper zu haben, einen Geist und eine Welt. Modernisierte und modernisierende Menschen haben nicht das physische, psychologische und emotionale Rüstzeug, auf ihrem Planeten zu überleben. Wie in Michel Tourniers umgekehrter Geschichte von Robinson Crusoe müssen sie von Anfang bis Ende neu lernen, was es heißt zu leben – und entscheiden sich genau wie Crusoe in Tourniers Fabel dafür, im nun zivilisierten und zivilisierenden Dschungel zu bleiben, anstatt nach Hause in die Wildnis zu gehen. Doch was bei Tournier vor fünfzig Jahren eine komplett individuelle Erfahrung war, wird nun in Camerons Film zum kollektiven Abenteuer gemacht: Es gibt kein mögliches Leben für Sie auf diesem Planeten: Sie haben einfach nicht den Planeten, auf dem Sie leben könnten.

In dieser dramatischen Atmosphäre, die von Camerons Oper erzeugt wird, möchte ich nun versuchen, einen Entwurf für mein Manifest zu schreiben. Ich weiß sehr wohl, dass die Zeit der Manifeste seit langem vorbei ist, ebenso wie die Zeit der Avantgarde oder der Frontier. Eigentlich ist es die Zeit der Zeit, die vorüber ist: diese seltsame Idee einer gewaltigen Armee, die sich vorwärts bewegt und welcher die wagemutigsten Innovatoren und Denker vorangehen, gefolgt von langsameren und schwereren Menschenmassen, während die Nachhut der archaischsten, primitivsten, reaktionärsten Leute hinterherläuft, genau wie die Navis, die hoffnungsloserweise versuchen, den unaufhaltsamen Schub des Fortschritts zu verlangsamen.

Was heißt heute Fortschreiten?

Während dieser seit kurzem nicht mehr bestehenden Zeit der Zeit waren Manifeste oft wie Kriegsgeschrei, um die Bewegung zu beschleunigen, die Philister lächerlich zu machen, die Reaktionäre zu geißeln – oder oft wie leuchtende Banner, die sicherstellen sollten, das diejenigen an vorderster Front wissen, wo die Fahnenträger standen. Diese gewaltige kriegerische Erzählung basierte auf der Annahme, dass der Fluss der Zeit eine – und nur eine – zwangsläufige und irreversible Richtung habe. Der Krieg, den die Avantgarde führte, würde gewonnen werden, egal wie viele Niederlagen sie erlitte. Wohin die Reihe der Manifeste deutete, war der unausweichliche Lauf des Fortschritts; so sehr, dass sie wie eine Vielzahl von Wegweisern verwendet werden konnten, um darüber zu entscheiden, wer "progressiver" und "reaktionärer" war.

Heute sind die Avantgarden praktisch verschwunden, die Frontlinie kann man ebenso wenig ziehen wie die exakten Grenzen einiger terroristischer Netzwerke, und die wohlgeordneten Bezeichnungen "archaisch", "reaktionär", "progressiv" scheinen willkürlich herumzuschweben wie ein Schwarm Mücken. Wenn eines verschwunden ist, dann ist es die Idee eines Zeitflusses, der sich zwangsläufig und irreversibel vorwärts bewegt und von scharfsinnigeren und klarsichtigeren Denkern vorhergesagt wird. Der Zeitgeist, wenn es ihn gibt, ist hingegen, dass alles, was in der modernistischen Großen Erzählung des Fortschritts für selbstverständlich gehalten wurde, vollkommen umkehrbar ist, und dass es unmöglich ist, irgendjemandes Klarsichtigkeit zu vertrauen – insbesondere Akademikern.

Falls wir einen Beweis für diesen (un)glücklichen Stand der Dinge brauchen, würde ein Blick auf das kürzliche Fiasko in Kopenhagen genügen: Zur gleichen Zeit, da einige, wie James Lovelock, behaupten, dass es die menschliche Zivilisation selbst ist, die von "Gaias Rache" bedroht wird (ein gutes Beispiel für einen vollkommen umkehrbaren Zeitfluss), schafft es die größte Versammlung von Vertretern der Menschheit, sich tagelang auf ihre Hintern zu setzen, nichts zu tun und keinerlei Entscheidung zu treffen. Wem sollen wir glauben: denen, die sagen, dass es ein lebensbedrohliches Ereignis ist? Denen, die durch ihr Nichtstun sagen, dass es business as usual ist? Oder denen, die sagen, dass der Lauf des Fortschritts weitergehen sollte, komme was da wolle?

Und dennoch könnte ein Manifest an dieser Stelle gar nicht so nutzlos sein, da es eine subtile und doch radikale Wandlung in der Definition dessen, was fortschreiten heißt, also sich fortzuentwickeln, explizit (also manifest) machen könnte. Nicht als Kriegsschrei für eine Avantgarde, die immer weiter und schneller fortschreiten soll, sondern eher als Warnung, ein Ruf nach Aufmerksamkeit, damit man aufhöre, weiter in dieselbe Richtung wie vorher zu gehen. (Ja, ich weiß, das ist leicht widersprüchlich und hat noch einen modernistischen Beigeschmack, da Zeit wieder einmal in vorher und nachher geteilt wird, aber man muss mit Widersprüchen leben…).

Vom Unterschied zwischen dem Konstruierten und dem nicht Konstruierten zum wichtigen Unterschied zwischen dem gut oder schlecht Komponierten

Die Nuance, die ich darlegen möchte, besteht zwischen Fortschritt und fortschrittlich. Es ist als müssten wir uns von einer Idee unausweichlichen Fortschritts wegbewegen zu einer Idee fortschrittlichen, zaghaften und vorsorglichen Fortschreitens. Es ist immer noch eine Bewegung. Es geht immer noch voran. Aber die Grundhaltung ist völlig verschieden. Und da es scheinbar unmöglich ist, ein Manifest zu entwerfen, ohne es mit einem Wort zu benennen, das in -ismus endet (Kommunismus, Futurismus, Surrealismus, Situationismus, usw.), habe ich das Wort Kompositionismus gewählt. Ja, ich wäre gerne in der Lage, "Das kompositionistische Manifest" zu schreiben (aber nicht im großen Stil, als könnte ich damit anfangen, etwas zu sagen wie: "Ein Gespenst geht um, nicht nur in Europa, sondern der in Welt – das Gespenst des Kompositionismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Allianz verbündet, um dieses Gespenst auszutreiben:"…).

Obwohl das Wort "Komposition" ein bisschen lang und aufgeblasen ist, ist schön daran, dass es betont, dass Dinge zusammengesetzt wurden (lat. componere), während sie ihre Heterogenität beibehalten. Außerdem ist es mit dem Komponieren verbunden; es hat seine Wurzeln in Kunst, Malerei, Musik, Theater, Tanz, und ist daher assoziiert mit Choreographie und Szenographie; es ist nicht allzu weit von "Kompromiss" entfernt, und so hat es einen gewissen diplomatischen, vernünftigen Beigeschmack. Vor allem kann eine Komposition scheitern und so beibehalten, was im Gedanken des Konstruktivismus am wichtigsten ist (eine Bezeichnung, die ich auch hätte verwenden können, wenn sie nicht bereits von der Kunstgeschichte eingenommen wäre). Sie lenkt so die Aufmerksamkeit weg vom irrelevanten Unterschied zwischen dem Konstruierten und dem nicht Konstruierten, zwischen dem Komponierten und nicht Komponierten, und stattdessen hin zum wichtigen Unterschied zwischen dem gut oder schlecht Konstruierten, gut oder schlecht Komponierten. Was komponiert wurde, kann jederzeit auch kompostiert werden.

Kompositionismus stellt sich der Aufgabe, Universalität zu suchen, ohne zu glauben, dass Universalität schon da sei und darauf warte, enthüllt und entdeckt zu werden. Es ist somit so weit vom Relativismus (im banalen Sinn) entfernt wie vom Universalismus (in der modernistischen Bedeutung des Wortes – dazu später mehr). Vom Universalismus nimmt sie die Aufgabe an, eine gemeinsame Welt aufzubauen; vom Relativismus die Gewissheit, dass diese gemeinsame Welt aus absolut heterogenen Teilen aufgebaut werden muss, die nie ein Ganzes ergeben werden, sondern bestenfalls eine zerbrechliche, korrigierbare und vielfältige Komposition.

Ich werde nicht all die Punkte durchgehen, die man bräuchte, um dem kleinen Wort Kompositionismus ein Empfehlungsschreiben auszustellen. Ich werde einfach drei aufeinanderfolgende Konnotationen des Wortes darlegen: zuerst indem ich es der Kritik gegenüberstelle; zweitens indem ich auslote, warum es ein Nachfolger der Natur sein könnte; und zuletzt, in welcher Großen Erzählung es sich situieren könnte – da meiner Ansicht nach Große Erzählungen nie nötiger waren als jetzt – betrachten Sie Camerons großartiges Fresko. Stellen wir uns vor, dass diese die ersten drei Bauteile meines politischen Programms seien!

Kompositionismus und die Kritik

In einer ersten Bedeutung ist Kompositionismus das Gegenteil von Kritik (ich meine keine Kritik von Kritik sondern eine wiederverwertete Kritik; keine noch kritischere Kritik sondern eine Second-Hand-Kritik, die nun anders gebraucht wird). Sicherlich war die Kritik erfolgreich darin, Vorurteile zu entlarven, Nationen aufzuklären, Geister zu bewegen, aber wie ich an anderer Stelle argumentiere "ging ihr der Dampf aus", da sie auf der Entdeckung einer wahren Welt der Realitäten basierte, die hinter einem Schleier des Scheins liegt.

Diese schöne Szenographie hatte den großen Vorteil, einen gewaltigen Potentialunterschied zwischen der Welt der Täuschung und der Welt der Realität zu erschaffen, wodurch eine immense Quelle produktiver Energie generiert wurde, und Energie, die in einigen wenigen Jahrhunderten das Antlitz der Erde umgeformt hatte. Aber sie hatte auch den immensen Nachteil, einen gewaltigen Bruch zu erschaffen zwischen dem, was gefühlt wurde, und dem, was real war. Ironischerweise, wenn man den Nietzscheanischen Eifer so vieler Bilderstürmer betrachtet, verlässt sich die Kritik auf eine Hinterwelt des Jenseits, also auf eine Transzendenz, die dadurch nicht weniger transzendent ist, da sie völlig säkular ist.

Mit der Kritik kann man entlarven, enthüllen, zum Vorschein bringen, aber nur solange man durch diesen Prozess der kreativen Zerstörung einen privilegierten Zugang zur Welt der Realität jenseits der Schleier des Scheins herstellt. Mit anderen Worten hat Kritik all die Beschränkungen Utopias. Sie verlässt sich auf die Gewissheit der Welt jenseits dieser Welt. Im Gegensatz dazu geht es bei Komposition nur um Immanenz. Für sie gibt es keine Welt des Jenseits.

Der Unterschied ist nicht irrelevant, denn was kritisiert werden kann, kann nicht komponiert sein. Es ist wirklich eine banale Frage dessen, ob man die richtigen Werkzeuge für die richtige Arbeit hat. Mit einem Hammer (oder Vorschlaghammer) kann man viele Dinge tun: Wände einreißen, Götzen zerstören, Vorurteile lächerlich machen, aber nicht reparieren, sich kümmern, zusammensetzen, vernähen. Es ist ebenso wenig möglich, mit den Utensilien der Kritik zu komponieren, wie man mit einer Wippe kochen kann. Und die Beschränkungen sind noch größer, denn der Hammer der Kritik funktioniert nur solange, bis die jenseitige Welt der Realität endgültig hinter dem langsam zerstörten Wall des Scheins enthüllt wurde. Doch wenn hinter diesem zerstörten Wall nichts Reales zu sehen ist, wirkt Kritik plötzlich wie ein weiterer Ruf nach Nihilismus. Was nützt es, Löcher in die Einbildung zu schlagen, wenn nichts Wahreres dahinter enthüllt wird?

Dies ist genau das, was mit dem Postmodernismus passiert ist. Es handelt sich dabei um Modernismus, der komplett mit denselben Werkzeugen zum Bildersturm wie die Modernen ausgestattet ist, aber ohne den Glauben an eine reale jenseitige Welt. Kein Wunder, dass die Kritik keine andere Wahl hatte, als sich selbst in Stücke zu brechen und letztlich die Entlarver zu entlarven. Sie bedeutete nur solange etwas, wie er von einem gefestigten und jugendlichen Glauben an eine reale Welt des Jenseits begleitet wurde. Sobald ihr dieser naive Glaube an Transzendenz entzogen ist, ist Kritik nicht mehr in der Lage, diesen Potentialunterschied herzustellen, der sie buchstäblich unter Dampf gehalten hat.

Es ist, als ob der Hammer zurückgesprungen wäre und die Entlarver zum Verstummen gebracht hätte. Und das ist der Grund, warum es nötig war, vom Ikonoklasmus zu dem überzugehen, was ich Iconoclash genannt habe – nämlich der Aufhebung des kritischen Drangs, der Verwandlung der Entlarvung einer Ressource (der einzigen Ressource des intellektuellen Lebens im vorherigen Jahrhundert, wie es scheint) in ein Thema, das gewissenhaft studiert werden muss. Während Kritik noch glaubte, dass es zuviel Glauben gebe und zu viele Dinge zwischen der Realität stünden, glauben Kompositionisten, dass es schon genügend Ruinen gibt und alles Stück für Stück wieder zusammengesetzt werden muss. Dies ist eine andere Art zu sagen, dass wir nicht viel mit dem 20. Jahrhundert zu tun haben wollen. "Lasst die Toten die Toten begraben."

Der Kompositionismus und die Natur

Obwohl das Wort "postnatürlich" auftaucht (etwa in Erle Ellis' "postnatural environmentalism"), würde sich der Kompositionismus wahrscheinlich wohler fühlen mit Begriffen wie "Prä-Natürlichkeit" oder "Multi-Natürlichkeit".

Die Kritik war mit einer sehr seltsamen Definition von Natur verbunden, die hier als die Entdeckung und Enthüllung dessen verstanden wird, was hinter dem subjektiven Nebel des Scheins lag und die Kontinuität in Raum und Zeit aller Wesen in ihrer inneren Realität sicherte. Die Science Studies (mein eigenes Forschungsgebiet) haben seit langem erkannt, noch dazu in größerem Maße durch alle möglichen Formen der Umweltbewegung, dass die Eigenart des Zeitalters eben nicht darin bestand, die Natur einzukalkulieren, sondern die komplette Auflösung der Natur. Kurz gesagt ist Ökologie, oder eher politische Ökologie, das Ende der Natur.

Natur ist kein Ding, keine Domäne, kein Reich, kein ontologisches Territorium. Sie ist (oder war während der Modernen Parenthese) eine Art, die Trennung (was Whitehead als Gabelung bezeichnete) zwischen Schein und Realität zu organisieren, zwischen Subjektivität und Objektivität, Geschichte und Unveränderbarkeit. Ein völlig transzendentes, ein völlig historisches Konstrukt, ein zutiefst religiöser Weg (aber nicht im religiösen Sinn), den Potentialsunterschied zu erschaffen zwischen dem, dem menschliche Seelen verbunden waren, und dem, was wirklich da war. Und zudem, wie ich an anderer Stelle gezeigt habe, ein völlig politischer Weg, Macht in dem zu verteilen, was ich die Modernistische Konstitution genannt habe, eine Art ungeschriebener Pakt zwischen dem, worüber man diskutieren konnte und worüber nicht.

Wie man leicht sehen kann, ist es keine ideale Art, eine politische Ökologie zu etablieren, wenn man damit anfängt, eine absolute Trennung zu entwerfen zwischen dem Diskutablen und Indiskutablen…aber ein sagenhaft nützlicher Trick, der im 17. Jahrhundert erfunden wurde, um eine politische Epistemologie zu etablieren und zu entscheiden, wer über was sprechen darf, und welche Wesen taub und stumm bleiben werden. Dies war die Zeit der großen politischen, religiösen, juristischen und epistemologischen Erfindung von Tatsachen (matters of fact), die in einer res extensa ohne jede Bedeutung außer jener eingebettet sind, die ultimative Realität zu sein, die aus völlig schweigenden Wesen besteht, die dennoch durch das mysteriöse Eingreifen der Wissenschaft, Science mit großem S, in der Lage sind, "für sich selbst zu sprechen" (aber ohne wissenschaftliche Vermittlung, science mit kleinem s, und ohne Wissenschaftler, scientists auch mit kleinem s).

Diese ganze modernistische Szenographie scheint uns heute die seltsamste anthropologische Konstruktion zu sein, vor allem da Fortschritt, unter dem Zeichen der Vernunft, definiert wurde als die schnelle Ersetzung dieser eigenartigen Natur durch das, was subjektiv, lokal, kulturell, menschlich und mit Wert versehen war. Je natürlicher wir werden, umso rationaler werden wir sein, und umso einfacher werden die Übereinkünfte zwischen allen rationalen Menschen. (Erinnern Sie sich an die großen Planierraupen und Kriegsschiffe in Avatar in ihrem unumkehrbaren – tatsächlich völlig umkehrbaren – Vormarsch, um den Großen Baum des Lebens zu zerstören). Diese Komposition liegt nun in Trümmern, aber ohne dass sie von irgendeiner anderen, realistischeren und insbesondere lebbareren Konstruktion ersetzt worden wäre. In diesen Sinn sind wir noch postmodern.

Genau an diesem Punkt will der Kompositionismus übernehmen: Was ist der Nachfolger der Natur? Natürlich hat nie jemand "in" der Natur gelebt, kein Atom, kein Virus, kein Organismus hat sich je in res extensa befunden. Sie haben alle im Pluriversum gewohnt, um James‘ Ausdruck zu gebrauchen – wo sonst hätten sie ihre Bleibe finden können? Kaum war die Gabelung zur Zeit von Descartes und Locke erfunden, wurde sie auch schon sofort zurückgenommen – und niemand war dieser Konstitution gegenüber kritischer als die großen deutschen Naturphilosophen. Keine Komposition wurde je so heftig kompostiert.

Erinnern Sie sich: "Wir sind nie modern gewesen", also war diese Utopie der Natur immer genau das, eine Utopie, eine Welt des Jenseits ohne jedes realistische Verständnis der Praxis von Wissenschaft, Technologie, Handel, Industrie. Und dennoch hat sie dieselbe enorme Macht über die politische Epistemologie der Modernen behalten. Keine Macht der Erklärung natürlich, sondern die Macht, genau diesen Potentialsunterschied zu erschaffen, welcher der Kritik ihre Energie und dem Modernismus seine Impulse gegeben hat. Also ist die Frage nun folgende für die, die vom Modernismus erben wollen, ohne postmodern zu sein: Was heißt es, ohne diesen Potentialsunterschied zu leben? Woher werden wir die Energie bekommen, ohne solch eine gewaltige Dampfmaschine zu handeln? Was wird es heißen, sich ohne diesen Motor vorwärtszubewegen? Und zwar sich kollektiv zu bewegen, also Milliarden Menschen und ihre Trillionen von Partnern und Kommensalen?

Solch eine totale Trennung zwischen den Ruinen des Naturalismus und dem langsamen und schmerzvollen Auftauchen seines Nachfolgers könnte anhand der lustigen Szenen der Agitation sehr deutlich gemacht werden, die sich kurz vor dem (Nicht-)Ereignis des Cop15 in Kopenhagen um das sogenannte "climategate" abspielten. Es ist ein triviales Beispiel, aber sehr aufschlussreich in Bezug auf die derzeit anstehenden Aufgaben. Plötzlich erkannten Kritiker und Vertreter der These der menschlichen Ursache des Klimawandels, indem sie sich durch die tausenden Emails der Klimawissenschaftler wühlten, die von Aktivisten von zweifelhafter Herkunft gestohlen worden waren, dass wissenschaftliche Fakten langsam komponiert werden mussten, und von wem? Von Menschen! Zankende Menschen, die Daten sammeln, Instrumente haben, um das Klima zum Sprechen zu bringen (Instrumente! Kann man es glauben!), und unvollständige Datensätze (Datensätze! Stellt euch vor…), und diese Wissenschaftler hatten Geldprobleme (Förderung!) und sie mussten bescheidene Texte und Artikel in Form bringen, schreiben, korrigieren und umschreiben (was? Texte schreiben? Besteht Wissenschaft aus Texten, wie schockierend!)…

Was so lustig an den hysterischen Reaktionen von Wissenschaftlern und der Presse war, war die beinahe vollständige Übereinstimmung von Gegnern und Verfechtern, die scheinbar dieselben Ideale von Wissenschaft (Science mit großen S) teilen; wenn etwas sich langsam komponiere, könne es nicht wahr sein, sagten die Skeptiker; wenn wir enthüllen, wie etwas komponiert wird, sagen die Verfechter, wird es diskutiert und daher anfechtbar, weshalb es auch nicht wahr sein kann! Wieder die alte Opposition zwischen dem Konstruierten und dem nicht Konstruierten, anstelle des geringfügigen, aber wichtigen Unterschieds zwischen dem gut und dem schlecht Konstruierten (oder Komponierten). Und diese "Enthüllung" kam ausgerechnet in dem Moment, als die Anfechtbarkeit der wichtigsten Vorstellungen dessen, was es für Milliarden von Menschen, repräsentiert von ihren Staatschefs, heißt, gemeinsam auf dem Planeten zu leben, vollkommen klar sichtbar war in jenem gewaltigen Pandämonium der größten diplomatischen Versammlung aller Zeiten…

Wenn man sich die "erstaunlichen Enthüllungen" von "climategate" ansieht, ist es sicherlich nicht genug, sich darüber zu freuen, dass die bescheidene menschliche Dimension wissenschaftlicher Praxis entdeckt wurde. So würde man immer noch an Entlarvung glauben, immer noch mit dem Arsenal der Kritik ausgerüstet sein, als müssten wir uns dem bedauernswerten Streben der Wissenschaftler das reine Reich unvermittelter und unbestreitbarer Fakten gegenüberstellen. Wir wollen Immanenz und Wahrheit auf einmal, spricht der Kompositionist. Oder um meine Sprache zu verwenden: wir wollen matters of concern, nicht matters of fact; Anliegen, nicht Tatsachen.

Es war der ideale Moment, die Anfechtbarkeit der Politik und die Anfechtbarkeit von Wissenschaft (science mit kleinem s) zu verbinden, anstatt zu versuchen, wider besseres Wissen die übliche Trennung aufrechtzuerhalten zwischen dem, was Politik ist und diskutiert werden kann, und Wissenschaft (Science mit großen S), die nicht zur Diskussion steht. Für einen Kompositionisten gibt es nichts, das jenseits der Diskutierbarkeit stünde, und dennoch muss ein Abschluss erreicht werden, allerdings durch den langsamen Prozess von Komposition und Kompromiss, nicht durch die Enthüllung der Welt des Jenseits.

Kurz vor Kopenhagen schrieb der französische Philosoph Michel Serres in der Zeitung Libération einen recht schönen Artikel, der das Argument zusammenfasst, das er Jahre vorher, vor allen anderen, in seinem Werk "Der Naturvertrag" gemacht hat. Es trug den Titel "La non-invitée au sommet de Copenhague", also diejenige, die nicht zum Gipfel eingeladen wurde. Es war natürlich Gaia (die er aus seltsamen Gründen Biogée nannte, ein ziemlich schreckliches Wort, egal in welcher Sprache).

Serres' Artikel deutete auf einen unbesetzten Platz im Kopenhagener Parlament der Dinge: den Platz der Erde… Und er fragte sich, wie man es schaffen könnte, die Erde dazu zu bringen, dort zu sitzen, zu sprechen und repräsentiert zu werden. Leider war Serres' Lösung die, die Sprache, Rituale und Praktiken der Politik – gut darin, Menschen zu repräsentieren – mit der Sprache, den Ritualen und Praktiken der Wissenschaft – gut darin, Fakten zu repräsentieren – zusammenzubringen. Aber dies ist leichter gesagt als getan. Wovon er träumte (ähnlich wie Hans Jonas früher im 20. Jahrhundert) war letztlich eine Regierung der Wissenschaftler – ein modernistischer Traum, wenn überhaupt –, die beide Sprachen gleichzeitig sprechen kann. Eine sehr französische Versuchung, vom "gouvernement des savants" während der Revolution bis hin zu unserem Atomprogramm und unserer Zelebrierung der "corps techniques de l’Etat".

Aber wenn diese beiden Sprachen die Erben der großen Gabelung sind, haben wir uns keinen Zentimeter bewegt. Wir hätten schlicht das Schlechteste der Politik mit dem Schlechtesten der Wissenschaft verknüpft, also die beiden traditionellen Arten, Unanfechtbarkeit zu produzieren. An diesem Punkt waren wir schon einmal. Dies war der Traum des Marxismus, so wie er heute der (nunmehr ruinierte) Traum mittelmäßiger Ökonomen ist. Eine Wissenschaft der Politik anstelle der vollständigen Veränderung dessen, was es heißt, Politik zu machen (nun auch mit Nichtmenschen) und was es heißt, Wissenschaft zu betreiben (mit vernetzten, kontroversen und höchst anfechtbaren Anliegen/matters of concerns). Der Glaube an dieses "gouvernement des savants" war genau der Fehler, den Umweltschützer machten, als sie die derzeitige Krise als das große Comeback der Natur und nicht als ihren totalen Niedergang interpretierten. Man muss sich entscheiden zwischen dem Glauben an die Natur und dem Glauben an die Politik.

Es erübrigt sich zu sagen, dass die Veranstaltung in Kopenhagen in dieser Hinsicht komplett (und wahrscheinlich vorhersehbar) scheiterte. Nicht weil wir derzeit noch keine Weltregierung haben, welche die Entscheidungen umsetzen könnte – für den unwahrscheinlichen Fall, dass es welche geben würde… -, sondern weil wir derzeit noch keine Ahnung haben, was es heißt, die Welt zu regieren, jetzt da Natur als organisierendes Konzept (eher conceit) verschwunden ist. Wir können weder auf dem Planeten Erde leben noch auf Pandora…

Aber eines ist sicher – und "climategate" ist ein gutes Fallbeispiel dafür –, es ist absolut unmöglich, die Trennung zwischen Wissenschaft und Politik wiederzuverwerten, welche die Modernen erfunden haben – nicht einmal, indem wir sie verknüpfen. Die Verbindung zweier künstlicher Konstruktionen erschafft ein drittes künstliches Konstrukt, aber keine Lösung eines Problems, das sehr bewusst zur Geburt des 17. Jahrhunderts unmöglich gemacht wurde – irgendwo zwischen Hobbes und Boyle, um einen locus classicus unserer Wissenschaftsgeschichte anzudeuten. Natur wurde erfunden, um Politik impotent zu machen. Es gibt keinen Grund, warum eine Politik der Natur jemals ihre Versprechungen einlösen würde.

Ein Nachfolger der Natur?

Ich habe nun das Gefühl, und zwar jeden Tag mehr, dass wir eigentlich dem 16. Jahrhundert näher sind als dem 20., genau weil die Setzung, welche die Gabelung überhaupt erst erschaffen hat, ruiniert ist und vollständig neu komponiert werden muss. Dies bedeutet, dass wir ein Gefühl der Vertrautheit mit den Zeiten vor ihrer Erfindung und Umsetzung haben (eine Umsetzung, wie wir nie müde werden sollten zu sagen, die seither immer angefochten wurde, weil es unmöglich ist, wirklich modern zu sein – außer in Träumen und Alpträumen).

Wenn die Leute die Zeit vor dem "epistemologischen Bruch", um Althussers (vollkommen modernistischen) Lieblingsausdruck zu gebrauchen, herabwürdigen, dann liegt das daran, dass diese frühere "episteme" zu viele Verbindungen zwischen dem zog, was sie als Mikro- und Makrokosmos bezeichneten. Aber ist es nicht genau das, was wir nun unter dem Namen des "Postnatürlichen" aufkommen sehen? Das Schicksal des gesamten Kosmos – oder besser aller kosmoi – ist nun komplett vernetzt, jetzt da wir durch eben unseren Fortschritt und unsere stark wachsende Bevölkerungszahl die Erde auf unsere Schultern geladen haben – wie es der bemerkenswerte Neologismus "Anthropozän" so deutlich macht.

Natürlich ist die Idee einer Harmonie zwischen den beiden heute komplett verlorengegangen, aber dass es eine Verbindung zwischen diesen beiden Schicksalen gibt und geben sollte, scheint allen offensichtlich. Und es könnte viel mehr als zwei geben – das menschliche und das nicht-menschliche – wie jeder Interpret des brodelnden Kessels des 16. Jahrhunderts leicht erkennen kann.

Vier Jahrhunderte später sind Mikro- und Makrokosmos nun buchstäblich und nicht einfach symbolisch verbunden, und das Ergebnis ist, auf Griechisch, ein kakosmos, also ein schreckliches und ekelerregendes Chaos. Ja, aber ein Kakosmos ist trotzdem ein Kosmos! Jedenfalls ähnelt er sicherlich nicht mehr der zweigeteilten Natur der nahen Vergangenheit, deren Primärqualitäten (real, sprachlos, für sich selbst sprechend, aber leider frei von jeglicher Bedeutung und jeglichem Wert) in eine Richtung gingen, während die Sekundärqualitäten (subjektiv, bedeutsam, zur Sprache fähig, voller Werte, aber leider jeder Realität entleert) andere Wege einschlugen. In diesem Sinn fühlen wir uns der Zeit vor dem berühmten "epistemologischen Bruch" näher als je zuvor – einer radikalen Trennung, die immer schon radikal gedacht, aber nie wirklich praktiziert wurde. Als Alexandre Koyré "Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum" schrieb, konnte er kaum vorhersehen, dass kein halbes Jahrhundert später das unendliche Universum wieder zum endlichen Kosmos geworden sein sollte!

Man kann sich keinen Nachfolger der Natur vorstellen, ohne die knifflige Frage des Animismus anzugehen. Einer der Hauptursachen für die Ironie, welche die Modernen über das 16. Jahrhundert vergossen, ist dass diese armen, archaischen Leute, die das Pech hatten, auf der falschen Seite des epistemologischen Bruchs zu leben, an eine Welt glaubten, die von allen möglichen Wesen und Kräften belebt war, anstatt wie jeder rationale Geist an unbelebte Materie zu glauben, die ihre Effekte nur durch die Macht ihrer Wirkung produziert. Dieser Einbildung liegt all der Kritik an Umweltschützern zugrunde, sie seien "anthropozentrisch", da sie dem Werte, Preis, Handlungsmacht, Zweck "zuschreiben", was keinen Wert an sich hat und haben sollte (Löwen, Wale, Viren, CO2, Affen, das Ökosystem, oder im schlimmsten Fall Gaia).

Der Vorwurf des Anthropomorphismus ist so stark, dass er alle Bemühungen vieler Wissenschaftler in vielen Forschungsdisziplinen lähmt – aber insbesondere in der Biologie –, sich über die engen Beschränkungen dessen hinauszubewegen, was man "Materialismus" oder "Reduktionismus" nennt. Er gibt ihren Anstrengungen sofort eine Art New-Age-Beigeschmack, als wäre die normale Grundhaltung die Idee des Unbelebten, und die bizarre Innovation wäre die des Belebten. Handlungsmacht hinzufügen? Sie müssen verrückt sein oder unbedeutend. Denken Sie beispielsweise nur an Lovelock und seine absurde Idee der Erde als Quasi-Organismus – oder die Navis mit ihren absurden Verbindungen zu Eywa.

Doch was außerordentlich bizarr scheinen sollte, ist im Gegenteil die Erfindung unbelebter Wesen, die nichts anderes tun sollten als ihre Ursache einen Schritt weiter zur n+1ten Wirkung zu tragen, für die sie ihrerseits nichts als die Ursache sind. Dieser Irrtum führt zu dem seltsamen Ergebnis, dass die Welt aus langen Verkettungen von Ursachen und Wirkungen komponiert ist, wo (und das ist daran so seltsam) eigentlich nichts passieren sollte, außer wahrscheinlich am Anfang – aber da es keinen Gott in diesen streng weltlichen Versionen gibt, gibt es nicht einmal einen Anfang…

Das Verschwinden der Handlungsmacht im sogenannten "materialistischen Weltbild" ist besonders deshalb eine erstaunliche Erfindung, weil ihm jedes Mal durch den eigenartigen Widerstand der Realität widersprochen wird: Jede Wirkung fügt der Ursache geringfügig etwas hinzu. Also muss sie eine Art Handlungsmacht haben. Es gibt eine Ergänzung. Eine Lücke zwischen den beiden. Wenn nicht, gäbe es nicht einmal eine Möglichkeit, Eines vom Anderen zu unterscheiden. Dies trifft in der Teilchenphysik ebenso zu wie in Chemie, Biologie, Psychologie, Ökonomie oder Soziologie.

Daher gilt: Obwohl in der Praxis jede Handlungsinstanz auf jedes Glied der gesamten Verkettung verteilt werden muss, passiert in der Theorie nichts als die strenge Transformation ohne Verformung einer Ursache. Um meine Fachsprache zu gebrauchen: Obwohl alle Zustände die Assoziation von Mediatoren manifest machen, soll alles so passieren, als ob sich nur Ketten von rein passiven Intermediären entwickeln müssten. Paradoxerweise basiert der sturste Realismus, der rationalste Blickwinkel auf der unrealistischsten, widersprüchlichsten Vorstellung einer Handlung ohne Handlungsinstanz. Natürlich hat das den großen Vorteil, dass die Kontinuität von Raum und Zeit gesichert wird, indem alle Wesen durch Verkettungen von Ursachen und Wirkungen verbunden sind.

Diese Zusammensetzung benötigt keine Komposition. Natur ist immer schon zusammengesetzt, da nichts passiert, das nicht von vorher käme. Es genügt, die Ursachen zu haben: Die Konsequenzen werden folgen – und sie tragen ihrerseits nichts bei, abgesehen davon, dass sie dieselben unanfechtbaren Charakteristika weitertragen. Lasst sie laufen, und sie werden den Eisenkäfig der Natur erbauen. Jeder, der ihre Existenz leugnet, der Diskontinuitäten einführt, der Handlungsmacht sich ausbreiten lässt und viele interessante Lücken zwischen Ursachen und Konsequenzen aufzeigt, wird als Abweichler betrachtet werden, als Verrückter, als Träumer – jedenfalls nicht als rationales Wesen.

Die Erfindung des Inanimismus

Falls es eines gibt, über das man sich in der Geschichte der Moderne wundern sollte, ist es nicht, dass es immer noch Leute gibt, die "verrückt genug sind, an Animismus zu glauben", sondern dass so viele nüchterne Denker das erfunden haben, was Inanimismus genannt werden sollte, und mit dieser schieren Unmöglichkeit ihre Definition dessen verbunden haben, was es heißt, "rational" oder "wissenschaftlich" zu sein.

Inanimismus ist die eigentliche seltsame Erfindung: eine Handlungsmacht ohne Handlungsmacht, die ständig durch die Praxis Lügen gestraft wird. Dies liegt der Modernistischen Konstitution zugrunde. Und wie Philippe Descola so schön gezeigt hat, wird die Sache dadurch nur noch seltsamer, dass dieser Inanimismus (er nennt es Naturalismus) der anthropozentrischste aller Beziehungsmodi ist, die überall auf der Welt erfunden wurden, um mit Assoziationen zwischen Menschen und Nichtmenschen umzugehen. Alle anderen (es gibt vier in Descolas Theorie) versuchen, Handlungsmacht so stark wie möglich bei jedem Schritt zu betonen. Sie mögen in ihrer Definition von Handlungsmacht oftmals seltsam erscheinen – jedenfalls uns –, aber wenn es eines gibt, das sie nie tun, dann dass sie die Lücke zwischen Ursachen und Konsequenzen leugnen würden. Diese ist genau das, was für sie nicht einen Unterschied zwischen Menschen und Nichtmenschen schaffen würde.

Aber aus rein anthropozentrischen – also politischen – Gründen haben Naturalisten ihr Kollektiv so aufgebaut, um sicherzustellen, dass Subjekte und Objekte, Kultur und Natur, absolut verschieden seien. Aus diesem Grund erkennen Rationalisten nie den Widerspruch zwischen dem, was sie über die Kontinuität von Ursachen und Konsequenzen sagen, und was sie mit ansehen müssen – nämlich die Diskontinuität, die Erfindung, die Ergänzung, die Kreativität ("creativity is the ultimate", wie Whitehead sagte) zwischen Assoziationen von Vermittlern. Sie haben einfach diese Diskrepanz (die ihr Weltbild unvertretbar gemacht hätte) in eine radikale Trennung zwischen menschlichen Subjekten und nichtmenschlichen Objekten verwandelt. Eine außergewöhnliche Leistung: Man hat aus rein anthropozentrischen Gründen den Vorwurf, anthropomorphisch zu sein, in eine tödliche Waffe verwandelt! Im Kampf darum, die Kontinuität von Raum und Zeit zu etablieren, ohne sie komponieren zu müssen, waren es diejenigen, die am anthropomorphischsten waren, denen es gelang, all die anderen dadurch abzulehnen, dass sie die schrecklichsten, archaischsten, gefährlichsten und reaktionärsten Formen des Animismus ausübten…

(Obwohl dies zu technisch sein könnte, ist es wichtig, dass man solch ein Argument nicht mit einem Plädoyer gegen den Reduktionismus verwechselt, mit dem es Gefahr läuft verwechselt zu werden. In allen Forschungsbereichen bietet der Reduktionismus eine enorm wichtige Handhabe, ihr Instrumentarium, ihre Paradigmen einzubringen und lange Serien praktischer Effekte zu produzieren – oft sogar ganze Industriezweige wie etwa Biotechnologien. Aber der Erfolg, Wesen zu handhaben, indem man Resultate und daraus Industrien schafft, ist nicht dasselbe, wie den Eisenkäfig der Natur mit seinen langen Ketten von Ursachen und Konsequenzen zu erbauen. Es ist sogar genau das Gegenteil: Was Reduktionismus in der Praxis zeigt ist, dass nur die Verbreitung genialer Umwege und hochlokalisierter Fertigkeiten in der Lage ist, interessante und nützliche Ergebnisse aus einer Vielzahl von Handlungsinstanzen zu extrahieren.

Bedenken Sie etwa, wie sagenhaft nützlich das Zentrale Dogma der ersten Versionen von DNS dafür war, die Macht der Gene zu entschlüsseln; und doch gibt es keinen Biologen, der glauben würde, dass diese frühere Version irgendwie von Nutzen sein könnte, um die "naturalistische" Definition dessen aufzustellen, was es für einen Organismus heißt zu leben. Es existiert eine vollständige – und sich stetig ausweitende – Trennung zwischen effizienter Handhabung und der Szenographie der Natur. Wenn man erst einmal diese Verbreitung von Tricks vor ihrem Hintergrund sieht, definiert man nicht die Natur der Dinge, sondern betritt schlicht ein ganz anderes Gebiet: die falsche Kontinuität der Natur. Und dasselbe könnte jedes Mal gezeigt werden, wenn man sich von reduktionistischer Handhabung zum Reduktionismus als philosophisches – also politisches – Weltbild bewegt.)

Kompositionisten können sich allerdings nicht auf solch einen Trick verlassen. Die Kontinuität aller Handelnden in Raum und Zeit ist ihnen nicht gegeben wie den Naturalisten: Sie müssen sie langsam und fortschreitend komponieren. Und zwar aus diskontinuierlichen Teilen. Nicht nur weil das menschliche Schicksal, der Mikrokosmos, und das nichtmenschliche Schicksal, der Makrokosmos, nun verwoben sind, wie für jedermann ersichtlich ist (im Gegensatz zum seltsamen Traum der Gabelung), sondern aus einem viel wichtigerem Grund, von dem die Erfassung der Kreativität aller Handlungsinstanzen abhängt: Konsequenzen treten über ihre Ursachen hinaus, und dieser Überfluss muss allerorten respektiert werden, in jedem Bereich, jeder Disziplin und für jede Art von Wesen.

Es ist nicht mehr möglich, den Eisenkäfig der Natur zu erbauen – und es war in der Tat nie möglich, in diesem Käfig zu leben. Letztlich ist es das, was oikos in Ökologie meint. Nennt es Animismus, wenn ihr wollt, aber es wird nicht mehr genügen, es mit dem Schandmal zu brandmarken. Dies ist in der Tat der Grund, aus dem wir uns dem 16. Jahrhundert so nahe fühlen, als befänden wir uns wieder vor dem "epistemologischen Bruch", vor der Erfindung der Materie (eines höchst idealistischen Konstrukts, wie Whitehead so klar zeigte). Wie es die Science Studies immer wieder dokumentiert haben, ist die Vorstellung von Materie zu politisch, zu anthropomorphisch, zu strikt historisch, zu ethnozentrisch, um jenen Stoff zu definieren, aus dem die arme Menschheit, aus der Moderne vertrieben, ihre Bleibe gebaut hat. Wir brauchen eine viel materiellere, viel banalere, viel immanentere, viel realistischere Definition der materiellen Welt, wenn wir die gemeinsame Welt zu komponieren wünschen.

Zudem aus einem Grund, der im 16. Jahrhundert nicht wichtig erschienen wäre, der aber ein wichtiges Merkmal unseres Jahrhunderts ist, nämlich der Ausbreitung wissenschaftlicher Kontroversen. Dies ist ein wohlbekanntes Phänomen, aber dennoch an dieser Stelle unbedingt betonenswert: Was es unmöglich macht, sich noch auf die Kontinuität von Raum und Zeit zu verlassen, die in der Vorstellung von Natur und ihren unanfechtbaren Ketten von Ursachen und Konsequenzen implizit ist, ist die Tatsache, dass so viele Kontroversen innerhalb der Wissenschaften selbst in den Vordergrund treten.

Wieder einmal wird dieses Phänomen von Rationalisten beklagt, die immer noch gerne die Wissenschaft so darstellen würden, als wäre sie dazu fähig, unumstößliche, unanfechtbare Tatsachen zu produzieren, die allen den Mund verbieten. Aber, wenn ich das so sagen darf, liegen die Fakten so, dass Tatsachen große Gefahr laufen, wie so viele andere bedrohte Arten zu verschwinden… Oder andernfalls gehören sie zu unbedeutenden Fragen, die niemanden mehr interessieren.

Es gibt kaum noch ein Thema, bei dem Wissenschaftler einander nicht öffentlich darüber widersprechen würden, was es ist, wie es studiert werden sollte, finanziert, abgebildet, verbreitet, verstanden, geformt. Aus Fakten wurden Belange. Und je wichtiger die Belange, umso weniger gewiss sind wir nun in der Öffentlichkeit, wie man damit umgehen sollte (denken Sie nur an die Umstände, die um den H1N1-Grippevirus gemacht wurden…). Und das ist gut so…jedenfalls für Kompositionisten, denn dies fügt nun eine dritte Quelle der Diskontinuität hinzu, die uns alle, Wissenschaftler, Aktivisten ebenso wie Politiker, dazu zwingt, die gemeinsame Welt aus unverbundenen Teilen zu komponieren, anstatt es für selbstverständlich zu halten, dass Einheit, Kontinuität, Übereinkunft immer schon da ist, eingebettet in der Natur in Einheitsgröße.

Die Zunahme der Anfechtbarkeit – und die erstaunliche Erweiterung wissenschaftlicher und technischer Kontroversen – mag zunächst erschreckend sein, ist aber auch der beste Weg, endlich die politische Aufgabe ernst zu nehmen, die Kontinuität aller Wesen zu etablieren, welche die gemeinsame Welt konstituieren. Ich hoffe, dass es nun klarer ist, warum ich vorher sagte, dass man sich zwischen Natur und Politik entscheiden muss, und warum das, was kritisiert werden kann, nicht komponiert sein kann.

Die ökologische Krise ist nichts als die plötzliche Wendung von jemandem, der tatsächlich nie zuvor in die Zukunft geblickt hat, da er so sehr damit beschäftigt war, sich von einer schrecklichen Vergangenheit zu befreien

Kritik, Natur, Fortschritt, das sind drei der Zutaten des Modernismus, die kompostiert werden müssen – und man könnte ihre verrottenden Kadaver überall riechen! – bevor sie wieder neu komponiert werden. Ich habe die ersten beiden kurz betrachtet. Was ist mit der dritten? Fortschritt. Es könnte während der Modernistischen Parenthese ein Missverständnis gegeben haben, das die Richtung betrifft, in die sich die Zeit fortbewegt.

Ich habe diese seltsame Phantasie, dass der Modernistische Held nie wirklich in Richtung Zukunft geblickt hat, sondern immer in Richtung Vergangenheit, einer archaischen Vergangenheit, vor der er erschrocken flieht. Ich will nicht das müde Bild von Benjamins Engel der Geschichte bemühen, aber er hat die Position, die er dem Engel zuschrieb, gut getroffen: Er sieht nach hinten, nicht nach vorn. Aber im Gegensatz zu Benjamins Interpretation sieht der Moderne, der rückwärts fliegt (ja, es ist eigenartig, aber wie meine anthropologische Forschung, die ich schon so lange betreibe, immer wieder zeigt: Alles ist eigenartig im Modernismus), eben nicht die Zerstörung, die er während seiner Flucht verursacht, da sie hinter ihm passiert!

Erst kürzlich hat er durch eine plötzliche Konversion, eine Art metanoia, auf einmal erkannt, wie viele Katastrophen seine Entwicklung hinter ihm verursacht hat. Die ökologische Krise ist nichts als die plötzliche Wendung von jemandem, der tatsächlich nie zuvor in die Zukunft geblickt hat, da er so sehr damit beschäftigt war, sich von einer schrecklichen Vergangenheit zu befreien. Er hat etwas Ödipales, dieser Held, der seiner Vergangenheit so eifrig entfliehen will, dass er nicht erkennen kann – außer zu spät – dass gerade seine Flucht die Zerstörung hervorgebracht hat, die er von vornherein vermeiden wollte.

Es war tragisch bei Ödipus, verfolgt von dikè, dem Schicksal, das sogar über die Götter herrscht. Aber bei den Modernen gibt es keinen Gott und daher auch keine Tragödie zu erwarten. Nur einen gigantischen, kurzsichtigen, blutigen und manchmal komischen Fehltritt – genau wie der Angriff der Leute aus dem Himmel gegen Eywa. Die Modernen haben bis vor ein paar Jahren nie über ihre Zukunft nachgedacht! Sie waren zu beschäftigt damit, erschrocken vor ihrer Vergangenheit wegzulaufen – und es wäre ein großer Fortschritt in ihrer Anthropologie, wenn wir herausfinden könnten, vor welchem Schrecken sie davongelaufen sein mögen, der ihnen so viel Energie zur Flucht verlieh. Was die Modernen "ihre Zukunft" nannten, wurde nie von Angesicht zu Angesicht gesehen, da es die Zukunft von jemandem war, der seiner Vergangenheit rückwärts entflieht, und sie nicht vorwärts bedacht wurde. Deshalb war ihre Zukunft, wie ich vorher betont habe, immer so unrealistisch, so utopisch.

Die französische Sprache, hier einmal reichhaltiger als Englisch oder Deutsch, kann unterscheiden zwischen "le futur" und "l'avenir". Im Französischen könnte ich sagen, dass die Modernen "un futur" hatten, aber nie "un avenir". Zur Definition der gegenwärtigen Situation muss ich übersetzen und sagen, dass die Modernen immer eine Zukunft hatten (diese seltsame utopische Zukunft dessen, der seiner Vergangenheit rückwärts entflieht), aber nie eine Chance, zumindest bis vor kurzem, sich dem zuzuwenden, was ich ihre Aussichten nennen könnte, die Form kommender Dinge.

Wie es nun durch die ökologische Krise deutlich wurde, haben Zukunft und Aussichten (wenn man diese Worte akzeptiert) fast keine Ähnlichkeiten (nicht mehr als Tatsachen und Anliegen/matters of facts und matters of concern, Kritik und Komposition, oder um eine weitere Transformation anzudeuten, die ich aus Zeitgründen nicht weiter kommentieren konnte, Gesellschaft und Kollektiv). Was unsere Zeit so interessant macht (und warum ich es immer noch nützlich finde, sie in einem Manifest zu manifestieren), ist dass wir nach und nach herausfinden, dass gerade wenn die Leute an der Einsicht verzweifeln, dass sie letztlich keine Zukunft, "no future" haben könnten, wir plötzlich viele Aussichten haben, die allerdings so ganz anders sind als das, was wir uns während unserer rückwärtsgewandten Flucht nach vorn vorgestellt haben, dass wir sie nur als zerbrechliche Illusionen betrachten.

Die erste Reaktion ist, nichts zu tun. Stark ist die so modernistische Versuchung zu sagen: "Lasst uns fliehen wie vorher und unsere frühere Zukunft zurückhaben" anstatt "Lasst uns aufhören zu fliegen, unsere Zukunft zurücklassen, uns endlich zu unserer Vergangenheit umdrehen, und unsere neuen Aussichten erkunden, was vor uns liegt, das Schicksal kommender Dinge." Ist dies nicht genau das, was die Fabel des verkrüppelten Jack, der seinen Körper für seinen Avatar zurücklässt, uns sagt: Warum versuchen wir nicht anstelle einer Zukunft von "No Future" zu sehen, ob wir nicht endlich Aussichten haben könnten? Nach drei Jahrhunderten Modernismus ist es von denen, die es in der Praxis nie geschafft haben, modern zu sein, nicht zuviel verlangt, endlich nach vorn zu blicken.

Natürlich ist das, was sie sehen, nicht schön – nicht schöner als das, was sich vor dem geistigen Auge des Angelus Novus abspielte. Sicherlich ist es kein gut komponierter Kosmos, ein schöner und harmonischer Pandora-Planet, sondern, wie ich bereits sagte, ein recht entsetzlicher kakosmos. Wie hätten die Modernen auch irgendetwas erfolgreich zusammenbauen sollen, wenn sie nie hingesehen haben! Das wäre wie Klavierspielen mit dem Rücken zum Instrument…

Es ist unmöglich zu komponieren, ohne sich der anstehenden Aufgabe vernünftig zu widmen. Aber Grauen ist nicht gleich Grauen, es hat nicht dieselben Eigenschaften wie die archaische Vergangenheit, vor der sie so lange geflohen sind. Aus einem guten Grund: Vor diesem Grauen kann man nicht fliehen! Es kommt auf dich zu. Es hilft nichts mehr, von "epistemologischen Brüchen" zu sprechen. Der Bruch mit der Vergangenheit wird nicht ausreichen. Kritik wird auch nicht helfen. Es ist Zeit zu komponieren – in allen Bedeutungen des Wortes, einschließlich mit etwas komponieren, also Kompromisse einzugehen, sich zu kümmern, sich langsam zu bewegen, vorsichtig und mit Vorsorge.

Das sind schon einige neue Fertigkeiten, die man lernen muss: Stellen Sie sich vor, man erfindet wie nie zuvor, aber mit Vorsicht! Hier sind wieder zwei große Versuchungen, das Erbe aus der Zeit der Großen Flucht: Lasst alle Innovationen sein, oder führt sie wie vorher ohne jede Vorsicht durch. Die modernistischen Utensilien müssen eines nach dem anderen neu gemacht werden, für die Aufgaben, die nun vor uns liegen und nicht mehr hinter uns. Ödipus traf die Sphinx und sie sagte: "Sieh nach vorn!" Hat sie nicht darauf mit ihrem eigenartigen Lächeln angespielt: "Was geht auf vier Beinen, dann zwei Beinen, dann drei Beinen?" Nun, die Modernen natürlich, jetzt da sie nur zu gut wissen, dass sie blind in der Dunkelheit herumtasten und einen weißen Stock brauchen, um langsam und vorsichtig die Hindernisse vor ihnen zu ertasten! Die Blinden, die von Blinden geführt werden, brauchen dringend neue Sensoren – ja, neue Avatare.

Es stimmt, es gibt kaum einen Bezug zwischen dem Kommunistischen Manifest und dem Kompositionistischen Manifest. Ein Glaube an die Kritik, an radikale Kritik, eine Hingabe an eine komplett idealisierte materielle Welt, ein totales Vertrauen in die Wissenschaft der Ökonomie – von allen möglichen Wissenschaften ausgerechnet Ökonomie! –, eine Freude an der transformativen Kraft der Negation, ein Vertrauen in Dialektik, eine komplette Missachtung der Vorsicht, ein Zurücklassen der Freiheit in der Politik hinter einer Kritik am Liberalismus, und vor allem ein absolutes Vertrauen in den unausweichlichen Lauf des Fortschritts.

Und doch haben die beiden Manifeste etwas gemeinsam, nämlich die Suche nach dem Gemeinsamen. Der Hunger nach der Gemeinsamen Welt ist das, was vom Kommunismus im Kompositionismus steckt, mit diesem kleinen aber wichtigen Unterschied, dass sie langsam komponiert werden muss, anstatt als gegeben betrachtet und allen auferlegt zu werden. Alles geschieht, als ob die Menschheit wieder in Bewegung sei, aus einer Utopie vertrieben, der Utopie der Ökonomie, und nun auf der Suche einer anderen, der Utopie der Ökologie. Zwei verschiedene Interpretationen dieses kostbaren kleinen Wortstamms, oikos, die erste eine Dystopie, die zweite ein Versprechen, von dem noch niemand weiß, wie man es einlöst.

Wie ein lebbares und atembares "Heim" für diese umherstreifenden Massen gebaut werden kann? Das ist die einzige Frage, die es sich in diesem Kompositionistischen Manifest zu stellen lohnt. Es gibt Hoffnung in der Büchse der Pandora, aber wie tief muss man greifen, um sie herauszuholen?

Übersetzung: Sascha Pöhlmann

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