"Die entdeckten Zivilisationen haben meist verloren"

15.02.2010

Lesch & Co. über außerirdische Intelligenz

Eine Brücke zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften zu schlagen – diesem Grundsatz folgten die beiden befreundeten Wissenschaftler von der LMU München, Wilhelm Vossenkuhl und Harald Lesch, fünf Jahre lang in ihrer legendären Sendung "Lesch & Co.". Vom 1. Juli 2001 bis 26. März 2006 führten sie insgesamt 20-mal jeweils 45 Minuten währende Gespräch über Philosophisches, Naturwissenschaftliches und Allzumenschliches. Für Insider hatten die auf Bayern Alpha und in der "Spacenight" des Bayerischen Rundfunks ausgestrahlten Sendungen schnell Kultcharakter. Anlass genug, um den Kult wieder aufleben zu lassen.

Wilhelm Vossenkuhl, Harald Lesch. Bild: Harald Zaun

Exklusiv und einmalig für das neue Telepolis-Special trafen beide nach knapp vierjähriger Lesch & Co.-Abstinenz am 20. Januar 2010 wieder zusammen und philosophierten über "Allzuaußerirdisches". Ganz in der Tradition der vorangegangenen Sendungen fand auch dieses Gespräch während eines Dinners in dem italienischen Restaurant "Al Torchio" in München statt.

Das vollständige Gespräch zwischen Lesch und Vossenkuhl ist in dem neuen Telepolis-Special Kosmologie "Intelligenz im All" nachzulesen (Inhaltsverzeichnis), das hier bestellt werden kann.

Harald Lesch: Gehen wir einfach mal von einer sehr optimistischen Prämisse aus und nehmen an, es gäbe die Anderen, irgendeine technologische Intelligenz da draußen …

Wilhelm Vossenkuhl: … sollte es so sein, dass wir eine solche fänden, ist nicht auszuschließen, dass wir denen in gewisser Weise überlegen sind. Schließlich wären wir ja diejenigen, die sie zuerst gefunden hätten – und nicht umgekehrt. Wir hätten den ersten Schritt getan.

Harald Lesch: Sie hätten sich dann aber auf jeden Fall in einer Weise bemerkbar gemacht, dass selbst Naivlinge wie wir sie finden konnten.

Dr. Harald Lesch (49) ist Professor am Institut für Astronomie und Astrophysik an der LMU in München und lehrt Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie SJ. Für seine Wissensvermittlung (z.B. Fernsehsendungen Alpha Centauri, Lesch & Co. und Vorträge etc.) wurde er mehrfach ausgezeichnet. Zurzeit moderiert er das ZDF-Magazin "Abenteuer Forschung". 2009 erhielt er den IQ-Preis. Seit 2010 moderiert er auf ZDFneo die viertelstündige Sendung Leschs Kosmos.

Wilhelm Vossenkuhl: … und sie könnten technologisch genauso gut oder schlecht dran sein wie wir …

Harald Lesch: Streng genommen lohnt es somit eigentlich nicht, über sie nachzudenken. Wenn schon, dann müsste es zumindest unser Bestreben sein, von denen die Besseren und nicht die Schlechteren zu finden.

Wilhelm Vossenkuhl: Nein, es kann ja sein, dass sie uns in wesentlichen Hinsichten überlegen sind, weil sie diese immens übertriebene technologische Entwicklung, die bei uns zunehmenden Einfluss gewinnt, einschließlich der Zerstörung der Umwelt rechtzeitig geblockt und gesagt haben: Das machen wir nicht mit! Wir zerstören nicht die Welt, in der wir leben. Wir verzichten auch auf Raumfahrzeuge, mit denen wir herumreisen könnten. Wir könnten es machen, aber wir lassen es einfach bleiben. Solche Aussagen wären ja selbst ein Anzeichen für eine Art höherer Intelligenz.

Wilhelm Vossenkuhl, geboren am 11. Dezember 1945 in Engen, lehrt und forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der promovierte Philosoph und ordentliche Professor der Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft, hat einen Konkordatslehrstuhl inne. Wissenschaftlich in Erscheinung getreten ist er vor allem durch seine Arbeiten zu Wilhelm von Ockham und Ludwig Wittgenstein. Einer breiteten Öffentlichkeit wurde Vossenkuhl durch populärwissenschaftliche Sendungen auf BR-alpha und infolge einiger Bücher bekannt. Neben seinem TV-Einstieg mit Lesch & Co. blieb er BR-alpha treu und moderiert dort die Sendung "Philosophie", unternimmt aber auch mit Harald Lesch im Rahmen einer 60-minütigen Sendung in unregelmäßigen Abständen philosophische Exkurse in das Reich der "Denker des Abendlandes".

Harald Lesch: Also statt Gut-Menschen sozusagen Gut-Außerirdische. Das wäre aber problematisch. Hast man es nämlich mit Leuten zu tun, die auf eine technologische Entwicklung bewusst verzichtet haben, wird es schwer, sie irgendwo im Universum zu lokalisieren. Dann würden wir vergeblich nach außerirdischen Intelligenzen bzw. elektromagnetischen Signalen suchen, die sich deutlich von den natürlichen abheben. Wer seine eigene Landwirtschaft betreibt und keinerlei elektromagnetische Unruhe im All verursacht, bleibt ungehört. Meine These wäre: Wenn wir welche finden, dann müssten die mindestens genauso verrückt sein wie wir und sich durch massiven Ressourcenverbrauch und die Freisetzung jeder Menge elektromagnetischer Energie bemerkbar machen.

Wilhelm Vossenkuhl: Aber es kann doch sein, dass irgendwelche Kollegen von dir mit einem Superteleskop à la Hubble einen Planeten in einem nicht allzu weit entfernten Sonnensystem observieren und dabei feststellen, dass dort eine Atmosphäre mit den gleichen Elementen existiert und Temperaturen wie bei uns vorherrschen. Dann wäre doch die Schlussfolgerung naheliegend, dass auf dieser Welt Leben sehr wahrscheinlich ist und wir dort vielleicht einmal hinfahren sollten. Immerhin könnten auf dieser Welt Lebewesen existieren, die sich rechtzeitig entschieden haben, weder nach links noch nach rechts abzubiegen. Lebewesen, die sich gesagt haben: Wir verbleiben an Ort und Stelle, bleiben auf unserem Planeten, wo wir gelandet sind. Und wir sehen keine Notwendigkeit, uns technologisch weiterzuentwickeln und sägen uns nicht noch unseren eigenen Ast ab.

Harald Lesch: Da stimme ich völlig mit dir überein. Aber von außerhalb, wenn du nicht dort hinfährst, hättest du nur die Möglichkeit, die basalsten Dinge nachzuweisen. Dann bist du darauf angewiesen, dass der Planet sich dir auf elektromagnetische Weise mitteilt und du zudem Informationen über das Vorhandensein von Natur, Wasser und einer Ozonschicht in Erfahrung bringst. Radiowellen sind hier das Mittel der ersten Wahl. Wenn du dir unseren eigenen Planeten anschaust, dann könntest du noch einige Lichtjahre von der Erde entfernt mit einem Radioteleskop feststellen, dass es auf der Oberfläche inhomogen verteilte Radiosender gibt, die nicht natürlichen Ursprungs sind.

Auf der Suche nach Aliens sind Radioteleskope das Mittel der ersten Wahl. Bild: ESO

Wilhelm Vossenkuhl: Du bist also summa summarum der Ansicht, dass die Chancen, dass uns extraterrestrische Intelligenzen eines Tages finden, nicht nur höher sind, sondern dass es für uns auch besser ist, wenn wir entdeckt werden.

Harald Lesch: Ob es so gut ist, entdeckt zu werden, weiß ich nicht. Wenn ich mir die Menschheitsgeschichte anschaue, dann haben die "entdeckten" Zivilisationen meist verloren.

Wilhelm Vossenkuhl: Ja, sie liefen immer Gefahr, kolonisiert zu werden.

Harald Lesch: Ich finde den Gedanken höchst interessant, was wohl passieren würde, fänden und besuchten uns die Anderen? Was würde das bedeuten? […]

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