Fromme Sünder
Die katholische Kirche und der Missbrauch – Wiederholt sich die Geschichte?
Öffentliche Empörung über skandalöse Zustände hinter (un-)heiligem Gemäuer: So der Eindruck, wenn man in diesen Tagen Nachrichten in der Sparte "Kirche" liest, hört oder schaut. Meldungen über Fälle von sträflichem Missbrauch Schutzbefohlener im renommierten Berliner Canisius-Kolleg, einem Elite-Jesuitengymnasium, brachten den Stein des Anstoßes ins Rollen. Der Jesuiten-Orden wusste von den Fällen, hat aber geschwiegen.
Seit 2002 wird die katholische Kirche in Deutschland erstmals seit langer Zeit mit einer Welle von Priester-Skandalen konfrontiert. Und das Übel zieht weite und weitere Kreise. Je genauer Beobachter, Journalisten und Experten hinsehen, je weiter und tiefer gegraben wird, desto mehr Peinlichkeiten kommen ans Tageslicht. Von Fällen in Bonn, Hamburg, Hannnover, St. Blasien ist derzeit die Rede. In Godesberg tritt bereits ein zweiter lokaler Fall, am Aloisiuskolleg, zutage. Und die Haltung der katholischen Kirche? Sie stimmt, hier und da, Sühnegesänge an. Sie erwägt eine Änderung bei der Ausbildung von Pfarrern. Eigentlich das alte Lied: Verdrängte Sexualität, gekoppelt an Selbstgeißelung. Verirrte Leiblichkeit, gefolgt von Schuldkomplexen. Ein ganz großer Fall für die Psychiatrie?
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Offenbar mehr als das. Von Tausenden Opfern ist die Rede, die Dunkelziffer unbekannt. Telepolis berichtete im Sommer 2009 ("Tausende Priester sind Kinderschänder"): Dubioser Fall eines Mönchs aus dem niederösterreichischen Stift Geras, dem 25 Missbrauchsfälle nachgewiesen werden konnten. In Dublin gab es zeitgleich schwere Vorwürfe gegen die katholische Kirche. Nonnen und Priester missbrauchten Meldungen zufolge bis 1980 2.500 Kinder in Heimen der Kirche. Gegen die katholische Kirche in Irland wurden in einem Ermittlungsbericht die schweren Missbrauchs-Vorwürfe erhärtet (Wozu das Zölibat taugt?).
Lebensläufe, die gestört, ja gebrochen sind. Schicksale hinter einem Verteidigungswall aus Schweigen. Aber - haben wir, die Väter und Mütter, den frommen Herrschaften die Gewalt über unsere Kinder nicht ganz von alleine anvertraut? Vielleicht etwas blauäugig? Und vielleicht aus einer langen, bequemen, aber unheilvollen Tradition heraus?
Blick in die Geschichte
Eigentlich seltsam: Der Kritiker und Kirchen-Spötter Otto von Corvin analysierte schon Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Titel "Pfaffenspiegel", einem Klassiker der unorthodoxen Kirchengeschichtsschreibung, das seiner Auffassung nach "von den Pfaffen verpfuschte Christentum" (so in der Vorrede zur ersten Auflage 1845) und brandmarkte die "fromme Möncherei" als Brutstätte für Unzucht. Corvin schildert anhand genauer Quellen und Dokumente das "fromme" Treiben von "Kirchenlichtern" und "Kuttenheiligen" hinter so mancher Mauer. Sein Fazit:
Im Weltgewühle wohnt
Der Sünde freche Fülle,
In heil’gen Mauern thront
Unheiligkeit in Fülle.
Das lyrische Element dient ihm aber nur zur Illustration harter Fakten. So nimmt Corvin ausdrücklich mehrfach Bezug auf die "Folgen des Zölibats" und behandelt die traurigen Resultate seiner Zeit, an welchen sich zeige,
… welchen schändlichen Verführungen die unter Leitung der Mönche stehenden Knaben ausgesetzt sind, und ein jeder Vater wird daraus erkennen können, wie höchst gefährlich es für seine Kinder ist, wenn er diese in Klosterschulen unterrichten lässt.
Der Autor berichtet authentische Fälle von Geißelungen junger Fratres oder Novizen, von Knabenschändung im Kloster Fischingen, von krankhaften Ritualen, die vorgeblich der "Disziplin" und "Pönitenz" dienten, zu denen vollständiges Entkleiden und Rutenschläge auf die unteren Körperpartien der "Büßenden" (vielfach auch junger Mädchen) gehörten.
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Dass Corvin mit seinen Ausführungen nicht bloß vereinzelte Episoden der Kirchengeschichte beschreibt, wird schnell klar, wirft man einen Blick auf weitere Quellen. Da muten die jetzigen Zahlen geradezu geringfügig an: Derzeit, so der Spiegel Anfang Februar, stehen zehn Kirchendiener unter Missbrauchsverdacht. Eine Umfrage bei allen 27 deutschen Bistümern ergab, dass seit 1995 gegen 94 Priester und Laien wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt wird.
Der Blick in die Historie belehrt rasch, dass hier nur eine höchst unfromme (jedoch längst bekannte) kirchliche Praxis in modernem Gewand "aufgedeckt" wird. Die jetzt ans Licht gekommenen Missbrauchsfälle sind die Spitze eines Eisbergs von historischer Dimension - und doch andererseits "nur" unheiliges Brauchtum. Jahrhundertelang, so zeigen es unzählige Schriften, Gerichtsprotokolle, Quellen und Darstellungen europäischer Provenienz (um nur davon zu reden), trieben es die heiligen Männer mit dem Segen ihrer Mutterorganisation, der römischen Kirche.
Drastische Beispiele lieferte schon der Ex-Priester, Absolvent der Gregoriana in Rom und spätere Ethikprofessor Peter de Rosa nach umfänglichen Quellenrecherchen und aus eigener Anschauung. Sein Buch "Gottes erste Diener" ist längst veröffentlicht (zuerst 1988), erlebte mehrere Auflagen. Das päpstliche Exil (andere sagen: Paradies) in Avignon Anfang des 14. Jahrhunderts gilt ihm als illustres historisches Exempel für den Sittenverfall der Kirche. Einige der Kardinäle dort verwalteten die reichsten Pfründe. Boten des Kardinalskollegiums durchsuchten die Dörfer und Städte der Verbannung nach jungem, unverbrauchtem Fleisch in Gestalt schöner Knaben. Die hübschesten und am edelsten gewachsenen wurden ausgewählt und der Ehre teilhaftig, die Nächte mit den geistlichen Herren in den Betten ihrer prunkvollen Paläste zu teilen. Unfreiwillige Lustknaben; viele werden wohl ihr ganzes weiteres Leben unter dem "Vorrecht" zu leiden gehabt haben, dem frommen Bedarf auf die Weise zu dienen.
Der mittelalterliche Gelehrte und Poeta laureatus Petrarca beschrieb den päpstlichen Hof in Avignon als "die Schande der Menschheit, ein Sammelbecken des Lasters, eine Kloake, in der sich aller Schmutz der Welt sammelt. (…) Alles dort atmet Lüge: die Luft, die Erde, die Häuser und vor allem die Schlafzimmer" (de Rosa, Gottes erste Diener, "Päpstliches Paradies in der Provence"). Unter dem berühmt-berüchtigten Papst Alexander Borgia schrieb der Florentiner Klosterbruder Savonarola: "Ein Priester verbringt die Nacht bei seiner Konkubine, ein anderer mit einem kleinen Jungen, und am Morgen gehen sie an den Altar, um Messe zu feiern."
Für den Zeitraum 1723 bis 1820, also für ein rundes Jahrhundert vor Beendigung der Inquisition, belegen die Akten der spanischen Inquisition, die in den Diözesanarchiven von Lea, einem der berühmtesten Autor der Geschichte der Inquisition, gesichtet wurden, nicht weniger als 3.775 Fälle, in denen es um geschädigte Beichtkinder geht. Rund drei Viertel der Anklagen betrafen Ordenspriester; ein großer Teil der Beschuldigten hatte hohe Ämter inne (Einzelheiten: de Rosa, 522ff.).
Nebenbei bemerkt: Eine ergiebige Quelle bietet auch die Missions- und Kolonialgeschiche der protestantischen Kirche. So beschrieb Orlando Patterson in seiner "Sociology of Slavery" (London 1967) britische Anglikaner der Missionsjahre um 1740 als die "im allgemeinen vollendetsten Verführer" und fügte hinzu: Dies sei die schändlichste Episode in der Geschichte den anglikanischen Kirche gewesen.
Zurück ins 21. Jahrhundert
Die Nachrichten dieser Tage regen zum Nachdenken an über religöse Ethik und über die staatlich begünstigte Stellung der Kirchen, die offenbar ihrer erzieherischen Aufgabe nicht gewachsen sind. Dass in der Priesterausbildung mehr Wert auf die Förderung der emotionalen Reife der Kandidaten gelegt werden müsse, auf ihre Emanzipation, hat zumindest die katholische Bischofskonferenz wohlweislich erkannt und erstmals 1978, dann wieder 1988 in ihren Richtlinien festgelegt.
Indes fragt man sich, wo in biblischen Texten das Zölibat überhaupt verankert sein soll und daher mit Fug und Recht theologisch verlangt würde? Hier sucht man vergebens nach einem göttlichen Dekret. Ganz im Gegenteil, der Evangelist Matthäus erwähnt in Mt 8:14 unmissverständlich, Petrus hatte eine Schwiegermutter – demnach war er wohl verheiratet (man vergleiche die Parallelberichte Markus 1:30 und Lukas 4:38). Und auch die paulinische Theologie geht in allen kanonischen Briefen des Apostels ganz selbstverständlich von verheirateten Männern aus, denen die Leitung einer Gemeinde obliegt. Nirgends die Rede vom Zölibat als verordneter Lebensform.
Die gängige klerikale Schutzbehauptung, Jesus sei schließlich unverheiratet gewesen, verfängt nicht. Die Praxis der Ehelosigkeit diente über Jahrhunderte nämlich einem sehr profanen Zweck: Allein mittels des Instrumentariums des Zölibats kamen die Erbregelungen stets nur der Heiligen Mutter Kirche zugute; so sicherte die Kirche ihre Pfründe und ihre beispiellosen Besitztümer.
Moralische Entrüstung ist eine Sache. Es stellt sich die systemische Frage. Otto von Corvin analysierte Mitte des 19. Jahrhunderts scharfsinnig: "Je sorgfältiger eine Regierung die Religion (…) unterstützt, je ängstlicher sie darauf bedacht ist, die Erziehung in der Hand der Priester zu belassen, desto despotischer sind ihre Neigungen." Hochmoderne Worte angesichts der Kinderschänder in den Kutten des 20. und 21. Jahrhunderts.
Literatur (Auswahl):
Corvin, Otto von, Pfaffenspiegel, 1845 u.ö.
de Rosa, Peter, Gottes erste Diener, 1988 u.ö.
Lea, Henry Charles, Geschichte der Inquisition im Mittelalter, 1909 u.ö.
Paczensky, Gert von, Verbrechen im Namen Christi, 1991 u.ö.
Patterson, Orlando, The Sociology of Slavery, London 1967
- Re: Die katholische Kirche ist immer noch das selbe Ungeheuer (25.2.2010 10:04)
- Re: Da fällt mir doch Rammstein mit Halleluja ein ... (15.2.2010 20:55)
- Immer schön von den Verfehlungen der eigenen ... (15.2.2010 12:19)
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