Totgeschwiegen

14.03.2010

Eine Erkundungsfahrt ins Dunkel der Geschichte- Teil 2

Teil 1: Vom Schweigen im Walde

In keinem Märchen ein Trauerklang, in keinem Lied ein Bekenntnis.

Jakob Wassermann

Über das Massaker vom 24/25ten März 1945 an den rund 200 jüdischen Zwangsarbeitern in der Ortschaft Rechnitz im österreichischen Südburgenland gibt es auch einen Dokumentarfilm. Er enthält eine Szene, die einzigartig ist. In keinem anderen deutschen oder österreichischen Film über die Nazi-Zeit habe ich jemals etwas Vergleichbares gesehen.

Eine alte Frau, weinend, ohne hochdeutsche Untertitel:

Nachher ham's gesprochen davon, nachher. Dass dort a Fest war und dass (sie) dort im Rausch -. Da ham's ja net amal g'schaut, ob's wirklich tot san, die in die Grube hinein g'fallen san - ham's da zur damaligen Zeit g'sagt. Die war'n alle so besoffen. - Ich hab die Nacht nicht schlafen können. Und da war ich auf und ich hab immer jetzt das Jammern gehört. Und dann, das war so um halb zwei, zwei Uhr in der Nacht, dass man's bis daher zu uns gehört hat. Die Nacht ist still. Und da hör'n Sie's weiter.

Das kann ich Ihnen nicht beschreiben. Das muss man erleben. Den Schmerz, den kann man nicht sagen. Ich hab's Ihnen gesagt, wie ich das Jammern gehört hab, herein - was die da draußen erschossen (wurden). Da hab ich alle Fenster zu (gemacht), die Ohren hab ich mir zugestopft, dass ich es nicht hören muss. [Interviewer: Es war in der Nacht...?] Zwei Uhr in der Nacht. Und da hat man's durch die Fenster, trotzdem, dass sie zugemacht war'n, das Jammern gehört. Diese Todesschreie -.

Im Schatten der Waldheim- Affäre

"Totschweigen" (1994), Regie: Margareta Heinrich und Eduard Erne, beschreibt die Suche, während der Jahre 1990 bis 93, nach dem Rechnitzer Massengrab. Der Film1 entstand in einer Zeit als Franz Vranitzky (SPÖ) österreichischer Bundeskanzler (1986 bis 97) und Kurt Waldheim (Ex-Nazi, "parteilos" aber => ÖVP) Bundespräsident des Landes (1986 bis 92) waren. Vranitzky, ein nüchterner Realpolitiker, leitete eine Große Koalition mit der ÖVP, gab sich aber gleichzeitig als politischer Saubermann, der sich beispielsweise weigerte, Jörg Haider, dem Bungee-Jumper und modisch-frechen "Feschisten" (wie ihn die Wiener Stadtzeitung Der Falter nannte) die Hand zu geben. Haider's FPÖ war indessen die einzige Partei Österreichs, die aus ihrer braunen Vergangenheit keinen Hehl machte. Die SPÖ, die selber in den Jahren nach dem Krieg einem soliden Kontingent von mehr als 10 Prozent ehemaliger Nazis Unterschlupf gewährt hatte, präsentierte erst Mitte 2005 unter Kanzler Gusenbauer einen Historikerbericht über diesen Teil der Parteigeschichte. Bei der ÖVP, ähnlich wie bei der deutschen CDU/CSU, war der Nazi-Anteil naturgemäß ein bisschen höher. Überraschender- oder eher nicht überraschenderweise - waren in der Einheitspartei der DDR nützliche Nazis ebenfalls gang und gebe.

Doch, um bei Waldheim zu bleiben: die gesamte Amtszeit dieses Bundespräsidenten und bereits eine beträchtliche Zeit vor (!) seiner Wahl blieben überschattet von der Waldheim-Affäre. Sie trug Österreich den Ruf ein, ein Land zu sein, in dem alte Nazis fröhliche Urständ feiern konnten. Ob Waldheim selber an der Deportation von 40.000 Juden aus Saloniki teilgenommen hatte oder nur davon Kenntnis besaß und Befehle weitergab, blieb ungeklärt, nicht zuletzt, weil Waldheim an selektivem Gedächtnisschwund litt und auf seinen nachweislich falschen Behauptungen beharrte; während der dezidiert antifaschistisch auftretende Kanzler Vranitzky ihn nicht absetzen mochte bzw., wohl aus Rücksicht auf die ÖVP-Koalitionäre, auch keinen ernsthaften Untersuchungsausschuss einberufen konnte. Vranitzky zog sich, mit unangekratzter Reputation, nach elf Jahren Kanzlertum aus der Politik zurück. Österreich schlidderte danach ungebremst in die noch größere internationale Ächtung, weil der Wählerwille nunmehr "jungen" Nazis (Jörg Haider und Co.) den Weg an die Fressnäpfe der Nation frei räumte. Im Endeffekt wurde Haider nur eine mittelgroße Nummer in der Kärntner Provinz, aber auch dort blieb der Schaden beträchtlich.

In diesem Umfeld, Mitte der Neunzigerjahre, nach Waldheim und vor Haider, wäre ein österreichischer Film zu diesem Thema ziemlich genau das Richtige gewesen, ein Dokumentarfilm, der eine klare Sprache spricht und Licht in das Dunkel eines lange ungeklärten Nazi-Gräuels bringt, (der, wie man hoffen konnte, wohl nichts mit Waldheim zu tun haben würde, auf dessen Lösung man aber großen Wert legte). Doch ein solcher Film kam nicht zustande. Rechnitz blieb ein Geheimnis in den Nuller-Jahren (wie ich im ersten Teil ausführte) und es blieb ein Geheimnis in den Neunzigern. Eine seit 65 Jahren ungeklärte Situation.

Hauptsache, es kommt nix raus dabei

Was stattdessen entstand, war ein Potpourri aus "The Crow" (Krähen im Soundtrack, noch und noch) und "Jagdszenen aus Niederbayern", angereichert mit einem immergleichen Besinnlichkeitsgeklimper à la Keith Jarrett auf Valium. Dem vollstereophon abgemischten Soundtrack ist einseitig von links mit einem schäbigen Taschenmikrophon ein hingeflüsterter VO-Kommentar in David Attenborough-Manier eingedreht worden, den man nicht einmal unter Kopfhörern richtig verstehen kann.

Zuerst war mir nicht klar, was dieser Flüsterton suggerieren sollte. Dass man sich in Rechnitz in der Gegenwart von wilden Tieren befand? Oder war dies eine Illustration des im Titel angesprochenen "Totschweigens"? Inzwischen hege ich den Verdacht, das unverständliche Gemurmel soll "Pietät" signalisieren, in der Art, wie einem beim Trauergottesdienst vom Küster flüsternd beschieden wird, "Dort drüben sind noch ein paar Plätze frei." Ich halte das für eine falsche Pietät. In diesem Kontext völlig unangebracht. In der Tat ist der Film insgesamt so sehr von falschen Tönen durchsetzt, dass ich fast eine Absicht dahinter verspüre. Es wirkt auf mich so, als hätte man - vom ORF, von der Stadt Wien und anderen Geldgebern - den Machern Auflagen erteilt - und ihnen beschieden: "Da habt ihr ein Geld, macht einen Film, bemüht euch umständlich und forscht nach, aber Hauptsache, es kommt nix raus dabei!"

So gelangt beispielsweise der Film relativ spät - man hat den Eindruck, erst nach ziemlich verspäteter Forschungsarbeit - zu der Erkenntnis, dass es der 1911 in Wien geborene, damals, 1945, in Rechnitz ansässige Franz Podezin Chef der lokalen Gestapo war, der das Massaker von Rechnitz geleitet habe. Auf einmal wissen die Filmemacher, dass Podezin, polizeilich unbehelligt, Anfang der Sechzigerjahre in Kiel gewohnt hat, und nun, 30 Jahre später, in Johannesburg lebt. Sogar die Adresse kennen sie. (Ohne sie uns zu verraten: 74 Clifford Avenue, Limbro Park, nicht weit entfernt von den Alexandra-Townships.) Als nächstes: Kamerafahrt: Johannesburg. Dann: am Tor des Gestapo-Chefs. Es bellt ein Hund, deutscher Schäfer, no na. Ein (im Film: namenloser) Herr (er heißt Josef Helmut Hansel) tritt auf.

Um die 60, heimlich gefilmt aus dem Kamera Blimp oder der Aktentasche. Hansel, der mit Frankfurter - oder wenigstens Main-Taunus-Kreis - Zungenschlag spricht, erklärt, Herr Podezin sei nicht da. Über 80 Jahre alt, sei er mit einem Wohnwagen unterwegs. Man sieht, die alte Geschichte: Menschen ohne Gewissen (Hess, Pinochet, Salazar, Franco, Riefenstahl) leben länger, sind auch im Alter noch fit. Erst wenn sie vor Gericht kommen, versagt plötzlich ihr Gedächtnis.

Der "Hesse" sieht nicht aus, als sei er selber dieser Podezin. Möglicherweise ist er aber ein Verwandter, oder Sohn. Hansel schwärmt, "Podezin" (bewundernd ausgesprochen) sei ein Mann von großen Geschichtskenntnissen und philosophischer Geistesausrichtung. Er bietet sich an, die schriftlichen Fragen der Filmemacher an Podezin weiterzuleiten. Eine Antwort, vermerkt der Flüster-VO, sei aber nie gekommen. Ja und? Was weiter? Da hat man die Adresse eines Nazi-Massenmörders, man hört, dass er am Leben ist. Und - was passiert? Man wendet sich an jenes Gericht in Kiel, das den Gestapo-Mann schon einmal - in den Sechzigerjahren - unbehelligt laufen ließ.

Dort, in Kiel, legt man (surprise!) auch 30 Jahre später keinen Wert auf eine etwaige Strafanzeige. Im FAZ-Magazin vom 26. Oktober 2007 gibt es ein Interview mit dem Ko-Regisseur des Films, Eduard Erne, der hier im Wesentlichen seinen VO aus dem Film zitiert, er sagt aber auch Dinge, die im Film nicht vorkommen sind. Beispielsweise sagt er (über diesen Gestapo-Mann, Podezin, der in Rechnitz einen Großteil jener 200 Menschen eigenhändig abgeknallt hat):

Podezin war in Südafrika gemeldet und hat dort, obwohl in Deutschland nach ihm gesucht wurde, von der deutschen Botschaft einen neuen Führerschein bekommen.

Da frage ich mich, wenn dies bekannt war, wenn deutsche Behörden so offensichtlich nicht ernsthaft nach dem Mann suchten - (in der Zeit unter Karl Carstens, NSDAP/CDU-Mitglied, Deutscher Bundespräsident 1979-84, waren frühere Offiziere der Waffen-SS sogar deutsche Botschafter, beispielsweise (1980) in Wellington, Neuseeland; wen überrascht es, wenn man noch zehn Jahre später in der deutschen Botschaft in Jo'burg einem früheren Gestapo-Chef den roten Teppich hinrollt?) - also dann frage ich mich doch, wieso alternativ keine Benachrichtigung an das Simon-Wiesenthal-Zentrum geschickt wurde? Kein Brief an den Mossad? An die österreichische Botschaft? An die New York Times? An die südafrikanischen Behörden? An Kanzler Vranitzky?

Der Zeuge, der in die Kälte kam

Man hat das Gefühl, Sherlock Holmes sei in Urlaub gefahren, und man habe die Lösung des Falles einer Gruppe inkompetenter Watsons übertragen. Als nächstes geben die Filmemacher in der ganzen Welt Anzeigen auf, in der Hoffnung, einen Überlebenden des Rechnitzer Massakers zu finden. Und: unglaublich! Es meldet sich einer - aus Israel. Er sieht, wenn man so will, ungarisch aus, spricht aber ausschließlich hebräisch. Sein Name: Gavriel Livne. Im Februar 1993, 48 Jahre nach dem Massaker, tappt er nun durch die verschneite Landschaft von Rechnitz. Er erkennt so manches wieder - aber wo sie damals gegraben haben, das kann er nicht mit Bestimmtheit sagen. Der Wald, meint er, sei, so wäre es ihm vorgekommen, näher gewesen. Es hätte hier, an dieser Stelle, aber auch 500 Meter weiter seitwärts gewesen sein können. "Dort" geht man aber nicht hin. Stattdessen befragt man ihn nun über Damals, und er erzählt, es sei eine "dunkle Nacht" gewesen. So und so, zickzackförmig, hätten sie Gräber gegraben, 1.20 bis 1.50 Meter tief, etwa 70 Zentimeter breit. Offenbar haben die Filmemacher selber vergessen, dass sie uns - zu Beginn des Films - topographische Zeichnungen mit genau solchen Merkmalen gezeigt haben! Und offenbar haben sie auch vergessen, dass etliche der befragten Rechnitzerinnen übereinstimmend zuvor gesagt haben, es sei eine mondhelle Nacht gewesen. Eine Frau erwähnt "Gründonnerstag" 1945. (So datiert man auf dem Lande.) DAS aber, so zeigt der ewige Kalender, war der 29. März 1945. Eben noch, lasen wir, das Massaker sei am 24./25. März gewesen, alternativ dazu wird auch die Nacht vom 25./26. März genannt. Das wäre jeweils die Nacht auf - oder die Nacht nach - Palmsonntag gewesen.2

VOLLMOND war am 28. März 1945, die Chancen standen somit ausgezeichnet, für eine mondhelle Nacht am Gründonnerstag, aber auch am Palmsonntag wäre eine mondhelle Nacht nicht auszuschließen gewesen. Gleichgültig, was der Ewige Kalender sagt, es war natürlich eine immer noch winterliche Jahreszeit, Nebel und Wolken hätten sehr wohl eine völlig dunkle Nacht bereithalten können. Selbst bei Vollmond.

Trotzdem vertraue ich den Angaben der im Film zitierten Dorffrauen. "Gründonnerstag" markiert, wie andere Quellen bezeugen, ein anderes Großereignis, den Einmarsch der Russen in Rechnitz, bzw. die Flucht der Nazis. Die Ereignisse überlagern sich im Gedächtnis der Dorfbewohner. Ebenso Wahrheit und Lüge. Bleiben wir beim Palmsonntag. Sie hörten das Geböller und Gekrache dort draußen, sie wussten, das dies nicht die anmarschierenden Sowjettruppen waren, und außerdem hatte sich im Dorf die Parole schnell verbreitet, "Heute Nacht werden die Juden erschossen." Sie sind also schnell mal schauen gegangen, was da los war. Das mögen sie ein Leben lang als Geheimnis in sich vergraben haben, aber im Alter plappert man erfahrungsgemäß die unaussprechlichsten Familiengeheimnisse aus, als wären es reine Bagatellen. Und sei es auch nur wie hier, fast unbemerkt, nebenbei. Gut, das war ihnen nachher peinlich. Diese ganze Ballerei auf lebende Menschen war wohl doch nicht wirklich vergleichbar gewesen mit einer Faschingsgaudi.

Einer der Rechnitzer Zeugen - sie werden alle in alphabetischer Reihenfolge am Schluss des Films aufgelistet, aber nicht im Verlauf des Films identifiziert, etwa durch Einblendung des Namens, während sie sprechen, - ein Mann, der die ganze Zeit über mit dem Zurechtschneiden verschiedener Blumen beschäftigt ist, deutet an, dass "Frauen" zum Schauen hingegangen seien, da sie ja von Natur aus neugierig sind. Und dass die Erschossenen am Kreuzstadl wohl an die Wand gestellt und erschossen wurden. Betrachtet man sich die Ruine heute, sieht man großflächige Übertünchungen in Oberkörperhöhe, als hätte man die Einschussspuren notdürftig verwischen wollen. Ob die Kriminaltechnik dort - heute, nach 65 Jahren - noch Spuren finden könnte?

Deutlich erkennbar der Verputz etwa dort, wo die Ermordeten an der Wand standen. Bild: Eva Schwarzmeyer

Noch ein weiteres Detail ist, bei genauerem Hinsehen, auffallend. Kein einziges Mal sagt der aus Israel eingeflogene Zeuge, Gavriel Livne, wie er vor dem Kreuzstadl steht: "DAS ist es. Ich erkenne dieses Gebäude genau." Das kann ich, der Schreiber dieser Zeilen, mir einfach nicht vorstellen. Ich bin selber nach dreieinhalb Jahrzehnten "Am Kleinen Wannsee" (so heißt die Straße) in Berlin entlang gegangen, und konnte zweifelsfrei die Adresse identifizieren, Nr. 6 A, wo ich die Zeit meiner frühesten Kindheit verbracht habe. Das Gebäude war bereits abgerissen, aber die Einfahrt war noch intakt, und der Blick aufs Wasser hatte an jener Stelle genau jene Qualitäten, die ich in meinem Gedächtnis gespeichert hatte. Ich kann mir nicht denken, wie Gabriel Livne das Gebäude vergessen könnte, wo 200 Menschen erschossen wurden. In dem oben erwähnten FAZ-Magazin Interview sagt Erne:

Zuvor hatten andere Zwangsarbeiter die Gruben ausgehoben, in die die Leute hineingeschossen wurden. Das konnten wir belegen, weil wir einen Überlebenden gefunden haben, der beim Ausheben der Gruben beteiligt war. Er sagt im Film aus, wie er auf dem Rückweg Autos (sic) mit Insassen in SS-Uniform sah und kurz darauf die Schüsse hörte.

In einer dunklen Nacht, schon nach Mitternacht, erkennt der Zeuge in einem vorbeifahrenden Wagen - im Film spricht er von nur einem Auto! - die SS-Totenkopf-Insignien am Mantelrevers der Insassen. Er hörte auch nicht "die Schüsse" - sondern "Schüsse, ununterbrochene Schüsse, viele Schüsse." Aber an den Kreuzstadl erinnert er sich nicht?

Weitere Massaker - übersehen, unterschlagen, totgeschwiegen?

Hingegen erkannte er sehr wohl Gebäude und Straßen in Rechnitz wieder, er war also tatsächlich (vermute ich) an diesem Ort gewesen. (Es bleibt unverzeihlich, wie wenig gefragt und hinterfragt worden ist in diesem Film, beispielsweise, wie Livne die Flucht gelang? Und natürlich, ob er überhaupt ein glaubwürdiger Zeuge war?) Aber eines scheint deutlich. In Anlehnung an die Sherlock Holmes Geschichte, in der der Hund gerade deshalb nicht anschlägt, weil er den Täter kennt, muss man wohl auch hier annehmen, dass Gavriel Livne wohl von Rechnitz spricht, aber nicht vom Kreustadl und nicht von einer mondhellen Nacht - dass er also von einem anderen Massaker spricht. "Wir haben gegraben und gegraben, es war tägliche Routine" sagt er. Für ihn hatten der Gründonnerstag oder Palmsonntag nicht jene Bedeutung wie für die Rechnitzer Dorf-Mädchen. Er erinnert sich an das Graben in einer dunklen Nacht - eher in der Nähe eines Waldes; er erwähnt den Kreuzstadl nicht einmal.

In einem Artikel des Historikers Stefan Klemp aus der Süddeutschen Zeitung vom 25. Oktober 2007, den ich nur in einer englischen Übersetzung finde, steht dazu ein fast kurioser Nebensatz:

It is also known that the case is not unique. According to Austrian investigators, 220 Hungarian Jews had already been shot in Rechnitz at the beginning of March.

Wie bitte? ANFANG MÄRZ seien - schon einmal - 220 ungarische Juden in Rechnitz erschossen worden? Falls Kemp seine Fakten nicht völlig durcheinander gebracht hat - wäre dies möglicherweise das zweite, bzw. das vorausgegangene, Massaker, das in einer dunklen Nacht ohne Mondschein stattgefunden hätte. Das Massaker, das Gavriel Livne anspricht.

Der gesamte Film "Totschweigen", konzentriert sich aber einzig auf die handliche Metapher des Kreuzstadls, und auf das Massaker in der mondhellen Nacht gegen ENDE MÄRZ.3

Von einem zweiten Massaker ist im Film nirgends die Rede. Kann es sein, dass die Filmemacher dieses Detail einfach übersehen - oder unterschlagen ("totgeschwiegen") haben - weil es nicht in ihr vorgefertigtes Konzept passte?

Wohl wird erwähnt, dass 1938, also nach dem "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland, die in Rechnitz ursprünglich ansässige jüdische Bevölkerung am Hauptplatz von Rechnitz zusammen getrieben und "ins Niemandsland an der jugoslawischen Grenze" deportiert worden sei.4 Dieser Abtransport wird konstatiert, als sei es ein unhinterfragbarer Fakt. Als müssten Journalisten an so einer Aussage keinen Zweifel hegen.

Der Hauptplatz von Rechnitz heute. Bild: Eva Schwarzmayer

Der jüdische Friedhof von Rechnitz wird gefilmt. In der Woche vor dem Grabungsbeginn - vor dem 20. November 1990 - (so heißt es im Film) sei dieser Friedhof geschändet worden. Man sieht eine Reihe von Bildern: umgestoßene oder mit Neo-Nazi-Parolen besprühte Grabsteine.

Ich hätte ja an dieser Stelle wenigstens eine Frage gehabt. Beispielsweise die, ob die lokale Polizei damals meinte, dass Außerirdische diese Schriftzüge angebracht hätten? Oder ob sie irgendeinen Verdacht besäße auf Täter aus der Nachbarschaft? Offenbar interessierte DAS unsere Filmemacher nicht besonders. Sie stellten überhaupt keine Fragen.5

Kommen wir noch mal zur Deportation der ortsansässigen Juden 1938 ins "Niemandsland" bei Jugoslawien. Natürlich ist es vorstellbar, dass die Redewendung "ins Niemandsland bei Jugoslawien" nur eine Verwischung einer Spur ist. Eine Augenauswischerei. Wohin ging die Reise wirklich? Was waren die Namen der Deportierten? Schließlich gibt es und gab es in Österreich eine Meldepflicht! Die Namen, die Anzahl der Deportierten müssten sich eruieren lassen. Auch das Deportationsdatum. Vermutlich wurden diese Menschen, so unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs, wirklich erst noch an einen definierbaren Ort hin abtransportiert, statt auf offenem Felde vor dem Kreuzstadl erschossen zu werden. Sie sind mit Sicherheit ebenfalls irgendwo erschossen und vergraben worden. Wo war dieser Ort? Ein "Niemandsland" gibt es in Europa nicht.

Jedenfalls: nicht das zweite - denn in Rechnitz scheint es eine ganze Reihe kleinerer und größerer Massaker gegeben zu haben - aber jenes andere Massaker, von dem Gavriel Livne fast zufällig Zeugnis ablegt, fand nicht 1938 statt. Er hätte nicht 1938 und 1945 verwechselt. Andererseits wird auch im ganzen Film kein weiteres Wort verloren über die einstigen jüdischen Bewohner des Dorfes. Das Schweigen der Rechnitzer ist umfassend. Und nicht minder das des Films über dieses Schweigen. Die Spur, was mit den ursprünglichen jüdischen Bewohnern von Rechnitz geschah, wurde erst gar nicht aufgenommen.

War Waldheim der mysteriöse Anrufer?

Aber dieses Wort, "Jugoslawien", erinnert mich daran, dass ich erst vor einem Jahr mit einer heute 91jährigen Dame meiner Bekanntschaft per Telefon von Neuseeland nach Deutschland plauderte. Sie wohnt heute in einem Heim, vor einem Jahr war sie noch vollkommen compos mentis und lebte in ihrem eigenen Haus. Sie erzählte mir, welch ein Wunder es doch gewesen sei, dass und wie sie und ihr Vater die letzten Kriegsmonate 1945 überlebt hätten. Sie selbst, eine intelligente, hübsche Linzerin, war im März 1945 in Belgrad. Wie viele Frauen in ihrer Lage, überlebte sie in unmittelbarer Nähe gehobener Nazi-Chargen. Wir kennen dieses Muster aus dem Leben der Hildegard Knef; der Eva Braun; der naif-kindlichen Traudl Junge, die in Hitlers Bunker als Sekretärin Dienst tat ("Der Untergang"); und aus dem Alltag zahlreicher junger Lehrerinnen oder Krankenschwestern, die in Wien in arisierten Luxuswohnungen untergebracht wurden, ohne sich jemals in ihrem späteren Leben zu fragen, was die Mesuse an der Tür eigentlich zu bedeuten hatte.

Die Russen, erzählte meine Gesprächspartnerin am Telefon, seien in Belgrad einmarschiert und hätten links und rechts in die Fenster der Häuser den Flammenwerfer hinein gehalten. Sie habe auf der immer noch intakten Geheimdienstleitung (GV) ihren Vater in Brünn angerufen, er möge sofort alles stehen und liegen lassen und nach Linz fliehen. Der Vater habe sich gewundert, wieso sie noch telefonieren könne, wo doch alle Telefonleitungen nach Auswärts darniederlägen. Am nächsten Tag gelang es ihr selber, nach einem langen Marsch durch Partisanengelände, mit dem letzten Zug aus Belgrad nach Wien zu entkommen. Der Zug sei durch die eisige Nacht gerast, an Bord nur ein einziger Passagier: sie selbst. Um Mitternacht sei sie in Wien eingetroffen. "Wo kommen Sie her?" - "Aus Belgrad." - "Wissen Sie, dass die alle tot sind? Sie sind die Letzte, die den Zug erwischt hat!" (Und so weiter...)

Für unseren Zusammenhang ist wichtig, dass die Telefonleitungen des Geheimdienstes noch in den letzten Kriegstagen funktionstüchtig waren. Am Anfang des Massakers steht nämlich ein Telefonat. Aus dem FAZ-Interview mit Erne:

Weiß man, wer in der Nacht auf dem Schloss anrief?

Nein. Die Gauleitung? Eine andere Bauabschnittsleitung? Das bleibt Spekulation. Aber der Anruf lässt vermuten, dass das Massaker [...] angeordnet wurde.

An diesem Punkt, meine ich: hätte man den damals, 1990, und noch auf Jahre hinaus, bis 2007, lebenden Bundespräsidenten Kurt Waldheim zu diesem Thema befragt, hätte man vielleicht etwas Licht ins Dunkel gebracht. Denn vielleicht hat sogar Waldheim selber, oder ein Bekannter von ihm, den Massenmord von Rechnitz angeordnet? Oder "nur" den Befehl von noch weiter oben weitergeleitet? (Ich stelle mir vor: am Telefon: "Die Russen sind in Belgrad. Schafft's eure Juden in die Erd!")

Wie ich zu dieser Behauptung komme? Ganz einfach: Waldheim war von 1942 bis 1945 in Jugoslawien zugange, und wenn ich mir die Chronologie in Wikipedia ansehe, die nur bis zum Februar 1945 geht, dann weiß ich, wie meine Frage gelautet hätte: "Wo befanden Sie sich eigentlich im MÄRZ 1945, Herr Bundespräsident?"

Jedenfalls, der Auftrag zum Erschießen der Gefangenen kam. Sehr wohl möglicherweise in der gleichen Nacht, als meine Bekannte im leeren Zug nach Wien eilte. Auf "Befehl von oben" machten sich die Rechnitzer Nazis an ihr Großes Morden. Es wäre natürlich äußerst kalamitös gewesen, wenn bei einem Film, der eigentlich auch ein bisschen ablenken sollte von der Waldheim-Affäre, nachher gerade dieser Waldheim wieder voll ins Visier gerutscht wäre. Vielleicht hat man es deswegen ein wenig übersehen oder absichtlich verschwiegen. Ich möchte aber gerade deshalb nicht vermeiden, auf diese Möglichkeit wenigstens hingewiesen zu haben.

Die Thyssen Connection

Nun muss ich endlich die Hintergrundkulisse aufspannen, die ich bisher in der Geschichte ausgelassen habe, und ich beginne mit einigen Details der Familie Thyssen. Jahrelang glaubte ich, Fritz Thyssen sei der Verfasser des Buches "I Paid Hitler" aus dem Jahr 1941 gewesen. Ein reformierter Nazi, der seine Schuld am Aufstieg Hitlers freimütig eingestand. Ein "guter" Nazi wie Stauffenberg, Schindler, Rabe. Aber nein. Der Großindustrialist aus dem Ruhrpott hatte das Buch nie geschrieben und war auch wenig angetan davon, dass jemand anderer, ungefragt, es in seinem Namen veröffentlicht hatte. Thyssen war schon früh von Hitler begeistert, und als die Räumlichkeiten der NSDAP in der Münchner Schellingstraße gar zu beengt wurden, kaufte er der Partei ein angemessenes Palais in der Brienner Straße Nr. 45. Dieses Haus, mit Bismarck-Büsten, Portrait-Gemälden des Alten Fritz und großem Schreibtisch für den Führer, war äußerlich nicht braun. Da aber die Insassen allesamt "Braune" waren, wurde es, bis zu seiner Zerstörung 1945, das "Braune Haus" genannt.6

Hitler, Thyssen im Hintergrund.

Jedenfalls blieb Fritz Thyssen, auch nachdem er sich von Hitler enttäuscht fühlte, ein braver Gefolgsmann des Führers und ließ es sich nicht nehmen, am Nürnberger Prozess eine Geldstrafe zu kassieren, die er, wie einen Strafzettel für falsches Parken, locker hinblätterte, bevor er schließlich, auf dem üblichen Wege, nach Argentinien emigrierte. Übrigens hatte Thyssen während der ganzen Nazizeit, auch im Krieg, gute Geschäfte in Millionenhöhe mit einem Amerikaner namens Prescott Sheldon Bush gemacht, dem Vater von George Herbert Walker Bush, Großvater von Georg Walker Bush, beides US-Präsidenten.

Der Bruder dieses Fritz Thyssen heiratete nach Ungarn in eine Adelsfamilie, und wurde damit selber adelig. (Sein Schwiegervater adoptierte ihn.) Er hieß nun Heinrich Freiherr Thyssen-Bornemisza de Kászon et Impérfalva. Man kann sagen, gehobener Geldadel. Namen wie aus einem schlechten Roman. Obwohl dies nirgendwo explizit gesagt wird, nehme ich an, dass Heinrich schwul war. Der Adelstitel und die Thyssenmillionen erleichterten ihm das Leben in Ungarn sehr, verglichen mit dem gestrengen Deutschland der Kaiserzeit und danach. Selbst die Nazis töteten ihre schwulen Kollegen im großen Stil. Dass Heinrich verheiratet war und vier Kinder zeugte ist kein Gegenbeweis.

Heinrich Thyssen, Margit Batthyany-Thyssen, Ivan Batthyany und Hans Heinrich Thyssen im Palace Hotel, Davos, ca. 1942. Bild: Caspar, Davos. Quelle: Archive of David R L Litchfield

Die beiden Kinder, die uns hier interessieren, scheinen ihrerseits sexuell ein wenig verwirrt gewesen zu sein. Auf einem Foto, das die Familie bei einem Sekt-Anlass im Palast Hotel, Davos, zeigt, vermutlich dem 21. Geburtstag des Sohnes, Heini, im April 1942, sehen wir Vater Heinrich jovial im eleganten Anzug, und auf der anderen Seite den ungarischen Schwiegersohn. Ebenso jovial, ein Mann mit Schmiss, Graf Ivan von Batthyány. Der geschwisterlich die Arme um Margit Thyssen-Batthyány, seine Gattin, und Heinrich Thyssen-Bornemisza, seinen Schwager, legt. Batthyány war gewissermaßen, bis zur Hochzeit, der Hausmeistersohn der Thyssens. Die Thyssens hatten das Schloss der Batthyánys in RECHNITZ seit Jahrzehnten gemietet. Rechnitz gehörte noch zu Ungarn als Margit am 22. Juni 1911 auf Schloss Rohoncz/Rechnitz zur Welt kam, Graf Ivan ein Jahr zuvor. 1933 heirateten sie. Betrachtet man das Bild der beiden Eheleute, die sich hier ihr ganzes Leben lang schon gekannt und seit rund 10 Jahren Sex miteinander gehabt hatten, kann ich nicht glauben, dass der Graf todunglücklich in der Ehe war. Die Gräfin blickt auf diesem wie auf jedem anderen Foto von ihr, als hätte man sie medikamentös ruhig gestellt. Ivan und Heini sehen aus wie das wirkliche Ehepaar. Trotzdem war auch Margit nachher vierfache Mutter.

Mord-Schloss Rechnitz (Burgenland, Österreich). Das Schloss brannte beim Angriff der Roten Armee nieder

Mit Thyssen-Geld konnten die Batthyánys ihren gigantischen Land- und Immobilienbesitz in Ungarn und im Burgenland aufrecht und zusammen halten. Schloss Rechnitz war ein beeindruckendes Gebäude, vergleichbar dem Schloss der Esterhazys, die den nördlichen Teil des Burgenlandes dominieren. Stünde es heute noch, wäre es als Hotel eine florierende Touristenattraktion. Beim Anmarsch der Russen haben die Nazis es niedergebrannt.

Die Blutgräfin von Rechnitz

Der Weg vom Schloss zum Kreuzstadl betrug circa zwei Kilometer und führte durchs Dorf. Der kleine Graf und die kleine Baronin hatten also eine ganze Kindheit lang Zeit, jeden Menschen im Dorf kennen zu lernen, aber auch, in Begleitung der Zofe oder sonstigen Personals, jeden Winkel der Umgebung zu erkunden. Margit sei eine Seele von Mensch gewesen, reklamieren die Rechnitzer. Thyssen-Geld, meint David Litchfield, habe das Große Schweigen erkauft. Noch bis in die (späten) Achtzigerjahre, bis zu ihrem Tod, habe die Gräfin mit vollen Händen Geld verteilt.7

Ich denke gleichwohl, dass Margit von Batthyány eine Edelnazisse gewesen sein muss. Sie erlebte sich selbst als eine Frau, die zum Inneren Kreis der Entscheidungsträger jener Zeit mit dazu gehörte, eine Frau, die (auch sexuell) über die Körper unzähliger Gestapo und SS-Männer verfügen konnte, wie es ihr beliebte, und die, der ultimative Kick, sogar über Leben und Tod entscheiden konnte. Sie muss jeden Einzelnen der jüdischen Bewohner von Rechnitz gekannt haben, die da ins "Niemandsland bei Jugoslawien" geschickt wurden. Glaubte sie wirklich, dass dies inferiore Menschen waren, die ausgerottet gehörten? War sie, die Pferdezüchterin, wirklich davon überzeugt, dass sie selber einer besseren Rasse angehörte?

Es steht anzunehmen. Sie war so etwas wie das ultimative Groupie der ultimativen Rock-Gruppe ihrer Zeit. Die schmächtige Frau mit dem Kokserblick mag sich gefühlt haben wie Elisabeth Bathory, die ungarische Blutgräfin. Sie hatte die Macht, jeden Mann in ihrem großen Schloss zu verführen - sexuell, aber auch zu jeder beliebigen Untat. Jeder kennt heute das Himmler Zitat:

Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht.

Himmler meinte mit den "menschlichen Schwächen", dass man sich übergeben hat, sich in die Hosen gemacht hat, oder ohnmächtig geworden ist. Mit dem "anständig geblieben" meinte er diesen ganzen Abu Ghraib-Bereich, der natürlich einer berufsmäßigen Töter-Gruppe besonders nahe stehen musste. Aber gerade hier in Rechnitz war es vorbei mit dem Anständigbleiben. Schloss Rechnitz war ein "Erholungszentrum" für SS-Leute, der Lover der Gräfin war ein karrieregeiler Gestapo-Mann, und unten in den Kellern befanden sich, offenbar zu jeder Zeit und für jeden Zweck, 200 jüdische Zwangsarbeiter. Dass hier niemand "anständig" geblieben ist, versteht sich von selbst. Dass hier zu Hunderten jüdische Frauen und Mädchen vergewaltigt, gequält, erniedrigt, getötet und verbrannt oder verscharrt worden sind, wahrscheinlich ebenso junge Männer, dass ihre Asche möglicherweise unter den berühmten ungarischen Fußböden aus getrocknetem (Ochsen-) Blut untergezogen wurde - wer will es ausschließen? Weshalb sprengten die abziehenden Nazi-Truppen beim Anmarsch der Russen gerade dieses Schloss selber nieder, weshalb setzten sie es in Brand? Um - wenigstens halbwegs - ihre Spuren zu verwischen.

Schloss Rechnitz

Vergraben über Berg und Tal

Es gab in Rechnitz so viele jüdische Leichen, dass die Killer gar nicht mehr mitkamen mit dem Verstecken und Eingraben. Wie Mister Bean in seinem berühmten Sketch, wo er das ungenießbare Steak Tartare in der Zuckerdose, in der Handtasche der Frau am Nebentisch und an jedem nur erdenklichen anderen Ort vergräbt und verschwinden lässt, so stopften auch die Rechnitzer Nazis ihre Leichen in jeden Winkel den sie finden konnten. Heute, meint eine Beobachterin,

wird in Rechnitz überall, wo ein größeres Loch gegraben wurde, auch schon die Vermutung geäußert, dass dort die Toten hingeschafft worden wären. Ebenso in Brunnen geschmissen oder unter dem Stausee - am nördlichen Ende des Ortes - durch Berg und Tal...

Dieses - "durch Berg und Tal" - erinnert mich ein wenig an die Pfadfinderlieder, die ich einst im Taunus mitsingen musste. Auch die sauberen Scouts der Adenauerzeit waren durchsetzt von älter gewordener HJ, was sich in der deutschen Gesellschaft allgemein bis heute fortgesetzt hat.

Hitlerjugend

Auch beim Massaker in Rechnitz waren unter den 15 (?) involvierten Personen8 zahlreiche Führer der Hitlerjugend beteiligt, bestätigt Erne der FAZ, "die damals so jung waren, dass einige vielleicht noch leben." - Nichts Ungewöhnliches; jeder kennt die Aufnahme vom tatterig gewordenen Führer, der aus dem Berliner Bunker hervorwankt, um ein paar Jungens die Wange zu tätscheln. Die sich in den letzten Kriegstagen noch einmal schnell für ihn totschießen lassen. Die Rechnitzer "Pfadis" haben sich bis heute eine ganz eigene Note bewahrt, wenn sie durch den Ort rennen. Und ihre jugendbewegten Altvordern haben sich ein großes Stück Gemeindeland am andern Ende des Ortes bewahrt, Richtung Markt Neuhodis. Wo man nicht so schnell graben wird, weil sie es nicht zulassen werden. Ihre Ehre heißt eben Treue - Treue zu den Idealen ihrer Großväter.

Trotzdem hat man einzelne jüdische Mordopfer in Rechnitz gefunden und auf jüdischen Friedhöfen bestattet. Ein schon verwaschenes Foto, das ich in einem italienischen Blog entnehme, lässt sich - etwa anhand der Gebäude im Hintergrund - nicht mehr ohne weiteres in einen Rechnitzer Rahmen fügen, aber es mag hier eine illustrative Funktion erfüllen, um darzustellen, wovon wir eigentlich sprechen.

Und das Bizarre ist: Ausgrabungen hat es bereits unmittelbar nach Kriegsende gegeben. An "jenem ominösen Gründonnerstag" (29. März 1945) den der blumenschneidende Zeuge (er heißt Ludwig Klepsch) in "Totschweigen" erwähnt, fand nicht das Massaker vom Kreuzstadl statt, sondern die fliehenden Nazis zündeten das Schloss an, das darauf hin drei Tage lang brannte und den Nachthimmel erleuchtete. Kurz darauf gab es eine letzte Widerstandsaktion der SS, bei der rund Tausend burgenländische Heimatverteidiger ums Leben kamen und, wie man vermuten darf, im Laufe der Zeit penibelst auf den Heldengedenktafeln aufgelistet wurden. Um herauszufinden, was mit den jüdischen Opfern der Massaker geschehen war, brauchten die Russen nicht lange, wie aus einem Artikel von David Litchfield im britischen Independent hervorgeht.9

[...] the victorious Russians soon discovered that, 12 days earlier, a large number of Jews had been murdered, and following further investigation issued a protocol which read: "We, the undersigned have written down the following in order to bear witness of the Fascists' bestiality. On 5th April, a number of graves were excavated, where Jews were buried who had been killed in a bestial manner. In all, 21 graves were found, each one being 4m to 5m long and 1m wide. Each grave contains 10 to 12 people, victims of shots in the neck using firearms or machine pistols. The murdered people were very emaciated. An examination of their bodies revealed many bloodshot and blue areas on their skins. Apparently, they had been hit with sticks and rubber clubs prior to being shot. The inhabitants say that on 24 March these people had to dig their own graves and were shot immediately afterwards."

This protocol was published on 12 April 1945 in the Soviet national newspaper, The Red Star, but was subsequently dismissed as propaganda by many Austrians. During the resulting legal proceedings which took place in 1946 before the "people's court", the graves were again opened and an exact location plan was compiled and placed with the Austrian District Court in Oberwart. However, shortly afterwards this plan disappeared. It was only the first of a number of such conspiratorial occurrences.

Und nicht genug damit, dass der genaue Lageplan dieses Massengrabes bereits 1946 erstellt wurde und dann abhanden kam.

The court also uncovered evidence that suggested further murderous acts had been committed in Rechnitz. This was supported by one Paul Szomogyi, who said in his witness statement that on 26 March 1945, 400 Jews from his group of forced labourers had also been killed in a similar fashion. But due to intimidation, he failed to appear in front of the court, which claimed his testimonial could not be investigated any further.

Die Lösung dieses perversen Rätsels ist damit aber noch nicht gefunden. Das Massaker am Kreuzstadl ist Realität, die Leichen wurden verscharrt, sie wurden exhumiert und untersucht. Und vermutlich wieder begraben. Aber anschließend verschwanden sie - rund 600 jüdische Opfer des Nazi-Terrors - auf bis heute ungeklärte Weise. DAS, scheint mir, ist der ultimative perverse Akt. Ist das der Grund, weshalb die Thyssen-Gräfin bis zu ihrem Ableben 1989 den Rechnitzern ein Schweigegeld zahlte - warum sie diese völlig verarmten Menschen in Schmach und Schande ihr bitteres Brot fressen ließ?

Täter und Opfer zugleich, sind die Menschen von Rechnitz, ist der ganze Ort, auf vielfältige Weise in Schuld oder Mitschuld verstrickt. Eingeschüchtert nicht zuletzt von der unbehelligt weiter existierenden lokalen Nazi-Truppe, die in Nacht und Nebel-Aktionen, wer weiß mit welchen "Pfadis" als Helfern, im Laufe der Jahre jede Leiche ausgrub, derer sie habhaft werden konnte - und sie an einem sicheren Ort deponierte.

Wo liegen die Opfer der Massaker?

Obwohl ich selber ein paar Jahre im Burgenland gelebt habe, und oft die vulkanische Landschaft bewunderte, die mich so an Neuseeland erinnert, sind mir einige Dinge erst später bewusst geworden. Ich stand selbst oben am Turm der Burg von Güssing, und blickte hinab auf den Burggraben. Die Burg ist im Zentrum eines natürlichen Vulkankegels angelegt worden, und auch der Burggraben reflektiert diese natürliche Rundheit.

Leichentransporte mit der Bahn zur nächsten Thyssen-Burg - Der Burggraben ist ein Vulkankegel. Bild: Google Maps

Es ist klar, dass die Burg zu ihrer Zeit praktisch uneinnehmbar war. Der Burggraben ist heute aufgeschüttet, obwohl mir die Landschaft rund um die Burg eher wie feuchtes Moor erschien, mit Fröschen und Schilf. Ich kann mich täuschen.

Das andere Detail, das mir unbekannt war, ist, dass auch diese Burg der Familie Batthyány gehört hat, also der Firma Thyssen, genau wie das Schloss von Rechnitz.

Und drittens hatte ich übersehen, dass zur Zeit des Rechnitzer Massakers ja eine Bahnlinie am Kreuzstadl vorbeiführte. Dort war der kleine Bahnhof des Ortes. Den gibt es dort heute nicht mehr. Aber zu jener Zeit kam man natürlich ohne Aufwand per Bahn ins 40 Kilometer entfernte Güssing.

Ein anderes Detail, das ich, auch aufgrund der vielfältigen falschen Fährten, die zur Ablenkung der Spürhunde gelegt wurden, übersehen habe, ist dieses. Die 600 jüdischen Opfer von Rechnitz verblassen geradezu gegenüber der gigantischen Zahl von Juden aus Ungarn, die zu Fuß oder auf sonst eine Weise von Budapest and die ungarische Grenze gebracht wurden, um diesen in Wahrheit gigantischen Südostwall auszuheben.

Nur um einen kurzen Überblick zu geben, hier ein Zitat aus Wikipedia:

Insgesamt waren 300.000 Menschen am Bau des Walles beteiligt. Neben Angehörigen der Hitlerjugend, sogenannten Ostarbeitern und der ortsansässigen Bevölkerung wurden 30.000 ungarische Juden ab November 1944 als Zwangsarbeiter zur Errichtung des Südostwalls verpflichtet. Unmenschliche Behandlung, Unterernährung und Seuchen führten zum Tod von 33.000 Arbeitern durch Krankheit, Erschöpfung oder Erschießung durch die Wachmannschaften. Arbeitsunfähig gewordene Menschen wurden oft gruppenweise erschossen, darunter war auch Antal Szerb. Für die Bevölkerung war das Zustecken von Nahrungsmitteln mit der Einstufung als Volksschädling und Zuchthausstrafen bedroht. Die Überlebenden mussten kurze Zeit später den Todesmarsch in das KZ Mauthausen antreten.

Allein im Bezirk Oberwart wurden Hunderte jüdische Zwangsarbeiter im Massaker von Rechnitz und im Massaker von Deutsch Schützen erschossen.

Wo konnte man hin mit diesen Unmengen von Toten? Ist es vorstellbar, dass 30.000 Leichen im Burggraben von Güssing liegen? Jedenfalls könnte ich mir denken, dass die 600 von Rechnitz, die man dort ausgegraben und verschleppt hat, nicht sehr viel weiter als 40 Km gereist sind.

Die überlebenden Nazis richteten sich in der Nähe gemütlich ein, zum Beispiel im obersteirischen Schloss Trautenfels. Graf Batthyány reiste weiter fort, nach Argentinien, die Gräfin blieb mit ihren beiden Lovern, dem Gestapo-Mann Podezin und dem SS-Mann Oldenburg, in der Schweiz, bis sie sich auf ihr Gestüt Erlenhof bei Bad Homburg zurück zog. (Erlenhof hatte einst dem jüdischen Papierfabrikanten Moritz James Oppenheimer gehört, der von den Nazis enteignet wurde. Die Familie Thyssen erwarb das Gelände dann für einen Apfel und ein Ei.) Übrigens Bad Homburg. Hatte nicht jener Herr Hansel in Jo'burg mit einem auffallenden MTK-Akzent gesprochen? Gab es da eine Verbindung zwischen der Gräfin und Podezin - ist Podezins Sohn in ihrer Obhut aufgewachsen und nach dem Tod der Alten Dame zum Alten Vater gezogen? Wer weiß...!

Alles Theater

Als David Litchfields Buch über die Thyssens erschienen war, inspirierten die Passagen über Rechnitz die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zu einem Theaterstück, Rechnitz (Der Würgeengel). In den deutschen Aufführungen traten die Schauspieler meistens halbnackt auf, in einer ungarischen Besetzung hielt man sich eher bedeckt. Auch so ist ziemlich klar, wer hier die Blutgräfin darstellt.

In der Zeit findet sich dazu eine Rezension, die ich in einer Druckversion dieses Artikels vollständig mitliefern würde. Online ist er nur "a click away." Statt aber auf den Höhen der Kultur zu verweilen, ziehe ich es vor, an dieser Stelle noch einmal in die Niederungen des Boulevards. Hinabzusteigen. Zitat David Litchfield:

Literarischer Diebstahl ist nichts neues und ich muss gestehen, dass ich ziemlich stolz war, als mir klar wurde, wie viel von meinem Buch über die Thyssens Elfriede Jelinek in ihrem Stück 'Rechnitz (Der Würgeengel)' verwendet hatte; sie erwähnt es in den Danksagungen der gedruckten Version. Ich war mir allerdings auch bewusst, wie ironisch die Bestätigung ihrer Verwendung von T. S. Eliot's 'The Hollow Men' ist, denn Eliot war ein großer Meister des Plagiats.

Als Jelinek mir jedoch im Nachhinein in Professor Walter Manoschek's Buch 'Der Fall Rechnitz' vorwarf, mein Buch (deutsche Ausgabe: 'Die Thyssen-Dynastie. Die Wahrheit hinter dem Mythos') sei ein 'meist auf Hörensagen beruhendes Buch', dachte ich mir, es wäre nunmehr an der Zeit für ein bisschen scherzhafte Rache, zumal ich das Geheimnis ihres Schreibstils entdeckt hatte:

Zunächst müssen Sie ein Stück schreiben. Irgendein Stück. Dann schicken Sie es durch das Übersetzungsprogramm auf Ihrem Computer in irgendeine andere Sprache. Danach schicken Sie es wieder zurück in die Originalsprache - und presto! und sodele! - schon haben Sie Instant-Jelinek. Probieren Sie's mal!10

Elfriede Jelinek, mit ihrer Vorliebe für erschröckliche Geschichten, wird natürlich auch Pasolinis Schreckensfilm von 1975 kennen, Saló, der eine Rechnitz-ähnliche Szenerie in einem italienischen Setting gegen Ende der Mussolini-Zeit behandelt. "Saló" bedeutet "Schweinehund". Den Untertitel, den Jelinek ihrem Rechnitz-Stück gegeben hat, Der Würgeengel, bezieht sich hingegen auf einen gleichnamigen Film von Luis Bunuel aus dem Jahr 1962. Wer weiß, was sie sich dazu gedacht hat? Ich assoziere mit dem Namen "Rechnitz" meistens die Aufforderung in deutscher Sprache: "Red nix!"

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (20 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Form des Virtuellen

Vom Leben zwischen den Welten

Machteliten

Von der großen Illusion des pluralistischen Liberalismus

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.