Erhöhte Alarmbereitschaft im Nahen Osten

Der Ton zwischen Israel, Syrien und dem Libanon wird schärfer

Sportliches Säbelrasseln, Krieg mit Ankündigung oder alles nur heiße Luft? Medien wie Analysten sind sich nicht einig, wohin Israels derzeitige Propaganda führen wird. Eine Aufwertung der Marke ‚Israel`, wie sie PR-Mann David Sable für dringend nötig hält, wird es nicht zur Folge haben. Kaum eine Rolle spielt dabei, ob sich Jerusalem nun Syrien, den Libanon oder den Iran als nächsten Gegner auserkoren hat.

David Sable wird enttäuscht sein, nachdem die israelische Regierung eine unabhängige Untersuchung über das Vorgehen der Armee (IDF) im Gaza-Krieg abgelehnt hat. Der Werbespezialist von der Firma Wunderman in New York war einer der ersten, der die Positionierung der Marke "Israel" untersuchte. Er musste feststellen, dass das Land als Marke "irrelevant" geworden ist.

Es gäbe eine zu große Diskrepanz zwischen moralischen Vorgaben und der Realität. Gerade wegen dem Gaza-Krieg (siehe Sehnsucht nach Stille), in dessen Folge der Goldstone-Report der UNO ( siehe Weißer Phosphor in Gaza), aber auch andere Menschenrechtsorganisationen Israel Verstöße gegen die Menschlichkeit und gegen das internationale Kriegsrecht vorwerfen. David Sable, als IDF-Soldat mehrfach an Kriegen beteiligt, wird einer Meinung sein: Auch die Propaganda der letzten Wochen dürften das internationale Image Israels kaum aufpoliert haben.

Krieg der Worte

Alles begann Anfang des Monats mit einem Statement des israelischen Verteidigungsministers Ehud Barak, der von einem die ganze Region umfassenden Krieg sprach, insofern ein Frieden mit Syrien nicht zustande käme . Die Reaktion aus Damaskus ließ nicht lange auf sich warten. Der syrische Präsident, Bashir Assad, unterstellte dem Nachbarland, nicht ernsthaft an Frieden interessiert zu sein.

"Alle Fakten deuten darauf hin", so Syriens Präsident, "dass Israel die Region Richtung Krieg treibt, nicht zum Frieden". Sein Außenminister, Walid al-Moallem, warnte Israel, nicht die Entschlossenheit seines Landes zu unterschätzen und nicht zu vergessen, der nächste Krieg würde auch in israelischen Städten ausgetragen. Avigdor Liebermann, der Amtskollege in Israel ließ sich nicht lumpen.

Unsere Botschaft an Assad muss klar sein: Du verlierst nicht nur den Krieg, sondern du und deine Familie verlieren auch das Regime. Weder du noch irgendeiner der Assad-Familie wird an der Macht bleiben.

Wenn sich Syrien und Israel, selbst nur propagandistisch, in den Haaren liegen, macht man sich im Libanon ernsthafte Gedanken. In einem Interview mit der BBC sprach der libanesische Premierminister, Saad Hariri, über einen neuen, möglichen israelischen Angriff. Man höre mehr und mehr Drohungen, aber im Falle Libanons bleibe es nicht nur bei Drohungen:

In den letzten zwei Monaten flogen jeden Tag israelische Kampfflugzeuge in den libanesischen Luftraum. Das ist etwas, das eskaliert und wirklich gefährlich ist.

Gleichzeitig bekräftigte er die Unterstützung seiner Regierung für Hisbollah. Im Angriffsfall gäbe es keine sektiererischen Trennungen im Libanon. "Sie rechnen wohl damit, aber sie täuschen sich. Wir werden uns Israel entgegenstellen." Für Saad Hariri, dem gemäßigten und den USA freundlich gesinnten Premierminister, mit guten Kontakten zu Saudi-Arabien, starke Worte, die man von ihm eigentlich nicht gewohnt ist.

"Iron Dome" an der israelisch-libanesischen Grenze

Hintergrund dürften nicht nur die 6500 israelischen Inkursionen seit 2006 in libanesisches Hoheitsgebiet sein. Israel testete erfolgreich "Iron Dome", eine neues Raketenabwehrsystem, das speziell gegen den Beschuss von kleineren Raketen, wie die selbst gebastelten von Hamas im Gaza und den Katjuschas der Hisbollah im Libanon. Kleine, mit Radar gesteuerten Raketen sollen einfliegende Katjuschas in einem Umkreis von fünf bis 70 Kilometer abschießen können. "Iron Dome" wird nicht, wie ursprünglich geplant, am Gaza-Streifen positioniert, sondern im Norden Israels, entlang der Grenze zum Libanon.

Dort sind die Milizen der Hisbollah zurzeit in erhöhter Alarmbereitschaft. Parteifunktionäre wurden angewiesen, sich besser vor israelischen Attentaten zu schützen und ihre Sicherheitssysteme zu überprüfen. Ammar Moussawi, ein Hisbollah-Experte für internationale Beziehungen, versicherte dem UN-Gesandten Michael Williams, die Bereitschaft seiner Organisation jeder Art von israelischer Aggression entgegenzutreten.

Das aktuelle Raketenarsenal von Hisbollah wird auf über 40.000 Stück geschätzt, darunter sollen sich auch neue Luftabwehrraketen befinden. Erst kürzlich sollen Raketen vom Typ M-600, eine Kopie der iranischen Fateh 110, von Syrien geliefert worden sein, die Zentralisrael erreichen können.

Israels Außenminister, Avigdor Liebermann, nannte den libanesischen Premierminister Saad Hariri eine "Geisel der Hisbollah", der vom Veto-Recht der Organisation im Kabinett abhängig sei. Gleichzeitig behauptete er, Hisbollah hätte seinen Vater getötet. Rafik Hariri war am 14. Februar 2005 durch eine Autobombe eines vermeintlichen Selbstmordattentäters ums Leben gekommen. Auf Liebermanns Äußerungen reagierte der libanesische Parlamentspräsident Nabih Berri und nannte den Israeli einen "hoffnungslosen Fall", der die Einheit des Libanons zerstören wolle.

Sorge über einen neuen Konflikt im Libanon

Für einige Analysten, ob Politikwissenschaftler oder Journalisten, ist ein neuer Konflikt schon ausgemacht. "Ein Krieg zeichnet sich ab", meint Dr. Hilal Khashan von der amerikanischen Universität in Beirut. Israel könnte einen Präventiv-Schlag gegen Hisbollah ausführen, um einer weiteren Aufrüstung der Gruppe vorzubeugen. Einen verheerenden Krieg sagt Elias Bejjani voraus, der unausweichlich und in den nächsten Monaten ausbrechen werde. Er verweist dabei auf eine Reihe von Indizien. Israel hätte Siedlungen in der Nähe der libanesischen Grenze evakuiert.

Nach Geheimdienstberichten soll Israel an der Besetzung einer Sicherheitszone interessiert sein. Eine fünf bis sechs Kilometer breite Pufferzone entlang der gesamten Grenze zum Libanon. Innerhalb dieser neuen Zone habe das israelische Verteidigungsministerium bereits zwei Militärflughäfen planen lassen. Wie schon beim Angriff 2006 soll auch dieses Mal als erste Phase ein groß angelegtes Flächenbombardement durchgeführt werden, um möglichst viele Waffenbunker und Kommunikationsanlagen zu zerstören. Danach würden zum ersten Mal Luftlandeoperationen hinter den Hisbollah-Linien geben, um deren Basen im Süden, im Bekaa-Tal und in Beirut auszuschalten.

Das alles soll nur einige, wenige Wochen dauern. Angeblich sollen 60 Prozent der israelischen Luftwaffe bereits in erhöhter Alarmbereitschaft und längst auf den ersten Tag X vorbereitet sein. Dann geht es darum möglichst viel und umfassend militärische Infrastrukturen im Libanon zu zerstören. Der Rest der Luftwaffe soll für den Fall zurück gehalten werden, dass syrischen Truppen in den Krieg eingreifen. Die panarabische Tageszeitung Asharq Al-Awsat hatte vor wenigen Tagen gemeldet, dass Syrien einen Teil seiner Reservisten einberufen habe. Das könnte mit dem Jahrestag der Ermordung des Hisbollah-Kommandeurs Imad Mughniye zusammenhängen. Er wurde am 13. Februar 2008 in Damaskus durch eine Autobombe getötet. Hisbollah hatte für seinen Tod Rache geschworen.

Narrallah und Iran in Gewinnerpose

Was der Journalist und Menschenrechtsaktivist Elias Bejjani bei seinem Kriegsszenario noch als Hinweis vermerkt, ist die Überzeugung der Hisbollah-Führung Israel und sein gewaltige Militärmaschinerie tatsächlich besiegen zu können. Hassan Nasrallah, der Generalsekretär der schiitischen Miliz und Partei, hatte mehrfach von einem überwältigenden Sieg gesprochen, der alles verändern würde. Nasrallah ist zwar bekannt für seine Rhetorik und perfekte Propagandainszenierungen, aber leere Versprechungen sind nicht sein Fall. Umso mehr ist diese zur Schau gestellte Gewinnerpose in der Tat verwunderlich. Oder ist es doch nur einfach Größenwahn?

Beim iranischen Präsident könnte man das unterstellen. Erst kürzlich warnte er das "zionistische Regime" erneut davor, einen bewaffneten Konflikt zu beginnen. Denn dann würde "mit ihm ein für alle Mal Schluss gemacht werden". Ähnliche Zuversicht äußert der oberste Mann im Iran: Ayatollah Ali Khameini sagte, er sei sehr optimistisch, was die Zukunft betrifft. "So Gott will, ist die Zerstörung (Israels)imminent".

Bei all den innenpolitischen Problemen, die die beiden Herren mit der Opposition im Land haben, könnte man dies Zweckoptimismus nennen. Aber ein israelischer Angriff würde ihnen wahrscheinlich sogar ganz recht kommen. Dann könnten sie von allen Einheit und Unterwerfung im Kampf gegen das große Böse verlangen. Angriffspläne liegen in Israel sicherlich schon lange in der Schublade des Verteidigungsministeriums bereit. Ginge es nach Außenminister Avigor Liebermann, wäre die israelische Luftwaffe längst geflogen. Aber zum Glück kann er nicht alleine bestimmen.

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