Was Facebook alles verrät

23.02.2010

Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir pflegt eine Freundschaft mit dem unter dem Pseudonym "Mehmet" bekannt gewordenen Intensivtäter Muhlis Ari

Facebook ist eine Gefahr für die Privatsphäre - und genau aus diesem Grund ein Eldorado für Journalisten. Das kommt unter anderem daher, dass der Dienst die Unsichtbarkeit von Daten suggeriert, die in Wirklichkeit relativ leicht einsehbar sind.

Das Facebook-Profil des Grünen-Politikers Cem Özdemir etwa sieht auf den ersten Blick relativ abgesichert aus: Die für alle sichtbaren Kontakte geben wenig Überraschendes preis - hauptsächlich handelt es sich um grüne Organisationen. Die Freundesliste des Mitglieds im Verein Atlantik-Brücke ist dagegen nur für andere Facebook-Freunde sichtbar und es gibt scheinbar keine Möglichkeit, den Grünen auf eine unverbindliche Bekanntschaft einzuladen, um so seine Vorlieben zu erkunden.

Allerdings gibt es zahlreiche andere Wege, über die in Facebook sensible Daten nach Außen dringen: Wer beispielsweise denkt, er könne seine Privatsphäre schützen, indem er das standardmäßig gesetzte Häkchen vor der Erlaubnis zum Durchsuchen des eigenen Mailverzeichnisses entfernt, der wird bald feststellen, dass es genügend andere sorglose Nutzer gibt, die Facebook genau das erlauben, weshalb der Dienst auch relativ detaillierte Informationen über Personen liefern kann, die auf so etwas eigentlich gar nicht scharf sind.

So geht es möglicherweise auch Özdemir, der sich vielleicht gar nicht bewusst war, dass er die Einsichtnahme in seine Facebook-Freundschaften zwar auf seinem eigenen Profil beschränken kann, er selber aber in den Profilen anderer Nutzer durchaus sichtbar bleibt (sofern diese nicht dieselben Sicherheitsstandards an den Tag legen).

Auf diese Weise lässt sich feststellen, dass Özdemir eine Facebook-Freundschaft zu einer anderen bekannten Person pflegt, von der man meinen würde, dass Politiker sich mit Sympathiebekundungen gegenüber ihr eher zurückhalten würden: Die Rede ist vom Intensiv-Gewalttäter Muhlis Ari, der 1998 als "Mehmet" bekannt wurde. Als Ari zu einer unbedingten Haftstrafe verurteilt wurde, weil er ein Schulkind bewusstlos schlug, es ausraubte und liegen ließ, kam ans Licht, dass der damals 14jährige bereits als Strafunmündiger mehr als 60 teilweise mit extremer Brutalität durchgeführte Körperverletzungen, Raubüberfälle, Erpressungen, Nötigungen, Einbrüche und Diebstähle verübt hatte.

Nach einem zeitweiligen Aufenthalt in Istanbul, wo er im Musiksender Kral TV Videos ansagen durfte, konnte Ari durch eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts nach Deutschland zurückkehren, fiel aber wieder durch Gewaltkrimninalität auf und entzog sich der Verbüßung einer gegen ihn verhängten achtzehnmonatigen Haftstrafen durch Flucht in die Türkei.

In seinem Facebook-Profil zeigt sich der durch ein Foto klar als "Mehmet" erkennbare Ari unter anderem als Fan von Gangsterrap und belustigt über Videoklamauk, in dem der Beruf "Abzieher" empfohlen wird. Dieser Beruf, so der vom Intensivtäter geschätzte Fernsehkomiker, sei "zukunftssicher", weil auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten Menschen mit Handy, Schuhen und Jacke auf der Straße herumlaufen.

Im Büro von Cem Özdemir bestätigte man Telepolis, dass es sich bei dem Facebook-Profil um das "rein private" des Politikers handelt, der sich zur Kommunikation mit der Öffentlichkeit ein zweites zugelegt hat. Weitere Fragen zum Zustandekommen der Facebook-Freundschaft schienen zwar naheliegend, aber insofern wenig opportun, als sich Facebook-Freunde relativ leicht entfernen lassen und auch anderen Medien ein direkter Einblick in die Freundschaft möglich sein soll, bevor diese nur noch durch den vorher gemachten Screenshot dokumentiert ist.

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