Arbeitslosigkeit und Suizid

01.03.2010

In Zeiten der Arbeitslosigkeit steigen die Selbstmorde, was besonders dann bedenklich ist, wenn Erwerbsarbeit nicht mehr für alle auf Dauer verfügbar ist

Es beschreibt nicht annähernd den tatsächlichen Sachverhalt und Ist-Zustand, wenn von besorgniserregendem Anstieg der Arbeitslosigkeit die Rede ist. Die Spekulationen darüber, in welchem Umfang aktuelle Statistiken die Zahl der Arbeitslosen erfassen, ob ihre jeweils vorgelegten Berechnungen den realen Gegebenheiten entsprechen oder versehentlich bis absichtlich "schöngezählt" werden, erscheinen angesichts der prekären Lage der Betroffenen eher als beißender Spott, denn als sachliche Auseinandersetzung.

In einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder über erfolgreiche Arbeit definiert und in der sich der Wert eines Menschen am Marktwert seiner Arbeitskraft bemisst, stellt die momentane Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ein ernsthaftes Problem dar. Wenn nämlich unserer Arbeitsgesellschaft allmählich die Arbeit ausgeht, kann nicht mehr an der Würdigung und Huldigung bezahlter Arbeit festgehalten werden. Gut bezahlte Beschäftigungsverhältnisse, krisensichere Arbeitsplätze oder unkündbare Positionen sind seltener geworden und es wird zusehends immer schwieriger, diese Art der Beschäftigung zu be- und erhalten. Stattdessen sind Beschäftigungsverhältnisse mit Bezahlungen, die sich durch extremes Lohndumping an der Armutsgrenze bewegen, im Vormarsch. Hierbei steht die Würdigung der Arbeit in keinem angemessenen Verhältnis zur Würde, bzw. zur Würdigung der jeweiligen Person.

Erwerbsarbeit hat in Arbeitsgesellschaften über das bloße Geldverdienen und das Sich-Ernähren-Können hinaus zudem eine wichtige integrierende Wirkung für den Einzelnen. Bei Verlust des Arbeitsplatzes drohen auch verschiedenartige soziale Vernetzungen, Kontakte und Beziehungen in die Brüche zu gehen. Ganz zu schweigen von den folgenschweren gesamtgesundheitlichen Belastungen, die nicht nur das Selbstwertgefühl und die Selbstachtung beschädigen. Häufig treten zwischenmenschliche Störungen im nahen Umfeld auf, bis hin zu völliger sozialer Isolation.

Die Gründe und Folgen, die zur Arbeitslosigkeit des Einzelnen geführt haben, werden oft dem Betroffenen selbst zugeschrieben, indem ein persönliches Versagen in den Vordergrund gerückt wird. Die komplexe Gesamtsituation des Arbeitsmarktes rangiert dabei eher am Rande der Erklärungs- und Begründungsversuche. Einer der Gründe dafür liegt in der negativ konnotierten Begriffsdefinition von "arbeitslos", denn arbeits-los zu sein wird assoziiert mit Faulheit, Müßiggang, Trägheit, Nichtstun und vielem mehr.

Arbeit gegen Bezahlung ist derzeit jedoch die einzige Möglichkeit des Überlebens, wenn man entwürdigenden Lebensbedingungen entgehen möchte. Auf einem Stellenmarkt, der eigentlich keiner mehr ist, ist der "Stellenwert" eines Arbeitslosen ohne Stelle nur noch schwer zu definieren. Die negative Entwicklung des Arbeitsmarktes prognostiziert bei allem Optimismus nichts Gutes: Die Arbeitslosigkeit steigt, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nimmt ab und die Nachfrage und der Bedarf an (qualifizierten) Arbeitskräften geht weiter zurück. Die Entstehung von (Massen-)Arbeitslosigkeit darf allerdings nicht als Problem, Pech, Unglück, Tragik oder Schicksal des jeweils Betroffenen betrachtet werden, sondern ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und Problem.

Auf Dauer wird nämlich die gesamte Gesellschaft durch die Folgen hoher Erwerbslosigkeit geschwächt, auch wenn bislang eher die Tendenz und Bereitschaft besteht, die Last der Bewältigung der Folgen von Arbeitslosigkeit den einzelnen Betroffen und seinen Angehörigen aufzubürden.1

Arbeitslosigkeit wird von der Mehrzahl der Betroffenen als belastende Lebenssituation empfunden, die im Extremfall mit einem nicht zu vermeidenden sozialen Absturz einhergeht. Wer am aktiven Arbeitsleben nicht mehr teilnimmt und aus diesen Gründen den Lebensunterhalt für sich und seine Familie nicht mehr erwirtschaften kann, befindet sich in einer Existenz bedrohenden Situation. Die bewilligten finanziellen Hilfsmaßnahmen von Seiten der Behörden sind begrenzt. Aufgrund der allgemeinen derzeitigen Krise werden auch die Sparpakete für Bedürftige so extrem zusammengeschnürt, dass sie als Folge eine fast nicht mehr revidierbare Beschämungssituation festigen. Dass die Grundsicherung für bedürftige Bürger bei allen Sparmaßnahmen nicht unter das Existenzminimum fallen darf, musste jüngst in einem Urteil vom Verfassungsgericht neu geregelt und festgelegt werden.

In Politik und Regierung, wo das Jonglieren mit Zahlen nicht automatisch ein Beweis für Rechenkunst ist, war es scheinbar nicht möglich, eine nachvollziehbare Berechnung zum Existenzminimum auszuarbeiten. Diese Vorgehensweise lässt wenig bis keine reale Sorgfaltspflicht der zuständigen Verantwortlichen erkennen und stellt diesen – trotz hoher Gehälter - ein großes Armutszeugnis aus (Berechnungssätze verfassungswidrig). Die Frage nach dem Wert der Menschenwürde ist mehr als berechtigt und in diesem Zusammenhang kann erneut gefragt werden, ob diese (inzwischen) nicht nur eine leere Phrase oder Fiktion ist und den zukünftigen Sparmaßnahmen zum Opfer fällt.

Zunehmende Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt

Die zermürbende Angst der Betroffenen, die Kontrolle über ihr bisheriges Leben zu verlieren, gepaart mit der Hilflosigkeit, einer ungewissen Zukunft ohne Aussicht auf Verbesserung ausgeliefert zu sein, bringt viele Menschen an die Grenzen der Verzweiflung. Angesichts der zunehmenden Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt sind guter Rat, Trost und positives Denken nicht ausreichend: Die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit kann man nicht wie ein gebrochenes Bein oder eine vorübergehende Erkältung kurieren. Es reicht auch bei weitem nicht aus, auf ein verständnisvolles Umfeld zu hoffen oder an einfühlsame Familienmitglieder zu appellieren. Nahe stehende Personen wie auch Freunde und Bekannte sind in der Regel intensiv in den Leidensprozess des Betroffenen integriert. Die oftmals lang anhaltenden Strapazen bringen ebenfalls viele Menschen im nahen Umfeld an ihre Belastungsgrenzen.

Durch die verheerenden Auswirkungen der Arbeitslosigkeit zählen inzwischen Arbeits- bzw. Erwerbslose zu einer suizidgefährdeten Risikogruppe. Über das Tabu Suizid, d.h. die Selbsttötung eines Menschen, kommt der Berichterstattung in den Medien eine besonders sensible Aufgabe zu. Es ist erwiesen, dass eine zu sensationelle Darstellung der jeweiligen Selbsttötung keine abschreckende, sondern eher eine nachahmende Wirkung zur Folge hat. Ein unmittelbarer Anstieg der Selbsttötungen konnte bei spektakulärer Medienaufbereitung nachgewiesen werden. Ein Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Todesursachen wurde bereits in 26 europäischen Ländern wissenschaftlich untersucht. Die Untersuchungsergebnisse der Universität Oxford berichten von einem Anstieg der Selbsttötungsraten bei zunehmender Arbeitslosigkeit (Mehr Selbstmorde in Zeiten von Wirtschaftskrisen). Demnach bewirkte ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen um ein Prozent einen Anstieg der Suizidrate um 0,79 Prozent bei erwerbslosen Bürgern unter 65 Jahren. Bei einem Anstieg um drei Prozent wuchs die Zahl der Suizidopfer sogar um 4,5 Prozent!

Die Suizidforschung nennt den Zustand der Hoffnungslosigkeit als Hauptmotiv zur Selbsttötung. Betrachtet man Hoffnung als zentrale Grundempfindung und Lebenskraft des Menschen, dann ist Hoffnungslosigkeit zu verstehen als Verlust des Vertrauens und der Zuversicht in die Zukunft. Gefühle der Kraft- und Mutlosigkeit und die Unmöglichkeit, sich auf positive Ziele konzentrieren zu können, gehören dazu. Wenn zentrale Lebensziele beeinträchtigt oder gefährdet sind, steht deren Verwirklichung in Frage und erschüttert das menschliche Dasein. Wo hingegen (noch) Hoffnung besteht, vermag diese auch in Krisensituationen einen Puffer gegen Resignation und Verzweiflung darzustellen und eine zuversichtliche, positiv gestimmte Haltung gegenüber der Zukunft einzunehmen.2

Hinter der Selbsttötung stehen oftmals der Wunsch und Versuch, eine menschliche Tragik zu beenden. Tragik kann hierbei als außergewöhnlich schwerer Konflikt verstanden werden, der als Untergang oder Verderben bringendes, unverdientes Leid in seiner Größe und Unerträglichkeit die menschliche Existenz in Frage stellt. Das bedrohte Selbstwertgefühl, die Scham, die Verzweiflung und oftmals auch die Isolation treiben immer mehr betroffene Arbeitslose in den Tod: Der Tod soll dazu verhelfen, die Probleme des Lebens zu beseitigen. Die Suizidforschung verweist darauf, dass im Vordergrund des Suizidgeschehens die gesamten, schwer zu bewältigenden Lebensprobleme stehen.3

Seit der Krise steigen nicht nur unter Vorständen und Managern die Selbsttötungsraten, was die Befürchtungen der Experten durch das Nationale Suizid-Präventionsprogramm bestätigt. Pro Jahr nehmen sich hierzulande ca. 10.000 Menschen das Leben, wobei die Zahl der Selbsttötungen wesentlich höher ist als jene der Verkehrstoten, der Drogen-, Mord-, Totschlag- oder Aids-Opfer.

Ungeachtet dessen, ob unser technologisches Zeitalter neue Arbeitsplätze schafft oder ob die "Ware" Arbeitskraft in einer zusehends automatisierten Lebenswelt eher überflüssig wird, sind erwerbslose Personen längst keine kleine Randgruppe der Gesellschaft mehr. Die Stigmatisierung in Form einer verachtenden Haltung gegenüber arbeitslosen Menschen ist mehr als unangemessen. Wir dürfen uns nicht erlauben, uns an ihr Leiden zu gewöhnen, es als das Problem der "Anderen" zu ignorieren oder vollzogene Selbsttötungen der Betroffenen lediglich als deren letzte Lebensäußerung verständnisvoll zu respektieren.

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