Intelligente Menschen sind eher Atheisten und gehen nachts später schlafen

Florian Rötzer 25.02.2010

Nach einem Evolutionspsychologen können die intelligenteren Menschen besser mit evolutionär Neuartigem umgehen

Religiös oder auch konservativ zu sein, zeugt nicht von hoher Intelligenz. Schon vor zwei Jahren hatte eine Studie herausgefunden, dass mit steigender Intelligenz der Menschen der religiöse Glauben sinkt. Länder mit einem hohen Anteil an gläubigen Menschen sollen, so eine soziologische Studie, seien sozial dysfunktionaler als solche mit eine weniger religiösen Bevölkerung (Sind religiöse Gesellschaften "besser"?).

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Nach dem Evolutionspsychologen Satoshi Kanazawa von der London School of Economics and Political Science sind intelligente Menschen gemeinhin auf Werte und Vorlieben orientiert, die in der Evolutionsgeschichte des Menschen neu sind. Auch Religionen sind einmal neu gewesen, nun aber sollen die intelligenteren Zeitgenossen eher mit den Folgen der Aufklärung, also mit Atheismus und Liberalismus, kokettieren. Bei Männern – aber nicht bei den Frauen – soll hingegen die Vorliebe für sexuelle Exklusivität ein Zeichen höherer Intelligenz sein.

Kanazawa schreibt in seiner Studie, die der Zeitschrift Social Psychology Quarterly vorab online veröffentlicht wurde, dass evolutionär neue Vorlieben und Werte solche sind, die nicht schon biologisch angelegt sind und sich von solchen unterscheiden, die schon seit Millionen von Jahren durch die Evolution verändert wurden, weswegen sie evolutionär vertraut sind.

In einer früheren Studie will der Evolutionspsychologe schon herausgefunden haben, dass intelligentere Menschen länger nachts aufbleiben, aber dafür länger schlafen und später aufstehen als die weniger intelligenten. Woraus sich vielleicht eher der Schluss ziehen lassen könnte, dass sie kraft ihrer Intelligenz vielleicht eher Tätigkeiten gefunden haben, die eine solche Lebensweise begünstigen. Kanazawa führt dies aber darauf zurück, dass unsere Vorfahren schließlich noch kein künstliches Licht hatten, weswegen die Nacht als weitgehend ausfiel. Daher seien die Menschen kurz nach dem Dunkelwerden schlafen gegangen und mit dem Morgengrauen aufgestanden. Evolutionär neu sei hingegen, wenn man gerne lange in der Nacht aufbleibt und dafür eher die Tageszeit verkürzt.

Jetzt argumentiert Kanazawa, dass die Menschen von der Evolution bislang eher konservativ ausgerichtet seien und sich vornehmlich um ihre Familie und Freunde, also die alte Sippe und Horde, kümmern, während die Liberalen, eher verstanden als die Fortschrittlichen gegenüber den Konservativen, weniger als Wirtschaftsliberale des Typs FDP, sich auch um eine unbegrenzte Zahl von genetisch nicht verwandten Fremden kümmern würden, mit denen sie nie etwas zu tun hatten. Das sei evolutionär neu, daher würden intelligentere Kinder heute in Richtung dieser Art des Liberalismus gehen.

Eine Langzeitstudie soll die These unterstützen. Junge Erwachsene, die sich als "sehr liberal" bezeichneten, würden in ihrer Adoleszenz mit einem durchschnittlichen IQ von 106 deutlich besser abschneiden als diejenigen, die sich als "sehr konservativ" bezeichnen und nur einen IQ von 95 erzielen. Jugendliche, die sich als überhaupt nicht religiös bezeichnen, sind mit einem IQ von 103 ebenfalls intelligenter als solche, die sich für sehr religiös halten (IQ 97). Allerdings könnte man hier einwenden, dass Menschen in ihrer Jugend für gewöhnlich eher liberaler sind und mit zunehmendem Alter sich stärker dem konservativen Lager zuwenden. Eine britische Umfrage unter Studenten will freilich gerade festgestellt haben, dass diese erstaunlich konservativ seien.

Religion, die ja auch immer als Stütze und Halt für die Schwachen ausgegeben wird, ist für den Evolutionspsychologen ein Ausdruck der Paranoia, die eine evolutionär geprägte Eigenschaft des Menschen sei. Gott entspricht einer paranoiden Weltanschauung, weil hier nicht nur eine Totalüberwachung stattfinden, sondern hinter allen natürlichen Phänomen das Wirken eines Gottes vermutet wird, der dann auch Big Brother genannt werden könnte. Die paranoide Grundeinstellung haben den Menschen gedient, als Selbsterhaltung und Schutz der Familien und Clans noch eine allgegenwärtige Aufmerksamkeit auf Gefahren notwendig machte. Jetzt würden die intelligenteren Kinder eher Atheisten werden.

Warum aber sollen die intelligenteren Männer nicht mehr polygam sein, also gerne mal versuchen, sexuelle Beziehungen mit mehreren Frauen einzugehen, was ihnen ja meist von den Evolutionspsychologen unterstellt wird? Für Kanazawa war dies auch in der Vergangenheit so, dass Männer evolutionär eher polygam und Frauen eher monogam ausgerichtet gewesen seien. Es sei schlicht evolutionär neu, wenn Männer monogam oder sexuell exklusiv sind. Daraus müsste man schließen, dass Vielweiberei, wie sie etwa in vielen islamischen Ländern geduldet oder bei den Mormonen betrieben wurde, ein Zeichen geringere Intelligenz wäre. Nach der Theorie Kanazawas sind jedenfalls die monogam ausgerichteten Männer intelligenter als die Schürzenjäger. Allerdings habe die Intelligenz nichts damit zu tun, wie man letztlich zur Heirat, zur Familie, zu Kindern und Freunden steht.

Intelligenz, so erklärt der Evolutionspsychologe, also die Möglichkeit zu denken und zu überlegen, habe es unseren Vorfahren erleichtert, mit evolutionär neuartigen Problemen umzugehen: "Als Folge ist es wahrscheinlicher, dass intelligentere Menschen eher solche neuartigen Entitäten und Situationen erkennen und verstehen als weniger intelligente Menschen. Zu den neuartigen Entitäten und Situationen gehören auch Vorlieben, Werte und Lebensstile."

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32160/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin

Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS