Actionspiele schulen die Aufmerksamkeit

27.02.2010

Nach einer Metastudie verbessern und beschleunigen Computerspiele die kognitive Verarbeitung von visuellen Informationen

Computerspieler frönen nicht nur einem Zeitvertreib, sie trainieren oft täglich über Stunden ihre kognitiven Fähigkeiten, wobei vermutlich durch die Verstärkung bestimmter Kapazitäten im Training andere weniger gut ausgebildet werden. Das unterscheidet Computerspiele nicht von anderen Spielen und überhaupt von erlernten Tätigkeiten. Betrachtet man Actionspiele, dann ist klar, dass diese eine rasche Verarbeitung von sensorischen Informationen verlangen, um schnell strategische Entscheidungen zu treffen und dementsprechend zu handeln – je nach Schnittstelle mit mehr oder weniger großem motorischen Einsatz.

Computerspiele fordern eine permanente Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit, die in der Dichte wohl das alltägliche Verhalten der meisten Menschen übersteigen, wenn sie nicht wie Sportler oder Soldaten in Extremsituationen reagieren müssen. Zögert man in Computerspielen zu lange, dann kann das für den Spielverlauf schwer wiegende Folgen, beispielsweise den virtuellen Tod oder eine Niederlage, nach sich ziehen. Spieler, die nicht nur gewinnen, sondern auch eine Virtuosität ausbilden wollen, setzen auf weitere Beschleunigung der Reaktionen und suchen demgemäß auch Spiele, die neue Herausforderungen bieten.

Zwar wird allgemein angenommen, dass Spielen so bestimmte kognitive Prozesse verbessert und beschleunigt, die Frage aber ist, ob trainierte Spieler gegenüber Nichtspielern auch allgemein in anderen Situationen schneller auf ihre Umwelt reagieren und ob diese kürzere Reaktionszeit bedeutet, dass sie auch mehr Fehler machen oder impulsiver handeln. Oft genug bringt eine Erhöhung der Geschwindigkeit ein Ansteigen der Fehler mit sich.

Kognitionswissenschaftler der University of Rochester wollten daher herausfinden, ob "Computerspielexperten" einfach nur schneller, aber riskanter entscheiden (trigger happy) oder ob sie die Reaktionszeit für andere, nicht mit den Computerspielen verbundenen Aufgabenstellungen verbessern, ohne deswegen ungenauer zu werden. In ihrer Metastudie, die in der Zeitschrift Current Directions in Psychological Science erschienen ist, weisen sie darauf hin, es sei durch zahlreiche Untersuchungen belegt, dass die Reaktionszeit von Computerspielern kürzer als die von Nichtspielern ist.

Klar scheint nach Durchsicht der Forschungsliteratur auch zu sein, dass die durch Action-Computerspiele erlernte schnellere Reaktionszeit sich nicht nur auf das Spielen erstreckt, sondern die virtuosen Spieler auch andere Aufgabenstellungen schneller lösen und damit offenbar Informationen schneller verarbeiten können. Überdies müssen Spieler hier auch eine bestimmte Aufmerksamkeit trainieren, was ganz im Gegensatz zu der häufig postulierten These steht, dass Computerspielen die Zerstreuung fördert. Die Nichtspieler sind normalerweise bei der Lösung von Aufgaben nicht genauer.

Allerdings handelt es sich bei vielen Aufgaben um kognitive Prozesse, die sehr ähnlich denen in Computerspielen sind, also wenn beispielsweise etwas erkannt werden soll, was nur kurz präsentiert wird und relativ einfache Entscheidungen verlangt. So wurden Computerspielern schon lange eine bessere Hand-Augen-Koordination, eine bessere Verarbeitung visueller Reize in der Peripherie, eine bessere Fähigkeit, in der Vorstellung Dinge drehen zu können, ein besseres visuelles räumliches Gedächtnis und eine bessere geteilte Aufmerksamkeit, also gleichzeitig mehrere Objekte verfolgen oder Teile eines Raums beobachten zu können, zugeschrieben. Für die visuelle Aufmerksamkeit scheinen Action-Computerspiele ein gutes Training zu sein, also auch geeignet für alle Jäger- und Beobachtertätigkeiten. Action-Computerspiele üben danach etwa militärische Leistungen ein, was eigentlich auch nahe liegt, weil sie sich oft genug auch in einer kriegerischen Welt abspielen, mit der Hand an der Waffe.

Die Wissenschaftler gehen freilich von einer positiven Wirkung der in Computerspielen beschleunigten Handlungen pro Zeiteinheit auch im Hinblick auf das Altern aus. Das nämlich würde allgemein die Reaktions- und Verarbeitungszeiten verlangsamen. Deswegen könnten Computerspiele die kognitive Leistungsfähigkeit von alten Menschen und von Patienten mit einem Gehirntrauma verbessern. Bislang wurde aber primär die visuelle Verarbeitung erforscht, ob Computerspiele andere kognitive Prozesse ebenfalls fördern (oder verdrängen), ist nicht bekannt. Ebenso wenig weiß man, ob Action-Computerspiele auch die Lösung von komplexeren Aufgaben beschleunigen. Man kann nur spekulieren, darf aber vermuten, dass die Verbesserung der visuellen Aufmerksamkeit auf Kosten der konzentrierten Aufmerksamkeit geht, in der es nicht um schnelle Entscheidungen im Raum geht, sondern um Lösungen von komplexeren Problemen, die Nachdenken, also eine Retardierung, verlangen. Im Gegensatz zur Welt des Soldaten an der Front sind das aber die Probleme, die wissenschaftlich, technisch, sozial und persönlich meist wichtiger sind.

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