Chinas überhitzte Wirtschaft

01.03.2010

Chinas Lokomotivenrolle für die Weltwirtschaft dürfte in Bälde ins Stocken geraten

Letztendlich handelt es sich beim aktuellen chinesischen Boom-Zyklus um einen von Investments getriebenen Boom. Die Beispiele in Japan und USA haben aufgezeigt, wie solche Zyklen enden: in einem großen Knall. Der kommende Abschwung in China könnte sich als eine Monsterblase entpuppen, deren Platzen erst die eigentliche weltweite Depressionsphase einleiten wird. Damit dürfte sich der Crash von 2009 lediglich als Ouvertüre zu einem noch größeren ökonomischen Debakel offenbaren.

Von den meisten Investoren wird nicht gesehen, dass sich das chinesische Wirtschaftswunder längst im Sättigungszustand befindet. Anfangs der 80er Jahre nahm der Aufschwung seinen Anfang, als erste Reformen durch Deng Xiaoping den Grundstein für die Modernisierung Chinas legten. Unter seiner Führung entwickelte sich China zu einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Ende der 80er Jahre kam es zur Abschaffung der vom Staat festgesetzten Preise, was zu einer hohen Inflation und letztendlich zu massiven Protesten und dem Studentenmassaker auf dem Tian’anmen-Platz vom 3.-4. Juni 1989 führte.

Die zweite Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs waren die 90er Jahre, die vor allem von einer zunehmenden Rationalisierung der Arbeit geprägt waren und den Grundstein dafür legten, dass Chinas Produkte die Weltmärkte überfluteten. Die dritte Phase wurde in den letzten 10 Jahren vollzogen, als China sich auf die Expansion der Schwerindustrien und der Infrastrukturen fokussierte und durch die zunehmende Prosperität ein Immobilienboom einsetzte.

Die Immobilienblase

Wenn es je eine größere Superblase in der Weltwirtschaft gegeben hat als die weltweiten Derivatemärkte, dann ist es der chinesische Immobilienmarkt. Die Situation erinnert fatal an den japanischen Immobilien-Bubble 1990, der in eine zwanzigjährige Deflation mündete. Im Vergleich zu China handelt es sich bei Japan lediglich um eine Bonsai-Blase. Zwar wächst die chinesische Wirtschaft noch rasant, aber sollte es im Immobilienmarkt knallen, dann wird sich das Wachstum im Riesenreich massiv abkühlen.

Angeheizt wurde der Häusermarkt vor allem durch die Rekordkreditvergabe im Jahr 2009. So stiegen die Immobilienkäufe in China im letzten Jahr um mehr als 75 Prozent. Durch das massive Konjunkturpaket von 4000 Mrd. Yuan und eine massive Ausweitung von Darlehen durch chinesische Banken konnte China die Weltwirtschaft im Jahr 2009 noch stabilisieren. Möglicherweise kommt das Gegensteuern der chinesischen Notenbank, die jüngst die Mindestreservesätze für Geschäftsbanken anhob, zu spät, um ein Platzen der Blase zu verhindern. Die Schlüsseltreiber für reales wirtschaftliches Wachstum sind neu geschaffene Arbeitsplätze, Löhne, Arbeitslosenquote, Verschuldung und Handelsbilanzüberschüsse. Diese können sich bei einem Platzen der Immobilienblase und einem nachhaltigen Rückgang des amerikanischen Wachstums auch in China sehr schnell drastisch verschlechtern, insbesondere da die amerikanische Papiergeld-Ökonomie vor allem auf Erwartungshaltungen basiert, die weder von der Demographie noch von der Verschuldungslage her gerechtfertig sind.

Das amerikanische Wachstum war nur geliehen und zwar von aus China geborgtem Geld, um damit chinesische Waren zu kaufen, d.h. China musste Amerika Kredite geben, um damit sein eigenes Wachstum anzukurbeln. Doch je schwächer der US-Dollar gegenüber realen Werten wie dem Gold wurde, desto mehr steht China nun unter dem Druck sich vom maroden Papiergeld, Greenback genannt, zu lösen.

Investitionsquote nicht haltbar

Die Investitionen bezogen auf das Bruttosozialprodukt erreichten im Jahr 2010 neue Höchststände. Hierbei sind Kapitalinvestitionen zum dominanten Wachstumstreiber der chinesischen Wirtschaft avanciert und dürften im Jahr 2009 für etwa 90 % des chinesischen Wachstums und über 50 % des chinesischen Bruttosozialproduktes verantwortlich gewesen sein.

Der Investment-Boom in China hält damit schon 12 Jahre an und ist etwa doppelt so hoch wie in Deutschland in den 50er Jahren, wie in Japan in den 60er Jahren und wie in Korea in den 80er Jahren. In derartigen Boomphasen wird es zunehmend schwieriger, die Effizienz von Investitionen aufrecht zu erhalten. Sollte es zu einer abrupten harten Landung der chinesischen Wirtschaft kommen, dürfte eine chinesische Bankenkrise und damit in Folge eine asiatische Finanzkrise unausweichlich sein.

Das Wachstum der Kredite in China hat sich in den letzten Jahren um etwa 50 % mehr ausgeweitet als das Bruttosozialprodukt, womit sich das Risiko einer abrupten Kontraktion der chinesischen Wirtschaft stark erhöht hat. Zwar ist die offizielle Staatsverschuldung Chinas nur etwa 23 % vom Bruttosozialprodukt, jedoch gibt es so genannte außerbilanzielle Verbindlichkeiten von Banken, die vom Staat garantiert sind, womit Chinas Staatsverschuldung in Wahrheit 62 % vom Bruttosozialprodukt betragen würde, was in etwa dem westeuropäischen Durchschnitt entspräche.

Hinzu kommt, dass die chinesische Geldmenge M2 noch viel stärker aufgebläht ist als diejenige der USA, was bezweifeln lässt, dass China weiter Wachstumsraten von über 8 % aufrecht erhalten kann. Der Konsum wird die Lücke nicht schließen können, wenn das Wachstum durch einen Rückgang der Kapitalinvestitionen deutlich schwächer ausfällt.

Sättigung erreicht

China produziert heute mehr als 500 Millionen Tonnen an Stahl, mehr als die EU, Japan, die USA und Russland zusammen. Im Jahr 2008 lag der Anteil an Zement pro Staatsbürger genauso hoch wie in den Ländern mit dem größten Housing-Bubble in Europa: Spanien und Irland. Heute ist China der zweitgrößte Energieverbraucher der Welt und verbraucht bezogen auf das Bruttosozialprodukt dreimal so viel Energie wie die USA.

Als Wachstumsargument wird angeführt, dass die Urbanisierung in China unterentwickelt sei und deshalb immer neue Millionenstädte entstehen müssen. Dieses Argument lässt jedoch außer acht, dass viele so genannte Dörfer und Kleinstädte in China bereits hoch industrialisiert sind. Ob die angegebene Urbanisierungsquote von 45 % deshalb der Wahrheit entspricht, muss stark bezweifelt werden.

Als weiteres Wachstumsargument werden die schlechten Wohnkonditionen der Chinesen angeführt. Jedoch wurde die Eigenheimbesitzquote in China im Jahr 2005 mit 86 % angegeben, verglichen mit 69 % in den USA, was eher auf eine Sättigung als auf einen riesigen Wachstumsmarkt schließen lässt. Ein anderes Argument, welches ähnlich wie in Japan Ende der 80er Jahre zu denken gibt, sind die Hauspreise im Vergleich zum Einkommen der Haushalte. So liegen diese in den Großstädten beim Faktor 15 bis 20, verglichen mit dem Faktor 9 in London und 12 in Los Angeles, als der Häuser-Boom in den beiden Ländern im Jahr 2006 seinen Peak erreichte.

Ein anderer Infrastrukturfaktor sollte ebenfalls zu denken geben. Die USA hat etwa 5 mal mehr Flüsse als China, trotzdem gibt es in China mit 500.000 Brücken fast genauso viele wie in den USA, die etwa 600.000 Brücken haben..

Hyper-Depression

Der einzige Wachstumsbereich, in dem China noch deutlichen Nachholbedarf hat, dürften Eisenbahnen sein, was jedoch nicht alleine dafür sorgen kann, dass die Investitionen weiter mit 30 % pro Jahr wachsen. Vielmehr müsste der private Konsum in den nächsten Jahren durchschnittlich um 20 bis 30 % zulegen, um weiterhin Wachstumsraten von durchschnittlich 10 % zu ermöglichen.

Legt man die Wachstumsraten des Konsums in den USA in den Nachkriegsjahren zugrunde, so hat das Wachstum des privaten Konsums die Marke von 10 % pro Jahr selten überschritten, vielmehr lagen die Durchschnittswerte in den 50er Jahren bei etwa 5 %. Auch in Japan in den 70er Jahren betrug der 10-Jahresdurchschnitt nur etwa 6 %. Deshalb ist abzusehen, dass die Wachstumsraten in den kommenden 10 Jahren in China deutlich geringer ausfallen dürften, was verbunden mit der demographischen Entwicklung in den USA, wo immer mehr Babyboomer in den Ruhestand gehen, zu einer deutlichen Abkühlung der weltwirtschaftlichen Entwicklung führen dürfte, da Indien und Brasilien kaum in der Lage sein dürften, diese Lücke zu schließen.

Ein Rückgang der chinesischen Wachstumsraten auf durchschnittlich 5 bis 6 % bei einer zunehmend auf Konsum ausgerichteten Ökonomie hat ernsthafte globale Konsequenzen. Chinas Lokomotivenrolle für die Weltwirtschaft dürfte in Bälde ins Stocken geraten und ein Nachfolger, der das chinesische Wirtschaftswunder kopieren kann, muss erst noch gefunden werden. Das einzige Land, welches von der Bevölkerungszahl in etwa einem Jahrzehnt dazu in der Lage wäre ist Indien. Für das Jahr 2010 könnten wir deshalb in eine Situation kommen, die vergleichbar ist mit der Situation in den USA im Jahr 2007. Die internationalen Finanzmärkte haben wohl schon begonnen, einen Rückgang des chinesischen Wachstums einzupreisen, dessen Konsequenzen wie bei allen Bubbles zu einer deflationären Bereinigung in den chinesischen und in Folge in allen Finanzmärkten weltweit führen dürfte. Ein China-Crash dürfte jedenfalls die aktuelle Weltwirtschaftskrise nicht nur nachhaltig prolongieren, sondern diese in eine Hyper-Depression münden lassen.

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