"Ein Großteil der Kunden pflegt in sozialen Netzwerken zwar Freundschaften, nicht aber die Finanzen"

11.03.2010

Größte deutsche Direktbank sieht keine Verlagerung des Online-Bankings zu Facebook & Co

Im Gespräch erläutert Ben Tellings, Vorstandsvorsitzender der ING-DiBa AG, welche Lehren heutige Bankmanager aus der Finanzkrise ziehen sollten, an welchen neuralgischen Punkten er die Zukunft der Direktbank 2.0 verortet – und in welche Richtung die Finanzindustrie sich unter neuen Einflüssen von Social Banking und der Peer-to-Peer basierten Kreditvergabe und Geldanlage entwickelt und abgrenzt.

Herr Tellings: Welche Fehlentwicklungen sehen Sie in den Kernsystemen von Banken mit Blick aufs Retail Banking? Es gibt ja auch zynische Analysten, die sagen, die Kunden seien selbst schuld, wenn sie die Produkte kauften, die ihnen freie Finanz- oder Bankberater anböten. Teilen Sie diese Auffassung?

Ben Tellings: Diese Aussage ist in der Tat zynisch. Die in der Finanzkrise offenbarten Fehler sind auf die Provisionsberatung zurückzuführen, nicht auf die Kunden. Die Untersuchung der Anlageberatung durch die Stiftung Warentest hat erst kürzlich wieder gezeigt, dass Banken Produkte verkaufen, die ihnen selbst hohe Provisionen bringen, aber am Bedarf des Kunden vorbeigehen. Und diese Produkte sind meist intransparent, teuer und mit Risiken behaftet.

Welche Chancen sehen Sie, dass sich das Bankensystem mit Blick auf Transparenz in der Produktgestaltung bei den Privatkunden grundsätzlich repositioniert und zum Besseren hin verändert?

Ben Tellings: Ankündigungen, transparentere Produkte und bessere Beratung anzubieten, hört man derzeit von vielen Banken. Ob den Worten Taten folgen werden, bleibt abzuwarten. Ich bin da skeptisch. Sollte die Branche keine Konsequenzen ziehen, helfen wohl nur gesetzliche Regelungen.

Welche konkreten Ansatzpunkte gäbe es, um den Kunden auf produktive Weise in die Produktphilosophie und -gestaltung einzubinden, bedarf es mehr Mitbestimmung, oder reicht es, wenn Banken nachvollziehbare und einfache Produkte anbieten, wobei auch dieser Schritt immer noch weit entfernt von der Realität erscheint?

WQ: Es reicht durchaus, einfache und transparente Produkte anzubieten. Die meisten Menschen wollen und brauchen nur zwei oder drei simple Produkte: ein Girokonto, ein Sparprodukt, wie zum Beispiel Tages- oder Festgeld, und vielleicht noch einen Konsumenten- oder Immobilienkredit. Das zeigt ja auch der Erfolg der ING-DiBa in den letzten Jahren.

Die Rolle der Direktbanken im Innovationszyklus Ende der neunziger Jahre führte dazu, dass sie die Bankenlandschaft auf erhebliche Art und Weise durch einander gewirbelt haben. Bislang aber - so scheint es zumindest - sind Direktbanken nicht bereit, sich gegenüber sozialen Netzwerken zu öffnen wie Twitter oder Facebook. Oder anders gesagt: Bislang beschränken sich Direktbanken darauf, in einem sich selbst erklärenden Geschäftsmodell kostengünstige Services und telefonische Hotlines bereit zu stellen. Das hat bislang gut funktioniert. Wird es also (k)eine "Direktbank 2.0" geben? Wie sähe diese aus?

Ben Tellings: Wenn Sie wollen, können Sie bei Facebook Fan der ING-DiBa werden. Ansonsten haben Sie aber Recht, dass wir im Web 2.0 nur sehr zurückhaltend agieren. Zum einen, weil abzuwarten bleibt, was wirklich von Dauer ist. Zum anderen, weil ein Großteil der Kunden in sozialen Netzwerken zwar ihre Freundschaften, nicht aber ihre Finanzen pflegen will. Was wir ganz klar beobachten ist, dass immer mehr Kunden immer mehr Aufträge über das Internet erteilen. Nehmen Sie den Freistellungsauftrag, der früher postalisch eingereicht werden musste. Dank einer Innovation der ING-DiBa lässt sich das Online abwickeln, genauso wie eine Änderung des Dispositionsrahmens beim Girokonto. Wir arbeiten ständig an Optimierungen und Weiterentwicklungen im Internetbanking.

Wie positionieren sich die Direktbanken gegenüber den Öko- und Sozialbanken, deren Marktanteile in jüngster Zeit stark zunehmen - ist das eine Gefahr für die Direktbanken, oder bleibt der Wirkungskreis von klar umrissenen ethischen Investments eher begrenzt?

Ben Tellings: Eine Gefahr sehen wir in diesen Spezialbanken nicht. Wir verfolgen selbst eine sehr konservative Anlagepolitik. Aktiven Handel mit Wertpapieren betreiben wir grundsätzlich nicht. In Unternehmensanleihen oder gar Aktien investieren wir aus Prinzip nicht. Auch auf Anlagen in Fremdwährungen oder gar Rohstoffe verzichten wir vollständig. Stattdessen gehen rund zwei Drittel unserer Einlagen direkt als Kredite an Privatpersonen zum Zwecke des Erwerbs von Wohneigentum in Deutschland. Ein weiterer kleiner Prozentsatz wird über Verbraucherkredite an Privatkunden weitergereicht. Ansonsten legen wir Gelder nur in Pfandbriefe und von öffentlichen Haushalten und europäischen Banken emittierte Wertpapiere an. Mit dem "FAIRantwortung"-Programm engagieren wir uns zudem seit Jahren für Gesellschaft und Umwelt und veröffentlichen darüber einen jährlichen Corporate Responsibility-Report.

"Die Privatkredit-Börsen werden eine Randerscheinung bleiben"

Wie stufen Sie die wirtschaftlichen Perspektiven von "sozialen" Kredit- und Geldanlagegemeinschaften bzw. finanziellen Netzwerken ein - in Deutschland gibt es etwa Smava für die Kreditvergabe oder Fidor für das Community Banking. Dort übernehmen quasi die Nutzer selbst in einer Art graduellem Outsourcing-Modell die Regie und die Bank bzw. ein IT-Dienstleister ist "nur" für den Part der Interessenmoderation zuständig. Bleiben derartige Plattformen im Netz eher eine Randerscheinung, oder haben sie gerade infolge des großen Vertrauensverlustes, dem die etablierte Szene nach wie vor unterworfen ist, eine größere Wachstumsperspektive vor sich?

Ben Tellings: Die Privatkredit-Börsen werden in ihrer Nische sicherlich Erfolg haben, aber eine Randerscheinung bleiben. Denn wer in diesem Markt als Anleger aktiv werden will, muss sich über den spekulativen Charakter des Investments im Klaren sein. Wer bereit ist, über Online-Kreditplattformen 15 Prozent oder noch mehr Jahreszins zu bezahlen, wird nicht selten von seiner Hausbank mangels Kreditwürdigkeit schon eine Ablehnung seines Kreditantrags erhalten haben.

In den USA prosperieren Plattformen, die sich wie etwa mint.com der individuellen Analyse der privaten Ausgaben und Einnahmen widmen (Personal Finance Management). Wird Online-Banking künftig auch in Deutschland um intelligente und kreative Funktionen ergänzt werden, damit die Kunden einen besseren Überblick über ihre finanzielle Gesamtsituation erhalten?

Ben Tellings: Auf unserer Internetseite werden Kunden und Interessenten bereits fündig: Neben Produktrechnern bieten wir einen Investment-Check. Damit lässt sich das individuelle Anlegerprofil bestimmen und man erhält Optimierungsvorschläge fürs eigene Depot nach der Portfoliotheorie von Markowitz.

Verfolgen wir diesen Gedanken weiter: Welchen Part könnte eine ING-DiBa spielen, um den Kunden mit maßgeschneiderten Angeboten zur individuellen Finanzplanung zu versorgen?

Ben Tellings: Wir beschränken uns wie schon gesagt auf die wesentlichen Standardprodukte, die den Bedarf des überwiegenden Teils der Bevölkerung abdecken. Wir machen uns aber Gedanken darüber, wie wir die Bevölkerung in finanziellen Fragen fit machen können, so dass sie ihre Anlageentscheidungen selbst treffen oder zumindest kritisch in Beratungsgespräche gehen. Ein erster Schritt war die Einführung von Produktinformationsblättern für unsere Anlageprodukte, die auf ein bis zwei Seiten die wesentlichen Merkmale einer Anlage zusammenfassen. Mit der Einführung dieser "Beipackzettel" haben wir eine Vorreiterrolle eingenommen und als erste deutsche Bank eine Empfehlung von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner umgesetzt. Es gibt weitere ganz konkrete Überlegungen und ich bin zuversichtlich, dass wir in Kürze konkrete Maßnahmen vorstellen können.

"Eine Verlagerung des Internetbankings in soziale Netzwerke sehe ich nicht"

Experten rechnen damit, dass sich ein Teil des Online-Bankings künftig direkt in soziale Netzwerke hinein verlagern könnte, vor allem in Facebook. Halten Sie es für denkbar, dass Bankkunden künftig direkt über ein derartiges Netzwerk ihre Bankgeschäfte erledigen, oder ist das nur ein Hype? Letztlich stünden dem auch starke Sicherheitsbedenken entgegen, denn als Nutzer kann man sich nicht sicher sein, was Facebook & Co. mit den Daten anfängt, oder?

Ben Tellings: Diese Diskussion kann man derzeit gut in Bezug auf den Bezahldienst sofortüberweisung.de verfolgen. Hier tätigen die Kunden von Online-Shops die Überweisung auf der Bezahldienst-Internetseite und müssen dort PIN und TAN eingeben. Der Kunde muss allerdings damit rechnen, dass die Bank im Missbrauchsfall nicht haftet. Sensible Daten des Internetbankings wie PIN und TAN dürfen nach den Banken-AGBs nämlich nur auf den Onlinebanking-Seiten der Bank eingeben werden. Eine Verlagerung des Internetbankings in soziale Netzwerke sehe ich daher nicht.

Wie stufen Sie die Zukunft von Mobile Banking ein, was plant die Ing-Diba, wird es Apps geben?

Ben Tellings: Seit Ende Februar bieten wir im App Store eine kostenlose iPhone App an. Damit lässt sich der Kontostand überprüfen, Umsätze einsehen, Überweisungen tätigen und Terminüberweisungen einstellen. Weitere Features sind bereits in der Planung.

Halten Sie es für realistisch, dass das Mobiltelefon die Kreditkarte mittelfristig ersetzen wird, krempeln also mobile Zahlvarianten die Zukunft des Online-Bankings mehr um, als wir uns dies bislang vorzustellen vermögen?

Ben Tellings: Der Erfolg des iPhones zeigt, dass mobile Anwendungen an Bedeutung gewinnen. Allerdings erhält man nach wie vor Bargeld an Geldautomaten nur gegen Kartenautorisierung und es wird auch in Zukunft Vorgänge geben, die man üblicherweise zu Hause im Internetbanking erledigt und nicht unterwegs, beispielsweise das Einrichten eines Freistellungsauftrags.

Wieweit beeinflussen denn die anhaltenden Probleme bei der niederländischen ING die Perspektiven der ING-DiBa in Deutschland. Oder sind das zwei komplett voneinander los gelöste Spielfelder?

Ben Tellings: Die ING-DiBa hat auch im Jahr 2009 profitabel gewirtschaftet und neue Kunden gewonnen. Perspektivisch wächst unser Stellenwert innerhalb der Gruppe, da sich die ING auf das Bankgeschäft konzentrieren wird.

Kurzum: Wie positioniert sich die Ing-Diba künftig im Gesamtbild zwischen "alter" und "neuer" Bankenlandschaft? Was ist geplant, was eher nicht?

Ben Tellings: Die ING-DiBa bezeichnet sich bereits seit Anfang 2004 als die "neue Generation Bank". Wobei wir das gar nicht so sehr technologiebezogen sehen, sondern eher im Bezug auf unser Geschäftsmodell. Wir verzichten auf Provisionsberatung und bieten stattdessen einfache und transparente Produkte im Privatkundengeschäft. Wir sind genau dort, wo andere noch hinwollen.

Zum Autor: Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören Umwelttechnik, Informationstechnologie und Managementthemen. Mit Kommunikationsabläufen und neuen Organisationsformen in der Bankenszene hat sich der Autor in zahlreichen Aufsätzen beschäftigt. Er betreibt außerdem das Weblog Social Banking 2.0.

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