Schwarzliberale Zensur

06.03.2010

Fastenprediger vom Nockherberg tritt zurück, das Bayerische Fernsehen beugt sich der Staatsgewalt

Nicht-Bayern sind die Fastenpredigt vom Bruder Barnabas und das anschließende Singspiel auf dem Nockherberg zum Starkbieranstich – der fünften Jahreszeit - vielleicht gar nicht bekannt. Gepflegt wird hier das Politiker-Derblecken, schließlich hatten die Bayern unter der langen CSU-Dominanz ansonsten wenig zu lachen. Aber das geht nicht immer gut. 2007 durfte Django Asül einmal auftreten, aber der türkische Staatsbürger mit dem niederbayerischen Dialekt war wohl zu frech und wurde schnell abserviert.

Der Nachfolger Michael Lerchenberg trat nun nach dem dritten Mal zurück. Scharf ging er mit den Politikern zu Gericht. Das bekam nicht, führte zu scharfer Kritik und nicht nur zum Rücktritt von Lerchenberg, sondern auch zur Zensur im Bayerischen Fernsehen bei der Wiederholungssendung am gestrigen Abend – und das ist wohl auch ein Ausdruck der Stimmung in diesem Land. Symptomatisch auch, dass weiterhin suggeriert wurde, es handle sich um einen Live-Mitschnitt, aber nicht mitgeteilt wurde, dass die Zensurschere am Werke war.

Anlass war vor allem der Angriff auf den FDP-Parteichef und Außenminister Westerwelle, der mit seiner Polemik gegen Hartz-IV-Empfänger, die in "anstrengungslosem Wohlstand" leben sollen, was Ausdruck einer "spätrömischen Dekadenz" sein soll, ganz gezielt durch Diffamierung für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Bruder Barnabas kommentierte:

Nachdem sich aber "Leistung wieder lohnen muss", sinkt also die FDP von 15 auf 11, 9, 8, 6 Prozent. Und wenn die Umfragewerte so schnell weitersinken, wird die FDP die erste Partei, die regiert, obwohl sie unter 5 Prozent ist. Zehn Jahre will er regieren, der Herr Westerwelle, derweil g'langt's so net amal für 365 Tag. Und darum dreht er jetzt völlig durch, der Herr Guido, und schwingt seine sozialpolitische Abrissbirne.

Soviel blieb erhalten, das Folgende wurde nun vom Bayerischen Fernsehen zensiert (allerdings nicht online, das scheint in Lederhosen-mit-Laptop-Bayern - noch - nicht so wichtig zu sein):

Alle Hartz IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein großer Zaun. Zweimal am Tag gibt's a Wassersuppn und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt's zwei Pullover von Sarrazins Winterhilfswerk, und überm schmiedeeisernen Ausgang, bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd steht: "Leistung muss sich wieder lohnen."

Manuskript

Lerchenberg hatte den im Manuskript stehenden Text allerdings bei seiner Rede noch einmal verstärkt:

Alle 'Hartz IV'-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein Stacheldraht - haben wir schon mal gehabt. Zweimal am Tag gibt's a Wassersuppn und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt's zwei Pullover von Sarrazins Winterhilfswerk, und überm Eingang, bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd, steht in eisernen Lettern: Leistung muss sich wieder lohnen.

Das war zunächst der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, zu viel: "Scherze, die das Leid der Opfer in den Konzentrationslagern verharmlosen oder gar der Lächerlichkeit preisgeben, sind eine Schande." Auch indirekte Anspielungen auf die NS-Zeit sollen weiterhin tabu sein, auch wenn es nicht um die Vernichtungslager ging, sondern um die Perversion der Nazis, dass Arbeit auch in Gefangenschaft frei machen soll. So weit sind manche Vorstellungen, Arbeitslose zum Arbeiten – in einer Art Arbeitsdienst – zu zwingen, davon freilich nicht. Westerwelle, der ansonsten gerne mal die eigene "Zuspitzung" ganz legitim findet und meinst, man müsse dieses und jenes doch einfach sagen können, entrüstete sich und schrieb einen Brief an den Paulanerchef vom Nockherberg, dass er keine Einladung mehr bekommen wolle: "Mit einem KZ-Wächter verglichen zu werden, geht zu weit."

Offenbar gab es immensen Druck, Lerchenberg, der gerne mal spontan vom Manuskript abweicht, teilte mit, dass er – und sein Koautor Christian Springer, bekannt als "Fonsi" - zwar "aus der Bevölkerung für die Fastenpredigt 2010 unzählige zustimmende Reaktionen erhalten" habe, aber der "politische und öffentliche Druck auf uns und die Paulaner-Brauerei so groß geworden" sei, dass er lieber geht. "Mein 'Bruder Barnabas' hat mit seiner Form der politischen, auch zu Teilen ernsten und durchaus manchmal provokanten Fastenpredigt sicherlich Maßstäbe gesetzt. Nichts und niemanden hat er geschont", sagte Lerchenberg und machte damit deutlich, dass er weiterhin zu seiner satirischen Kritik steht.

Die Anspielung auf die Konzentrationslager und die Arbeitsideologie der Nazis war aber nur der Aufhänger, zumindest für das Bayerische Fernsehen, um schnell noch weiter weitere Passagen zu zensieren, die der bayerischen Landesregierung nicht genehm gewesen sein dürften. Da ducken sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen und der Paulanerchef wie schon bei Asül schnell weg, um es sich mit CSU und FDP nicht zu verscherzen. Das weist auf mangelnde Zivilcourage hin oder auf die schwarz-gelbe Vorstellung von Meinungsfreiheit. Weil man schon dabei war, kürzte man im BR auch gleich noch klammheimlich folgende Passage:

Ach, Herr Herrmann! In ihrem Büro müssen sich ja die Dankbarkeitsbriefe der Waffenindustrie, vom Sportschützen- und Jagdverband nur grad so stapeln. "Ausführungsbestimmungen" zum neuen Waffengesetz hat er erlassen, der königl. privilegierte Schützenbruder Herrmann. Aber was für oa!

Da wenn amal wieder einer Ihrer Schützenfreunde seine Pistolen unter'm Kopfkissen rauszieht, und im Blutrausch über andere herfallt, dann ham Sie mit Ihren "Ausführungsbestimmungen" den Straftatbestand der Beihilfe mühelos erfüllt. Inzwischen weiß man auch: Ihr Lieblingsbuch ist "Die Entdeckung der Langsamkeit". Und die bayerische Polizei hält sich daran. Wenn ein Verrückter über ein Ansbacher Innenstadt Gymnasium herfällt, da braucht die Polizei elf langsame Minuten! Ein Freiwilliger Feuerwehrler hat inzwischen vor Ort gehandelt.

Aber wenn in Regensburg zwei überforderte Polizisten zwölf Mal auf einen Geisteskranken schießen, davon vier Schuss wie einst beim Jennerwein von Hinten, dann wird gaaanz langsam ermittelt – wenn überhaupt! Dafür häufen sich die unrühmlichen Prügelauftritte des Amnesty International bekannten Münchner USK. USK heißt: das "Unidentifizierbare Schläger Korps", dessen Wirken dann von Staatsanwalt und willfährigen Richtern alimentiert wird.

Da kann man nur sagen: Bayerns Bürger, wenn ihr wollt, dass Euch schnell, zuverlässig und effizient geholfen wird, dann ruft's besser glei die Feuerwehr! Prost Gemeinde! "Humor ist, wenn man trotzdem trinkt!" Wenn wir grad schon bei der Verbrechensbekämpfung sind: Grüß Gott, Herr Mappus, Sie sind ja jetzt der Ersatz-Öttinger von Baden-Württemberg. Ganz neu im Amt, und schon glei in die Hosen gmacht, weil es ja jetzt eine neue Steuer-CD zu kaufen GÄBE.

Gekürzte Passage
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