Der gutgemeinte Nachhaltige Konsum

10.03.2010

Der Rat für nachhaltige Entwicklung hat eine programmatische Empfehlung zu "Konsum und Nachhaltigkeit" vorgelegt. Sie richtet sich an Politik, Wirtschaft und Bürger

Den Rat für Nachhaltige Entwicklung gibt es seit 2001. Er hat seine Geschäftsstelle in Berlin, seine Aufgabe ist es, die Bundesregierung bei der Nachhaltigkeitspolitik zu beraten und die gesellschaftliche Diskussion zu Nachhaltigkeitsfragen anzukurbeln. Er hat 13 honorige Mitgliedern aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Vorsitzender ist der frühere Bundesminister Volker Hauff, Klaus Töpfer ist sein Stellvertreter. Bekannt wurde der Rat durch seinen Nachhaltigen Warenkorb.

Die Empfehlung wurde im November 2009 auf der 9. Jahreskonferenz des Rates für nachhaltige Entwicklung diskutiert und vor einigen Tagen auf der Homepage des Rats für Nachhaltige Entwicklung publiziert. Der Text ist in zwei Teile gegliedert: in Empfehlungen und in einen Ergebnisbericht zu einer Kreativwerkstatt Nachhaltiger Konsum, an der rund hundert Personen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft teilnahmen.

Bei der Lektüre fällt als erstes auf, daß die Empfehlungen in ihrem Duktus eher flach, "gut gemeint" bleiben und irgendwie auch zusammengesetzt wirken, offensichtlich gab es da manche Redigierarbeit, nun gut. Immerhin kommen die Zielsetzungen einigermaßen klar heraus - und die sind beachtlich.

Bisher denken wir bei "Konsum" ausschließlich an "Verbrauch". Und Verbraucherpolitik belohnt Verbrauch. Dieses Verständnis greift viel zu kurz.

So beginnt es gleich kritisch einleitend in der Empfehlung. Statt mehr Konsum wird ein zukunftsfähiger Lebensstil nämlich auch "Nicht-Konsum" heißen müssen. Vertretbar sei nur ein CO2-Verbrauch von 2 Tonnen pro Kopf und Jahr, nicht jene knapp 11 Tonnen, die heute jeder Deutsche verursacht. Ins konkrete Leben umgesetzt bedeutet das, eine gut gedämmte Wohnung, nur mehr ab und zu, am besten aber gar nie alleine mit dem Auto fahren und vorwiegend pflanzliche biologische Produkte essen.

Verpflichtung auf aktives Gesundheitsverhalten

Nachhaltigkeit verlangt nach Auffassung des Nachhaltigkeitsrates auch eine andere Gesundheitspolitik, die die Gesundheitskosten senkt. "Gesundes Leben begünstigt Zufriedenheit und Lebensfreude." Auf Raucher, Alkohol- und Zuckerlimonadentrinker, sowie Fleischesser haben offenbar mit Maluszahlungen zu rechnen: "Fahrlässige Selbstbeschädigung und Selbstvernachlässigung, die die Solidargemeinschaft belasten, sollen im Krankenversicherungssystem neu geregelt werden."

Nicht nur über den Preis (Krankenversicherungsbeiträge?) soll diese gesunde Verhaltenssteuerung erfolgen, auch durch eine gesellschaftliche Neudefinition von sinnvollen Lebensstilen: Es "sollten die positiven Aspekte des freiwilligen Verzichts wie Freiheit, Genuss und Freude betont werden."

Interessanterweise wird auf die heute dominanten Akteure, welche die modernen konsumistischen Lebensstile prägen, nämlich Werbung, Marketing und Medien, nicht eingegangen. Natürlich nicht nur die Celebrity- und Lifestyle-Medien sind konsumstilbildend, auch die Inhalte der Fernseh- und Spielfilme. Täglich hageln 2.500 Werbebotschaften auf den Bürger, auch wenn er das nicht will, und dafür werden rund tausend Euro pro Kopf und Jahr ausgegeben, die natürlich letzten Endes die Verbraucher zahlen. Ohne eine Regulierung dieses Bereichs – oder höchst aufwendige, staatlich bezahlte Gegenwerbung - werden sich nicht die gewünschten nachhaltigen Lebensstile, auch nicht als "Thema des lebenslangen Lernens", herbeizaubern lassen.

Neue Wirtschaftspolitik

Ein durch hohe Gesundheitskosten und Ressourcenverbräuche wachsendes BIP (Bruttoinlandsprodukt), ist nicht nachhaltig, stellt der Rat fest. Hier seien andere Wohlstandsindikatoren erforderlich, heißt es an einer Stelle, was aber auch wieder relativiert wird: "Den Wohlstand machen neben einer positiven Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auch Faktoren wie unbezahlte Tätigkeiten aus…". Die Eigenarbeit steht auch bei den Ergebnissen der Kreativwerkstatt hoch im Kurs. In den ländlichen Gebieten soll es wieder mehr Subsistenz geben, also nicht Kaufen, sondern Selbermachen bei Lebensmitteln vor allem.

Zwei wirtschaftspolitische Ziele werden klarer angesprochen, die Preisbildung und die öffentlichen Subventionen. Dazu kommt noch ein Carbon Labelling (also die produktbezogene Kennzeichnung des CO2-Verbrauchs), da müsste aber erst die Regierung ein brauchbares System schaffen.

Bei der Preisbildung der Unternehmen müssten in Hinkunft die externalisierten Kosten (Umweltbelastungen etwa) hineingenommen werden und Subventionen der öffentlichen Hände sollten Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen. So wurden nämlich im Jahr 2006 in Deutschland 40 Milliarden Euro an umweltschädlichen Subventionen in die Bereiche Energie, Verkehr, Infrastruktur und Agrar gesteckt, hatte der Rat 2009 festgestellt. Bei der nachhaltigen Preisbildung tut sich die Empfehlung allerdings schwerer. Da möge die WTO (Welthandelsorganisation) Rahmenbedingungen neu festlegen, bzw. die Marktteilnehmer sollen dazu Vereinbarungen treffen.

Die WTO dazu zu bringen, ihr marktradikales und anti-wohlfahrtsstaatliches Denken aufzugeben, dürfte eine ziemlich schwierige Angelegenheit sein. Auch wird es eher problematisch werden, wenn die Marktteilnehmer ihre Umweltpreisaufschläge selbst aushandeln, die Verbraucher bzw. die Verbraucherorganisationen werden wohl wenig Freude daran haben, mit den Anbietern über ökosozial gerechtfertigte Preiszuschläge zu reden.

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