Ritalin soll Konzentration und Lernfähigkeit verbessern

Florian Rötzer 09.03.2010

Das bewährte Mittel gegen ADHS beeinflusst nach Tierversuchen zwei Dopaminrezeptoren und könnte auch als "Cognitive Enhancer" noch attraktiver werden

Massenweise wird Ritalin Kindern und Jugendlichen verabreicht, die angeblich unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden und deswegen Lernschwierigkeiten haben. Ritalin gilt aber auch als Mittel, um die kognitive Leistung zu steigern, als "cognitive enhancer" (Ritalin für alle!).

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Wissenschaftler vom Gallo Center an der University of California, San Francisco, wollen nun herausgefunden haben, wie sie in ihrem Beitrag in Nature Neuroscience berichten, dass Ritalin nicht nur die Konzentrationsfähigkeit steigern, sondern auch direkt das Lernen verbessern kann allerdings nur im Tierversuch. Bereits bekannt ist, dass Ritalin die Amygdala beinflusst, ein Gehirnareael, das mit dem emotionalen Bewerten von Informationen aus der Umwelt verbunden wird.

Ritalin-SR-20mg. Bild: Calvero. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Um zu sehen, wie Ritalin im Gehirn wirkt, haben die Wissenschaftler Ratten direkt in die laterale Amygdala mit implantierten Kanülen Ritalin injiziert und einer Vergleichgruppe nur Kochsalz. Danach wurde beobachtet, wie schnell die Ratten, die vor den Versuchen 12 Stunden nichts zu trinken bekamen, lernten, auf ein Licht- und Tonsignal hin durch ein Stupfen mit der Nase an Zuckerwasser als Lernbelohnung zu gelangen. Die mit Ritalin behandelten Ratten lernten schneller als die der Vergleichsgruppe. Nach den Versuchen wurden die Ratten getötet und die Amygdala untersucht.

Der verbesserte Lernerfolg könnte damit zu tun haben, dass Ritalin in der Amygdala die Aktivität von zwei Dopaminrezeptoren (D1 und D2) erhöht. Der D2-Rezeptor scheint die Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen, indem Aufmerksamkeit auf Informationen, die mit der Aufgabe nichts zu tun haben, unterdrückt werden, der D1-Rezeptor scheint das Lernen selbst durch verbesserte Aufnahme von sensorischen Informationen zu verbessern. Durch die verstärkte Aufnahme des Neurotransmitters Dopamin wird nach den Wissenschaftlern die Plastizität des Gehirns vergrößert, wodurch die Kommunikation zwischen den Neuronen durch Bildung neuer Synapsen verbessert wird.

Belegt wird der Zusammenhang dadurch, dass dann, wenn die D1-Rezeptoren mit Antagonisten blockiert wurden, die Ratten nicht mehr besser lernten, wenn sie Ritalin erhielten. Wenn die D2-Rezeptoren blockiert wurden, verschwand die Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit gegenüber der Kontrollgruppe. Daher lässt sich davon ausgehen, dass Ritalin normalerweise beide Rezeptoren beeinflusst. Die erhöhte Plastizität wurde durch die Messung der elektrischen Aktivität der Neuronen festgestellt.

Allerdings haben die Wissenschaftler nur die neuronalen Mechanismen in der Amygdala nach Einnahme von Ritalin beobachtet. Am Lernen und an der Aufmerksamkeit sind aber noch zahlreiche andere Hirnareale beteiligt. Ob hier Ritalin auch wirkt und ob nur das Lernen/Lösen bestimmter Aufgaben gefördert wird, ist noch nicht klar. Vermutlich dürfte das Forschungsergebnis aber den Umsatz von Ritalin erhöhen und das Medikament auch über die Behandlung von ADHS hinaus attraktiver machen. Gefordert wird schon länger, dass Schulen und Universitäten sich überlegen müssten, wie sie mit Gehirndoping umgehen wollen (Enhancement: Wer will immer mehr leisten?).

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32221/1.html
Kommentare lesen (205 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS