Das Zwitschern der Minister

Florian Rötzer 10.03.2010

In Deutschland hält sich die Regierung, trotz kleiner Ansätze, mit dem Twittern zurück, im Weißen Haus versucht man seit kurzem, ins Gezwitscher einzusteigen

Bundeskanzlerin Merkel, bekannt wegen ihrer obsessiven SMS-Nutzung, tut es nicht. Oder doch? Es gibt einen Twitter-Account unter ihrem Namen, aber der wurde nicht von ihr angelegt. Auf der Seite steht lediglich: This person has protected their tweets." Trotzdem haben sich für "Kohls Mädchen", wie es in der Bio kurz und knapp heißt, 282 Followers eingetragen. Gelungener ist da schon twitter.com/angiemerkel, wo der Ghostwriter für "Kohls Mädchen" hin und wieder sogar mal einen Tweet absetzt: "Ey Bosbach, populistische Aussagen kann die Ursula aber besser. 'Straftaten' musst Du konkretisieren."

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Der frühere Bundesinnenminister Schäuble hatte mal einen Twitter-Fan, der ihm einen Account eingerichtet hat. Der letzte Eintrag erfolgte aber bereits am 10. November 2007 um 32:12 Uhr: "Vorratsdatenspeicherung durchgesetzt. Kann ich abhaken. Höre mit dem Twittern ab sofort auf." Außenminister Westerwelle lässt auf twitter.com/GuidoWesterwell Fraktion, Junge Liberale und Co. schreiben, dafür gibt es einen schönen Satire-Account twitter.com/Westerwave: "I am the new germany outside minister. No one can reach me the water!" Man kann sich vorstellen, wie die Tweets sind.

Es gibt allerdings in der Ministerriege nicht nur Familienministerin Schröder, einst Köhler, die Twitter nutzen. Schröder schreibt ausnahmsweise weiterhin selbst, allerdings noch unter Köhler, und manchmal sehr aufregende Dinge: "Warte gerade vor dem Sitzungsraum darauf, dass der Haushaltsausschuss meinen Etat berät. Zur Zeit ist Norbert Röttgen dran."

Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger twittert hin und wieder einmal. Sie freut sich, dass die Netzsperren vom Tisch seien. Im Oktober lehnte sie sich noch aus dem Fenster: "Wir müssen ein Aufbruchsignal geben." Das wollte Entwicklungshilfeminister Niebel auch machen, der im Oktober nach der Wahl seinen ersten, noch ganz hoffnungsvollen Eintrag machte: "Mein erster Tweet. Freue mich auf den Dialog mit Allen." Das hielt aber nur kurz vor, nach zwei weiteren war dann schon wieder Schluss. Auch für Umweltminister Röttgen sollte wohl ein Twitter-Account angelegt werden, auf dem immerhin vier Einträge zu finden sind. Seit Ende Oktober hat sich nichts mehr gerührt. Unterhalb der Ministerebene geht es ein wenig lockerer zu, beispielsweise bei FDP-Staatssekretär Bahr (Gesundheitsministerium), der offenbar im Clinch mit der CSU liegt: "Heute mal keine Tickermeldung am frühen Morgen, in der uns die CSU angreift. Muss gleich mal nachfragen, ob in Bayern Strom ausgefallen ist."

Und wie sieht es jenseits des Teichs aus? Barack Obama hat einen "verifizierten" Account mit fast 3,4 Millionen Followers und lässt hoch Offizielles zwitschern. Gesucht wird freilich ein Social Networks Manager, der die Twitter-, Facebook- oder MySpace-Account effektiv betreuen soll. Man scheint also nicht ganz zufrieden zu sein. Wer den Posten haben, muss nicht nur schreiben können ("excellent writing and editing skills with strong attention to detail; your writing is strong, sharp, and personable"), sondern auch belastbar sein. Multitaskingfähigkeit ist ebenso erwünscht wie Verführungskraft: "Passionate about engaging millions of Americans in advancing President Obama's agenda and changing the country." Die bislang dafür zuständige Mia Cambronero ist im Februar zurückgetreten. Obama selbst hatte letzten November auf seiner China-Reise eingeräumt, er selbst sei zu "ungeschickt", um zu twittern.

Aus dem Weißen Haus wird hingegen gerade von Pressesprecher Robert Gibbs, genannt PressSec, etwas lockerer gezwitschert: "Start over?! Here's why ins cos want us 2 walk away from #hcr & why the Pres wants them held accountable." Da alles in die 140 Zeichen gepresst wird, bedient er sich auch der üblichen Kürzel. Er hat auch noch einen eigenen Twitter-Account: "Listen today for Pres focus on rising health ins rates + Wall Street reports 2 buy ins co stock b/c of the increases.". Begonnen hatte er mit dem ersten Eintrag am 13. Februar so: "Learning about "the twitter" - easing into this with first tweet - any tips?"

Auch andere Mitarbeiter des Weißen Hauses mussten wohl mit dem Zwitschern beginnen, beispielsweise Wirtschaftsminister Gary Locke, Arbeitsministerin Hilda Solis, Arturo Valenzuela vom Außenministerium oder UN-Botschafterin Susan Rice. Aufschlussreich kann auch sein, wem man folgt, gerne offenbar Medien und Journalisten. Besonders eifrig ist Verkehrsminister Ray LaHood, der auch schon mal seine Mitarbeiter begrüßt und anfeuert: "Thanks, Mr. President, for signing our bill...Welcome back DOT employees--we've got work to do!"

In der konservativen Presse mokiert man sich über die wenig offizielle Sprache, die man eigentlich nicht aus dem Weißen Haus erwarten würde. Aber das sei die offizielle Strategie Obamas: "With a news cycle now measured in seconds rather than days, administration officials recognize they must embrace this rapid pace and use the same tactics as the critics who assail them and the reporters who cover them. Mr. Gibbs, who is Mr. Obama's chief defender, has signaled that the White House won't cede any ground online. "

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32226/1.html
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