Verfehltes Anti-Filesharer-Gesetz

10.03.2010

Das Internet-Sperren-Gesetz Hadopi zeigt nach einer aktuellen Untersuchung keine Abschreckungswirkung

Noch liegen keine Mahnbriefe der Behörde im Briefkasten der französischen Filesharer. Wann die neu geschaffene Hadopi (Haute Autorité pour la Diffusion des Oeuvres et la Protection des Droits sur Internet) die ersten Warnungen versenden wird, bleibt vorerst Spekulation; manche sprechen vom Frühjahr 2010, andere vom Herbst. Gut möglich, dass letztere Recht behalten. Bislang ist beinahe alles, was mit der Umsetzung des "Gesetzes zum Schutz und zur Verbreitung von urheberrechtlich geschützten Inhalten im Internet" zu tun hat, auf größere Hindernisse gestoßen, die im Plan nicht vorgesehen waren.

Das Gesetz hatte eine mehrjährige Anlaufzeit hinter sich, als es schließlich im Herbst letzten Jahres komplett, samt beeindruckendem Strafkatalog für die "Piraten", verabschiedet wurde und nach einer letzten Prüfung durch den Verfassungsrat endgültig in Kraft treten konnte.

Indessen haben die Internetuser, die im Visier der Gesetzgebung stehen (und hinter der, wenig verborgen, wiederum die Contentindustrie steht), ihre Gewohnheiten verändert. Was schon während der Diskussionen zum Hadopi-Gesetz von Kritikern eingewendet wurde – dass sich Filesharer von P2P-Sites auf andere Arten des Kulturaustausches/genusses verlagern -, bestätigt jetzt eine aktuelle Untersuchung. Die Antworten von 2000 am Telefon befragten repräsentativen Bewohnern der Region Bretagne Ende letzten Jahres lieferte den Studienverfassern der Universität Rennes-I (in Zusammenarbeit mit Marsouin) Einblicke in den Effekt von Hadopi auf das Userverhalten, die im Grunde alle schon bekannt sind, bzw. vorhergesehen wurde und sich jetzt bestätigt finden.

Demnach haben sich Internetbenutzer, die urheberrechtlich geschützte Werke ohne Lizenz kopieren, von dem Gesetz nicht von dieser Praxis abhalten lassen, sondern eher die Sites gewechselt. Statt P2P-Seiten aufzusuchen, würden nun sehr viel mehr User Sharhoster (z.B. Rapidshare oder Megaupload) aufsuchen oder Streamingsites wie YouTube oder Dailymotion, um an gesuchte Musikstücke, Filme oder Videos zu kommen.

Die Zahl der "Piraten" habe sich in den drei Monaten nach Verabschiedung des Gesetzes insgesamt um 3 Prozent gesteigert, notiert die Umfrage. 15 Prozent der Befragten, die zuvor P2P-Netze frequentiert haben, haben sich zwar nach der Annahme von Hadopi aus diesen Sites zurückgezogen, aber zwei Drittel der "Ex-Downloader" hätten nur die Spielwiese geändert. Der Anstieg der "Pirates numériques" insgesamt sei mit der wachsenden Popularität des Streamings und der Sharhoster zu erklären.

Ein pädagogischer Abschreckungseffekt, den man sich von Hadopi versprochen hat, ist nach den Ergebnissen der Studie bis dato nicht festzustellen. Dafür aber Spuren eines möglichen Effekts, der gegen die Interessen der Musik-Film- und auch Buch-Industrie gerichtet ist. Der Markt für digitale Kulturprodukte könnte um 27 Prozent schrumpfen, wenn die Internetverbindungen von Filesharern gekappt würden. Denn, wie schon andere Untersuchungen zuvor, auch die "erste Evaluierung der Effekte des Gesetzes Hadopi zu den Praktiken der franzöischen Internetnutzer" - so der offizielle Name der Studie-, bestätigt, dass Filesharern gute Kundschaft für legale Netzangebote sind: die Hälfte dieser "Piraten" gab an, dass sie auch Käufer von Musikstücken und Filmen sind, die im Netz lizenziert angeboten werden.

An einigen Stellen der Untersuchung, wo die Suche der Internetuser nach bestimmten Produkten präzisiert wird, etwa nach speziellen Filmen und Fernsehserien, zeigt sich ein Bild der unlizenzierten Kopierer, das mit diesem von der Contentindustrie gemalten verzerrten Verbrecherbild nichts gemein hat – und auch nichts mit dem Umsonstkultur-Schmarotzerbild, das in Medien kursiert, sondern eher mit einem von kulturell interessierten, neugierigen Personen, die suchen, was der Markt sonst nicht oder nur grob überteuert zur Verfügung stellt.

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