Sexualitätskluft zwischen älteren Männern und Frauen?

11.03.2010

Nach einer US-Studie können Männer ein längeres Sexualleben erwarten, auch wenn sie früher als die Frauen sterben, Viagra scheint ältere Männer sexuell aktiver gemacht zu haben

Sexuelle Aktivität wird gemeinhin mit besserer Gesundheit und einem längeren Leben verbunden. Eine Umfrage in den USA, die vom National Social Life, Health and Aging Project (NSHAP) durchgeführt wurde, kam zum Ergebnis, dass auch die Alten weiterhin sexuell aktiv sind. So sollen die Hälfte der 57-85-Jährigen und immerhin noch ein Drittel der 75-85-Jährigen ihr Sexualleben weiterführen.

Stacy Tessler Lindau and Natalia Gavrilova von der University of Chicago haben in ihrer Studie über Sexualität im Alter, die im British Medical Journal erschienen ist, zwei für die US-Bevölkerung repräsentative Erhebungen ausgewertet. In der MIDUS-Erhebung von 1995-96 finden sich Daten zu mehr als 3000 Frauen und Männern im Alter zwischen 25 und 74 Jahren, in der NSHAP-Erhebung von 3000 Frauen und Männern zwischen 57 und 85 Jahren. Bei beiden Erhebungen handelt es sich um Befragungen sowohl zur sexuellen Aktivität als auch zur Gesundheit, als heterosexuell bezeichneten sich in beiden über 95 Prozent der Teilnehmer. MIDUS verstand sexuelle Aktivität als "mit jemanden Sex haben", NSHAP definierte sexuelle Aktivität breiter als "freiwillige Aktivität mit einer anderen Person, die sexuellen Kontakt mit oder ohne Geschlechtsverkehr und Orgasmus beinhaltet". Wer in den letzten sechs Monaten (MIDUS) oder im letzten Jahr mindestens einmal mit einem Partner Sex hatte, galt als sexuell aktiv. Das alles lässt freilich einen relativ großen Raum.

Erst vor kurzem ist in der Zeitschrift Sexual Health eine Studie von Wissenschaftlern des Kinsey Institute an der Indiana University erschienen, die deutlich machte, dass keineswegs alle dasselbe meinen, wenn sie gefragt werden, ob sie Sex hatten. Hier wurden 486 18-96-jährige Menschen in Indiana befragt. Viele ältere Männer, so ein Ergebnis, würden Geschlechtsverkehr nicht als Sex bezeichnen. Auch ob oraler oder analer Sex einbezogen werden sollte, war nicht bei allen klar. Bei den meisten Antworten unterschieden sich Frauen und Männer kaum voneinander 95 Prozent sagen beispielsweise, Geschlechtsverkehr falle unter "Sex haben", wenn es nicht zur Ejakulation kommt, sinkt die Zahl auf 89 Prozent. Für 71 Prozent ist das auch so, wenn es oralen Kontakt mit den Genitalien des Partners gibt

Das allgemeine Ergebnis der Studie der Wissenschaftler von der University of Chicago: Männer sollen sexuell aktiver sein, ein qualitativ besseres Sexualleben und mehr Interesse an Sex haben als Frauen. Mit zunehmenden Alter wachse die sexuelle Kluft zwischen Frauen und Männern. Besonders deutlich wird dies bei den 75-85-Jährigen, bei denen über 38 Prozent der Männer, aber nur knapp 17 Prozent der Frauen sexuell aktiv sind. Wenn die Befragten einen Partner hatten, wird die Differenz zwischen den Geschlechtern allerdings so klein, dass sie nicht mehr signifikant ist. Der große Unterschied mag daher kommen, dass Männer meist jüngere Frauen als Partner haben, von denen sie überlebt werden, während Frauen demgemäß ältere Partner haben, die früher sterben. Daher haben nur 38,5 Prozent der Frauen, aber 70,2 Prozent der Männer im Alter von 75-85 Jahren einen Partner.

70 bzw. 50 Prozent von den sexuell aktiven Senioren sagen, sie hätten auch ein gutes Sexualleben, das körperlich und emotional befriedigend sei. Wer gesund ist, hat allgemein und auch im höheren Alter ein aktiveres Sexualleben und ist interessierter an Sex. Während aber die meisten der sexuell aktiven Männer von einem zufreidenstellenden Sexualleben berichten, sagt dies bei den sexuell aktiven Frauen nur die Hälfte: "Diese Ungleichheit", so die Autoren, "und ihre Implikationen bedürfen weiterer Nachforschungen."

Schön an der Studie ist auch, dass einmal nicht die Lebenserwartung, sondern die sexuell aktive Lebenserwartung ausgerechnet wurde. Für 30jährige Männer würde sie 34,7 Jahre (Lebenserwartung 44,8 Jahre), für 30jährige Frauen aber nur 30,7 Jahre (Lebenserwartung: 50,6 Jahre) betagen. Bei den 55jährigen Männern liegt sie bei 15,3 Jahren und 10,6 Jahren bei Frauen. Wenn die Frauen und Männer noch Partner haben, verringert sich wieder diese Differenz oder dreht sich um, denn wenn die 30- bzw. die 55-Jährigen einen Partner haben, dann ist die sexuell aktive Lebenserwartung für Frauen (38,2 Jahre) höher als für Männer (36,7 Jahre). Wer mit 30 Jahren sehr gesund ist, gewinnt bei Männern 6,4 zusätzliche Jahre der sexuellen Aktivität, bei den Frauen sollen es 4,8 Jahre sein.

Allgemein könnte man sagen, dass Frauen eine höhere Lebenserwartung haben, Männer eine höhere sexuell aktive Lebenserwartung, allerdings nur dann, wenn sie gesund sind und keine Erektionsstörungen haben. Allerdings sei zu beobachten, dass zwischen den beiden ausgewerteten Erhebungen, die 10 Jahre auseinander liegen, das Interesse der Männer im Alter von 57-64 Jahren erheblich angestiegen sei. Das könne zumindest teilweise mit der Verbreitung von Viagra in diesen Jahren zusammenhängen. Das gestiegene männliche Sexinteresse vergrößert den Geschlechtsunterschied hinsichtlich Sex. Patricia Goodson von der University of Texas merkt in ihrem Kommentar im BMJ an, dass auch nicht klar, warum es für Frauen gemeinhin kein Problem sei, eine kürzere sexuelle Lebenserwartung zu haben. Zudem sei besonders über das Sexleben der alten Frauen fast nichts bekannt, was aber auch auf das von alternden Homo- oder Bisexuellen zutreffe.

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